Haibun: Starlight

Liebe Blogfreunde,

heute wieder etwas Englisches, ich habe neue Blogfreunde in Übersee gefunden, sie befassen sich mit japanischer Lyrik. Jeden Tag der Woche ein Poem. So oft werde ich es nicht schaffen, liebe Freunde. Wie Mr. Linky funktioniert, habe ich (hoffentlich) inzwischen auch begriffen. Danke für die Hilfestellung. Hier ist mein Haibun für den ‚Poets Pub‘.

Dear blogfriends,
Today something in english language, as I found new blog friends in overseas and all they work with japanese lyric. One poem for every day. But I cannot make it every day, my dear friends. How to use Mr. Linky, I hope I did now understand. Thank you for your kindly help. Here is my Haibun for your poets pub.

This way, patched with sharp little calcareous stones under my bare feet. This night is holding my ache tight in velvets endearing shadows. I am moon-viewing with Master Matsuo Bashō -and like him, I find no time for sleeping.
Like whispering a lullaby to hold to keep, my wish is walking with me under this autumn clear and huge dark sky. 

I see Orion Hunter coming next, his faithful hot dog Sirius is sleeping near to his star-cambered feet. Pegasus, the flying beast of inspiration galloping in the morning East, headlong hanging in the sky. 
Is this flickering twinkle in Pegasus‘ far star-eye my wandering spirits lullaby?

Don’t get cute with me little human, all you omniscient stars! 
The sound of silence is all the instruction you get, I remember the great and true words of Jack Kerouac and take a silent look for some dandelions at the wayside.
My big wish is only a little mirror star and my deeper sigh dreaming in a yellow flower fragrance. The holy woods are sleeping deeply. I can hear older ones panting in the North-Western winds of Autumn. It is too cold tonight to meditate!

Nightly sky wide and far  

walking over sharp-edged stones 

every wish an aching star 

Aus den Dialogübungen: Horatio -Liebeslyrik mit ohne Erato

  
Ich: Oh, nein! Wer bist du denn und dann auch noch um diese Uhrzeit?
Erato: Das Produkt deiner verkrüppelten Phantasie bezüglich Liebeslyrik. Ich bin Erato.
Ich: Du siehst aus wie Atze Schröder bevor er den Frisör verklagte…sind das etwa Überreste blonder dauergewellter Locken?
Erato: Holde Maid…das war alles mal Natur pur!
Ich: Mooment…wir müssen hier erst einmal etwas klären, bevor du mich zuschwuchtelst…erstens: ich bin unhold wie ein Unhold, zweitens: ich bin zwar originally Maid in Germany, aber keine Maid im holden Sinne, damit das mal klar ist, Atze.
Erato: Ich heiß nicht Atze, ich heiße…Erato.
Ich: Ja, genau…Errato, abgeleitet von errare, wie irren, was bekanntlich menschlich ist, querrrido….und jetzt geh bitte, ich will schlafen….immer diese nächtlichen Ruhestörungen!
Erato: Nein!
Ich: Oh, er grollt ein Wort wie Donnerhall, habt Acht! Gute Nacht…
Erato: Jetzt weiß ich, warum die mich zu Dir schickten!
Ich: Wer ist die?
Erato: Na, die anderen. Du bist eine Schande für die Poesie der Liebe!
Ich: Wer ist die anderen? Los, raus mit der Sprache!
Erato: Die Musen natürlich.
Ich: Habe ich die auch mit meiner Phantasie verstümmelt wie Dich, Du antimusische Heulsuse…?
Erato: Wenigstens ein Vierzeiler! Es ist schließlich September. Du weißt schon, die Zeit der Sehnsucht und Liebe…wenn draußen erstes Gold die linden Sommerblätter säumt, ein Verslein hold von deinen azurnen Augen träumt…
Ich: Warte, du…ich komm dir gleich mit der Flinte auf diese azurnen Augen! Ich mach Purpurpudding daraus!
Erato: Wenn dann ein sanftes Lüftlein weht, ein Träumchen sich um dich nur dreht….
Ich: Erbarmung! Das ist vorsätzliche Körperverletzung….
Erato:bIch kann noch stundenlang so weiter….immer hoffend, immer heiter…
Ich: Das halt ich nicht mehr aus! Los, raus hier! Achtung Ruhestörung! Runter da! Sofort runter von meinem Bücherregal, da hast du dich letztens schon hingeflüchtet….Oh, gerechter Himmel, womit hab ich das verdient?
Erato: Wo ist der Ritter mit dem prächtigen Schimmel, der so mutig dein Herze schient?
Ich: Ich reim dir gleich was auf Schimmel, da wird dir rabenschwarz vor Augen…da fällt dir gar nix mehr zu ein…duu….duu…
Erato: Ei ei, wer wird denn nur so grantig sein?
Ich: Wieso kannst du nicht einfach eine Frau sein?
Erato: Weil du schon eine bist!
Ich: Ach, was…wirklich? Dann schick mir lieber die Thalia….Thalius, however…
Erato: Die brauchst du nicht, der geht es wundervoll…
Ich: Ist ja wundervoll. Dann leih mir wenigstens ihren Schäferstab, ich brauch was zum wen verkloppen….
Erato: Los, hör schon auf zu bocken! Nur, damit endlich meine Locken nachwachsen: Am Hange die süßen Schäfelein mit den flauschigen Haxen…
Ich: Das ist keine Liebeslyrik! Du bist total talentfrei, Erato.
Erato: Machs doch besser!
Ich: Ha! Du hältst dich wohl für sehr ausgebufft, wie? ….aus der Wäsche kucken wie Lee van Cleef…pfff…da musst du früher aufstehen!
Erato: Oder später kommen? Je später der Abend, desto…
Ich: …schlimmer die Belästigungen….Hallo…könnte bitte mal wer kommen? Erato, der musische Hermaphrodit will von seinen Eltern aus dem Spieleparadies abgeholt werden! Thalia, Pygmalion ist hier, der dichtet schlimmer als ein Tier!
Erato: Wetten, die kann da gar nicht drüber lachen…schlechte Scherze auf meine Kosten machen…
Ich: Beleidigt, was? Schnute ziehen, wie? Nachts zur Geisterstunde hier hereinspazierfliegen, mich vollreimschleimen, mich mental mit billigen Versen erpressen, nötigen und auch noch Verständnis dafür erwarten, was? Liebe Güte! Wo ist Justitia, wenn man sie braucht? Blindgänger, wie immer!
Erato: Wenn du so weiter machst, habe ich bald überhaupt keine Haare mehr und zersetze mich völlig! Ich brauche phantasievolle Liebeslyrik, damit ich gut aussehe, Mann, Frau, äh….Maid…
Ich: Na, endlich lässt du mal dieses Gesäusel, jetzt wirst du mir direkt sympathischer, du narzisstischer Antikerl. Kauf dir doch mal ein Kleid….
Erato: Was ist dein Leid?
Ich: Hä? Leid? Welche Muse ist nochmal für die Püschologie und die Alma Mater zuständig?
Erato: Ich…?
Ich: Du schaffst mich! Horatio!
Erato: So ist recht und jetzt bitte verdichtet! Ah, ich fühle schon neue Löckchen wachsen, sie kränzen mir die hohe Stirne!
Ich: Geh mir los, du komischer Schlacksen, ich kloppe dir gleich vor die matschige Birne…Flitzpiepe…ich zürne, aber echt…
Erato: Ein Gedicht, ein Gedicht.
Ich: Lauter ungereimtes Zeug hier..
Erato: Ein Hoch auf die Liebe und die Poesie!
Ich: Demnächst, du Quälgeist, sonst endet das hier nie…
Erato: Versprochen und gehalten?
Ich: Hau bloß endlich ab, Alter….
Erato: Juhu…
Ich: Na endlich ist er weg, dieser nervtötende Freiraumgestalter und ich habe Ruh und mache meine Klappe zu!
….

Im Nachgang zu Kurt Tucholskys Sonntagmorgengedanken am Sonntag Abend zum Internationalen Weltlachtag. Pressefreiheit war gestern.

Für Birgit
http://saetzeundschaetze.com/2015/05/03/kurt-tucholsky-sonntagmorgen-im-bett/

  
Ochottochott, es ist nicht Sonnabend Abend, sondern ein ein gewöhnlicher Sonntag Abend, die Familie wurde passend zum Internationalen Welt-Lachtag mit guter Laune entertaint und Du hast Recht, wenn Du am heiligen gottgewollten Sonntag mit dem Handwerker Deines Vertrauens wie mit einem Teppichhändler um den Stundenlohn feilscht. Der Typ spinnt, vertrödelt den Morgen im Bett und schaut sich im Fernsehen lieber: Hör mal, wer da hämmert! an, statt endlich seine Bohrmaschine zu bemühen. Unterdessen benennt die Menschheit, nicht klüger geworden als zu Deinen seligen Lebzeiten ihre allgemeine Sprachlosigkeit in die übliche Phrasendrescherei und braucht tatsächlich Erinnerungsdaten, um endlich mal wieder zu lachen. Wo soll das bloß noch hin mit uns allen? Demnächst datieren wir noch internationale Tage zum Weinen, Pipimachen und Jammern, weil wir das sonst auch noch vergessen würden. Ab unter die Bettdecke, wohlig die Knie bis zum Kinn ziehen und auf den Klempner warten, sage ich Dir! Dem Tiger sind die Streifen verrutscht, und ich, ja ich wünsch mir einen Pyjama für zwei, bist Du dabei? Das waren noch Zeiten, mein Lieber! Ach Gottchen, einmal Spionin in Spitzenunterhöschen möchte ich wieder sein, seufze ich Herrn Hauser ins geneigte Ohr, schnappe mir das verruchte granatenrote Spitzenseidenteilchen kurzerhand am Zwickel und lasse es sehnsüchtig am Mittelfingerchen baumeln. Wo war mein Pyjama stehengeblieben? Ah, ja, ich ließ ihn im warmen Bett als Morgenpfand mit dem Versprechen, so alsbald wie möglich wieder in ihn zurückzuschlüpfen, ich wirbelloses Tierchen! Wenn das Tante Alma wüsste, die arme fromme Seele, doch die weiß es lieber nicht! Was für ein Glück ich doch mit meiner Verwandtschaft habe, weit genug fort von mir unanständigen Kreatur im Süden lebend, um keinen Krakeelelefanten machen zu können aus kleinen Zuckmückchen. Ich drehe ihnen frech die lange Nase. Knips doch mal Licht an, der Abend dunkelte schon lange vor der Heide und ich habe ein Blind-Date. Am Sonntag Abend, hier mit Dir, mein Bester. Ach, ja doch, stopf Dir mal ruhig noch Dein Pfeifchen und lächele so verschmitzt wie nur Du es kannst. Jaja, ich hör ja schon auf zu denken, ich sei eine Frau. Die können nicht denken, weiß ich doch. Bitte, sag mir, dass ich kein Mann bin, nur ein einziges Mal, ja bitte? Dann schenk ich Dir auch mein allerschönstes Sonntagslächeln, ganz für Dich allein, Du großer Spötter vor dem Herrn. Ach, Du, ich habe Dich so schrecklich irreversibel gern. Du mich auch? Ab unter die Bett-Decke, dann lachen wir gemeinsam über die ewig gestrige Pressefreiheit und spielen Mau-Mau.

Weil heute nämlich Welt-Lachtag ist und weil ich Dich so furchtbar vermiss.
Und ja. Du hast Recht, ich bin respektlos, gedankenlos obendrein und weiß es schon längst:
Ich arme Sau bin ja doch bloß eine Frau.

Rinnen soll der Schweiß (von hinnen) – Frühstücksgespräche

Für Lu✨

IMG_7363-0

Fee: Loch in Erde Bronze rin, Glocke fertich- Bimbimbim…hihi…ein bisschen Weltfrieden und dann soooo…das fiese Ende schnippschnappsilbenzappzarapp…wech…gekürzt, etwas mit Katzenminze und mit Minne verwürzt und alle sind froh…und gaga vor Liebe…jo…
Schiller: Fee…womit hast Du denn gerade so frohe Kurzweil, hast du meine Rohfassung des Glockenmanuskripts gesehen…?
Fee: Nööööööö….lalala…
Schiller: …was trällerst du so freudig vor dich hin, mein holder Sinn?
Fee: ich singe ein Chanson von Dalida…ils ont changé ma chanson, Ma…
Schiller: Kenne ich die Werte, ist sie ein edles Fräulein hoher Herkunft?
Fee: oh ja…sie ist eine Edle aus Caire à Paris, eine Minnesängerin vom Feinsten, si belle leur chante…
So…alle tanzen um die läutende Glocke und sind von den Socken, total aus dem Häuschen, ich wünscht‘, ich wäre ein Mäuschen, Glocke Ende, betende Hände…oder soooo…
Schiller: ich finde die Glocke nicht, wo hab ich bloß, oh die dumme Lunge, ich darf mich doch nicht aufregen…Holde Fee, ich finde es nicht…hast du es gesehen… Ich kann doch nicht weiter suchend durch den Garten gehen und jeden Stein umdrehen…?
Fee: Schiller, mein schönstes Löckchen, ich flüstere nur, dass du nichts hörst, was dich stört, doch Friederich wüsstest du was ich anstellte, mutiertest du in kurzer Zeit zum Wüterich, ich habe nämlich deinen Text verhext…die Glocke ist jetzt eine wahre Frohnatur…
und wandelt auf Bronzefreierfüßen, außerdem kürzte ich vierfieseverse weg, um Schulkindern das Auswendiglernen zu versüßen…vor grabgesang nach liebeleer…da wurd der Fee das Herz so schwer…
Schiller: was hast du denn da, worauf sitzt du da, da zipfelt doch was Weißes, lass mich doch mal ziehen…nun zier dich nicht und lüpf dich hoch, du schaust, als sei’s was Siedendheißes auf dem du sitzt und ist es so warm, dass du rotohrig schwitzt…?
Fee, gib es zu, du hast etwas angestellt, (du schaust so verschmitzt) und vermutlich etwas, das mir nicht gefällt…
Mit meinem Glockenwerk?
Fee: nur Bleistift, kannst du wieder wegradieren…
Bitte sei nicht bös, dass ich des liebend Ehemannes Herz versweise habe von seiner Trauer um das Weib erlöst, er tat mir doch so schröcklich leid…
Schiller: das ist ein ernstes Poem! Und keine Spiel- und Röckezeit! Herrjeh und dieses Ende, meinertreu, welch entsetzliches Herumgespringe auf meinem Glockengussgelände, das geht so wirklich nicht! Jeder Versfuß trägt sein eigen Honiglächeln im seligen Gesicht?
Fee!!!
Fee (kleinlaut): aberaberaberdieliebe…
Schiller: Die Liebe ist in die Glocke eingeflossen
in den Guss, bei Werke vor Ort…
Weil das beim Schreiben so sein muss! Hätte ich Liebe beim Schreiben nicht gefühlt und genossen,
ich glaubte mir selbst kein einziges Wort.

Lyrikquelle:
http://www.lyrikwelt.de/gedichte/schillerg3.htm

<a

O du lieber Valentin

(Sonnen-V für die Knobloch’sche Frau)

IMG_7218-0

…und eins, zwei, drei funkt das
Mariechen bootsknallende Valentinssilberglöckchengrüße weißbestrumpft und stimmt an, sehr frei nach
O du lieber Augustin
(Johann Nepomuk Hummel)

O du lieber Valentin
alles ist hin
Liebe ist weg, Lust ist weg
ohne Sinn, Valentin

O du lieber Valentin
alles ist hin
Rock ist weg, Stock wegsteck‘
denkst du seist aufgeweckt

O du lieber Valentin
alles ist hin
glaubst, dass du nichts vermisst
wenn du die nächste küsst
weint mit mir im gleichen Sinn
alles ist hin.

Alle Zeit an dich denkt
wer sich dir gerne schenkt
Doch du warst allzu blind
bist nur ein großes Kind
einst eine Junggestalt
bist du bald grau und alt

O du lieber Valentin, alles ist hin.
Ja, mein lieber Valentin
das ist dein Sinn.

Märchen in Manolos

IMG_7001

Sie bekam immer diesen Schluckauf wenn sie aufgeregt war. Sie durchquerte hicksend, japsend und aufschluckend den Raum. Ihre Haare schlugen wippend im Takt der Hüften und Absätze hin und her, sie bewegte sich zügig Richtung Badezimmer. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. fassungslos sah er ihr hinterher, während sie vergeblich die Fäuste an ihren Seiten herab baumeln ließ, leise unverständlich vor sich hinschnaufend und wiederholt schluckend, während sie angestrengt und völlig erfolglos versuchte, den Schluckauf zu unterdrücken.
Vergeblich.

Er wollte etwas sagen, doch ihm fiel nichts ein, das er hätte sagen können.
Endlich riss sie genervt die Tür zum Badezimmer auf und verschwand, wie eine von Grundauf zerrüttete Damenkarikatur, unkorrekt bis in jedes einzelne zerraufte Haar.

Sie hatte ihm einmal, er wusste nicht mehr genau wann gesagt, dass der Schluckauf daher rühre, dass sie immer so viele Worte schlucken müsse. Die würden in ihrem Bauch seltsame Dinge mit ihr anstellen. Sie würden sich irgendwie in ihr ballen und knüllen wie unzufriedene Texte, unverdaut ausgespien, in einem unsortierten Haufen auf dem Fußboden.

Das käme ihr dann dauernd hoch, weil Papier so unbekömmlich sei im Magen wie die Worte selbst.
Als sie das gesagt hatte, knallte sie con brio die Eier in die Pfanne, dass die Butter nur so spritzte; als wolle sie das Gesagte auf diese Weise bestätigen und untermauern. Sie dirigierte mit dem Kochlöffel Robbie Williams, den sie im Radio gerade dudelten, schon das dritte Mal an diesem Tag. Wohl eine Überdosis Feel, dachte er noch.
Feel so free, trällerte sie fröhlich und schlug dem nächsten Ei einfach so die Rübe weg.
Knallhart und erbarmungslos, diese Freiheit, die sie meinte.

Die Tür zum Bad war nur angelehnt. Das Schweigen dahinter empfand er als drückend. Als er die Tür vorsichtig ein Stück weiter aufstieß, fand er sie, die Hände zu Fäusten geballt, das Kinn daraufgestützt x-beinig auf dem Toilettendeckel sitzend. Sie hielt verzweifelt die Luft an und verdrehte die Augen.
Als er grinste, hielt sie die Hand quer vor den Hals wie ein Taucher. Die Luft wurde ihr knapp. Ihr Gesicht rötete sich und sie schloss angestrengt die hervorquellenden Augen. Ihre Lider passten kaum darüber, also bohrte sie sicherheitshalber auch noch die Daumen in die Augenhöhlen.

Er wusste nicht, ob und wie er sich noch länger beherrschen sollte, zudem der elegante schmale Rock sowie die unverschämt verrucht hohen feuerroten Stilettos in einem derart grundlegenden Gegensatz zur völlig enthemmten oberen Hälfte der Frau standen, dass er einfach nur fassungslos vor ihr stand. Sie war völlig verrückt, wie er auch, wie sollte das sonst funktionieren? Sie waren die Perfektionisten des Schweigens, schwiegen sich an, weil sie einander ständig die Fassung raubten. Glücklicherweise war dies auch in ihren positiven Momenten der Fall, so dass ein Schluckauf grundsätzlich positiv zu betrachten war und weil er wusste, dass in diesem seltsamen Clown auch noch eine andere Frau wohnte, die so überhaupt nichts zu tun hatte mit dem hicksenden Häufchen Mensch, das jetzt gerade in seinem Badezimmer saß und über einen Text fluchte, der hochschwanger in ihrem Kopf quer steckte wie eine verdammte Fischgräte, wie sie sagte.
Davon verstehe ich nichts, antwortete er und fragte, ob der Schluckauf fort sei und als sie nickte, sagte er, sie solle so bleiben, genauso wie sie jetzt gerade da säße, es sähe einfach zum Piepen aus.

Geisterstunde

IMG_6924

Ich bin schon länger tot, ja. Ob es schlimm war zu sterben, ob es weh tat, möchten Sie gern wissen?
Ja, war schlimm damals, sogar sehr schlimm. Der Schmerz, die Agonie, diese Dinge halt, lassen Sie mich Sie verschonen mit den grausigen Einzelheiten, es erwischt Sie selbst noch früh genug, glauben Sie mir und genießen Sie Ihr Leben, solange Sie es noch haben, stellen Sie nicht zu viele Fragen. Die letzte Erkenntnis im brechenden Auge- die ist und bleibt immer schlimm, dass es nämlich vorbei und gewesen ist, das Leben, unwiderruflich, mit all diesen schönen liebgewonnenen Hoffnungen darin, in denen man sich die Zukunft noch warm erträumen konnte.
Die absolute immerwährende Einsamkeit dahinter, wie ein Insekt in Bernstein gefangen zu sein. Nicht zu den anderen zu können, zu denen man eh nie richtig gehörte, schon damals zu wunderlich und geisterhaft, die Illusionen und Wünsche, die sich nicht zugehörig fühlen durften, wie herrenlose Kuscheltiere, zerfetzt auf der Straße, das bleibt von den Wünschen übrig. Lumpen, Fetzen, nichts, das wärmen kann gegen die generelle Geringschätzung, die stetig heftiger um sich zu greifen scheint wie eine Pandemie.

Nur noch ein Geist zu sein, ein Gedanke in fremdem Kopf, reduziert auf die Essenz der Energie, die man mal war, das war anfangs schlimm, schlimmer als das Sterben selbst, das letzte Zucken, bevor die Stille und die Kälte kamen mit dem ewigen Winter, dass es keinen weiteren Frühling geben würde.
Niemand hatte mir gesagt, wie es sein würde, mich darauf vorbereitet.
Die ersten Frühlinge taten noch irrsinnig weh, wie Phantomschmerzen in Gliedern, die längst nicht mehr da waren, doch dann ging es besser und ich konnte all das Leben um mich wieder fühlen, seine Vibrationen, ja, ich konnte es sogar berühren, in Grenzen, versteht sich, nahe stehende Menschen bleiben dies auch, berührbar, post mortem.
Auch mich kann man noch anfassen, es geht, sehen Sie?
Doch wundern Sie sich bitte nicht, wie kalt meine Hände sind, seit ich tot bin, sind sie nur noch so. Erfrieren können sie nicht mehr, nein, haha, guter Witz, mein Lieber.
Der Tod hat sein Gutes, dem Gestorbenen kann nichts mehr geschehen, der ist ja schon tot, nicht wahr?
Warum schnüffeln Sie denn so – bemühen Sie sich nicht, ich bin ein gepflegter Geist, bitte sehr, was denken Sie denn von mir? Ich wasche mich natürlich, so wie andere auch, putze auch die Zähne, was glauben Sie denn?
Ob es schlimm sei, irgendwie nicht zu leben und doch wie ein Gast in einem Echo zu sein, ein morphogenes Feld, weiter nichts?
Wie man es betrachtet.
Es wird vieles gleichgültig. Man wundert sich, was das Herz damals ruhelos werden ließ.
Ja, eine gewisse Traurigkeit, eine Art Wehmut, die bleibt wie eine alte schmerzende Narbe bei mir und in mir drin ist es immer so furchtbar kalt, tut traurig.

Geister sind traurig, sie müssen noch eine Weile hier bleiben und für andere da sein, ihnen raten, sie trösten, die Menschen, denen sie sich verantwortlich fühlen, bis diese so groß und stark geworden sind, dass sie gut allein leben können.
Dann erst sind wir Geister erlöst und dürfen fortgehen, dorthin, wo wir nicht mehr alleine sind, zu anderen Geistern vielleicht, fragen Sie mich etwas Leichteres.
Was hier, nach diesem Spukleben im Zwischenreich kommt, kann ich nicht mal ahnen. Doch, was man ahnt, wird wirklicher. Geister können nicht mehr ahnen. Wir SIND Ahnen, haha, ja. Ich bin komisch, nicht wahr?
Sie lachen, das freut Spookie, das kleine Gespenst.

Wissen Sie, ich will zu anderen Geistern, die schon erlöst wurden und nicht mehr spuken müssen, so wie ich.
Ein Hauch Ewigkeit zum Füßewärmen, ja, sowas.
Es war ein nettes Gespräch, ja, wirklich, das fand ich auch.
Haben Sie erfahren, was Sie wissen wollten?
Eine Frage noch, okay.
Ob Geister träumen?
Ja. Sie träumen von solchen Sachen wie Substanz, Masse, Präsenz und Dichte, ektoplasmische Wunder, Körperlichkeiten. Sowas in der Art.
Ja, natürlich.
Glauben Sie, Geister träumen nicht, nur weil sie Geister sind?
Sie träumen von Berührungen. Alle Geister träumen heimlich davon.
Doch träumen wir nicht, was wir sehnlichst wünschen selbst wenn wir wissen, wie unrealistisch diese Wünsche sind?
Leider erschrecke ich andere immer noch unwillentlich in dem was ich bin, wenn ich zuweilen unachtsam bin und ein warmes Gesicht berühren möchte, vergesse, dass es sich für den Lebendigen zutiefst unangenehm anfühlt, solch eine eisige Geisterhand spüren zu müssen.

Nein, Sie sind eine Ausnahme, mein Wertester.
Verbindlichen Dank für Ihr Interesse.
Ja, das dürfen Sie auch ruhig drucken, dieses kleine Gespräch.

Nur Bilder von mir mag ich nicht leiden. Sie sind so eindimensional und außer etwas Nebel wäre ich vermutlich nicht einmal erkennbar, selbst mit viel Phantasie nicht, nur ein bisschen Nebel mit Nebellöchern statt der Augen, schwarzes Taglichtgespenst oder so ähnlich.
Doch meine Worte, die lass ich Ihnen ja da.
Echte Geisterworte. Vielleicht, wenn die wer läse, hätte er weniger Angst und mehr Mitleid mit uns Körperlosen. Wir haben alles verloren und geblieben ist uns nur Erinnerung an den Duft des Lebens und auch dieser wird vage mit der Zeit, zerfasert sich in Einzelbestandteile, bis am Schluss nichts mehr übrig bleibt als eine Idee, eher fragmentarisch aufgegliedert nach etwas Ganzem fragend, das vor langer Zeit einmal lebendige Hoffnung war.
Nein, die Heizung ist ganz aufgedreht, sehen Sie?
Ich bin es. Es ist meine Kälte, die Sie wahrnehmen und darum ist es nun gut, wenn ich mich woandershin vertransformiere.
Sonst erfrieren Sie mir am Ende noch, wir Geister dürfen Menschen immer nur kurz nahekommen, sie ertragen uns nicht lange, weil wir eiskalt sind und so traurig. Das bringen wir von Drüben mit, es ist schlimm.
Wo wir uns doch so an ein wenig Geselligkeit freuen.
Doch Sie sehen es selbst, Sie können ja gar nicht so schnell frieren, wie Ihre Zähne klappern! Und das bei 23 Grad Raumtemperatur?
Fragen Sie sich selbst, wie lange Sie noch frieren wollen, fragen Sie Ihre blauen Lippen und Ihre klamme arme Gänsehaut auf den Armen.
Nein, ich gebe Ihnen nicht die Hand, sonst friert sie noch ab.
Bis irgendwann, spätestens drüben. Wer länger lebt, ist kürzer tot.
Sie lachen?
Ja. Ich auch.
Guter Witz, ja.