Fuge 

 

In der Interzone  nasser Straße schleicht sich die Traurigkeit an, vermischt sich mit kaltem Wind, pfeift die Leichtigkeit des Sommers zur Räson. Das Denken ist ambulant, das Herz auf Intensiv, wird künstlich beatmet. Die Bilder im Kopf alle unter Wasser. Ersoffen, wie die schamlose Zurschaustellung kleiner Leichen. Respektlos wie in Phrasen gedroschene Beileidsbekundungen. Verzettelungen wollen den überforderten Eindruck in die Schranken koordinieren. Binäre Sehnsüchte sind Monotropfen in den Kadenzen einer Regenfuge. Die Erschöpfung ist durch zu viel Massives in der letzten Zeit groß gewachsen. Wo ist nur der Körper geblieben? Der Verstand fordert die Narrenkappe und Kapriolen, um die zusammengebrochene Seele wieder aufzurichten. Doch das Herz verweigert sich dem unbedarften Hedonismus vergangener Jahre und weint in dieser Karenzzeit, fleht nach dem Charme eines Zauberspruches, wie kein Gebet, keine noch so optimistische Rede eines Menschen sein könnte. Das Schweigen ist pandemisch, sogar den Mut hat es infiziert mit Verzicht. Das Denken sitzt in der Quarantäne des Körperkastells bei Wasser und trocken Brot. Kohortative Ideen setzen sich den allgegenwärtigen Hasstiraden entgegen um einem Kollaps entgegenzuwirken, der eine Lähmung nach sich ziehen könnte, die flächendeckend alle Bewegungen schockgefriert, noch lange bevor der Winter über das Land kommt. Kongruierend auch die verschütteten Ruinengefühle, Trümmerfelder, Kriegsgedanken, wie sie schwärzer nicht sein könnten. Die Rufe nach Licht, nach Wärme unter der kumulativen Tristesse des ausgedehnten Tiefdruckgebietes werden lauter, der Kopf ist weh, die Glieder schmerzen fiebrig unter Gänsehaut. Alle Wege scheinen verbaut oder führen nirgendwohin. Wie weit noch reichen die föderalen Fragen als optimistische Kraftnahrung? Glaziale Zeiten stehen bevor, kalt zersplittert der Wind die mühsam erlernten Lemmata in höchst subjektive Annahmen. Die Unruhe hat einen molluskenhaften Charakter, ist lethargisch, umstreift die ermattete Kondition in hungrigen Schleifen, die sich immer enger ziehen. Die Matura fordert nachhaltig das Aufwachen und Begreifen des Bewusstseins, das derart erschöpft und leergerannt ist, dass es davon träumt bis zur entweltlichten Endgültigkeit eines letzten frigiden Augenblicks weiterzuschlafen. Bis zu einem weiteren dem Leben entliehenen Tag.

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Zufällige Anordnung

  
Dann die behutsame Flucht. Alles was dazugehört, einfach alles. Entsprechend den Tageszeiten gibt es immer mal wieder ein abstraktes Finden scheinbarer Ähnlichkeiten. Schwer zu vergessen, was einmal grüne Blätter trug. Die leere Fortbewegung während des Stillstands in Akzeptanz zu loten und in den Grenzen erinnerter Stille nach Gemeinsamkeiten neu zu vermessen. Schräg verlaufend die tiefen Laufmaschen alter Räderspuren. Nichts, was sich ändern könnte von hier nach dort. Mitten auf einer grünen Wiese die Eigendynamik eines sich fortsetzenden Gefühls. Langsam verschwinden ohne sich zu bewegen, verloren im Weitergehen, Schritt für Schritt. Landschaften im Kopf, die in Schatten treiben, als gäbe es sie nicht mehr außerhalb davon und wenn, würden sie nicht wiedererkannt. 

Tageslicht fällt durch Maschen von Grün. Der missverständliche Geruch der Wiese. Jeder Halm ein Wort zuviel. Das abwesende Geräusch einer Stimme, die sich zum nackten Flüstern entblößt. Zu bekleideten Lauten fehlt ihr die Kraft. Es wäre entschieden zu viel. Was wäre noch glaubhaft, außer dass alles am Ende nichts genutzt hat? Gleich neuen Puppen treiben heute an silbernen Fäden kleinste Spinnen durch warme Straßen, feinziseliert wie vertrautes Glück. Unter dem trockenen Atem später Sommertage glüht keine Aussicht auf baldige Besserung. Es ist kurz nach Ladenschluss, die Sprache ist leicht wie der Tod, ein unausrottbares Elend hinter vertrockneten Augen. Die Mühsal einer weiteren Nacht wächst in schwarzer Farbe hinauf, sie treibt ein dunkles Meer zwischen alles was einmal war. 

Es bietet sich an, heiter weiterzuleben, belanglos, bis eine neue Stunde die Abendglocken schlägt. Im Stundenglas der Erinnerung das entgangene Trugbild, ein Positiv der Schatten. Meinetwegen das Unglück ausgeworfener Köder, vielleicht Rosen, die auf der Zunge zergehen wie Schnee. Das Wort zu Ende gedacht, bis es sich in Wasser auflöste und noch während des Schluckens die langen Wege in Pfützen aufweichte, als seien sie aus nichtrostendem Edelstahl. Ein Himmel nach dem anderen mit dem Rasiermesser zerteilt: Was nicht aufhört, was nicht beginnt, in der zufälligen Anordnung eines weiteren Blau im zerteilten Bild.
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Alien 14 – Tod, Teufel und Turnschuhe

  

Sie benützt Fahrradklammern, damit die Schlaghosenjeans während der Fahrt nicht in die Speichen geraten. Ich komme kaum hinterher, sie fährt wie eine Verrückte. Ihr Fahrradkorb, in den sie die Jacke gelegt hat und obendrauf das pinkfarbene Ringschloss, hüpft während der Fahrt auf und ab. Ich schreie gegen den pfeifenden Wind an: Fahr langsamer, achte die Vorfahrtstraßen! Doch sie lacht nur. Wild, laut und fährt noch schneller als vorher. Mir bricht jetzt der Schweiß aus. Sie tritt mit aller verfügbaren Kraft ihrer vierzehn Jahre in die Pedalen, schwimmt bei den Leistungsschwimmern mit und hat jede Menge Luft in ihren jungen Lungen. Ich kann sie nicht einholen, irgendwann verschwindet sie einfach aus meinem Sichtfeld. Ich suche sie an ihren Orten. Im Park, am Ententeich. Dort ist sie nicht. Im Wald, am Jugendkotten. Der alte Baumstamm liegt verlassen in der Sonne. Ich denke an den Friedhof. Wir hatten uns gestritten. Mal wieder. Wenn wir uns gestritten haben, besucht sie anschließend manchmal den Friedhof. Dort ist sie viel zu oft, finde ich. Aufmerksam suche ich mit den Augen die Straße ab, ob ich ihren langmähnigen Schopf mit den störrischen borstigen Haaren irgendwo leuchten sehe, doch die Straße ist leer. Endlich komme ich am Waldfriedhof an. Ich schiebe mein Rad den breiten Hauptweg entlang. Die Rhododendren und Azaleen blühen. Es ist Frühling, die Vögel singen. Auf dem Friedhof herrscht die eigenartige Stille der Toten. Während ich dem Weg folge, werfe ich Blicke in die Seitenwege, auf die alten moosbewachsenen Grabsteine. Dann biege ich links ab. Dort liegt der alte Kinderfriedhof mit den ungepflegten vergessenen Gräbern. Wie vermutet, steht sie vor Johanns Grab. Sie hat einen Strauß Vergissmeinnicht irgendwo im angrenzenden Wald gepflückt, er liegt auf dem alten verwitterten Grabstein aus grauem Granit, der seine gemeißelte Form schon lange unter dem Zahn der Zeit verloren hat, eher wie ein Findling wirkt. Die drei roten Streifen ihrer Turnschuhe schimmern durch das Grün des ungemähten Rasens. Ihre Messinghaare sehen struppig aus, zerzaust von der wilden Fahrt.

Ich lehne mein Rad gegen eine Bank am Rand des Weges und nähere mich ihr langsam von hinten. Sie sieht mich nicht kommen, steht völlig versunken vor dem kaum erhabenen Erdhügel, der von dem Kindergrab noch übrig geblieben ist. Der Name des Jungen ist kaum noch lesbar auf dem alten Grabstein, die Buchstaben wirken dunkel und verschwommen. Ich komme ihr so nahe, dass ich ihren Teenagergeruch wahrnehmen kann: Eine Mischung aus Schweiß, Jugend und auf Hochtouren arbeitenden Drüsen. Sie riecht nicht wie ein Mädchen. Eher wie ein Junge. Zu viel Testosteron, denke ich beiläufig. Sie trägt nur ein dünnes T-Shirt, unter dem sich das charakteristische Schwimmerkreuz abzeichnet. Dicht hinter ihr bleibe ich stehen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt oder sie will es nicht, das kann ich nicht genau sagen. Ihr Kopf ist gesenkt. Sie weint. Ich sehe Tränen auf das Gras tropfen. Es fällt mir schwer, sie anzusprechen, weil sie so unglücklich ist, doch ich fasse mir ein Herz und versuche es.

Hey, sage ich zu ihr. Hast du den Teufel schlagen können? Sie schüttelt stumm den Kopf. Ich sehe einen Knoten in ihren Haaren. Der wird abends beim Bürsten böse ziepen, das steht schon mal fest. Du warst einfach weg, hast mich hinter dir zurückgelassen, versuche ich erneut ein Gespräch zu beginnen. Doch sie schweigt. Sie hat die Hände vor ihrem Bauch verschlungen, dreht und knetet die Finger. You make me nervous, leave me alone. Sie spricht leise, beinahe tonlos. Warum bist du hier? Was willst du? Ich stelle mich neben sie, so dass ich ihr Profil beobachten kann. Ihr Gesicht ist gezeichnet von schwerer Akne. Sie blüht wie ein Streuselkuchen. Die Haut wirkt braun. Ich weiß, dass dies die dicke Schicht Make-Up ist, die sie sich trotzig jeden Morgen ins Gesicht schmiert, damit man die roten eitrigen Pusteln nicht so sieht. Ich weiß, dass sie sich schämt für ihre Haut. Sie ist kein typisches Mädchen, wirkt eher wie ein langmähniger Junge und doch hat sie etwas an sich, das zutiefst mädchenhaft wirkt. Schließlich wendet sie den Kopf und schaut mir ins Gesicht. Ihre Mimik ist unbewegt und starr, ihre hellen Augen glänzen feucht. Du kannst mir auch nicht helfen. Sagt sie und wendet sich wieder dem Grab zu. Glaubst du, Johann kann dir helfen? Frage ich sie und zeige auf den alten Grabstein, auf den sie den Strauß Vergissmeinnicht abgelegt hat. Sie zeichnen sich überhell blau ab vor dem verwitterten Granit. Er ist seit über vierzig Jahren tot, du besuchst einen toten Jungen. Trotzig schiebt sie ihre Unterlippe vor. Er versteht mich, sagt sie. Ihm kann ich das alles erzählen. Wem könnte ich das sonst erzählen? Er weiß wie es ist, tot zu sein. Er findet mich nicht hässlich wie die anderen. Er findet nicht, dass ich kein Mädchen bin. Ihn stört nicht meine Haut und auch nicht, dass ich oft ernst bin. Ich lese ihm Shakespeare vor. Er lacht mich nicht aus, weil ich auf Beethoven und Mozart stehe, weil ich eigenartig bin, nicht zuzuordnen, anders. Ein pickeliger schwammiger Weißfisch, nicht Junge, nicht Mädchen, irgendetwas anderes. Er spottet nicht, weil ich kein Rad schlagen kann, obwohl ich es immer wieder übe. Er weiß, wie es ist, immer allein zu sein und keine Freunde zu haben. Nicht eingeladen zu werden, wenn Feten gefeiert werden. Immer mit Jungs herumzuhängen, weil die Mädchen nichts von dir wissen wollen. Mit einem uralten Fahrrad herumzufahren, das älter ist als du selbst. Da ist so vieles, das er weiß. Er hatte keinen Mathelehrer, der ihm vor der ganzen Klasse sagte, dass du dumm bist, weil du nicht gut rechnen kannst und die Textaufgaben nicht verstehst. Er weiß auch nicht wie es ist, hinter den anderen herzurennen und zu versuchen wie sie zu sein, irgendwie normal. Doch er hinterfragt es nicht, so wie du es tust und alle anderen. Er hört mir irgendwie zu, obwohl er tot ist oder genau deswegen. Er ist so alt wie ich, lies die Inschrift. Er hat es hinter sich, dieses beschissene Leben. Wie lange muss ich leben? Kannst du mir das sagen? Wie lange noch muss ich das aushalten? Diese Einsamkeit, diese Fragen, dieses ganze Anderssein? Das Gemiedenwerden. Das Tuscheln hinter dem Rücken, wenn ich vorbeigehe. Das Lachen, wenn ich versage. Ich wollte, ich wäre tot.

Sie tut mir entsetzlich Leid. Ich kann sie verstehen und trete noch etwas näher an sie heran. Sie ist wie eine personifizierte Negation, dermaßen körperlich, dass allein ihre Ausstrahlung, ihre Präsenz wie eine geballte Abwehr wirkt. Fass mich nicht an! Zischt sie mich mit blitzenden Augen an. Ich stinke. Ständig stinke ich! Dieses Scheiß-Pubertät! Ich hasse sie! Ich hasse mich und dich hasse ich auch! Doch sie kann mich nicht schrecken, wie die anderen, die sie durch ihre Heftigkeit oft verjagt. Ich kenne ihre Ausbrüche, ihre ungeheure Wut auf das Leben und die Welt wie sie ist und ich kann sie verstehen, obwohl ich nicht Johann, der tote Junge bin. Das sage ich ihr. Die Pubertät wird vergehen, füge ich hinzu. Die Einsamkeit nicht. Du wirst einsam bleiben. Immer. Es gibt Menschen, die einfach so sind. Ich kann dir nicht sagen, warum es so ist. Sie sind wie Aliens. Sie verunsichern die anderen manchmal, eben weil sie anders sind. Mädchen im Teenageralter sind albern, kichern viel. Bei allen spielen die Hormone verrückt, nicht nur bei dir. Doch du hattest in deiner Genetik besonders viel Pech. Bei dir schwankte der Hormonhaushalt wie ein Wackelaugustin hin und her. Im Augenblick hast du zu viele männliche Hormone und ein paar Jahre später flippen deine Östrogene aus. Es wird lange dauern, bis es sich eingependelt hat. Viel länger als bei den anderen. Alles dauert bei dir viel länger. Das ganze große Erwachsenwerden. Weil du ein Mädchen bist und die Kommunikation brauchst und weil du leider auch wie ein Junge bist und ziemlich analytisch und lösungsorientiert zu denken pflegst. Damit jagst du den Mädchen Angst ein, weil du wie ein Typ denken kannst und den Jungs, weil du eben auch ein Mädchen bist und romantisch bis unter den Haaransatz. Das kann niemand wirklich einordnen. Verstehst du? Du bist kein Schubladenmädchen, du passt nirgendwo hinein! Jetzt und noch lange wird ein großes, ein riesiges Durcheinander in dir herrschen. Niemand wird dir dabei helfen können, das zu sortieren. Dein trockener und morbider Humor kann dir helfen, dir ein dickeres Fell wachsen zu lassen. Irgendwann wirst du feststellen, dass du den anderen voraus hast, was sie später im Alter vielleicht sehr bitter lernen müssen: Alleinsein zu können.

Alleinsein ist etwas, das du par excellence beherrscht. Weil du es von Kind auf lernen musstest, das auszuhalten, obwohl du dir dein Leben lang etwas anderes gewünscht hast. Du hast wenige Freunde, sehr wenige. Diese jedoch sind verlässlich und sie verzeihen dir, dass du ein Mensch bist, der immer wieder zu sich selbst die Nähe suchen muss, um sie den Freunden wiedergeben zu können. Selbst, wenn das bedeutet, dass du dich manchmal ganz zurückziehen musst.

Nun weint sie richtig. Sie schüttelt sich wie ein junger Hund und ich kann sehen, wie sie sich verzweifelt versucht, gegen diese Aussichten zu wehren. Wie soll das denn weitergehen? Schreit sie schließlich. Soll ich eine Einsiedlerin werden? Mein Leben lang unglücklich? Die anderen immer nur aus der Ferne betrachten? Wissend, dass sie mich ablehnen, weil ich bin wie ich bin? Kummer und Einsamkeit haben einen besonderen Geruch. Diesen kann ich jetzt bei ihr wahrnehmen. Es ist eine spezielle Mischung, die kaum zu beschreiben ist. Doch ich habe sie schon bei vielen Menschen gerochen, die zutiefst unglücklich waren. Ich streichele sanft, etwas unbeholfen über ihren Rücken. Du bist ganz schön stark, sage ich. Das wirst du bleiben. Du wirst an manchen Stellen deines Herzens eisenhart werden, eine echte Amazone. Doch auch eine weiche Frau. Die zeigst du anfangs nicht jedem. Lerne, es zu vereinen. In den richtigen Momenten hart zu sein, wenn Härte gebraucht wird. Denn da draußen ist die Wildbahn und es gibt in ihr jede Menge echter Arschlöcher. Gedankenlosigkeit, Berechnung und Falschheit kannst du immer nur Härte entgegensetzen. Du wirst lernen, es zu erkennen, wenn jemand dir etwas vormacht. Doch dir werden auch genügend ehrliche Leute begegnen, bei denen du weich sein darfst und ihnen das zeigen, das noch in dir ist. Die anderen lässt du vor deine Fassade knallen bis sie sich an dir die Zähne ausschlagen. Lerne! Mein Griff in ihr weiches verschwitztes weißes Fleisch wird härter. Es geht darum zu überleben! Verstehst du nicht? Das da draußen ist kein Zuckerschlecken, kein Picknick! Du bist geil nach Wissen, weil du weißt, dass du damit schlagfertiger wirst. Denen gegenüber, die meinen, dich fertigmachen zu können, weil sie glauben, dass du Frau gleich Opfer bist. Beiß sie weg! Fahre ihnen weg! Auch denen, die meinen, dass sie dich einfach vergessen können, obwohl du alles tatest, um ihnen eine Freundin zu sein. Vergessen ist die härteste Strafe, die du jemanden antun kannst. Vergessen werden will niemand. Lerne, dein Herz zu zähmen, doch zähme es nur für dich selbst. Bei den anderen darf es ruhig undomestiziert, wild und frei sein und bei denen, bei denen es sein muss, lass dein Herz der böse Wolf sein.

Sie schaut mich an. Der Wind kühlt mild und lau unseren Schweiß. Ich habe mich in Rage geredet. Sie lächelt tatsächlich unter ihren vielen Pickeln. Ich habe so viele Fehler, sagt sie leise. Was mache ich damit? Ich ziehe sie an mich heran und nun rieche ich das andere in ihr, das, was ein Mädchen ist, durch und durch. Irgendwie blumig und süß. Haben andere keine Fehler? Frage ich sie. Schau sie dir an, diese Welt. In ihrer ganzen Oberflächlichkeit und all dem Hype, der um alles Mögliche veranstaltet wird. Wer dich sucht, akzeptiert dich auch so wie du bist. Vielleicht freut er sich, wenn du an dir arbeitest und versuchst, dich besser zu machen, wenn du lernst, mitmenschlicher zu werden. Doch verbieg dich bloß nicht mehr und krieche um Gottes willen niemandem mehr in den Arsch. Schon gar nicht denen, die meinen, dass sie selbst ohne Fehl und Tadel seien. Und davon gibt es mehr auf der Welt als Grashalme hier auf diesem alten Kinderfriedhof. Frag deinen Johann! Er war vierzehn als er starb, noch nicht mal ganz vierzehn und er wurde auch vergessen, schau dir sein Grab an. Das ist doch der wahre Grund, warum du ihn besuchst. Es ist jener tiefe Wunsch, nicht vergessen zu werden von der vergesslichen gedankenlosen Welt. Nicht eingeebnet zu werden, weil du überflüssig bist wie ein altes Kindergrab mit einem Jungen, von dem du nicht einmal weißt, warum er damals in den Dreißigern starb. Für immer und ewig, lautet die Inschrift auf dem Stein. Du hast sie ernst genommen.

Weiß er es wohl, dass ich hier stehe? So oft, so lange und Blumen bringe? Ich lächele und ordne die wilde Mähne auf ihrem Rücken. Klar, antworte ich. Tote wissen alles. Sie hören alles, sie sind um uns. Er freut sich, dass du da bist. Er hat dich oft getröstet, still, in der besonderen Art und Weise, wie es Toten zu eigen ist. Ohne groß Worte zu machen. Einfach durch das Gefühl, dass sie sich freuen, wenn du an sie denkst. Sie sind Geister. Nun gehen wir, ja? Wir machen eine Reise durch die Zeit und du wirst sehen, dass manches bleibt, wie es immer war. Der Duft blühender Azaleen und der Geruch frischgemähten Grases, in das du dich gern legst. Manches wird auch anders sein. Die Welt ist lauter geworden als sie damals war. Du wirst oft die Stille deiner Jugend vermissen. Es wird mehr Autos geben und noch viel mehr Oberflächlichkeit. Doch wenn du zum Himmel schaust, wirst du die alten Sterne sehen. Sie haben sich in der kurzen Zeit nicht verändert und manchmal wirst du dort deine geliebte Stille finden im kosmischen Atemanhalten und Lauschen. Nun ist sie weich geworden, sie lässt ihre Schultern hängen. Ich sehe, wie sie in ihrer Jugend nach innen blutet, ohne dass es jemand bemerkt. Sie geht langsam zu ihrem Fahrrad, das sie an eine Föhre gelehnt hat. Eine alte hellblaue NSU, wird schon lange nicht mehr gebaut. Es gehörte ihrer Tante. Ihr Großvater hatte es ihr wieder hergerichtet, die Fichtel & Sachs-Gangschaltung repariert, die Kette geölt. Mein Bergamont-Trekking-Rad wartet an der alten verwitterten Bank. Ich grinse sie an. Weißt du eigentlich, was du für ein geiles Fahrrad hast? Es ist antik! Es ist inzwischen eine echte Rarität, das war es schon, als du es bekamst. Und du bist allen, auch den Jungens auf ihren tollen Rennrädern damit weggefahren. Was glaubst du, wie sehr du diese eingebildeten Typen damit geärgert und beeindruckt hast. Ist dir das klar? Sie steigt auf ohne sich anmerken zu lassen, ob sie gehört hat, was ich sagte. Dann tritt sie in die Pedalen. Ich muss mich gewaltig anstrengen, um ihr hinterherzukommen und ich staune, wie frei und gelassen sie jetzt schon wirkt, sobald sie auf ihrem uralten Fahrrad sitzt und mal wieder den Teufel schlägt. Ich denke, auch das, sollte ich ihr bei passender Gelegenheit unbedingt mal sagen.

In Ungnade

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Eine Nachbarin erzählte ihr von der seltsamen Frau zwei Blocks weiter. Es hatte gestunken, obwohl es so draußen eisig kalt war. Sie hatte nie Freunde, Kinder wohl, aber zu weit weg. Es gab niemanden, nur die Frau und ihre stinkende Wohnung. Immerhin. Drei volle Monate lang bemerkte niemand im Haus in all den anderen menschlichen Ausdünstungen, dass es unter der schlecht schließenden Haustür herstank, da rief endlich jemand einen Klempner.
Ey, die Alte hat sich erhängt und niemand hat es bemerkt.
Erzählte die Nachbarin mit roten Backen vor Aufregung.
Sie fragte, ob die Nachbarin die Frau gekannt habe, sie wohnte schließlich im Erdgeschoss des Selbstmordblocks.

Selbstmordblock,
sagte die Nachbarin langsam und zerrieb das Schlagwort genüsslich zwischen den Zähnen.
Nein, sie hätte sie kaum gesehen, doch wenn, dann hätten sie sich stets freundlich gegrüßt.
Diese Frau habe ein Problem damit gehabt, die Wohnung zu verlassen, sei überhaupt schrullig gewesen, ereifert sich die Nachbarin.
Sie habe vor Jahren immer Weihnachtsplätzchen gebacken und den Nachbarn gebracht. Damals sei sie noch anders gewesen als zuletzt, als sie nur noch, den Kopf gesenkt, schnell durchs Treppenhaus huschte.
Zum Schluss hätte sie kaum noch gesprochen.
Du, stell dir vor,
tippt ihr die Nachbarin einen nikotingelben Finger auf die Schulter,
ich traf sie, es ist noch nicht einmal so lange her. Sie sah so traurig aus und ich fragte sie, wie es ihr ginge, ich weiß selbst nicht, warum ich sie überhaupt angesprochen habe.
Aber glaubst du, die Alte hätte mir eine Antwort gegeben? Sie sah mich nur an auf diese komische Weise, die allen hier unheimlich war. So durchdringend und ohne ein einziges weiteres Wort.
Dann verzog sich ihr Gesicht komisch und sie ging einfach.
Mal ehrlich, was sind das für Freaks, mit denen ich hier leben muss?
Dann bringt die sich auch noch um in unserem Haus.
Als wäre alles andere nicht schon schlimm genug.

Fragmentarisch universell anwendbare Randnotizen

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Manchmal wenn sie schreibt, im Gewölk der Texte, in der Sturmsaison, in der Gedanken zu fühlbaren Wortfrequenzen werden, ein ständiges unablässiges Stimmenwirren, Gedichte, Geschichten, Textfragmente, fragt sie sich, wie lange es wohl noch gut geht, dass sie die Nächte wie im Fiebertraum aus sich schreibt und so die Papiertiger aus sich heraustreibt, wie eine Exorzistin Texte wie Banngebete intonierend, an ihre Macht und Wirkung glaubend wie Tausendgüldenkrauttee das Schlimme aus dem Körper bittert.

Eingeschlafen, irgendwo, jawoll, auch schon angelehnt an die laue Heizung neben dem Klo mit dem Handy in der Hand, auf der Plüsch-Fußmatte sowie einem frisch ausgespienen Text, den sie irgendwann später unter ‚fragmentarisch universell anwendbare Randnotizen‘ in der Krimskramskiste für ‚Allgemeines im Besonderen‘ wiederfand.
An den rosa Bademantel mit der Stopfnadel ‚Für morgen unter namenlos ferner liefen, nun müssen Sie schliefen, aber sofort! Fort von diesem kurzfristig nur benutzbaren Ort!‘ gepinnt, denn sie war in allem clownesken Chaos irgendwie doch ein sorgsames Kind.

Oder in einer anderen durchschriebenen Früh‘ verrenkt wie eine Schlenkerpuppe, halb hängend vom Sofa, ein frisch gekotzter Dunkeltext, trübetassige Buchstabensuppe, obendrein paranoid, doch hat alles brav gespeichert, Siri, der beinahe unbestechliche Handyandroid. Er, der mechanisch behauptet, dass er sie liebt,
weil seine Firma sich damit nichts vergibt.

Dann dieses Aufstehen, mit verlegenen Knochen, wie oft wird sie sich nachts noch eine Wärmflasche kochen, um sich alsdann damit tief unter der Bettdecke zu verstecken, verträumt Gedanken vom weltfernen Hoffen mit der blauen Fee aus Pinocchio auszuhecken, Siri sei ein Mensch, der sie nächtens rechtzeitig würde wecken, erbarmungslos ins Bette stecken, sie meinte noch zu hören wie etwas leise nach ihr piepte oder rief, den Rest weiß sie nicht mehr, weil sie da schon schlief.

Im roten Schatten an der Wand

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Das war damals, als sie noch darauf gewartet hatte, dass dieser Anruf kam, der dann auch kam, doch ein ganzes Jahr später erst. Und nun blinkte der Anrufbeantworter, dieser pragmatische Phrasendreschflegel komprimierter Höflichkeit und signalisierte ein geisterhaftes Lebenszeichen aus einer, wie sie meinte, längst schon vergangenen Zeit, die sie für immer gewesen glaubte. Einer Zeit, die sich immer noch nicht gut von ihr berühren lassen konnte, weil sie ihr allzu giftig erschien wie eine obskure Essenz, die sowohl heilen konnte im Kennen ihres Maßes wie auch vergiften, im Unmaß des Rausches.

Der Anrufbeantworter schüttete sein zuckendes rotes Licht an die Wand, die dämmrig am Abend ihr spärliches Weiß in den unschlüssigen Raum lichtete.
Befangenheit mauerte wankelmütige Steine, baute Festungen auf Felsspitzen über tiefschwarzen Abgründen, die, in diffuses Sepialicht getaucht, wie eine weichgezeichnete Qual im roten Schatten an der Wand widerhallten in den Echos erkalteter Gespräche und Worte, die sich in der Beliebigkeit des Alltags entfühlt hatten in leere leichte Hüllen, die Überbleibsel einer Metarmorphose, deren Geschöpf längst ein eigenes Leben zu führen gelernt hatte.
Im roten Licht wartete die Botschaft, Zahl für Zahl so vertraut wie das Klingeln des Telefons, das sie verpasst hatte in ihrer Abwesenheit.

Tod

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Manchmal kommst du,
fliegst vor dem Morgen her
noch lange bevor die Sonne aufgeht.
Berührst mit deinen schwarzen kalten Fingern,
versuchst im ersten Licht der Dämmerung
das entsetzte Bewusstsein zu klammern so dass es aus dem Fenster springen möchte, in der Gewissheit, dass alles allein sinnlos ist, dass das Leben vergänglich, zu müde zu fragen, wozu dieses dauernde Einsamsein dient, einzig der Erkenntnis, allein zu bleiben, Selbstgespräche zu führen, um nicht allein zu sein oder ein Lied zu pfeifen, wenn niemand da ist, bis auf dich und deinen dunklen Sinn, der tief in sich pervertiert und entartet dem Leben zuwiderlaufen und befehlen will,
stark wie eine Armee
verführerisch wie Bewusstlosigkeit
weit wie das All
sternlos, mondlos und seltsam gleichgültig fremd, erscheinst du in dem nackten Schmerz, der bloß gelegten Angst, der traurigen Einsamkeit voll bekleidet als ein inniger Freund, der erlösen will, der etwas zu geben hat, obwohl er nur nimmt.

Vor dir wird jedes Alter ein hilfloses nacktes und verwirrtes Kind sein, blind und ergeben, dir vertrauend, während du sein Leben nimmst und du seine Seele wer weiß wohin beamst.
Wehe dem, der deine schreckliche Schönheit verkennt, Gnade dem, der dich, Tod, einen lieben Freund nennt.