Kitze

Liebe blogfreunde,

Immer noch ist Frühling und nicht Sommer. Bald ist Sommersonnenwende, ich sitze wie jedes Jahr in den milden Nächten auf dem Balkon und würde am liebsten zu schlafen vergessen, weil ich keine Jacke brauche, weil es mir endlich mal warm genug für bloße Haut ist. Alles im Leben vergeht, lerne ich und umso mehr mit jedem Tag, den ich altere. Genauso unumstößlich wie das Leben mich immer wieder darauf hinweist, dass Endlichkeit natürlich ist, begreife ich den hohen Wert der Beständigkeit im Wandel aller Dinge. Es sind nur sehr wenige wechselvolle Gefühle, die über viele Jahre in eine Tiefe zu wurzeln schaffen, das Sterben überwinden und dabei eine Intensität entwickeln, die sie unverändert Höhen und Tiefen des Lebens überstehen lässt, geradewegs so, als seien sie die berühmte Ausnahme von einer Regel, die über mir steht.

Ich wünsche Euch einen schönen Feiertag.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

Diese Worte gebe ich niemandem.
Nur dir:

Mein rötliches Gewuchere
um dein Herz
– mein Gesicht an deinem pochenden Hals.

Dieses Gefühl gebe ich niemandem.
Nur dir.

—-

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Für Christiane und Herrn Textstaub: Aus der Dämmerung, ABC-Etüden

Liebe blogfreunde, 

Eine Unruhe im blogland hat mich aus der Versenkung geholt, in die mich verkrieche, weil ich an Buchprojekten arbeite. Keine Zeit zu bloggen. Bücher schreiben geht vor.

Aber…

…denkt nicht, dass ich mich nicht dafür interessiere wie es Euch geht. Im Moment geht es jemandem schlecht, dessen Kunst ich sehr mag. Eine blogfreundin übernahm sein schönes Mitmachprojekt, die A-B-C-Etüden und setzt es mit seiner bildlichen Unterstützung und in seinem Namen fort. Das hat mich sehr gefreut. Es ist ein schönes Projekt. Die Kunst ist wichtiger und bedeutungsvoller als menschliche Kleinlichkeit und Beengtheit. Ich kann allerdings Menschen verstehen, die Übergriffigkeiten nicht ertragen wollen oder können und sich dem entziehen. 

Ich bin traurig, weil wir hier von belesenen und gebildeten Menschen sprechen. Das ist die Spiegelung der kleinsten destruktiven Struktur. Mehr mag ich dazu nicht sagen. 

Ich möchte mit folgendem Text zum Projekt beitragen und bedanke mich auch herzlich bei der Wortspenderin gingerpoetry vom blog wortwabe, Herrn Textstaub mit seinem ganz besonderen blog und der Projektgastgeberin Christiane. Herr Textstaub führt einen privaten blog, erlaubt auf Anfrage ihn zu lesen.

So, nun begebe ich mich wieder ins stille fleißige Off und wünsche Euch frohe Ostertage.

Eure Karfunkelfee

Treppenstufen Milchkaffee Komm!

Aus der Dämmerung

Sonne fließt aus ihrem Morgenrotversteck in die noch milchigen ungeborenen Schatten und schwärzt sie für ihr Tageswachstum. Die Nacht ist ein adrenalinschwangeres Überbleibsel, das der Mond gekonnt auf sie drauf fallen ließ; denn sie hat sich auf dem Grund der blauen Porzellantasse aus Kasachstan zerschlagen lassen in lauter ihre ureigenen Menschensplitter. Sprödeheiß dampft finstere Versuchung an ihre rostigen Lippen und sie schüttet frischen Maimilchrahm in den Schwarzsud, doch Milchkaffee ist schaumig getarnte Schwalbenflügel, die in verräterisch heißer Nachtglut simmern. Der erste Schluck beißt sahnig in ihre Gierzunge. Langsam kriechen die Schattenhörner höher, ein Lichtfinger streift das weiß gefrorene  Dach. Sie friert erbärmlich, doch will am liebsten den Zwielichtmoment des Morgens in einen Buchfinkenschlag auskosten, obwohl sie genau weiß, dass sie sich auf den kalten Treppenstufen ihren Unterleib verkühlen wird. Der Milchkaffee verbrennt in ihrem Kasachstan ein goldenes Morgensonnenfeld. Sie ist eine Flammenlache. Eine Stimme befiehlt: Steh endlich auf und komm! Sie folgt den Feuerworten ohne Widerspruch und Verneinung aus der Dämmerung.

Im Vertrauen

Der Mann nimmt das gefundene Portemonnaie von der Straße auf.
Dann rennt er los.

Das Baby schaut Keks kauend den Rücken der Mutter an.
Dann beginnt es zu brüllen.

Die Frau nimmt den Zettel aus der Hose ihres Mannes und betrachtet ihn lange.
Dann packt sie die Koffer.

Die Freundin legt den Hörer auf, stützt ihren Kopf auf die Hände und weint fünf Minuten.
Dann ruft sie die nächste Freundin an.

Der Mann freut sich über die Sonne, stützt sich auf seinen Rollator und geht die Straße hoch.
Die weggeworfene Bananenschale auf dem Gehweg übersieht er.
Mit seinem Rollator hat der Mann zwei Beine, vier Rollen und starke Arme.

Das Mädchen fängt den Fussball und lächelt fragend die bolzenden Jungs an.
Darf es mitspielen?

Die alte Frau schleppt schwer an den Taschen in der Straßenbahn.
Ein noch älterer Mann sieht das und will für sie aufstehen.
Der neben ihm sitzende Schüler hält ihn ab und steht auf, damit die Frau sich setzen kann.

Der Mann nimmt das Portemonnaie und rennt damit los.
Zum Bäcker um es verloren zu melden.

Das Baby beginnt zu brüllen als die Mutter sich umdrehen will. Sie nimmt es schnell auf den Arm.

Die Frau holt den Zettel aus der Reinigung aus der Hose ihres Mannes und betrachtet ihn lange, bevor sie die Koffer für die anstehende Geschäftsreise packt.

Die Freundin legt den Hörer auf, stützt ihren Kopf auf die Hände und weint fünf Minuten.
Dann ruft sie die nächste Freundin an um sie über den Trauerfall in der Familie zu informieren.

Der Mann freut sich über die Sonne, stützt sich auf den Rollator und geht die Straße hoch.
Die weggeworfene Bananenschale auf dem Gehweg übersieht er, doch der Fußgänger hinter ihm bemerkt sie, hebt sie auf und wirft sie in ein Gebüsch. 

Das Mädchen spielt mit den Jungs Fußball. Später wird es sich Vorhaltungen der Eltern anhören müssen, weil seine Sachen schmutzig sind. Doch das ist dem Mädchen genauso egal wie dem Rollatorgänger weggeworfene Bananenschalen auf Gehwegen sein können.

Die alte Frau schleppt schwer an den Taschen in der Straßenbahn, doch der Schmerz in den Armen und im Rücken stört sie wenig, weil sie ihr Portemonnaie wiederbekommen hat. Sie hatte es verloren. Jemand hatte es für sie abgegeben in der Bäckerei.

——

rauch

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 12

rauch

wer war ich vor dir?
dampfiger warmer atem
löst sich zieht hinauf
auch

eine kleine bewegung
in entblätterten bäumen blumen
du, die vögel
das wiederkehrende singen
in klaren momenten.

frisst das
schweigen hallt
in ruinen
aus ihrer form
gefallen
bis sie brachen

das denken
im ende war erst rauch
dann erinnerung
wie mond welkte
in deine augen

in die nähe der liebe
kehrt alles zurück.

Frey’jas Sonett

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 9

 

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vanadis,
wanengöttin,
schwanhalsige nordin,
deine kultur und lebenslehre suchte ich oben auf dem drachenrücken der bergkämme. ich fand dich ausreichend rauschend in den heiligen waldhallen.

du bist die erde meiner moose, das herztamtam meiner rose, die gläserne luft zarter gräser, das leuchtfeuernde birkengrün in buntem herbstlaub und lichtstrukturen in  wipfeln. der filigrane grashalmgezupfte zarte laut genauso wie die narbige aufgebrochene haut rissiger baumrinden, der letzte todeshauch in meinem wiederfinden wie mein erster lebendiger atemzug im suchen zugleich. in mir fühle ich dein reich-thum, meine augen strahlen den unendlichen menschheitstraum des ganzen vertrauens in deinen spiegelraum.

gesicht zu gesicht gewandt bist du mir ein prachtweib, lieblich frauform, sinn voll -innen,
treibst du dein gesammelt voll in deine töchter,
kindlich korrekt teilst du hälftig mit deinem mann odin gerecht milde dein herz in ein zellgebilde.
unbegreiflich viel bist…

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du…

wilde walkürenführerin, du bist die entscheidung aus dem bauch heraus als martialische kriegerin im falkengewand
stehst du von waldkatzen gezogen im stand deines archaischen wagens
ziehst über dein land vom frühweh gebärenden blutigrot zum tagalternden sterbenden übergang, die dunkelheit allerwelt birgst du in deinem geduldigen schoß. du bringst den zauber der morgenröte wie die magie der nachtschatten zwischen menschliche nöte. dein warmbunt errötet noch um jeden fremden schmerz, nichts und niemand ist dir fremd. nicht der edelste zwirn noch das letzte hemd…

 

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mein…

frühlingskind
glücksmädchen
du uralt über wiesen springende
unvergängliche
überdauerst mir in frieden und ruh.
radebrichst mich in junger eile, spornst mich in zeitig sprießenden fußnoten, fließt in blühfrischen rainweilen, stillst mich süßreif in starkstromzeiten, schlägst mich waidwund bis mich meine ganze spreu vom weizen trennt und schlichtet, aufgeschichtet in langen quälenden weißwandweisen, bist du das blutgefäß, das meine verlassene wunde gerinnt und benennt, die linderung meiner schmerzen, der muttertrost in meinem wissenden verlust, die sammetgeduld in meinem zeitweise untröstlichem frust, die pur pralle sinnenfreude am fleisch meiner lust, herzvolle

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du…

bist ein mischlingsblut
in den kriegen  verschwand deine familie, dein geschlecht
schwächelte sich von der bildfläche, wurdest du zu schmückender asenglut, legtest dir ans herz ihre kunst, ihre kultur, nahmst die rauen göttergesellen im sturm an die hand, gerade als hätten sie niemals den zauber gekannt, den du, mutige magierin, ihnen brachtest als dein heimlich heimatliches ahnengeschenk wie du ehrlich und frey dir am rande dachtest.
oben auf asgards hügel ehrten die asen den schwung deiner nasenflügel als eine vom ehemaligen volk der wanen – ohne jedoch näher nachzufragen, deinen ältesten ursprung ganz zu erfassen.

verloren versprengte und verwaiste. es grenzt an das glück im licht aller liebe, dass dich missgunst, eifersucht,der hass niederer triebe nicht in niflheims tiefsten eisgründen versenkten und auf ewig entliebten. du duldest und verwaltest, verzeihst und weihst im sengenden fegeflammenbrand aller eitelkeiten die fruchtbare leichte asche zerfallener rosenherzen, bedeckst sie mit deiner glut bis alle flecken zergingen in der reinigenden flammenwut.

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mein…

syr, wild und kühn reitest du eber hildesvyn in schnellem lauf. nie schmückte das schweinethyr eine frau ehrenvoller. eigenschaftlich verquickt, verkauft und verglichen mit dir,  klang dies respektvoll aus asenvolkes reckenmaul. wer anders denkt hat sein gewissen im dreck zu lange gesuhlt, sich selbst an sich schlecht vermarktet, versenkt und verschenkt im schwärzesten schweinepfuhl des eigenen herzens. niemand, der das besser wüsste als du, verfemte.
du wurdest mehr als einmal verhärmt im ewigen warten auf eine absolution die nur du dir selbst  erteillen durftest. in deines bruders augen spiegelte sich dein wesen im manne wider. ein zwitter bist du, mit acht gliedern und ihr ward eins,

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herz, hirn und seele…

warst gezwungen forderungsgemäß zu herrschen und zu strafen bis sie dich mit steinen bewarfen. du warst in aller schärfe berufen zu schlichten und nachzufahren. schlangst gelenkig schmückend göttliche geringschätzung für die früchte der erde und des himmels um deinen hals. von brisingsamen gebrandmarkt, in klischees stigmatisiert, deines freiwildzaubers beraubt, verbrannte dein zu sehr behütetes vollkommenes dein geschlecht bis es sich vor scham tief bückte, vermummte, verstummte und die augen wie gebrochene schwerter im namen der liebe zu boden warf. gekennzeichnet von chaos und anarchie gerann dein blut auf der strecke der befangenen. für deinen guten zweck gabst du dich hin als käuflich kalkül im reinen licht verklärten gefühls. zu sehr verlangt und begehrt, vergeblich abgewehrt, davon aufgezehrt, trug dein gewissen schwerstlasten, verpflichtete sich jedwedes glückes charmanter fuß zu sein. vielstimmig vergnügt lachst du im walkürenchoral, stimmst dich in ihre kraftvollen seelen mit ein, singst dich rein.

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doch nur ein einzig samenkorn wäre in der lage dich ganz und gar aufzusprechen.

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spielerisch entschlüsselst du mir in seltsamen liebesliedern den augeschlossenenen weg deiner blumen wie ein offenes lächeln auf eine frage ohne antwort. diese blieb sich selbst in helheims dunkelsten hallen treu in maienliedern so unbegreiflich wie süßes locken im sommerheu, berge ich meinen spiegel in dein weites weises trag ich mein fleiß in mein stilles streben, verinnerliche ich zacken, dein außen hingegen lege ich eben, in sinn in welt will ich frey mich in dein ja eingeben, Frey’ja, weltlich weib, du bist grundsätzlich geben. dein zauber liebt das glück im leben.

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10 Wörter in Pauls Brief an Anne

Liebe Blogfreunde,

Tausend rief und ich folgte dem Getrommel nur zu gern. Wenn es dann noch ein Brief mit von an und durch Goethe wird, umso besser! Ich bin sein Groupie schon seit ewigen Zeiten. Pauls übrigens auch, doch das weiß Paul noch nicht. Hier schreibt er Anne, die wiederum Goethe einen Brief schrieb. Einen derartig schönen Brief, dass Goethes Geist davon so betört war, dass er Paul suchte und ihn fand. In 1.500 Zeichen beantwortet Paul Anne ihre Fragen mit Goethes Worten. Vielleicht habt ihr auch Lust einen Brief zu schreiben? Schaut doch mal bei Tausend vorbei, sie würde sich bestimmt freuen, wenn noch mehr Lust haben mitzumachen.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

 

Liebe Anne,

Hier ist Paul. Letzte Nacht zwang mich ein Gespenst namens Goethe Deinen Brief zu lesen! Das Gespenst sagte, es lebt jetzt in Arkadien. Liegt das in Australien? Goethe will, dass ich Dir antworte. Ich sagte, ich müsse nachts schlafen, er solle seinen Schnabel halten. Doch Goethe antwortete, dass meine Worte wie Zikadengesumm in seinen Ohren seien. Ich wollte ihn einen Esel schimpfen, doch er schaute mich so finster an. Du schreibst was von  Sonnenfinsternis. Goethe sagte, er habe sogar ein Gedicht während einer geschrieben, weil ihn das Dämmerlicht so tief bewegte. Er sei nicht wegen der Zikaden nach Italien gefahren. Und weise Augusturen (oder so ähnlich) gäbe es in Weimar auch. „Lebemann“ fand Goethe kein so schönes Wort für sich. Das habe einen faulen Beiklang. Er habe versucht, der Welt etwas zu geben und ihr zu dienen mit dem was er tat. Ich glaub, er war bisschen beleidigt. Bin ich ein „Lebejunge“, wenn ich keine Hausaufgaben aufhabe? Dann zeigte ich Goethe meinen Malkasten. Goethe sagte, dass er in Italien zusammen mit seinem Kumpel Tischbein seine Liebe zum Malen fand. Er habe sogar mit dem Gedanken gespielt, künftig mit Bildern statt mit Gedichten Umsatz zu machen. Ich kann übrigens nicht gut an einem Tau hochklettern, aber Sport und Mathe finde ich supertoll. So, nun muss ich aber los, meinen Fahrradlenker gerade biegen. Ich habe mich nämlich gemault, darum habe ich auch so viel Zeit, Dir zu schreiben, denn Goethe drohte mir mit irgend so einem komischen Mefistotilis wenn ich es nicht täte. Dabei hat er aber so ein bisschen schief gegrinst. Ich glaube, das war nicht so richtig böse  gemeint von ihm. Goethes Geist wollte wissen, was ein Eyeliner ist, ein Malwerkzeug?

Bleib so ein liebes Mädchen (soll ich Dir von Goethe noch sagen),

Dein Paul

 

(Bildquelle: Naomi Schick)