Von grenzenloser Sprachenliebe, Absolutismus, Sonnenschirmen und der Sprache Englisch ohne Engländer

 

Die Vögel singen und der Sommer ersäuft. Der Wahnsinn der Welt umzingelt kleine sonnige Himmelslöcher mit schwarzen Gewitterwolken aus allen Richtungen. Ein Abschiedsgefühl hat sich bei Wasser und Brot zwischen Bollwerken aus Worten und Schweigen klammheimisch eingerichtet. Zwischendurch spricht es englisch und zeigt nationale Flagge, während es mit dem Ende der europäischen Freundschaft droht. Die Wirtschafts-Auguren prophezeien, dass es bei so einem gewaltigen Bruch Jahre dauern wird, überhaupt wieder eine gute wirtschaftliche Basis miteinander zu finden. Leider ist Deutschland keine Insel und ich bin Deutsche, ich bin auch keine Insel, auch keine Insulanerin. Ich klemme sozusagen mittendrin, bin eingebettet zwischen Länder und Menschen. Sie sind meine Nachbarn, meine Freunde und zwischen unseren Grenzen liegt kein großes trennendes Meer. Jetzt poliere ich gerade mein Englisch auf, weil ich England und seine Bewohner mag. Mein Englisch ist eingerostet über die Jahre, ich hatte so wenig Gelegenheit es zu sprechen oder zu schreiben oder noch viel besser: Gedichte auf Englisch zu schreiben, das ist immer noch die absolute Krönung für mich. Es wird Zeit, meine Anglophilie wieder mehr zu pflegen. Ich staune, wie oft ich englisch spreche (oder fluche…) Neuerdings auch mit meiner Tochter, die dadurch ihre Sprachfertigkeit spielerisch schult. Mir ist aufgefallen, dass sie gern auf Englisch mit mir diskutiert. Als könne sie in dieser Sprache ihren Willen besser und klarer formulieren, das, obwohl sie englische Worte sucht und manchmal nicht findet. Oder wenn sie mich nicht versteht, wenn ich endlich alle verstaubten Vokabeln zusammengekramt habe und einen vernünftigen Satz auf Oxford-Englisch radebreche, mit Prädikat, Objekt und Subjekt, idealerweise noch adjektivisch aufgepimpt.

Als ich kürzlich im Sonnenschein eines warmen Tages meine Balkonblumen einbuddelte und umtopfte, krümelte ich den Sonnenschirm meiner russischen Nachbarn einen Balkon tiefer mit Erde voll. Ich hatte mich sehr bemüht, nicht herumzukrümeln, doch der Lavendel war stark ineinander verwurzelt; ich musste die verkümmerten Triebe mit einem scharfen Messer abschneiden und dann die gesunden von den verkümmerten Ballen trennen. Diese Tätigkeit war jedoch mit ordentlichem Gezerre verbunden und darum rieselte immer mal ein klein wenig Erde daneben und über die metallene Balkonbrüstung. Bedenkt man, wie sehr ich zerren und ziehen musste um die Pflanzen voneinander zu trennen ist es erstaunlich, dass mir keiner der Balkonkästen abpfiff und kurzerhand den Sonnenschirm unter mir erschlug. Ich schob diesen schrecklichen Gedanken schnell von mir, bevor er raumgreifender werden und meine Feinmotorik unterminieren und infiltrieren konnte; self-fulfilling prophecies nennt der Brite solcherlei morbides Gedankentreiben. 

Ich musste meine Nachbarn über ihren vollgekrümelten Sonnenschirm informieren. Alles in mir sträubte sich dagegen, doch moralapostolisch meldete sich meine innere Anstandsdame und verlangte eine form- und stilvolle Entschuldigung bei meinen Nachbarn. Ich leinte also meinen inneren Schweinehund neben Cerberus vor der Hadespforte an, gab ihm ein Leckerli, wies ihn an lieb zu meinem Teufel zu sein und dann schlich ich ein Stockwerk tiefer und bimmelte bei meinen russischen Nachbarn. Unsere Haustürklingeln sind kein angenehmer und ohrenfreundlicher Klang. Sie schrebbeln alles durchdringend. Da die Mauern unserer Mietskaserne nur aus Pappe bestehen,  höre ich im obersten Stock wenn ganz unten einer irgendwo bei anderswem klingelt und überall im Haus öffnen sich Türen und die Nachbarn schauen wie Erdmännchen heraus, weil das Klingeln so dermaßen laut ist, dass jeder denkt, jemand anders hätte bei ihm geklingelt. Niemand öffnete mir und mit zusammengebissenen Zähnen klingelte ich noch einmal. Was das Baby weckte. Die winzige Sturmsirene fackelte nicht lange und brüllte direkt los ob der ungebetenen Schlafstörung zu spätnachmittäglicher Stunde. Ich schrumpfte noch etwas mehr in mich zusammen. Mein schlechtes Gewissen hatte sich ausgedehnt und bedeckte mich inwändig fast vollständig… Nun hatte ich nicht nur den Sonnenschirm mit schwarzen hässlichen schmutzigen Erdplocken vollgekrümelt, sondern obendrein auch noch das Baby aufgeweckt! Der junge Vater öffnete mir die Tür. Ich sah seine Frau ins Schlafzimmer hasten. Ich beichtete gegen das Babygebrüll an, dass ich den Sonnenschirm vollgekrümelt hätte. Meine Worte waren schwarze Blumenerde und zerknirschten auf meiner Zunge. Der junge Vater schaute über seine Schulter. Seine Frau schwenkte das Baby in stark bewegter Fliegerposition vor ihrem Bauch hin und her. Das Baby flog mit todernstem hochrotem Gesicht durch die Luft und stellte (vor Schreck?) sein Brüllen auf der Stelle ein. Der junge Mann drehte sich wieder um zu mir, lächelte und sagte, er verstünde leider kein Wort Deutsch, fragte mich, ob ich auch Englisch spräche.

Ich lobte die Fügung und das Schicksal, die mir prompt wunschgemäß Gelegenheit gaben mein eingerostetes Englisch aufzupolieren, während mein Gehirn krampfhaft damit beschäftigt war, das Wort für „Sonnenschirm“ zu suchen. Wie immer, wenn mein Gehirn etwas auf Knopfdruck finden soll, herrscht in meinem Oberstübchen erst einmal heilloses Chaos. Tiefe Abgründe sprachloser Schwärze gähnen dort wo meine Wörter sein sollten. Doch immerhin fand ich einen Satzanfang, stellte ein paar Tuwörter und Namenwörter nach englischer Grammatik um, holte Luft und legte los:

„Äh, I want to excuse myself. I am working with my flowers on the …..(Mist, was heißt Balkon?) …also on the….äh….platform above you. (mein Englischlehrer im Kopf verdrehte die Augen und raufte sich entsetzt die rötlichen spärlichen Haare, denn er ist Ire). Doch mein Nachbar verstand mich und grinste. Ich schwitzte arg unter der zarten entsetzlich juckenden Schicht Blumenerde auf meinen Armen, denn ich war ebenfalls vollgekrümelt und führte diese gloriose englische Unterhaltung so entspannt wie nur möglich fort, während sich Schweißtropfen an den unmöglichsten Stellen meines Körpers bildeten und daran herunterliefen. Trotz alledem setzte ich die conversation fort so gut es mir unter der mich nun extrem kitzelnden Erdschicht noch möglich war :

„Unfortunately some little pieces of dirt (was heißt krümeln auf englisch????) fall on your…äh… sun umbrella (heißt das so? Sonnenschirm? Oh Graus!)“ Ich krümmte mich innerlich und überlegte, wie ich es ihm noch anders klarmachen könne. Doch wie so oft musste ich mich gar nicht groß anstrengen, denn er hatte mich prima verstanden – trotz meiner Improvisationen bezüglich der fehlenden Vokabeln. Außerdem beschrieben meine Arme gerade weit um sich greifend einen Sonnenschirm und in Steh-Pantomime kann ich erstaunliche Fähigkeiten entwickeln, wenn ich um Worte verlegen bin. Ich gab alles! Mein Nachbar ist noch ein sehr junger Mann. Er nahm es entsprechend locker und lachte. „No problem“, strahlte er vergnügt und ich beneidete ihn heiß um seine gelassene und jugendliche Unbeschwertheit.„Thank you for coming and informing us, but it’s really no problem for us. You are every time welcome.“

Ich wollte erst „very nice“ flöten. Oder noch besser „mega-nice“, das ist die neueste Wortschöpfung der weiblichen Population unter fünfzehn Jahren in Deutschland. Meine Tochter sagt das ständig und zu allem, was sie entzückt. Mein Nachbar entzückte mich gerade über alle Maßen. Doch ich zähle immerhin fast fünfzig Lenze und meine ekelhaft gesetzte Anstandsdame begann mich am Halse zu würgen, wie ich überhaupt schon wieder aussähe und ich solle mich doch mal (gefälligst!) wie eine Lady benehmen. 

Ich hasse dieses langweilige knochentrockene Weib und überlege seit Jahrzehnten sie aus meinem Kopf zu werfen, sozusagen wegzurationalisieren. Andererseits ist sie die Einzige, die „Erbarmung“ sagt, wenn ich drohe vollends in den Jugendwahn zu entgleisen. Fräulein Rottenmeier aus „Heidi“ von Johanna Spyri ist das Vorbild meiner Anstandsdame. Ältliche Lady, steif wie ein Rohrstock mit einem fürchterlichen Hang zu Benimm und Etikette. Sie ist keine Britin, doch sie könnte glatt eine sein. Also sagte ich nicht „mega-nice“, sondern bedankte mich artig und flötete:„Thank you very much, you are so kind“. Ich drehte mich mit heiß gelaufenen Ohren auf dem Fuße um und stürmte so gelassen und dabei so langsam wie nur möglich die Treppen hoch, heilfroh, die Sache halbwegs anstands- und würdevoll hinter mich gebracht zu haben. Die Vokabeln für „Balkon“ und „Sonnenschirm“ habe ich mittlerweile nachgeschlagen. Es heißt „balcony“ und „parasol“. Bei Letzterem packte ich mir an den Kopf. Du meine Güte! Ich kenne sogar einen Coldplay-Song gleichen Namens. Ich habe dieses Wort „parasol“ schon gefühlte Millionen mal benutzt. Warum ließ es mich jetzt so erbärmlich im Stich? Erbarmung! Es hat mich einfach im entscheidenen Augenblick verlassen. Bin dann mal eben weg. Sagte der oberflächliche parasol und war dann mal eben weg um im entscheidenden Augenblick meines Lebens „absent“ zu sein? Nicht mit mir! Ich habe den Parasol endgültig aus meinem Wortschatz verbannt und schreibe dieses peinliche Unwort das letzte Mal in diesem Text hier. Stattdessen sage ich jetzt „sunshade“ zu einem englischen Sonnenschirm. Gefällt mir sowieso viel besser als der aufgeblasene in sich als Fremdwort viel zu verliebte und geradezu narzisstisch anmutende „parasol“. Ich kann nur hoffen, dass jeder Englischsprachige „sunshade“ versteht und probierte ihn direkt an meiner Tochter aus.„Hä, was?“, fragte die mich. Ich erklärte es ihr auf Deutsch.„Aber Sonnenschirm heißt auf englisch doch „parasol“, das lernen wir in der Schule, was du da sagst, ist falsch!“Aha, dachte ich. Ha, das ist doch wieder typisch! Absolutismus, entweder dieses Wort oder gar keins!  Barfuss oder Lackschuh. Entweder Parasol oder gar nix. Ich zeigte ihr meine Englisch-Übersetzer-App und sie mir ihr Vokabelheft. Da holte ich meinen Cassel’s German Dictionary und zeigte ihr den „sunshade“. Der Cassell’s ist schweres Geschütz. So eine Art englisches Weltgericht. Der Cassell’s hat immer Recht. Nun wollte sie von mir wissen, warum ich den Parasol nicht mag und ich gestand ihr, dass ich immer nur an Pilze denke, wenn ich Parasol sage und das ich deswegen höchstwahrscheinlich dieses Wort immer nur halbherzig und doppeldeutig benutzen konnte. Dann erzählte ich ihr, was ich mit unseren russischen Nachbarn erlebte und wie der Parasol mich schnöderweise im entscheidenden Moment verließ, mich zurückließ mit einem Loch, einem missing link, wo eine Englisch-Vokabel für Sonnenschirm hingehört. Dann, dass ich das andere Wort sowieso viel besser fände.„Mama,“, sagte sie, „du siehst gerade total trotzig aus“. Und dann lachte sie mich aus. So richtig laut, sich den Bauch haltend und krümmend und das alles ohne einen einzigen Funken Respkekt.Erbarmung!, schreit Fräulein Rottenmeier in meinem Kopf. Doch Respekt ist auch manchmal ein selbstverliebtes narzisstisches Fremdwort. Meine Tochter darf mich ruhig auslachen, weil sie meine Tochter ist und weil sie mich inzwischen schon ganz gut kennt.

Dann hatte sie eine Idee. „Mama“, sagte sie, „verbanne den aufgeblasenen und selbstverliebten Parasol nicht ganz. Das andere Wort machst du zum Lieblingswort und den Parasol setzt du auf die Ersatzbank.“ Das erschien mir als eine geradezu formidable Idee, vor allem weil sie nicht absolut war und weil ich Absolutismus überhaupt kein bisschen leiden kann, auch bei mir selbst nicht. Also versprach ich ihr, es künftig so zu halten, wie sie es mir vorschlug. Spätestens im Herbst, wenn ich wieder in meinen Balkonkästen herumwühlen muss, werde ich mich testen bei meinen russischen Nachbarn. Allerdings könnte es sein, dass es heftig regnet. Das ist ja im Herbst oft so. Doch das Wort für Regenschirm weiß ich noch. Es hieß „umbrella“. Ein Wort, das ich sehr mag, denn ich stehe ausgesprochen gern mit jemandem zusammen unter einem Schirm im Regen.

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Karsamstag (Le roi est mort -Vive le roi)

Eine goldene Regel aus dem Shodokan-Karate: Spannung und Entspannung – alles.
Im richtigen Moment. Denke nicht ans Siegen. Denke daran, wie du nicht verlierst.
Mundu: Karate beginnt und endet mit Respekt.

(ich praktiziere selbst kein Karate, interessiere mich jedoch schon immer  für Kampfsport und die Philosophie dahinter, wende diese Regeln im menschlichen Miteinander gern für mich an, denn sie helfen mir in ihrer Klarheit, gut und respektvoll mit Menschen und Differenzen umzugehen).

Liebe Blogfreunde.

Heute ist Karsamstag. Noch immer ist meine Stimmung eher ernst und nachdenklich. Ostersonntag ist erst morgen.Die Karwoche beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit und dem Tod. Ostern ist das Fest der Transformation.
Noch einmal ein Beispiel zu einem bewegenden Thema in der stillen Hoffnung, dass es dem Verständnis dienlich sein möge in irgend einer guten Weise. Es ist mir sehr wichtig, das dabei zu sagen. Es gibt hier so viele Menschen im blogland, die ich inzwischen sehr mag. Sie sind völlig unterschiedlich und doch verbunden in einem guten Geist, darum lese ich so gern bei Euch, darum sind einige von Euch meine persönlichen besonderen Freunde. Es ist schön, dass es euch so gibt. Danke…

…also…
Ich lernte in meinen Berufsjahren das Mobbing am eigenen Leibe kennen und zwar in Reinstform bis hin zum Arbeitsplatzverlust und daraus resultierender schwererer Krankheit. Es war eine bittere und schmerzhafte Erfahrung, die ich niemandem wünsche. Iniatiatorin war eine Person, die dafür sorgte, dass ich in Misskredit geriet, obwohl ich Zeugen hatte, die meine Integrität bestätigten. Es war eine sehr schlau eingefädelte Intrige. Ich hatte keine Chance. Es ging um ihre Verliebtheit zu ihrem Chef, die sie mir gestand, obwohl ich das überhaupt nicht von ihr wissen wollte. Es war mir äußerst unangenehm es erfahren zu müssen. Ich musste mit diesem Chef arbeiten! Darüber will ich nicht so etwas Persönliches wissen…
Was ich erst später von einem Kollegen erfuhr, war, dass sie mich als Rivalin empfand. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon lange Jahre in dieser Firma tätig, ich erst seit einem Jahr. Sie hatte bislang immer allein mit den Männern gearbeitet, nun kam ich mit meinem Export dazu. Das gefiel ihr nicht. Ich arbeitete gern in dieser Firma. Manchmal dachte ich, dass es besser gewesen wäre, ich hätte irgendwie versucht, diese Person vors Arbeitsgericht zu schleifen um mein Recht zu bekommen. Doch die Firma verhielt sich mir gegenüber überaus großzügig und der Personalchef gestand mir, dass er es besser wüsste, auch das, dass ich diffamiert worden sei, doch er nichts daran ändern könne an dieser Entscheidung, mich als Unruhefaktor einfach zu beseitigen. Ich hatte so eine Riesenwut in mir und ganz verrauchen wird diese nie, denn mir geschah ein großes Unrecht…
Doch ich habe mich damit arrangiert und bin letztendlich stärker geworden, gewachsen daran. Heute würde ich so eine Person anders an den Hörnern packen und direkt mit ihr in den Clinch gehen, es austragen, vor der Tür, direktes und ehrliches Wort, face to face. Das habe ich mich damals, als ich so viel jünger war jedoch noch nicht getraut und vertraute auch nicht meiner rhetorischen Stärke. Auch war ich verletzt, denn ich hatte dieser Kollegin nie etwas zuleide getan oder bös über sie gesprochen.

Diese Kriege machen krank, lernte ich,….innerlich wie äußerlich, sie können Menschen und Leben zerstören.
Sie sind genauso gewalttätig wie Kriege, die mit Gewehren und Panzern ausgetragen werden und sie lassen Menschen einfach auf der Strecke liegen…

Heute bin ich der Meinung, es ist gut, dass ich es nicht auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen ließ. Ich war schon krank genug geworden durch das alles und konzentrierte mich lieber auf einen neuen und besseren Arbeitsplatz, den ich dann auch fand. Ich habe dieser Person bei meinem Abgang mit dem Karton in der Hand die Meinung gegeigt, doch sie hat nur wissend dazu gelächelt, genau wissend, dass sie gewonnen hatte und ich nur versuchte, mein Gesicht zu wahren.
Ist solchen Menschen bewusst, was sie anrichten können? Sind sie so skrupellos, dass ihnen das egal ist, wenn sie einen anderen aus Eitelkeit, Unsicherheit oder Angst heraus zerstören, diskreditieren? Wo bleibt dabei die Mitmenschlichkeit?

Ich habe mir damals vorgenommen, nicht so sein zu wollen wie diese Kollegin.
Wenn sie so ist, kann ich auch so sein, so eine Denke…
Das brauch ich nicht. Ich nehme lieber die andere Seite.
Was nicht bedeutet, dass ich freiwillig das Feld räumen würde, wenn mir wer ans Schienbein tritt. Weit gefehlt. Ich würde die Konfrontation suchen und mir eine gute Streitkultur auf die Fahnen schreiben. Sie gehört zum Leben dazu.
Doch Rivalitäten finde ich überflüssig, dafür will ich mal nicht zu jung sondern mittlerweile zu alt sein.

Ich wünsche Euch einen sonnigen Samstag.
Ostern ist das Fest der Wiederauferstehung.

Le roi est mort.
Vive le roi..

Liebe Grüße
von der Karfunkelfee

du

 

für n.

 

du 

pubertäres fohlenbein

glanzhaar, honigmädchen

enervierend hochstimmig

alles diskutierend

den mount everest

deine haare

meine strümpfe

gott bewahre!

 

dich beweisend

eine allzu übermütige ziege bist du

die über eine hohe blühende wiese springt

kein bisschen leise…

um sich tretend

in grabenkämpfen

ihre platzbehauptung

zu wummernden

dubsteprhythmen singt

 

du…

am abend neben mir

dein kopf an meiner schulter lehnt

es schauert mich 

vor liebe

Bis das Maß voll ist

  
In deine Augen weine ich herbstrote Blätter; in meine kleine Ewigkeit den kurzen gewaltig großen Trost randvoll betrachtet im Wellenmaß haltlos umnachtet als ich in dich vollkommen komme suche ich Frieden im Glanz deiner Stadt vor den offenen Toren; liege ich im Sand das Wasser aufgebraucht die Tränen vergoren verbrannt und verloren in all dem was du bist, wirst du in meiner Erinnerung Schall und Rauch. Ist es der Mond der mich mit meiner Blöße bedeckt ist es dein abgewandter Blick der mich erneut aufschlägt als ich erkenne, dass jede Träne die ich dir einst schenkte Trugs flüssiger Schein ist, der nichts vergisst. Ich renne in meine Vergänglichkeiten zu dir und komme bei mir an. Am Ende kreise ich über der strukturellen Zerstörung in einem neuen Anfang. 

Du nimmst mich im Zwielicht meines Wissens und reißt mich auf bis auf den tiefsten blassesten Grund. Ich werde wild, singe dir ein Kriegerlied vom Leben, vom Lieben, vom Vermissen, schlage dir entgegen, werde in deinem Begehren gesund. 

Bis das Maß voll ist will ich leben, will ich lieben, will ich geben. Alles was ich weiß schenke ich dir. Das Alte und das Neue. Das beständige und treue. Das was nicht ist und noch wird. Das Ungewisse, das eine neue Zeit gebiert. Das Harte findet das Weiche im unermüdlichen Umkreisen rund.

Einsam geht es sich auf unvertrauten Pfaden. Herbst ist ein Lied: blau wie Blut, bunt voll Gier, fahl wie die zarte Haut an deinem Hals, in den ich so gern beiße. Zukunftsangst ist ein wütendes Tier, Ressentiments will es wie Impalas auf der Flucht in hohen Sprüngen reißen. Ich will es wegbeißen. Habe es sämtlicher Illusionen beraubt. Wer träumt, der noch glaubt.

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Salzwasserworte

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Du erzähltest und erzähltest. Salzwasserworte wie hin zum Meer. Die fielen dir schwer. Du sagtest: Nun, da du es weißt,
sei dir im Nachgang zu deiner Offenheit anschließend aus Angst vor der eigenen Courage abwechselnd kalt und heiß.
Ich fragte, wie hoch dein Preis sei für das was du mir sagst?
Kostete es dich Seelenschweiß? Würdest du dich winden?
Oder aber würde dieses Wissen uns näher bringen, weil wir Vertrauen darin finden und es einander verbinden?

Du lächeltest nicht. Du strengtest dich sichtlich an. Wurdest immer nervöser, holpertest beim Sprechen in sich überschlagenden Buchstaben.
Genommen die Worte, geborgen bei mir, schweigend gebunden wohl verwahrt in ordentlichen Satzgarben, heugelb und süß eingeschlossen, deiner Erinnerung schmerzende Farben.
Du fragtest, wie es sei für mich, nun mit diesem deinem nackten dunklen Wissen, das du mir anvertrautest und entblößtest vor mir mit unruhigem besorgtem Gewissen, als wollest du eine weiße Flagge hissen in einem unsichtbaren Krieg.
Vielleicht war dies der Grund dafür, dass ich dich nur zärtlich lange anschaute, doch ansonsten zu allem schwieg.

Namur – Löwisch

Zur Erklärung:
Ich bin Lesemutter und begleite seit einigen Jahren Kinder ehrenamtlich literarisch.
Dabei lerne ich viele Kinder kennen.
Namur gibt es tatsächlich.
Sie hat mich tief beeindruckt, in ihrem Natural Born-Stolz auf ihr Land Ghana.
Jetzt wird Namur auf der weiterführenden Schule sein.
Doch ihren Spirit gab und ließ sie in meinem Herzen zurück.
Diese Geschichte ist fiktiv.
Doch Namur ist real.
In dieser Geschichte fließt zusammen, was ich mit Kindern erleben darf und ich widme sie meiner Tochter Naomi.

Naomi: Du wirst eines Tages verstehen, warum, kleine Maus.

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Namur ruft quer über den Hof:: Hey, Du! Frau Lesemutter, bleib mal stehen, hast Du Zeit?
Ich komme gerade von der Post, habe Päckchen zum Versand gebracht und schiebe nun meinen Trekker-Packesel gemütlich über den Schulhof, über den ich schon als Grundschülerin ging, über den mein Sohn als Grundschüler lief, und nun ich wieder, wie immer.
Heute ist keine Lesestunde, es ist die große Pause.
Namur dreht an einer ihrer gefühlt 1000 Zöpfchen, mit denen ihre Mutter die krausen wilden Haare bändigt. Jedes Zöpfchen endet mit einer bunten Schleife. Namur zerrt an einer dunkelblauen herum.
Ich will wissen, ob sie der Zopf ziept und sie verzieht das Gesicht.
Ich frage, ob ich das Ding mal aufdröseln und neu flechten solle, ob sie schon Kopfschmerzen vom Ziepzopf hätte?
Sie schenkt mir ein Perlenlächeln, mindestens 1000 Watt. Das dunkle Gesicht strahlt um die Wette mit den Zähnen.

Namur verbinde ich stets mit diesem Lächeln und ihre schwarzen Augen glühen darin wie Kohlenstückchen oder blank geputzte Taler.
Ich lehne das Fahrrad gegen einen Baum und setze mich auf eine Bank. Namur springt mit einem Riesensatz neben mich und schmiegt ihren Kopf an meine Schulter wie eine Tochter. Ich staune immer wieder über das grenzenlose Vertrauen, das mir diese kleine Ghanaerin entgegenbringt, einfach so.
Ich bitte Namur, mir das Ziepzöpfchen zu zeigen und sie fischt einen Zopf mit einer roten Schleife heraus.
Vorsichtig drösele ich den Zopf auf und lasse ein paar beiläufige Bemerkungen fallen über den Fluch und Segen dicker, fester und obendrein krauser Haare.
Namur ist stolz auf ihr Haar. Sie sagt das auch, aber nur so, weil sie Lust dazu hat. Das hat sie mir einmal erzählt, frei und offen.
Jetzt, während ich entwirre und neu flechte, spricht sie von Samira. Das ist ihre algerische Freundin aus der Parallelklasse. Dass Samira nun eine neue beste Freundin hätte. Nein, das sei nicht mehr sie, Namur, obwohl ihre Freundschaft mit Samira viel älter sei als die mit der Neuen.
Ich flechte weiter, schweigend, vorsichtig.

Namur erzählt, dass sie versucht hat, Samira zurückzugewinnen, als diese plötzlich nur noch Zeit mit dem anderen Mädchen verbringt. Sie sagt, sie habe sogar für eine Verabredung zwei Stunden lang in der Kälte draußen gestanden und gewartet, doch Samira sei nicht gekommen.
Sie habe ihr einen Brief geschrieben und ihr heimlich in den Turni, in die Federmappe gelegt.
Ich frage, was drin stand im Brief.
Namur überlegt einen Moment, als müsse sie erst den genauen Wortlaut erinnern, doch dann legt sie los: Liebe Samira, ich, Deine Freundin Namur aus Ghana, verstehe Dich nicht mehr. Warum findest Du mich plötzlich scheiße und kommst nicht, wenn wir uns treffen wollen? Warum sprichst Du nicht mehr mit mir? Ich bin echt so traurig. Deine Dich innigst liebende Freundin Namur aus Ghana. Sie sagt, sie habe mit Jaxon-Kreide ein rosa Herz um alles gemalt und noch ein paar Glitzersticker. Draufgeklebt, Rosen und so. Und noch ihren Lieblingskaugummi.
Ich grinse, zum Glück sieht Namur mich nicht, weil ich hinter ihr sitze. Ich wickele die rote Schleife um das Zöpfchen. Das Band ist sehr kurz, Namurs Mama kann das besser als ich, sag ich Namur und frage sie, ob sie echt ‚Deine Dich innigst liebende ‚ geschrieben hätte.
Sie nickt so euphorisch, dass mir der Zopf aus den Händen gleitet und ich noch einmal nachflechten und das Band neu binden muss.
Dann wird sie still und ihre Schultern sinken nach vorn.
Ich frage Namur, ob sie glaubt, wirklich alles nur Erdenkliche, in ihren Kräften Stehende getan hätte, um Samira zurückzugewinnen.
Nun sehe ich Namur erbeben, das Kind ist in den Grundfesten erschüttert und endlich heult sie Sturzbäche los.
Das dauert fünf Minuten, wie ein Schlagregen, dann schüttelt sie sich wie ein junger Hund, dass die Tränen nur so fliegen und schreit stolz, dass niemand auf der weiten großen Welt das Recht hätte, ihr, Namur aus Ghana, Afrika die Freundschaft abzulehnen und dass sie die neue Freundin von Samira richtig kacke fände, so eingebildet wie die wäre.
Nach diesem Gefühlsausbruch sinkt Namur wieder in sich zusammen und erstarrt wie ein Denkmal der Verschlossenheit selbst.
Ich sage ihr, dass sie alles getan hätte und mit allem wie eine Löwin gekämpft hätte um Samira. Dass eine neue Freundin erst mal ganz schön neu und spannend sei.
Namur ist nicht einverstanden mit meiner Antwort und sagt, ich wüsste überhaupt nichts über dieses Mädchen. Ich frage daraufhin, wie viel sie denn über die andere wüsste und ob sie schon mal versucht hätte, zu dritt etwas zu machen.
Ja, sagte Namur, das hätte sie auch versucht, doch das andere Mädchen sei auch Algerierin, so, wie Samira.
Ich flechte den Zopf zu Ende und überlege, was und wie ich Namur raten könne.
Sie dreht sich zu mir um und sieht mich fragend an. Ich frage sie, was ihr an Samira so gut gefiele?
Namur überlegt, einen Zeigefinger an ihr Kinn gelegt und sagt, es sei, weil Samira ihr so ähnlich sei.
Ich kenne Samira. Sie ist ein sehr stilles, schüchternes Mädchen, ernst, mit einem großen Ehrgeiz, eher vorsichtig und skeptisch.
Ich frage Namur, worin sie sich ähnlich wie Samira fühle. Namur sprudelt sofort los:
Samira fände die gleichen Songs gut wie sie, Namur.
Hat Samira dir das gesagt, dass sie die gleiche Musik gut findet wie du?
Nein, so sei es nicht gewesen, korrigiert mich Namur, vielmehr habe Samira alle Lieder gut gefunden, die Namur ihr vorspielte.
Ich will wissen, ob sie auch Samiras Musik möge?
Nö, meint Namur, darum hätte sie Samira auch alle ihre gute Musik vorgespielt und Samira hätte alles gut gefunden.
Ich will weiter wissen, ob das bei Spielen auch so gewesen sei. Ob sie auch mal nach Samiras Vorgaben miteinander gespielt hätten?
Namur verneint, meistens sei sie die mit den guten Ideen gewesen.
Ob sie mal Samira gefragt hätte, ob die Namurs Idee auch gut gefunden hätte?
Nö, sagt Namur, das sei doch nicht nötig gewesen.
Oh, oh…
kommt es vielsagend von mir.

Namur schweigt, sieht mich an.
Es vergehen zwei Minuten, dann sind es schondrei.
Schön sängen die Vögel heute, teile ich Namur freundlich mit und dass es überhaupt schönes Wetter sei, ein herrlicher Tag.
Namur sagt, ich sei komisch und stellt sich in stillem Protest vor mich hin, doch ich lächele sie einfach nur an.
Denk doch mal selber nach, sage ich ihr dann, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.
Da lacht sie schon wieder, doch ernster und sagt, sie verstehe nicht, wie ich das meinte.

Was wünscht du dir von Samira?
Frage ich Namur.
Sie denkt eine Weile nach und sagt, dass es Zeit sei, gemeinsame.
Dass sie wieder ihre Freundin sei, wünschte sie sich.
Ich frage Namur noch einmal, ob sie wirklich glaube alles getan zu haben für Samira?
Namur bejaht.
Dann sei es gut, sage ich.
Samira habe immer mit ihr, Namur gespielt. Sie habe sogar in Kauf genommen, dass Namur immer bestimmen wollte und ihre Musik nicht gut fand, nur ihre eigene. Namurs Musik.
Und nun sei da jemand, der vielleicht Samira genauso mag wie sie ist, auch ihre Musik mag und ihre Spielvorschläge, sie vielleicht sogar bittet, dass Samira bestimmen darf.
Ich sage Namur, ich wüsste dies natürlich alles nicht, doch es könne ein Grund sein für Samiras Rückzug.
Manchmal, sage ich Namur, der ghanaischen Stolzen, ist Liebe zu innig, so dass der andere nicht mehr atmen kann, vor allem, wenn zwei so unterschiedlich sind, wie Samira und du.
Die eine ist ruhig und die andere ein Irrwisch, ein starker obendrein.
Namur hat ein Löwenherz und Löwen wollen bestimmen.
Sie fragt mich, ob sie alles kaputt gemacht habe, nun, weil sie zu löwisch war.

Ich frage Namur, wie lange sie denn mit Samira befreundet ist.
Sie rechnet mit den langen Fingern: fünf Jahre.
Ich lache laut und frage sie, worum sie sich dann sorgte?
Ich sage ihr, sie solle freundlich zu Samira sein, ihr Zeit lassen, über die neue Freundin nichts Böses sagen und abwarten wie die alten Ägypter am Nil auf die Flut.
Sie solle ihren Stolz im Herzen tragen wie ein Löwe, doch gleichzeitig bescheiden sein und anmutig wie eine Antilope.
Das ist ganz nach Namurs Geschmack, damit kann sie etwas anfangen.
Sie sagt, dass es schwer und traurig ist ohne Samira, die sie vermisst und ich rate ihr, auf andere zuzugehen.
Wenn ich keine anderen Freunde finden kann?
Namur sitzt in Notlandeposition auf der Bank und dreht Zöpfchen.
Es liegt doch an dir, ob und wie du dirFreunde findest, sage ich Namur und ziehe ihren Kopf an den Zöpfchen wieder hoch.
Du hast viel zu geben, sage ich ihr und dass ich losmüsse.
Ich frage sie, ob sie Lust hätte, einen uralten Fritzchenschulwitz zu hören.
Alle Kinder in diesem Alter sind wie gekniffen auf Witze.
Auch Namur bildet keine Ausnahme und nickt begeistert.
Ich erzähle:
Fritzchen kommt zu spät in den Unterricht.
Die Lehrerin möchte wissen, wieso er sich verspätet hat.
Fritzchen sagt:’Ich musste erst einer alten blinden Dame über die Straße helfen‘
‚Wie löblich, Fritzchen! Und das dauerte so lange?‘, fragt die Lehrerin erstaunt.
‚Ja, antwortet Fritzchen, ‚die wollte doch gar nicht über die Straße…‘

Namur braucht einen Moment, doch dann begreift sie, ich weiß nicht wieviel, sie lacht, doch mit ernsten Augen, und die Schulglocke läutet und dann springt Namur, mir noch einmal zuwinkend, davon – wie eine Antilope.

Sanft und sonders

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Bist du größer?
klettere ich wo drauf
find ich nichts zum
Klettern
schau ich zu dir auf

Bist du kleiner?
geh ich in die Knie
bring mich auf eine Höhe
mit dir
völlig egal
wie!

Bist du anders?
Fühl ich mich in dich rein
habe ich dich gern
will ich ein bisschen
so wie du sein
bist du ehrlich
bin ich dein
strahlender Widerschein

Bist du gottlos
geb ich dir meine Hand
warm voller Leben
wie’s noch in keinem
heiligen Buch
je beschrieben stand.

Bist du zornig
lächele ich mitten
in dich hinein
gebe ich deiner Wut
jeden und keinen Raum
denn heute will ich
für dich
das Gegenteil
von dir sein.

Bist du größer und stärker
habe ich dennoch
vor dir keine Angst
ich kenn einen Schlüssel
der öffnet dein Herz
an den Stellen
wo du heimlich
für dich bangst.
sanft und sonders