Edgar Allan Poe und die Hoffnung

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Ich nahm deinen schweren bewegungslosen Körper auf die Arme wie ein altes geliebtes Kind. Brach mir fast das Rückrat, so schwer warst du auf dem letzten Weg. Ich hörte dir genau zu, doch ich konnte noch nicht genügend Vokabeln deiner fremden Sprache, um alles verstehen zu können, was du sangst, obwohl ich deine Sprache täglich übte.
Meiner Sprache warst du nicht mächtig oder wolltest sie nicht lernen, darum wünschte ich mir, die deine zu lernen, damit es leichter für uns würde miteinander zu singen.
Wie sehr hatte ich mich auf die Zukunft mit dir gefreut!
Zuletzt sangst du nur noch sehr leise. Deine geliebte Stimme wurde zu meinem Atem und stieg auf, wurde Gleichgültigkeit in klarer kalter Luft.

Du kamst verrückt und müde vor lauter Ansprüchen und Erwartungen bei mir an. Die Leistungsmentalität hatte dich im Hamsterrad der Alltage überkonditioniert, die Oberflächlichkeiten von dir Besitz ergriffen, die Angst hatte dich im Schwitzkasten der Gefühle gequetscht, bis du beinahe dran ersticktest, du warst voller Vourteil, Unsicherheit, Misstrauen und Zweifel. Sie hatten dich gründlich vergiftet. So war alle Pflege und alles Wissen, das ich lernte, um mehr über das, was dir fehlte zu erfahren, am Ende doch nicht genug gewesen.
Hörtest einfach auf zu leben und schrumpeltest klein und faltig zusammen im Erschlaffen. Wurdest stumpf, verlorst deine Farben. Wurdest spitz, sparrig und steif wie irgendein totes unbeseeltes Ding.
Dabei war das, was von dir übrig blieb, dein einstmals festes Muskelfleisch in der Berührung schwammig und widerstandslos geworden.
Es ist schwer für mich, etwas zu verlieren, das so lebendig war wie du.
Gefunden zu werden, nur um als Sterbebegleitung noch einen letzten Menschenjob zu machen für etwas Unsterbliches, das zuletzt in dummen Sprüchen und Lügen immer sterblicher wurde.
Doch was lebt, vergeht, schafft Platz für das Junge, Nachkommende.
So ist das Gesetz.
Ich lege dich geschützt, mit allem versorgt, in eine dunkle Höhle und ziehe Blumen dran hoch. Dort findet dich niemand, kann dir niemand mehr etwas zuleide tun.
Ab und zu werde ich dein Grab besuchen.
Ich kann Edgar Allan Poe verstehen. Seine größte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Kann es etwas Schlimmeres geben als lebendig begraben und schließlich vergessen zu werden, während du im Dunkeln stirbst?
Darum suchte ich einen Ort an den Licht und Luft kommen und er ist so, dass du ihn jederzeit wieder verlassen könntest.
Eine Reminiszenz an E.A.Poe, dich und die Idee des Überlebenswillens schlechthin, um optimistisch bleiben zu wollen.

Du bist von mir gegangen. Ich gab dir sogar Menschennamen. Nun ruhst du in Frieden, welch Schicksal dir auch beschieden sei und ich, die dir treu und glücklich diente, bis du starbst, bin frei.

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Mauerfall

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Ich dachte an all die Zerwürfnisse, die Schweigezeiten, all die verschenkten Jahre, die wir uns damit aufhielten, menschlich zu sein, beleidigt, zornig und unversöhnt.
Vieles kam nach oben.
Das Glück der letzten Zeit, das Schlüssel-Gespräch, in dem ich am Ende aller Vorwürfe, der unausgesprochenen Erwartungen in den stillen Hörer, in die sich atmosphärisch überlagernden Interferenzen hinein fragte, eher generell und nicht direkt an dich gewandt:
Wieviel Zeit haben wir?
Wieviel Zeit im Leben halten wir uns auf mit unseren albernen Menschlichkeiten?
Wie lange wollen wir uns noch einander verweigern, obwohl wir wissen, was wir aneinander sind und haben?
Wie lange noch?
Ich verstehe das alles nicht!

Danach war ein paar Tage Schweigen, denn keiner von uns beiden war in der Lage, auf die Fragen eine gute Antwort zu finden.
Sie hallten in unseren Köpfen, unterzeichneten Visa, Asylbewerbungen und Ausreisegenehmigungen, sprachen sich mit der anderen Regierung in heimlichen Telefongesprächen ab und öffneten in Abstimmung mit dem gemeinen Volk und Bürgern, endlich, nach vielen Jahren der Trennung eines Reiches, die Türen in der Grenzmauer.
Nicht ein Steinchen taumelte in schwerstem Fall oder brach Löcher in Fundamente, niemand wurde gejagt und auf der Flucht vor sich selbst standesrechtlicherschossen. Wo die Minen lagen, wurde verraten. Das Niemandsland durchquerte jeder und jeder wurde mit jedem bekannt und es trafen sich umarmend Familien und geliebte Verwandte.
Die andere Seite war vertrauenswürdig geworden.
Du sagtest lachend in einem Gespräch, in dem wir über unsere gemeinsame Liebe Berlin philosophierten, mein Ulbricht- Bild ergänzend um unsere eigene Wahrheit:
Es ist nie unsere Absicht gewesen, eine Mauer zu errichten.
Danach haben wir den alten parteiischen Brief einfach zerrissen.

Im Wasser der Worte

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klickmichgroß…

Sätze gebildet
wie Wasser
aus ungesehenen Nebeltropfen
bilden alphabetische Rinnsale,
schlagen Wege ein,
geduldig in den Stein,
Tropfen um Tropfen
bis zum Meer
die Wasser der Worte
von der Sonne erwärmt.
Sieh nur,
wie das Wasser
in Myriaden schäumend
als feiner weißer Schleier
über den Wellen
schwebt

Inspirationsquelle:

http://www.dannysahs.com/linien/2015/01#comment-98

Die Karfunkelfee bedankt sich herzlich bei dannysahs.

Aus den Dialogübungen – Use me (zwei Künstler)

Dialogübung:
Use me – Zwei Künstler

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A: Was geht mich der Mensch dahinter an? Ich will Fleisch sehen, ich kenn die Theorie und ich habe studiert. Ich bin sachverständig und lese Publikationen und Präsentationen.
Alles Selbstdarsteller, jeder benutzt den andern, um schöner zu schillern, ist doch zum Kotzen, oder?

B: Ich gebe dir Recht. Das ist wohl oft der Fall. Die Menschen lassen sich ungern ihre Selbstdarstellermasken vom Gesicht nehmen, weil sie Angst haben, der andere könnte etwas sehen, dass sie weniger schön schillern lässt.
Doch auf der anderen Seite sind wir alle Selbstdarsteller, sobald wir nach außen treten in dem, was wir tun.

A: Das sehe ich anders. Ich mache meine Kunst und schütze mein Menschliches, obwohl ich offen bin. Diese Verantwortung habe ich mir selbst gegenüber. Du weißt schon, der Mensch, der alles offen legt verliert für den anderen seine Faszination.
Darum soll Kunst unergründlich sein und nicht hinterfragt werden dürfen.

B: ich glaube, wir sind unterschiedlich ausgerichtet sowohl in unserer Intention wie auch Interpretation von Kunst.
Ich brauche den Austausch auch auf einer menschlichen Ebene, gehe auf Augenhöhe mit Groß und Klein und schere mich einen Teufel um Theorien, lerne, was mir wichtig erscheint, hinterfrage mein theoretisches Wissen in der Praxis der Kommunikation mit anderen und lasse mir ein Bild zurücksenden, das mir hilft, meine Erinnerung an mich zu vervollständigen, ein Rundumbild zu schaffen und aus diesem fühlenden Gedanken entsteht etwas Neues, eine Reflektion, die gegenwärtiger, aktueller, chronistischer am lebendigen pochenden Zeitpuls gefühlt, nicht sein könnte.
Die andere Seite schafft Kunst aus angesammelten erlernten Wissen, täglicher Übung, täglichen Zweifels, ob es gut genug in meinen Augen sei, denn dieses ist der Ausdruck meines innersten Spiegels, in dem nur ich selbst mich sehen kann.
Du siehst, es gibt unterschiedliche Weise, Ausdruck werden zu wollen.
Monolog und Dialog.

A: Statements, alles Statements! Wie willst du wissen, ob und wie du die richtigen Menschen und Inspiration finden kannst?
Ich weiß, was ich habe und kann, es soll mir genügen, ich lern von Größeren als mir oder dir. Das andere ist doch unwichtiges Geplapper.

B: ist es nicht egal, was es ist? Ich handele nach Gefühl. So einfach. Ich lass mich lenken, ich nehm die Meinungen und sortiere sie.

A: du benutzt andere!

B: Mit jeder Kunst, die mich stehenbleiben lässt, innehalten lässt, gehe ich in einen inneren Dialog.
Manches erfasst und berührt mich still und glücklich, oder es ergreift mich. Anderes macht mich betroffen, ärgert mich, ich frag mich dann wieso, bis ich es weiß und wieder anderes verunsichert mich, bewegt, ängstigt mich, wirft Zweifel oder Fragen auf.
Mit der Kunst der toten Künstler bin ich so allein wie Joseph Beuys mit dem toten Hasen, als er diesem vor allen anderen die Bilder zeigte und erklärte.
So allein wie ein Edward-Hopper-Haus, verlassen vom wilden Westen im letzten Abendsonnenschein der Gemeinschaft, die gegangen ist in ihren Spuren.
Dann suche ich sie wieder, die lebendigen atmenden Menschen hinter all ihrer Kunst und ich mache mich für sie auch offen, damit verwundbar.
Das ist der Preis der Authentizität, der ich mich in meiner Verantwortung der Kunst gegenüber, verpflichtet und ausgeliefert habe.
Mehrdimensionalität und Flexibilität sind hehre Ziele am fernen Horizont.
Doch ich will mich lohnen.
Fürs Leben, für dich, für alle!
Danke.
Für das Gespräch.
Die Offenheit, den Austausch. Ich werde sehen, was ich lernen kann von dir.
Eine schöne Weise, jemanden zu benutzen, was meinst du dazu?

Als seist Du gerade erst gegangen

Für Mieke

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Diese Zeit jetzt, in der du näher bist als sonst
noch einmal so wie immer für mich sein solltest: glücklich, jung und von Spaniens Sonne gebräunt, mit strahlenden Augen, unter all deinem Schmerz, dem Unverstandensein, inmitten der brüchigen Knochen, deiner Schönheit, in unzähligen Fältchen und Linien aufgebrochen, wie ein aus Unachtsamkeit zerknittertes zartes Pergamentpapier, habe ich um dich gekämpft, als das Leben deine letzte Kraft aufzehrte, habe ich dir Liebe pur wie vergebliche Bluttransfusionen gegeben. doch das Leben schluckte dich einfach weg.

Verloren, doch gewonnen in unseren letzten Gesprächen, die uns rechtzeitig genug erkennen ließen wer wir wirklich waren füreinander, was es bedeutete und waren stumm, weil es so groß und so schön war, alles Menschliche zwischen uns überstrahlte wie ein ewiges Licht.
Zuletzt war das Leuchten in deinen Augen nicht mehr da. Ich wusste, ab diesem Moment beginnt die Uhr zu ticken, die die Lebensfarben blasst, die schwindende Energie in zehn Jacken übereinander zieht, um die Ahnung einer kommenden Kälte irgendwie zu kaschieren.
Wir lasen uns Saint-Exupéry vor, weil der kleine Prinz so wie meines auch deines war, tief geliebte Philosophie der einsamen Sternwächter, die wir sind.

Natürlich denke ich an dich, wie könnte es anders sein?
In den glücklichen Tagen singst du mit mir, in den schlechten finde ich Fragmente deines Duftes in den wehenden Gardinen am Fenster und spüre deinen Trost, deine ferne Nähe, als seist du gerade erst gegangen.

Wochenbeginn

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1.
Die Woche beginnt mit dem Schulbus
der die bunten Kinder auf die Straße ausgießt
die mitten aus dem Sprung
losrennen in dieselbe Richtung
mit aller Kraft
schwere Schultaschen auf Rücken wippen
als wögen sie eine Leichtigkeit
jenseits des Wissens.

2.
Zwei Kinder
während sie Richtung Schule laufen
geben sich Fünf, ein anderes Kind
hält unvermittelt inne, bleibt stehen
sieht in den Himmel hoch
geht noch immer die Sonne auf,
in den Wolken
ihr feinziselierter überheller Lichtlauf.

3.
Die bewegten Kinder
lachend, übermütig, tobend
insgeheim und unbewusst
das Leben selbstverständlich
in jeder unbefangenen, selbstvergessenen Bewegung,
bejahend und lobend.

4.
Beginnt das stehengebliebene Kind zu frieren, steht da
wie eine zusammengepresste
Ziehharmonika
schaut in dunkelgraue Wolken
mit dunkelroten Schlieren
morgenverträumt
mit laufender Nase
die Hände tief in den
Taschen seines Hoodies
vertäut und verknäult.
Schubst ihn ein Freund:
Ey, kommst Du, Mann?
Wartest Du auf den Osterhasen?
Schule fängt an und
wir haben gleich Deutsch.

5.
Zögerlich besinnt sich der andere.
So langsam –
nimmt er den Blick
aus den Wolken zurück,
als müsse er dafür erst
über weite Distanzen reisen,
so langsam –
bewegt er sich
dreht sich um
noch staunend, noch stumm
vom eben Erlebten
als müsse er sich erst zurechtweisen,
zurück ins Hier und Jetztsofort
zurück zu Schule und Freunden.

6.
Für einen Moment jedoch
fand er in den dunkelroten
Sonnenschlieren
den Lichtspuren
sich in dunkelgrauen Wolkenarchitekturen
verlierend
klar strukturiert
wie mit Feuer gezeichnet
einen verborgenen
befriedigenden Sinn und gab sich dem
verträumten Moment hin.
Es ist Wochenbeginn.