Hoppa! meint Philippa Marlowe

Diese Opferfest-Nächte machen Philippa Marlowe fix und foxi. Sie sitzt hektisch qualmend im wolkenumdrängten Mondlicht auf ihrem Balkon, trocknet von der ultraheißen Bade-Wanne ab und versucht der zwölf Grad kalten Sommernacht irgend etwas anderes als vorherbstlich fröstelnde Gefühle abzugewinnen.
Eine erschrockene Fledermaus umkreist Philipp und schießt schnell in die Sicherheit eines Baumdunkels. Wenn Philippa Frust schiebend auf ihrem verregneten Balkon hockt und den ersoffenen Lavendel bemitleidet, ist nicht gut mit ihr Kirschen essen. Die Fledermäuse kennen Philippa und wissen das.

Eine Wohnung unter Philippa schreien jetzt welche Hoppa! und dann geht aber die Post ab. Ein Kerl mit einer sonoren Bass-Stimme sagt etwas zu jemandem in ein Telefon , das man noch fünf Wohngebiete weiter hören kann und Philippa fragt sich wie die anderen Nachbarn es schaffen zu schlafen, während unten die Sause dieses Jahrtausends steigt in Nachbars 76-qm-Wohnwabe mit mindestens zwanzig Mann Besatzung. Es ist Philippa noch nicht eindeutig gelungen, den Anwesenden eine zweifelsfreie Nationalität zuzuordnen. Die Frau flucht auf russisch, der Mann entgegnet Dobsche, dobsche! auf Polnisch und sie haben eindeutig griechische Freunde. Endaksi, Hoppa.

Einen Stock unter Philippa wird inzwischen getanzt, dass Buddha in ihrer Vitrine herumhüpft. Diese steht auf zartgliedrigen Beinen. Philippa nennt die Vitrine manchmal Eleonore, weil sie so dermaßen blau ist, dass Philippa noch kein anderer Name dafür eingefallen ist. Jetzt klirrt Eleonore grade und die langmähnige Privatdetektivin beäugt mit misstrauischen Augen Eleonores schmale etwas wackligen Edelstahlfüße. Hoppa, Kristallgläser, das ist mindestens Polka da unter uns, halt durch Eleonore, verlass mich nicht wegen denen da unten! fleht Philippa das fragile Möbelstück an.

Im Rest des Mehrparteienplattenbetonklotzes herrscht fassungslose Ruhe. Es ist schon seltsam. Wenn von vielen ein einziger superlaut ist, fällt dieser Einzige besonders auf. Diesen Satz muss Philippa Marlowe sich sofort aufschreiben, denn er ist einfach so wahr und klar, dass er bestimmt sogar literarisch sein könnte wenn er nur genug wollte. Sie zuckt und zögert. Wenn sie den Satz aufschreiben will, muss sie Eleonore, die Vitrine loslassen und Eleonore schwebt in Lebensgefahr, während unten jetzt der vollfette Subwoofer tiefwummerfrequent zugeschaltet wird und nun auch noch Philipps Stehlampe mit dem ultraschweren, von Glaslibellen bewachsenen Tiffany-Schirm leicht zu vibrieren und zu schwanken beginnt. Der Satz ist Philippa scheißegal geworden. Die Kunst muss jetzt mal warten, brummt sie unwillig und versucht ihren mittlerweile ebenfalls vibrierenden Hintern zu beruhigen.

Unter Philippa singen jetzt ein paar Nachbarn ein paar sehr alte Volksweisen aus verschiedenen Kontinenten mit dem Subwoofer als Ryhthmus- und Impulsgeber. Der Mond funzelt heraus und Ramadan ist sowas von zu Ende. Alle Muslime sind jetzt gerade in total munterer Feierlaune. Sind denn aber Russen und Griechen nicht überhaupt christlich-orthodox? Was findet da unter mir überhaupt statt? fragt sich nun Philippa mit Eleonore im Arm und denkt erschrocken an finstere Rituale, von denen sie in einem Mondzauberbuch gelesen hat.
Noch ehe sie jedoch ihre losen Gedankenbeginne in einen Faden zu Ende weben kann, wird Philippa rüde abgeschnitten von einer arabischen Volksweise und jetzt beginnt ein Mann dröhnend zu singen. Yallah, yallah, Allah! johlt unter ihr nun auch noch eine Frau mit überschnappender Stimme. Philippa Marlowes Augenlider fühlen sich an wie schwere flämische Fensterläden. Sie wollen so gerne zuklappen. Die hohe (arabische???) Frauenstimme fällt girrend in den Männergesang mit ein und beginnt in den Höhen halbtonmäßig arabesk anmutendes Orient-Ambiente zu verströmen. Eindeutig arabische Tonleiter, konstatiert Philippa blitzschnell und dann schreit wer laut Endaksi, Hoppa! und sie umarmt verzweifelt ihre Vitrine Eleonore, damit diese nicht versucht aus dem Wohnzimmer herauszuhüpfen auf ihren zierlichen Vitrinenfüßen.

Es muss ein Ritual sein, ist sich Philippa Marlowe nun absolut sicher und wartet darauf, dass der Himmel seine dämonischen Pforten öffnet. Als hätte sie es vorhergesehen, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten und Philippa sieht sich in echter Entscheidungsnot: Entweder Eleonore opfern oder ihren Computer, der noch draußen auf dem Balkon steht. Also Eleonore, du musst jetzt tapfer sein, sagt Philippa und klemmt unter Eleonores Tanzfuß entschlossen ein Stückchen Bierdeckelpappe fest. Versuchsweise springt Philippa etwas auf und ab und jubelt Hoppa! dabei, doch Eleonore steht solide wie eine echte deutsche Spanplatteneiche. Na siehste, geht doch, wenn man will und dumm kannste ruhig sein, musst dir nur immer zu helfen wissen, brummelt Philippa vor sich hin und rast auf den Balkon um den vollgepladderten Computer hereinzuholen. Glücklicherweise hat sie das Ding wenigstens zugeklappt. Hoppa, dröhnt unter ihr nun ein ganzer Chor und stampft herum wie eine große Herde Elefanten, so dass ein auf der Orchidee hockender Porzellanengel herunter fällt und sich mit protestierendem Scheppern auf dem Laminat in tausend Stücke zerkloppt. Jetzt reichts aber mit Hoppa!, brüllt nun Philippa nun höchlichst empört los und in niemandes bestimmte Richtung.

Wenn Engel beschließen zu sterben, bedeutet das Krieg und zwar auf der Stelle, Auge um Hoppa! Endaksi!Inschallah! Dobsche dobsche Trallala! Towaresch! tobt Philippa nun stinksauer, im Gesicht genauso hochrot wie ihre Haare und rafft schnaubend die jämmerlichen Überreste des Engels vom Fußboden zusammen. Sie beschließt, dem Treiben unter ihr nun Einhalt zu gebieten, notfalls mit polizeilicher Verstärkung. Es sind dämonische Priester, Abdul, es ist ganz furchtbar! wispert Philippa und krallt sich das Telefon. Sie will gerade das SEK-Sondereinsatzkommando anrufen, doch dann beginnt unter ihr wieder diese Frau zu singen…

…es ist seltsam ruhig geworden und der Regen hat draußen nachgelassen. Irgend jemand von denen da unten hat ein Akkordeon und ein anderer eine Klampfe. Die Anlage wird ausgestellt und Philippa hört melancholische Akkordeontöne, klingt wie Tango aus Argentinien. Nun vollkommen verwirrt setzt sie sich in den Schaukelstuhl auf ihrem Balkon und vergisst, dass das Polster noch vom vorherigen Regen trieft. Fluchend und mit klitschnassem Hinterteil wickelt sich Philippa kurzerhand in die uralte schottische Wolldecke ein, die sie von ihrem Großvater geerbt ha. Sie lauscht dem argentinischen Tango, der sich nun in etwas anderes zu verwandeln beginnt als die Gitarre dazufällt. Das ist eindeutig eher griechisch zuzuordnen. Rembetika? Philippa will sich gerade auf Griechenland einschießen (Hoppa! Endaksi!), doch da beginnt der Mann zu singen. Volltönend und ziemlich musikalisch. Die reinste Zigeunermusik ist das ja! Django Reinhardt is alive! Die Frau beginnt nun die zweite Stimme zu schluchzen und alles ist unbeschreiblich ergreifend, auch wenn Philippa immer noch null Ahnung davon hat, was für Musik das denn nun eigentlich ist.

Zum vergnügten Festausklang um fünf Uhr morgens schallt das Treppenhaus von gefühlt tausend schweren Schritten, Stimmen und natürlich auch den obligatorisch mit viel enthusiastischem Verve und Temperament ins Schloss geschmetterten Türen. Die Vitrine erbebt noch einmal gefährlich in den Grundfesten, dann ist es endlich ruhig bis auf die lautstarke Autobahn aus Westen. Als Philippa im Badezimmer ist, überträgt ihr die Schalleitung des Heizungsrohres eindeutige Würgegeräusche von einem Stock unter ihr. Sprachen und Kulturen mögen alle unterschiedlich einzigartig sein, doch dieses Geräusch, wenn Menschen Würfelhusten haben und sich gerade auf links krempeln, klingt bei jedem Menschen gleich.

Als Philippa endlich in ihrem Bett liegt und für die nächtliche Stille dankbar dem vertraut dröhnenden Autobahnlärm aus Richtung Südwest lauscht, denkt sie über Cocktails und ihren seltsamen Assistenten, den stolzen Beinahspanier Ronaldo Fuerzo di Garcia nach. Er ist dem Geheimnis des rätselhaften Regisseurs „Mime Misu“ auf der Spur. Er erzählte Philippa bei einem Koipiranja mit dezent traniger Fischnote, dass „Mime Misus" erste filmische Verarbeitung der Titanik-Katastrophe, der Stumm-Film „Titanic- In Nacht und Eis“ 1912 lange als verschollen galt, kaum bekannt ist und dessen Wunderkindmythos der Forschung immer noch schier unlösbare Rätsel aufgibt.

Philippa Marlowe lauscht in die Nacht, in der gerade ein LKW lautstark und ausgesprochen ausdauernd herumhupt und ihr kommt erneut die alte mysteriöse Goldmünze in den Sinn, die ihr der verrückte Muslime schenkte, dessen Herkunft genauso wenig eindeutig zuzuordnen ist wie die der Münze.Hat das Ding etwas mit Ronaldos rätselumwitterten „Mime Misu“ zu tun? Gibt es eine heiße Spur? Wo ist die Verbindung? Philippa spürt wie sie sich langsam zu echauffieren beginnt und in Wallung gerät wie immer, wenn sie eine heiße Spur wittert. Was hat mit all dieser Verrücktheit, die um sie herum geschieht, die altgermanische Irminsul zu tun, die Ronaldo seit Neuestem überall begegnet, sogar in Vorgärten, umgeben von Gartenzwergen? Ist sie ein Völkerverständigungssymbol nicht nur heidnischen, sondern sogar übergermanogigantischen Ausmaßes?
Philippas Herz will unbedingt zu rasen beginnen. Sie macht jedoch kurzen Prozess damit und schluckte schnell eine riesige Baldrian-Bombe, die einen kapitalen Kater zwei Nächte um den Verstand bringen würde.
Die sedative Dröhnung tut ihre WIrkung. Philippa beginnt einzuschlafen. In ihren Träumen beginnen die Puppen zu tanzen und sie flüstert leise schnaufend ein Hoppa! in die Sommernacht…

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