weihe

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 5

Noel, Mai 1998

 

im schaukelstuhl
auf der
roten terasse
die schmetterlingsflügel
von tief innen
das nervöse flattern
meine augen geschlossen
eingehüllt in den fliederduft
einer zeit
in der es dich
bereits gab
ohne dich zu geben
als du erstmals
spürbar leben willst
ist es mild in mir
die gewissheit tragend
über viele jahreweit
will immerwährend
behüten was
bis in den tiefsten winter
hinein wachsend
erst noch gedeihen muss

nun ruht dies ganze große
wie ein sonnenatom
ich bin ein zwitterwesen
die nacht ist still
ein lauer wind wirft blüten
in mein haar

Haibun – Der Park im November

  

 Auf den langen gewundenen Wegen liegen verwirbelte Laubhaufen in glänzenden rotbraunen Schattierungen. Ich suche schwarze Schatten in der abendlichen Dämmerung. Es hat den ganzen Tag lang leicht geregnet. Mein Gesicht ist nass von feinem Wasserstaub. Als ich mir mit der Zunge über die Oberlippe streiche, schmecke ich noch das Salz auf meiner feuchten Haut. Nach drei Stunden Training im Studio schafft es der Regen immer noch nicht, es mir abzuwaschen. 

Rechts und links des Weges kleine waldige Abschnitte. Die Berge liegen verborgen unter Nebelmützen. Die Luft ist so lau, ich genieße die Stille im Park, den Regen und den Duft des nahen Waldes.

Die Bäume singend

ihr Lied tropft aus den Kronen

vor meine Füße

Eine Frau mit einem großen Hund undefinierbarer Rasse kommt mir entgegen. Das letzte Tageslicht spiegelt sich in ihren freundlich grüßenden Augen. Am Ende des Weges sehe ich den Sportplatz von gleißendem Flutlicht überschüttet. Ich schaue den wenigen Fußballern, die sich in der oberen linken Ecke versammelt haben eine Weile zu, lausche ihren jungen Stimmen und wünsche mir, dass sie nicht ausrutschen auf der nassen roten Asche.

Das große Spielfeld

in helles Licht getaucht

für so wenige Spieler

Ich löse mich aus der Betrachtung des Sportplatzes und gehe zügig weiter, überquere die Straße, auf der heute Abend kein Auto unterwegs ist. Es ist ein schönes Gefühl, durch den Regen zu laufen, sich überall am Körper warm zu fühlen. Einige Kinder mit Laternen kommen mir singend entgegen. Da fällt es mir ein: Heute ist Martinstag, Lichterfest! Die Eltern gehen ein Stück weiter hinten. Sie tragen brennende Fackeln. Ich gehe mitten durch die Gruppe hindurch und nehme etwas von ihnen mit mir. Eine Art Gemeinschaftsgefühl, das mich jedoch gleich wieder verlässt.

Laterne, Laterne

ich lief mit meinen Kindern 

oh, nun sind sie groß!

Der Spielplatz liegt behütet von der Dunkelheit. Der stille Weg windet sich zwischen den verlassenen Spielgeräten steil bergan. Dahinter erkenne ich die Umrisse der Grundschule. Es ist so dunkel geworden, dass ich die Hand vor Augen nicht mehr erkennen kann. Doch meine Füße finden den Weg auch ohne Beleuchtung. Er ist mir so vertraut wie mein Schatten. Bald werde ich zu Hause sein, freue mich darauf, die Füße hochlegen zu können, mit meinen Kindern zusammenzusitzen und später im Bett noch ein wenig lesen zu können. Mein Herz ist leicht und weich wie der milde Regen dieses Tages. Ich denke an die Menschen, die mir wichtig sind und wünsche ihnen gesund zu bleiben und denen, die es nicht sein können, es schnell wieder zu werden. Begegnungen kommen mir in den Sinn, die flüchtigen, die oberflächlichen und die, die für immer im Herzen bestehen bleiben. November ist ein ernster Monat und die Vergänglichkeit des späten Herbstes hat einen mahnenden Charakter, den Reichtum der Andersartigkeiten und das Geheimnis der Ähnlichkeiten, die Menschen miteinander verbindet, liebevoll zu bedenken. Manche bleiben, andere gehen und bleiben in der Erinnerung ein stiller Glanz. 

Sich so ähnlich sein

wie ein Herbstblatt dem anderen

welch ein großes Glück!
—-

Günter 1979




Der Sommer war ein schwerer. Ständig lagen Gewitter in der Luft, es war schwülheiß, die Luft stand auf den Straßen, zwischen den Plattenbauten. Nur am Waldrand war es erträglich. Weiter oben am Berg wehte immer eine leichte Brise. 

EyHohannableib doch ma  ftehen…!“ Günter strahlte wie ein dreckiger Eimer in seinem Kinderlächeln. Etwas zerzaust sah er ja immer aus. Sein schwarzer Lodenmantel labberte um seine Knöchel und die graumelierten Locken standen unordentlich vom Kopf ab. Sein schlecht rasiertes Gesicht erinnert an das eineHush Puppies. Irgendwie wirkte Günter immer etwas traurig, oft ging er mit hängendem Kopf und Schultern durch die Straßen. Er war eine bekannte Figur in der Kleinstadt, jeder kannte Günter. Die Kinder wussten, dass er harmlos war. Er war schließlich selbst wie ein Kind, nur ein großes, inzwischen gealtertes. Mit Sorgenfalten rechts und links am Mund. Eben jenen traurigen Dackelaugen, dunkel und verschleiert. Das J“  vom Namen Johanna konnte Günter nicht richtig aussprechen. Überhaupt klang seine Sprache, als hätte er immerfort den Mund voller Murmeln. Irgendwie, das wusste jedes Kind hier, hing das mit der eigentümlichen Behinderung  zusammen, die Günter zu dem machte, was er war. 


Johanna war gerade zurückgekommen von einem langen Waldspaziergang. Fröhlich hüpfte sie die Straße entlang, ihre langen Haare schwangen hinter ihr her.  Als sie ihren Namen rufen hörte, sah sie Günter am Waldrand stehen. Sie wollte zum Spielplatz, doch manchmal konnte es lustig sein, Günter zu treffen und mit ihm zu sprechen. Er wusste immer etwas Interessantes zu erzählen. Manchmal verstand sie etwas nicht, dann musste sie nachfragen. Aufgeregt wühlte sich Günter in seinen eh schon wilden Locken herum. „Muff Dir was erfählen“, begann er. Johanna lachte. „Hey, Günter! Alles klar bei Dir? Entspann Dich mal! Was ist los, warum bist Du denn so aufgeregt?“ 

„Da hinten…der Mann!“ schrie Günter aufgeregt und zeigte mit dem ausgetreckten Arm in die nördliche Richtung am Waldrand. Sie sah die Schnauze eines dunkelroten VW Jettahervorragen aus dem Wald. 


„Komm, Günter, zeig mir mal, was da los ist“, flüsterte Johanna und nahm Günters Hand. „Aber sei leise, hörst Du? Dort drin darf man nicht parken. Ich will sehen, was da los ist. Wir müssen leise sein, wie die Indianer!“ 

Von Johannas Erklärungen reagierte Günter einzig und allein auf das Wort „Indianer“. Klappmesserartig schnappte erzusammen und watschelte ohne einen Laut zu verursachen durch den Wald. Hätten sie nicht leise sein müssen, hätte Johanna laut gelacht. Es sah einfach zu drollig aus, wie Günter durch den Wald krabbelte und sein Lodenmantel hinter ihm im Laub herschleifte. Johanna grinste und folgte Günter, so leise sie konnte. Als ein kleiner Zweig unter ihren Füßen zerbrach, drehte Günter sich zu ihr um und zischte leise, mit an die Lippen gelegtem Zeigefinger: „Pssssst…….!

Schließlich hatten sie sich an die Stelle im Wald, an der das Auto verbotenerweise geparkt wurde, auf beinahe hundert Meter herangepirscht. Johanna machte Günter ein Zeichen mit der Hand, damit er stehenblieb. Langsam und vorsichtig schlich sie sich durch niedrige Sträucher hindurch näher an den Platz heran. Sie sah einen Mann, der bereits fünfMüllsäcke voll mit Strauch- Gras und Baumschnitt auf die kleine Lichtung auf dem Platz befördert hatte. Immer wieder drehte er sich um und vergewisserte sich, dass niemand ihn sah. Schließlich klappte er den Deckel seines Kofferraums zu, stieg in das Auto und verließ den Wald mit holpernden Reifen über einen Waldweg. 

Blind vor Wut rannte Johanna zurück zu Günter. Äste verfingen sich in ihrem Haar. Sie schürfte sich das linke Bein auf, Blut lief an ihrer Wade herab, sie spürte es nicht. Sie hätte in diesem Augenblick jemanden umbringen können. So wütend war Johanna.

Günter sah Johannas Zustand und nahm ihre Hände. „Was iftdenn, Hohanna?“ Fragte er besorgt und streichelte ihre Hände, die sie zu Fäusten geballt hatte. „Komm…“, bat Günter sie, sich hinzusetzen. Heulend vor Wut sackte Johanna am Stamm einer Kiefer herab. Fragend sah Günter sie an.

„Dieses verdammte Arschloch!“, brach es aus Johanna hervor. ,Das ist das größte Arschloch hier in dieser Scheiß-Vorstadt!“ schrie Johanna und drohte, die Kiefer mit den Fäusten zu bearbeiten. „Sei doch ruhig! Bitte beruhige Dich! Hohanna!“, rief Günter verzweifelt und fasste Johanna an den Schultern, schüttelte sie wie einen Apfelbaum, bis sie zu sich kam. 

Sie holte tief Luft. „…der hat meine Eltern Schweine genannt! Das ist der ekelhafteste Vorstadtspießer, den Du Dir nur vorstellen kannst! Der hat es gewagt, sie Schweine zu nennen, weil sie abends auf ihrer Terrasse saßen und ich Gitarre spielte. Das war ihm zu laut! Dieses blöde Arschloch! Johanna war puterrot angelaufen. Sie umkrampfte Günters Arme wie Schraubstöcke. Langsam und vorsichtig löste er ihre Hände. 

Hohanna…“, begann er leise. „Hohanna, es gibt böse Menschen. Das weißt Du doch. Ich, Günter, weiß das auch…ich sage Dir: beruhige Dich. Du weißt jetzt ein Geheimnis über ihn. Du weißt nun, dass er böse ist. Man darf nicht Müll in den Wald kippen! Plastik vergeht nicht! Hohanna! Der ist böse, der Mann!“ Johanna hörte durch den Nebel ihrer Wut die Dringlichkeit in Günters Worten. Er sah sie flehend an, als wolle er noch viel mehr sagen. Sie bemühte sich um eine ruhige Atmung. Das hatte Johanna im autogenen Training gelernt. Sie sah Günter an: „Ich bin schon wieder ruhig. Entschuldige, ich wollte Dir keine Angst machen, Günter…“

Boah…“. Günter bekam große staunende Augen. „Hohanna, kannst Du aber wütend werden! Da muss ich Angst haben vor Dir!“ Johanna lachte wieder, das Gesicht noch fleckig und rot von der hochkochenden Wut. „Nein, Günter,ich bin nicht wütend auf Dich. Es ist so…es ist so ungerecht, das ist es! Ich hasse Ungerechtigkeit, Günter! Unser Nachbar ist ein Arschloch, ein Sackarsch ist das. Ich will ihm seine blöde Schubkarre am liebsten irgendwo reinrammen..!“  Hohanna, sowas könntest Du?“ Günters Mundwinkel verzogen sich angstvoll nach unten. „Ich weiß nicht…“ Johanna hatte sich einen kleinen Ast genommen und balancierte einen Tannenzapfen auf ihm. „Kannst Du auf einem Grashalm pfeifen?“ fragte sie. Erstaunt sah Günter sie an. „Hä?“, fragte er und lachte laut. „Hohanna, Du bist komisch, Du sagst komische Sachen, gerade warst Du auch noch total sauer!“ 

„Ich bin noch total sauer“. Sie war aufgestanden und zupfte sich Ästchen aus den Haaren, die sich beim Rennen durch den Wald darin verfangen hatten. „Ich werde das nicht vergessen. Niemals werde ich das vergessen. Jedesmal, wenn der Typ mir begegnet, werde ich etwas über ihn wissen, was er niemals ahnen würde. Das ist schon eine Genugtuung. Dass ich jetzt weiß, was er für eine Umweltsau ist, so ein….“ Günter legte einen Zeigefinger an Johannas Lippen. „Schsch….jetzt ist gut, Hohanna. Du machst das so, wie das richtig für Dich ist. Er wird dafür bezahlen.“ Günter lächelte geheimnisvoll. „Leben macht das…“, flüsterte er leise. „das Leben macht dich gleich mit allem. Irgendwann macht es das. Jeden Tag ein bisschen mehr…komm, gehen wir.“ Er nahm Johannas Hand, dann gingen sie Richtung Spielplatz. Später, zu Hause angekommen, erzählte Johanna ihren Eltern von dem Vorfall im Wald. Sie beschlossen im gemeinsamen Familienrat, keine Anzeige gegen den wild seinen Müll entsorgenden Nachbarn zu erstatten. Doch von da ab, konnten sie den Anfeindungen des Nachbarn wesentlich entspannter gegenüberstehen. „Hat das außer Dir noch jemand beobachtet?“, fragte ihre Mutter.

„Ja, ich hab‘ Günter getroffen, er hat mich darauf aufmerksam gemacht.“ 

Johanna dachte an den heutigen Nachmittag, die tiefen Sonnenstrahlen und an den Wald, wie er geduftet hatte. Sie spürte noch einmal die Wut in sich steigen wie kochende rote Schlieren vor Augen, als sie an die schwarzen Müllsäcke dachte und überlegte, wie man sie dort wieder wegbekäme. Sie dachte an Günter und daran, wie er auf ihren Zorn reagiert hatte. Angstvoll. Jetzt tat ihr das sehr leid. „Ich habe Günter Angst gemacht, Mama.“ „Hast Du sehr viele Schimpfwörter benützt?, fragte ihre Mutter sorgenvoll. „Einige…“, gab Johanna betreten zu. „Hast Du Bäume vertrimmt?“ „Nein!“ rief Johanna empört und dann kleinlauter: „Aber fast….Günter hat mich davon abgehalten.“ „Johanna, Günter ist eine arme Seele…sei mal lieber nett zu ihm, er hat ein einsames Leben, weißt Du ja.“ Johanna lächelte. Das wusste sie besser.


Take Five

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Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

Namur – Löwisch

Zur Erklärung:
Ich bin Lesemutter und begleite seit einigen Jahren Kinder ehrenamtlich literarisch.
Dabei lerne ich viele Kinder kennen.
Namur gibt es tatsächlich.
Sie hat mich tief beeindruckt, in ihrem Natural Born-Stolz auf ihr Land Ghana.
Jetzt wird Namur auf der weiterführenden Schule sein.
Doch ihren Spirit gab und ließ sie in meinem Herzen zurück.
Diese Geschichte ist fiktiv.
Doch Namur ist real.
In dieser Geschichte fließt zusammen, was ich mit Kindern erleben darf und ich widme sie meiner Tochter Naomi.

Naomi: Du wirst eines Tages verstehen, warum, kleine Maus.

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Namur ruft quer über den Hof:: Hey, Du! Frau Lesemutter, bleib mal stehen, hast Du Zeit?
Ich komme gerade von der Post, habe Päckchen zum Versand gebracht und schiebe nun meinen Trekker-Packesel gemütlich über den Schulhof, über den ich schon als Grundschülerin ging, über den mein Sohn als Grundschüler lief, und nun ich wieder, wie immer.
Heute ist keine Lesestunde, es ist die große Pause.
Namur dreht an einer ihrer gefühlt 1000 Zöpfchen, mit denen ihre Mutter die krausen wilden Haare bändigt. Jedes Zöpfchen endet mit einer bunten Schleife. Namur zerrt an einer dunkelblauen herum.
Ich will wissen, ob sie der Zopf ziept und sie verzieht das Gesicht.
Ich frage, ob ich das Ding mal aufdröseln und neu flechten solle, ob sie schon Kopfschmerzen vom Ziepzopf hätte?
Sie schenkt mir ein Perlenlächeln, mindestens 1000 Watt. Das dunkle Gesicht strahlt um die Wette mit den Zähnen.

Namur verbinde ich stets mit diesem Lächeln und ihre schwarzen Augen glühen darin wie Kohlenstückchen oder blank geputzte Taler.
Ich lehne das Fahrrad gegen einen Baum und setze mich auf eine Bank. Namur springt mit einem Riesensatz neben mich und schmiegt ihren Kopf an meine Schulter wie eine Tochter. Ich staune immer wieder über das grenzenlose Vertrauen, das mir diese kleine Ghanaerin entgegenbringt, einfach so.
Ich bitte Namur, mir das Ziepzöpfchen zu zeigen und sie fischt einen Zopf mit einer roten Schleife heraus.
Vorsichtig drösele ich den Zopf auf und lasse ein paar beiläufige Bemerkungen fallen über den Fluch und Segen dicker, fester und obendrein krauser Haare.
Namur ist stolz auf ihr Haar. Sie sagt das auch, aber nur so, weil sie Lust dazu hat. Das hat sie mir einmal erzählt, frei und offen.
Jetzt, während ich entwirre und neu flechte, spricht sie von Samira. Das ist ihre algerische Freundin aus der Parallelklasse. Dass Samira nun eine neue beste Freundin hätte. Nein, das sei nicht mehr sie, Namur, obwohl ihre Freundschaft mit Samira viel älter sei als die mit der Neuen.
Ich flechte weiter, schweigend, vorsichtig.

Namur erzählt, dass sie versucht hat, Samira zurückzugewinnen, als diese plötzlich nur noch Zeit mit dem anderen Mädchen verbringt. Sie sagt, sie habe sogar für eine Verabredung zwei Stunden lang in der Kälte draußen gestanden und gewartet, doch Samira sei nicht gekommen.
Sie habe ihr einen Brief geschrieben und ihr heimlich in den Turni, in die Federmappe gelegt.
Ich frage, was drin stand im Brief.
Namur überlegt einen Moment, als müsse sie erst den genauen Wortlaut erinnern, doch dann legt sie los: Liebe Samira, ich, Deine Freundin Namur aus Ghana, verstehe Dich nicht mehr. Warum findest Du mich plötzlich scheiße und kommst nicht, wenn wir uns treffen wollen? Warum sprichst Du nicht mehr mit mir? Ich bin echt so traurig. Deine Dich innigst liebende Freundin Namur aus Ghana. Sie sagt, sie habe mit Jaxon-Kreide ein rosa Herz um alles gemalt und noch ein paar Glitzersticker. Draufgeklebt, Rosen und so. Und noch ihren Lieblingskaugummi.
Ich grinse, zum Glück sieht Namur mich nicht, weil ich hinter ihr sitze. Ich wickele die rote Schleife um das Zöpfchen. Das Band ist sehr kurz, Namurs Mama kann das besser als ich, sag ich Namur und frage sie, ob sie echt ‚Deine Dich innigst liebende ‚ geschrieben hätte.
Sie nickt so euphorisch, dass mir der Zopf aus den Händen gleitet und ich noch einmal nachflechten und das Band neu binden muss.
Dann wird sie still und ihre Schultern sinken nach vorn.
Ich frage Namur, ob sie glaubt, wirklich alles nur Erdenkliche, in ihren Kräften Stehende getan hätte, um Samira zurückzugewinnen.
Nun sehe ich Namur erbeben, das Kind ist in den Grundfesten erschüttert und endlich heult sie Sturzbäche los.
Das dauert fünf Minuten, wie ein Schlagregen, dann schüttelt sie sich wie ein junger Hund, dass die Tränen nur so fliegen und schreit stolz, dass niemand auf der weiten großen Welt das Recht hätte, ihr, Namur aus Ghana, Afrika die Freundschaft abzulehnen und dass sie die neue Freundin von Samira richtig kacke fände, so eingebildet wie die wäre.
Nach diesem Gefühlsausbruch sinkt Namur wieder in sich zusammen und erstarrt wie ein Denkmal der Verschlossenheit selbst.
Ich sage ihr, dass sie alles getan hätte und mit allem wie eine Löwin gekämpft hätte um Samira. Dass eine neue Freundin erst mal ganz schön neu und spannend sei.
Namur ist nicht einverstanden mit meiner Antwort und sagt, ich wüsste überhaupt nichts über dieses Mädchen. Ich frage daraufhin, wie viel sie denn über die andere wüsste und ob sie schon mal versucht hätte, zu dritt etwas zu machen.
Ja, sagte Namur, das hätte sie auch versucht, doch das andere Mädchen sei auch Algerierin, so, wie Samira.
Ich flechte den Zopf zu Ende und überlege, was und wie ich Namur raten könne.
Sie dreht sich zu mir um und sieht mich fragend an. Ich frage sie, was ihr an Samira so gut gefiele?
Namur überlegt, einen Zeigefinger an ihr Kinn gelegt und sagt, es sei, weil Samira ihr so ähnlich sei.
Ich kenne Samira. Sie ist ein sehr stilles, schüchternes Mädchen, ernst, mit einem großen Ehrgeiz, eher vorsichtig und skeptisch.
Ich frage Namur, worin sie sich ähnlich wie Samira fühle. Namur sprudelt sofort los:
Samira fände die gleichen Songs gut wie sie, Namur.
Hat Samira dir das gesagt, dass sie die gleiche Musik gut findet wie du?
Nein, so sei es nicht gewesen, korrigiert mich Namur, vielmehr habe Samira alle Lieder gut gefunden, die Namur ihr vorspielte.
Ich will wissen, ob sie auch Samiras Musik möge?
Nö, meint Namur, darum hätte sie Samira auch alle ihre gute Musik vorgespielt und Samira hätte alles gut gefunden.
Ich will weiter wissen, ob das bei Spielen auch so gewesen sei. Ob sie auch mal nach Samiras Vorgaben miteinander gespielt hätten?
Namur verneint, meistens sei sie die mit den guten Ideen gewesen.
Ob sie mal Samira gefragt hätte, ob die Namurs Idee auch gut gefunden hätte?
Nö, sagt Namur, das sei doch nicht nötig gewesen.
Oh, oh…
kommt es vielsagend von mir.

Namur schweigt, sieht mich an.
Es vergehen zwei Minuten, dann sind es schondrei.
Schön sängen die Vögel heute, teile ich Namur freundlich mit und dass es überhaupt schönes Wetter sei, ein herrlicher Tag.
Namur sagt, ich sei komisch und stellt sich in stillem Protest vor mich hin, doch ich lächele sie einfach nur an.
Denk doch mal selber nach, sage ich ihr dann, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.
Da lacht sie schon wieder, doch ernster und sagt, sie verstehe nicht, wie ich das meinte.

Was wünscht du dir von Samira?
Frage ich Namur.
Sie denkt eine Weile nach und sagt, dass es Zeit sei, gemeinsame.
Dass sie wieder ihre Freundin sei, wünschte sie sich.
Ich frage Namur noch einmal, ob sie wirklich glaube alles getan zu haben für Samira?
Namur bejaht.
Dann sei es gut, sage ich.
Samira habe immer mit ihr, Namur gespielt. Sie habe sogar in Kauf genommen, dass Namur immer bestimmen wollte und ihre Musik nicht gut fand, nur ihre eigene. Namurs Musik.
Und nun sei da jemand, der vielleicht Samira genauso mag wie sie ist, auch ihre Musik mag und ihre Spielvorschläge, sie vielleicht sogar bittet, dass Samira bestimmen darf.
Ich sage Namur, ich wüsste dies natürlich alles nicht, doch es könne ein Grund sein für Samiras Rückzug.
Manchmal, sage ich Namur, der ghanaischen Stolzen, ist Liebe zu innig, so dass der andere nicht mehr atmen kann, vor allem, wenn zwei so unterschiedlich sind, wie Samira und du.
Die eine ist ruhig und die andere ein Irrwisch, ein starker obendrein.
Namur hat ein Löwenherz und Löwen wollen bestimmen.
Sie fragt mich, ob sie alles kaputt gemacht habe, nun, weil sie zu löwisch war.

Ich frage Namur, wie lange sie denn mit Samira befreundet ist.
Sie rechnet mit den langen Fingern: fünf Jahre.
Ich lache laut und frage sie, worum sie sich dann sorgte?
Ich sage ihr, sie solle freundlich zu Samira sein, ihr Zeit lassen, über die neue Freundin nichts Böses sagen und abwarten wie die alten Ägypter am Nil auf die Flut.
Sie solle ihren Stolz im Herzen tragen wie ein Löwe, doch gleichzeitig bescheiden sein und anmutig wie eine Antilope.
Das ist ganz nach Namurs Geschmack, damit kann sie etwas anfangen.
Sie sagt, dass es schwer und traurig ist ohne Samira, die sie vermisst und ich rate ihr, auf andere zuzugehen.
Wenn ich keine anderen Freunde finden kann?
Namur sitzt in Notlandeposition auf der Bank und dreht Zöpfchen.
Es liegt doch an dir, ob und wie du dirFreunde findest, sage ich Namur und ziehe ihren Kopf an den Zöpfchen wieder hoch.
Du hast viel zu geben, sage ich ihr und dass ich losmüsse.
Ich frage sie, ob sie Lust hätte, einen uralten Fritzchenschulwitz zu hören.
Alle Kinder in diesem Alter sind wie gekniffen auf Witze.
Auch Namur bildet keine Ausnahme und nickt begeistert.
Ich erzähle:
Fritzchen kommt zu spät in den Unterricht.
Die Lehrerin möchte wissen, wieso er sich verspätet hat.
Fritzchen sagt:’Ich musste erst einer alten blinden Dame über die Straße helfen‘
‚Wie löblich, Fritzchen! Und das dauerte so lange?‘, fragt die Lehrerin erstaunt.
‚Ja, antwortet Fritzchen, ‚die wollte doch gar nicht über die Straße…‘

Namur braucht einen Moment, doch dann begreift sie, ich weiß nicht wieviel, sie lacht, doch mit ernsten Augen, und die Schulglocke läutet und dann springt Namur, mir noch einmal zuwinkend, davon – wie eine Antilope.

Aus aktuellem Anlass: Peshawars Kinder

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Liebe Blogleser,

Gestern erschossen in Peshawar, Pakistan an einer vom Militär geführten Schule
sechs radikal-islamistische Taliban-Attentäter hundertvierzig Menschen, darunter hundertzweiunddreißig pakistanische Schulkinder, zuvor nahmen sie 500 Geiseln.
Sie rechtfertigen ihren Terrorakt damit, dass auch talibanische Familien unter den Angriffen zu leiden gehabt hätten, dass der Feind den Schmerz auch zu spüren bekommen sollte. Ein solches Argument kommt von erwachsenen Menschen, die selbst Kinder haben, die selbst wissen, wie bitter und untröstlich der Verlust eines Kindes ist.
So etwas in der heutigen Zeit, nach 500 Jahren mit Glaubenskriegen, Kreuzzügen, heute wie damals, die Menschheit stehengeblieben im tiefsten Mittelalter.
Es ist so traurig.
Ich habe versucht, Worte zu finden, doch das Ausmaß der Katastrophe ist wie stets zu groß, um angemessene Worte finden zu können.
Ich fand nur meine…

Ich empfinde tiefstes Mitgefühl und Respekt für die Angehörigen und Familien der Opfer dieses Terroraktes.
Er ist unentschuldbar.

Die Karfunkelfee

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Hundertvierzig tot,
pakistanische Hoffnungen
durch sechsmal radikal-islamistischen Wahnsinn
allein hundertzweiunddreißig
Kinder sterben
im Maschinengewehrfeuer
im unmenschlich gnadenlosen
Größenwahn
wie vorgeführte Schlachttiere.

Schulkinder
büßen für den Angriff ihres Volkes auf talibanische Familien mit ihrem Leben.
Diese selbst Kinder haben.
Diese selbst wissen,
was Kinder bedeuten.
Die jede vergebliche Hoffnung
auf eine Verständigung
zur Schlachtbank führen.

Dem Widerstand
gegen die ÜberAllmacht des Terrors
im Namen Allahs,
Auge um Sure,
Zahn um Scharia
alttestamentarisch,
sich keiner Reue bewusst,
wird despotisch
der Garaus gemacht.

Wer traut sich noch
im Büßergewand nach Mekka zu pilgern,
während neben ihm
der schwarz vermummte Taliban-Terror
mit Waffe und Paradies droht?
Wer es wagt, dabei nicht den richtigen Namen sagt,
ist sowieso bald tot
im Namen der
ungläubigen Freiheit.

Die Toten, die vielen Kinder schreien gellend weiter,
nichts bringt sie jetzt noch
zum Verstummen.
Unter Peshawars blutigem Feuerschein,
inmitten der versteinerten Herzen, keine Reue, kein Trost,
nur das feige Vermummen.

Nur das blanke Leid,
das bleibt, schwärt, eitert, geifert weiter fort,
gärt in den Straßen
von Mord zu Selbstmord,
im Hassen und Wiederhassen
sucht sich vergebens
ein Trost, eine Einsicht, ein Frieden,
an diesem armen wunden Ort.