Im Nachgang zu Kurt Tucholskys Sonntagmorgengedanken am Sonntag Abend zum Internationalen Weltlachtag. Pressefreiheit war gestern.

Für Birgit
http://saetzeundschaetze.com/2015/05/03/kurt-tucholsky-sonntagmorgen-im-bett/

  
Ochottochott, es ist nicht Sonnabend Abend, sondern ein ein gewöhnlicher Sonntag Abend, die Familie wurde passend zum Internationalen Welt-Lachtag mit guter Laune entertaint und Du hast Recht, wenn Du am heiligen gottgewollten Sonntag mit dem Handwerker Deines Vertrauens wie mit einem Teppichhändler um den Stundenlohn feilscht. Der Typ spinnt, vertrödelt den Morgen im Bett und schaut sich im Fernsehen lieber: Hör mal, wer da hämmert! an, statt endlich seine Bohrmaschine zu bemühen. Unterdessen benennt die Menschheit, nicht klüger geworden als zu Deinen seligen Lebzeiten ihre allgemeine Sprachlosigkeit in die übliche Phrasendrescherei und braucht tatsächlich Erinnerungsdaten, um endlich mal wieder zu lachen. Wo soll das bloß noch hin mit uns allen? Demnächst datieren wir noch internationale Tage zum Weinen, Pipimachen und Jammern, weil wir das sonst auch noch vergessen würden. Ab unter die Bettdecke, wohlig die Knie bis zum Kinn ziehen und auf den Klempner warten, sage ich Dir! Dem Tiger sind die Streifen verrutscht, und ich, ja ich wünsch mir einen Pyjama für zwei, bist Du dabei? Das waren noch Zeiten, mein Lieber! Ach Gottchen, einmal Spionin in Spitzenunterhöschen möchte ich wieder sein, seufze ich Herrn Hauser ins geneigte Ohr, schnappe mir das verruchte granatenrote Spitzenseidenteilchen kurzerhand am Zwickel und lasse es sehnsüchtig am Mittelfingerchen baumeln. Wo war mein Pyjama stehengeblieben? Ah, ja, ich ließ ihn im warmen Bett als Morgenpfand mit dem Versprechen, so alsbald wie möglich wieder in ihn zurückzuschlüpfen, ich wirbelloses Tierchen! Wenn das Tante Alma wüsste, die arme fromme Seele, doch die weiß es lieber nicht! Was für ein Glück ich doch mit meiner Verwandtschaft habe, weit genug fort von mir unanständigen Kreatur im Süden lebend, um keinen Krakeelelefanten machen zu können aus kleinen Zuckmückchen. Ich drehe ihnen frech die lange Nase. Knips doch mal Licht an, der Abend dunkelte schon lange vor der Heide und ich habe ein Blind-Date. Am Sonntag Abend, hier mit Dir, mein Bester. Ach, ja doch, stopf Dir mal ruhig noch Dein Pfeifchen und lächele so verschmitzt wie nur Du es kannst. Jaja, ich hör ja schon auf zu denken, ich sei eine Frau. Die können nicht denken, weiß ich doch. Bitte, sag mir, dass ich kein Mann bin, nur ein einziges Mal, ja bitte? Dann schenk ich Dir auch mein allerschönstes Sonntagslächeln, ganz für Dich allein, Du großer Spötter vor dem Herrn. Ach, Du, ich habe Dich so schrecklich irreversibel gern. Du mich auch? Ab unter die Bett-Decke, dann lachen wir gemeinsam über die ewig gestrige Pressefreiheit und spielen Mau-Mau.

Weil heute nämlich Welt-Lachtag ist und weil ich Dich so furchtbar vermiss.
Und ja. Du hast Recht, ich bin respektlos, gedankenlos obendrein und weiß es schon längst:
Ich arme Sau bin ja doch bloß eine Frau.
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Aus den Dialogübungen – Pong

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Verstand:
ab in die Ecke! Schäm Dich! Du hast schon wieder versucht mich zu hintergehen, Du albernes Hopsding. Bleib gefälligst still stehen, wenn ICH mit Dir spreche.

Herz:
Blubb. Du kannst mich mal…Du pädagogisch unterbelichteter Fachidiot …Blubbblubb…geh doch denken…ey…blubb…schämen ist was für Luschen…blubbblubbblubbpongpingpong…

Verstand:
ich bin das Gesetz, ICH, Dein Verstand und ICH bin absolut, denn ICH stelle die Ordnung wieder her, die DU kaputtgemacht hast mit Deiner Sprunghaftigkeit!
Was kann ich Dich? Ich kann alles mögliche….ich kann noch ganz anders.
Bohnensuppe mit Milch.
Soooo…..eine Woche lang…und jeder Löffelvoll wird liebevoll abgeleckt!

Herz:
Iiiiiiiih Gitt! Das wagst Du nicht! Sowas kocht sie nicht…neverever…

Verstand:
Doch!
Wenn ich ihr nämlich erzähle, dass DU dafür verantwortlich bist, wenn sie nach Schokolade giert und sie zu überfetten droht…

Herz:
das ist eine Lüge! DU verführst sie zum Sublimieren, wenn sie mich nicht anhören soll, weil ich ihr sagen kann, was sie wirklich braucht!
Blubbpongpongpong…

Verstand:
Du erzählst ihr lauter sentimentalen unrealistischen märchenhaften Kinderquatsch und funkst ein Michael- Schanze-Lächeln in ihre Neurotransmitter, Du disrhythmischer übermotivierter Muskelklops..
Hoppfrosch…

Ich hingegen, ihr Verstand…Schwebe als reines Geistwesen analytisch objektiv und erwachsen über allem drüber…und erleuchte sie von tief innendrinnen…jaaa…

Herz:
Du überbelichtest sie höchstens, Du neurotischer Kleinhirnanalytiker, Korinthenkacker-Blubbblubb…
Klugscheißer-Verstand, -pongblubb-
setz mal vor -erwachsen noch ein ‚v’…wie…verwachsen…
Du alter Waldschrat, Blubb!
Du…Du… Randfichtenwichtel…
blubbblubbpongpongpong…
Du vergisst etwas:
Nur die Kinder sehen das Himmelreich…
die seligen…
pingpongblubb…
Duuuu…
kommst nämlich in die Hölle-Blubbblubb…
Ätschibätschiblubbpong…
…zu Dostojewskis Dämonischen, in diesem knochentrockenen Haufen Analytiker, mit denen kannst Du dann über Sinn, Unsinn und Nosferatu mit Klaus Kinski weiterdiskutieren…
pongpongpongpong…
aber ich…
blubbblubb…
…tanze währenddessen
mit ihrer Seele Tango auf Tuchfühlung…
Du siehst mich also herzlichblubb!…
…Lächeln..
.blubb blubb…
Peng.

Verstand:
hahaha…jetzt holperst Du los, hab‘ ich Dich aus dem Takt gebracht, was?
Hab ich Dich erwischt,
Du alte Rappelkiste…

Herz:
Verstand, du dumminanter Herzzüchtiger!
Wenn ich stehenbleibe, wegen Dir,
weil Du fies bist und mir Brechmittel wie Bohnensuppe mit Milch reinzwingst, bekomme ich mein Registrierkassensyndrom und dann mach ich eine kleine Pause-
bis Du blau wirst, na?
Wie klingt das für Dich?
Blubb.

Verstand:
Ich hasse Dich dafür, dass Du das kannst…?

Herz:
du bist bloß der Verstand,
Du kannst ja gar nicht hassen.
Blubb. Pong.
Aber dass ich Dich dazu bringe,
dass Du immer wieder denkst das zu können-
Dafür liebe ich Dich.
Ich kann das nämlich.
Blubb.
Ping.
Pong.

Zeitgeschenke

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Unerwartetes kleines Glück, das einen grauen, bis ins Mark vernünftig zementierten Alltag aufweicht in seinen statischen Strukturen.
Mit einem Song aus Licht, einem feurig gezeichneten Wärmebild oder wie wäre es mit einem federleichten Text, frisch wie gerade weiß gemolkene Wäsche?
Für einen sandigen Moment fügt sich das große Leben eng in ein kleines Glück, es verjüngt im Maß seines Erlebens die übersättigten Stunden in den Zeitgeschenken.

Grammatückisches konjunktivisiert

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Die Welt verlassen
könnte ich
mit dem zweiten Konjunktiv
ins outer space reisen
mit einer fliegenden Untertasse
mich abstrahieren
entmaterialisieren
ohne Schwitzen und Frieren
im Über-All herumfliegen
es gäbe nur Frieden
jedem wäre Gesundheit beschieden
Präsidenten wären
unbestechlich und weise
die Nachbarn endlich
mal leise
und der erste Schnee
bliebe liegen…

Der Postbote könnte
melodisch pfeifen
ich könnte ohne Augenbrennen
mir den Kopf einseifen
dabei fliegend
in einer Untertasse
mitten in die Welt hinein
könnte ich mich
konjunktivistisch korrekt
dem Wunsch verpflichten und dementsprechend ihn verdichten
dann würde ich mit dir zusammensein.
Der Konjunktiv könnte möglicherweise fliegen.
Das Wollen könnte die Schwerkraft besiegen.

Schlimme Ferse (f. Naomi)

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Nach dem fiesen Stoß
stürzen aus den Augen
ganze Tränenfluten los
was mach ich nun bloß
– mit dir…?

Ich weiß einen Rat
schreit‘ auch gleich zur Tat
und umarme dich
so fest du mich lässt
jetztsofortundhier
mitundohnekuscheltier
begleitet von deinem
elektrischen Klavier

Puste deine nassen Augen
mit dem warmen Fön
findest du das schön
wenn ich dich
ein bisschen verwöhn‘?

Komm, ich schieß‘
dir ein Bild
mit einer Blume drauf
die ist mutig und wild
wie ein Indianer verrauft
doch dabei
sanft und mild
wie dein Duschgel
aus Mandalayah
schreibe dir ein
geheimes Gedicht
dann tun wir so
als verstünden
nur wir diese Verse
und alle anderen nicht
bis ich es wiedersehe
das Licht
in deinem Gesicht
und wie du wackelst
mit der eben noch
schlimmen Ferse.

Parkuhren und Politessen

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Heute ist das Wetter schön. Heute ist ein wunderbarer Tag – um mal wieder eine Parkuhr so richtig vollzuquatschen. Also begebe ich mich kurzerhand an die Herforder Straße. Dort gibt es nämlich Parkuhren und auch Politessen. Ich finde gerade noch so eben 60 Cent, werfe sie ein, bis die rote Parkfristanzeigescheibe im Parkuhrglasfenster das Ende der Parkfrist anzeigt, denke an die grandiose Evelyn Hamann im alten Parkuhr-Sketch mit Loriot und fange prompt an zu prusten und zu lachen. Eine Politesse wird auf mich aufmerksam. Sie zückt ihren kleinen Notizblock und schlendert so lässig ihr enger Rock es zulässt, zu mir herüber. Darf ich fragen, was Sie hier machen? Fragt sie.

Ich antworte ihr, leicht glucksend: Ich quatsche gerade eine Parkuhr voll und habe ihr gerade von diesem alten Loriot-Sketch erzählt mit Evelyn Haman, kennen Sie den? Ich schaute sie aufmerksam an, schätzte sie so Mitte Dreißig und überlegte in meinem monologfixierten Gehirn, wie ich ihr schnellstmöglichst begreiflich machen könne, dass sie, als der Sketch gesendet wurde, wahrscheinlich noch ein Windelkind war, kam mir gleichzeitig fürchterlich alt dabei vor und lachte mich innerlich immer noch kaputt über den alten Sketch, nein, ich prustete regelrecht, weil ich ahnte, für wie bescheuert die Politesse begann, mich allmählich zu halten. Was machen Sie hier? Fragte die Politesse, nun ernsteren Gesichtes und nachdrücklicher, habe ich das jetzt irgendwie richtig verstanden? Sie bielefelderte auf westfälisch vor sich hin, wat, wie und mag sich  vorgekommen sein, wie in der Twilight Zone, die hätte sie sogar noch kennen können, obwohl zehn  Jahre jünger, war sie dort wohl gerade im Fünf-Freunde-Alter von Enid Blyton angekommen und während ich hilflos fingerzählend mit Jahren und meinem und ihrem Alter herumrechnete, im Geist gleichzeitig in der unerbittlich verrinnenden Zeit meine Parkuhr vollquatschte, sie als Seelenklo missbrauchte und die rote Markierung weiterwanderte, wie eine kleine rote Plastiksonne, ließ die Politesse völlig überfordert die Schultern sinken, vielleicht traurig, weil ich kein Auto hatte, über das sie sich mokieren konnte, doch auch andererseits wieder neugierig, weil ich so skurril war und verrückt, eine Parkuhr vollzuquatschen. Es kam also das Unvermeidliche: Sie fragte mich, ob ich Hilfe brauche.

Seltsam. Wenn andere andere vollquatschen wie Parkuhren, schert sich niemand einen Teufel darum, ob der Hilfe braucht. Selbstansprachen in fremde Ohren werden als Kavaliersdelikt unter Neurosen abgehakt und Paranoia kennen wir ja alle, wer wünscht sich keine Freunde, die wie Parkuhren sind? Ich hielt der Politesse dieses Plädoyer für Parkuhren als Seelentröster und argumentierte dahinführend, dass eine Parkuhr wesentlich geduldiger sei als jeder Freund und man sie, nachdem man sie vollgequatscht hat mit seinem Weltschmerz, einfach verlassen könne, ohne sich weiter Gedanken darum machen zu müssen, dass der Freund vor lauter Frust vom nächsten Hochhaus springt, nur, damit er dich und deine Monologisiererei nicht länger ertragen muss. Ich dächte ernsthaft darüber nach, das als Geschäft aufzuziehen und damit meine bislang brotlose Kunst, die Schriftstellerei zu finanzieren, doch da wurde  die Dame aber nachdrücklich! Sofort zückte sie ihren Notizblock wieder und fragte, ob ich vorhabe, eine der an der Herforder Straße installierten Parkuhren als mein Eigentum zu beanspruchen?

Wie könnte ich? Fragte ich zurück, ich weiß doch, dass die Stadt ihre Parkuhren braucht. Aber Sie könnten mir verraten, welche Firma diese Parkuhren baut, wollen Sie? Und ich zückte meinerseits Notizblock und Stift, das trage ich immer bei mir, als echter Künstler, ich bin ein totales Paradebeispiel für Jederzeitkunst, die nur sehr wenige Ausnahmen kennt, wo sie keinen Notizblock und Stift bei sich führt.

Mit der Politesse ging etwas Seltsames vor:

Die Dame war zutiefst verwirrt. Ihre blonden Locken drehten sich um den rechten Zeigefinger und sie schien heftig nachzudenken. Dabei fixierte sie ihren Notizblock, als könne er ihr irgendwelche Antwort geben, auf mich als Mensch und warum ich ausgerechnet ihr an diesem Tag begegnen musste. Ich sah sie hadern und zögern, sie dachte nach. Sie blickte mich an, als wolle sie noch einmal fragen, ob ich Hilfe brauche, doch stattdessen sagte sie mit leichtem Nuscheln: kanjamacheffefragen….Ich dachte: Ist die toll! Die geht echt fragen…

Oder so ähnlich…dann begann sie breit zu grinsen. Ich hatte Glück an diesem Tag. Dies war eine Bielefelderin mit sehr viel Humor. Ich dankte meinem Schöpfer wieder einmal für mein Glück  und grinste freimütig zurück. Schönes Wetter heute, nicht? Fragte ich grinsend. Jau, sagte die Politesse und wir grinsten beide etwas verlegen und dämlich. So eine bekloppte Geschäftsidee habe ich noch nie gehört, doch obwohl, eigentlich…, überlegte sie laut. Haben Sie keine Freunde zum Vollquatschen, andere Autos wollen doch hier parken? Ihre Miene wurde wieder etwas amtlicher und förmlicher. Ich konterte: Ist es nicht egal, wer 60 Cent in diese Parkuhr einwirft? Ich könnte auch ein Pferd mitführen, das ich hier solange anpflocke. Oder Kaffeetrinken mit meinem Kumpel. Hm? Ich glotzte sie an, sie dachte weiter nach, es war noch früh am Tag, das Morgenrosenlicht schimmerte verklärt über dem Aldi, die Augen der Politesse waren noch leicht von Schlaf umwölkt.

Sie lächelte ein wenig entrückt, vielleicht dachte sie schon an den Abend, wen sie vollquatschen könne, statt einer Parkuhr. Sie wirkte glücklich und was soll ich euch sagen? Ich wirkte auch glücklich, denn, ich hatte nicht nur eine Parkuhr vollgequatscht, das brauchte ich nämlich gar nicht. Stattdessen lachte ich mit einer Politesse über ein bisschen Quatsch, den sie mit mir machte, ohne ihr Wissen und das war das beste daran! Da sag noch mal einer, eine Parkuhr vollzuquatschen, sei Geldverschwendung. Ich finde es besser, als das Geld dem frustrierten Münzautomaten im Jahnplatzforum vor der Kundentoilette zu überlassen, der nur 50-Cent-Stücke frisst und deshalb verlassen und einsam sein Dasein fristet, doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Heute wollen wir es bei dieser hier belassen.

Anm. d. Aut.:

Vor drei Jahren wurde in Bielefeld die letzte Parkuhr abgebaut. Es ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Diese Geschichte zollt der Sentimentalität Tribut. Der modernisierte zukunftsorientierte Mensch quatscht heute Parkscheinautomaten voll, doch das macht längst nicht so viel Spaß!

Es besteht die Möglichkeit, in Bielefeld eine alte Parkuhr zu erwerben, ich habe mich erkundigt bei jemandem, der sozusagen ein Spezialist für diese Dinge ist und mir sehr nett darüber Auskunft erteilte. Interessenten brauchen sich nur vertrauensvoll an die Stadt zu wenden. Perfekt: die eigene Parkuhr für das Wohnzimmer. Eine reizvolle Vorstellung. Man kann sie natürlich auch mitnehmen und immer dort aufstellen, wo man gerade parkt. Dazu braucht man allerdings ein größeres Auto als einen Smart. Dort passt sie nämlich nicht hinein. Man kann sie auch jemandem schenken, dem man damit symbolisch etwas sagen möchte: Hey, schau mal, jetzt brauchst Du mich nicht mehr zum Vollquatschen! Ist das nicht ein tolles Geschenk? Also ich finde es geradezu perfekt.

Hier nun, zu diesem Beitrag noch ein anderes Bild, ein echtes Parkuhrbild von einer Bielefelder Parkuhr, ein Paradebeispiel für Geduld und Ansprache in schwierigen Zeiten. vorläufig also nur wieder mal ein Morgenrot, das bald schon ergänzt werden wird um das zusätzliche Bild.

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Play it again, Sam

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Dies ist ein lustloser Text, den lass ich ziellos treiben, wie einen Luftballon in den Februarhimmel aufsteigen, um mal forschfröhlich loszureimen und es  dann aber sein zu lassen. Der Sonnenaufgang war zum Gähnen, die Vögel noch völlig verpennt, flogen gegen die Bäume, weil ihre Augen noch zu verschlafen waren von der durchzwitscherten Nacht. Schließlich sind es Tagvögel, keine Nachtvögel. Die Häuser sind auch lustlos. Wenn sie lustlos sind, tragen sie immer Regenteutograu, wie die Nebelberge, die heute jedoch nicht nebeln, sondern beinahe schon sonnen, obwohl östlich das Morgenrot schon dem überhellen Sonnengleißen wich, in das man besser nicht sieht, schlecht für die Augen. Die Autos quälen sich im Schritt die Straße hoch, niemand mag heute Motoren heulen lassen, Reifen quietschen lassen oder fröhlich hupen. Ein Schuljunge tritt einen andern vors Schienbein, weil es ihm so gefällt. Der andere heult. Er hat eine grüne Jacke an. Ich würde heulen, wenn ich so eine Jacke tragen müsste, dachte ich. Da braucht es keinen tretenden Freund, der Gesamtzustand ist völlig ausreichend. Lustlos summt der Kühlschrank. Ich pfeif ihm einen, lach ihn an und streichele ihn mal, doch da wird er erst richtig laut und beginnt, wie ein Kampfhubschrauber zu brummen. Ich weiß warum. Die Tür schließt manchmal nicht richtig. Wie ich es immer mache mit meinem Kühlschrank, hebe ich sie also vorsichtig an den schiefen Angeln an (die Tür wurde von einem unvorsichtigen Freund mit zuviel Power nachhaltig kaputt gemacht) und dann passe und presse ich sie mit so viel Gefühl wie möglich und mit viel Kraft so wieder in die Türöffnung , dass sie wieder gut und passgenau schließt – für eine Weile. Mache ich das nicht vorsichtig, hebelt sie sich ganz aus und ich habe ein Problem, weil diese massive Kühlschranktür doch schwerer ist, als ich mir vorstellen will, das weiß ich genau! Wenigstens die Kaffeemühle macht Laune oder aber Kreisverkehr mit Muskelkraft und Bohnenkrach, ich hab die Wahl, es duftet gut.

Lustlos frage ich mich an diesem Morgen, was dieser Tag wohl bringen mag, wenn alle schon so lustlos sind, mit mir, selbst dieser vermaledeite summende brummende Kühlschrank, das Gegenteil von Stille, Elektrosmog absondernd. Weil mir nichts Besseres einfällt und wir Laune bekommen müssen, der Kühlschrank und ich, summe ich ihm etwas vor, um ihm entgegenzukommen. Entsetzt stelle ich fest, dass es ein Trauermarsch ist. Pfui, Teufel! Von wem? Fieberhaft sucht mein tagesunlustiges Gehirn nach dem Komponisten. Ich habe Mozart in Verdacht und schimpfe mit ihm. Er soll lieber Kapriolen schreiben, sag ich ihm. Du, Wolfgang, schreib mir eine leichte Weise, die ich nachpfeifen kann, der Kühlschrank braucht Motivation und die verpeilten Morgenvögel auch und die lustlosen Berge. Mir fällt ein uralter Witz ein, über den ich schon Jahre nicht mehr lache, mein Unterbewusstsein hustet mir was und will schlechte Laune haben, da komm ich ihm mit Eugen Roth um die Ecke. Meine Chemie kommt langsam in Wallung, der Mensch beginnt zu lachen und zu reimen. Ich tobe einmal die Stockwerke hoch und wieder runter und staune, wie unglaublich lustlos so ein Treppenhaus aussehen kann. Sogar die Palme lässt alles hängen, aber ich weiß, woran es liegt. Sie hat zuwenig Licht, dort, wo sie steht. Ich denke darüber nach, das Treppenhaus mit Spiegeln auszustatten, die die Morgensonne durch die Oberlichter zu der Palme lenken. Oder der Nachbarin Bescheid zu sagen, dass die ihre Blume im Begriff ist, auch noch das letzte der verbliebenen zwei Stengelchen abzuwerfen. Da die Dame nur türkisch spricht, überlege ich mir im Nehmen der verbliebenen Treppen, die ich nun schon das zweite Mal laufe, um Alpträume abzubrennen, wie ich es gestikulierend begreiflich machen könnte, dass ihre Palme im Begriff ist zu sterben. Wieder oben angelangt, simuliere ich eine Palme mit zwei Stengeln, auf türkisch, die im Begriff ist, einen Stengel abzuwerfen. Ich stehe völlig schief und sehe dabei aus, wie eine Palme, die schon lange tot ist und obendrein eine Karikatur der Vergänglichkeit mit Leidensmiene. Der Anblick ist so bedauerlich und schräg, dass ich endlich erreiche, was ich wollte:

Es kribbelt. Ich lache. Weil ich zum Schießen aussehe. Weil meine türkische Nachbarin eine Nette ist und wir uns immer mit Händen und Füßen austauschen, aber wir tun es. Sei es nur ein Gruß. Der Kühlschrank, als ich wieder oben anlange, schweigt. Die Tür schließt gut, wenn ich es mit Gefühl mache und nicht unbedacht, sie zuknalle, unbewusst, weil ich mit den Gedanken schon wieder mal drei Sprünge weiter bin, die sind wild und ungebärdig, meine Denkmuster und Gefühle, wie die wilden Pferde, über die ich manchmal schreibe .

Draußen die Berge, östlich, im Morgensonnenschatten. Die Sonne wandert, wandert…gleich wird sie zu mir auf den Balkon kommen, wie eine Kuh auf den Markt. Nach der Morgengymnastik, nach der Reinigung und nach einem heißen Kaffee, nach der Bewegung, der Begrüßung der lebendigen Wesen, der leblosen Dinge und natürlich mir selbst. Wie üblich, grinse ich das verschlafene Gesicht, das meines ist, an, schau mir dabei tief in die verschlafenen Augen, erkenne mich mal wieder nicht, lache über ein Klavier aus dem Off in der Spiegelwelt, eine Landebahn, ein Flugzeug, kein Bogart, nur Bergmann mit Dreiwettertaft im Haar (egal, wie das Wetter auch wird,:die Frisur hält!) und höre den alten Casablanca-Song wieder mal, in immer wieder neuen Variationen, so, wie guter Jazz sein soll.

Ich hab Lust, dem Song ein alternatives Ende zu schreiben. Mit Happy End zum Beispiel. Mir fallen gleich zwanzig auf einmal ein und das letzte ist dermaßen komisch, dass ich diesen lustlosen Text damit beende: Ingrid Bergmann ist gar keine Frau, sondern tut nur so. Bogart ist eigentlich eine Frau und weiß es aber nicht. Sam ist der wahre Joker. Der ist in Humph verliebt, aber Sam ist ein Android und kann nur dieses eine Stück spielen und das kann Humph nicht mehr hören und deswegen verlässt er ihn und so gerät er an Ingrid, die ja eigentlich…, aber lassen wir das. Die Logik tauscht Klamotten aus und macht was sie will. Wie üblich. Ich lasse das lieber mit dem alternativen Happy-Ende. Play it again, Sam…