Hoppa! meint Philippa Marlowe

Diese Opferfest-Nächte machen Philippa Marlowe fix und foxi. Sie sitzt hektisch qualmend im wolkenumdrängten Mondlicht auf ihrem Balkon, trocknet von der ultraheißen Bade-Wanne ab und versucht der zwölf Grad kalten Sommernacht irgend etwas anderes als vorherbstlich fröstelnde Gefühle abzugewinnen.
Eine erschrockene Fledermaus umkreist Philipp und schießt schnell in die Sicherheit eines Baumdunkels. Wenn Philippa Frust schiebend auf ihrem verregneten Balkon hockt und den ersoffenen Lavendel bemitleidet, ist nicht gut mit ihr Kirschen essen. Die Fledermäuse kennen Philippa und wissen das.

Eine Wohnung unter Philippa schreien jetzt welche Hoppa! und dann geht aber die Post ab. Ein Kerl mit einer sonoren Bass-Stimme sagt etwas zu jemandem in ein Telefon , das man noch fünf Wohngebiete weiter hören kann und Philippa fragt sich wie die anderen Nachbarn es schaffen zu schlafen, während unten die Sause dieses Jahrtausends steigt in Nachbars 76-qm-Wohnwabe mit mindestens zwanzig Mann Besatzung. Es ist Philippa noch nicht eindeutig gelungen, den Anwesenden eine zweifelsfreie Nationalität zuzuordnen. Die Frau flucht auf russisch, der Mann entgegnet Dobsche, dobsche! auf Polnisch und sie haben eindeutig griechische Freunde. Endaksi, Hoppa.

Einen Stock unter Philippa wird inzwischen getanzt, dass Buddha in ihrer Vitrine herumhüpft. Diese steht auf zartgliedrigen Beinen. Philippa nennt die Vitrine manchmal Eleonore, weil sie so dermaßen blau ist, dass Philippa noch kein anderer Name dafür eingefallen ist. Jetzt klirrt Eleonore grade und die langmähnige Privatdetektivin beäugt mit misstrauischen Augen Eleonores schmale etwas wackligen Edelstahlfüße. Hoppa, Kristallgläser, das ist mindestens Polka da unter uns, halt durch Eleonore, verlass mich nicht wegen denen da unten! fleht Philippa das fragile Möbelstück an.

Im Rest des Mehrparteienplattenbetonklotzes herrscht fassungslose Ruhe. Es ist schon seltsam. Wenn von vielen ein einziger superlaut ist, fällt dieser Einzige besonders auf. Diesen Satz muss Philippa Marlowe sich sofort aufschreiben, denn er ist einfach so wahr und klar, dass er bestimmt sogar literarisch sein könnte wenn er nur genug wollte. Sie zuckt und zögert. Wenn sie den Satz aufschreiben will, muss sie Eleonore, die Vitrine loslassen und Eleonore schwebt in Lebensgefahr, während unten jetzt der vollfette Subwoofer tiefwummerfrequent zugeschaltet wird und nun auch noch Philipps Stehlampe mit dem ultraschweren, von Glaslibellen bewachsenen Tiffany-Schirm leicht zu vibrieren und zu schwanken beginnt. Der Satz ist Philippa scheißegal geworden. Die Kunst muss jetzt mal warten, brummt sie unwillig und versucht ihren mittlerweile ebenfalls vibrierenden Hintern zu beruhigen.

Unter Philippa singen jetzt ein paar Nachbarn ein paar sehr alte Volksweisen aus verschiedenen Kontinenten mit dem Subwoofer als Ryhthmus- und Impulsgeber. Der Mond funzelt heraus und Ramadan ist sowas von zu Ende. Alle Muslime sind jetzt gerade in total munterer Feierlaune. Sind denn aber Russen und Griechen nicht überhaupt christlich-orthodox? Was findet da unter mir überhaupt statt? fragt sich nun Philippa mit Eleonore im Arm und denkt erschrocken an finstere Rituale, von denen sie in einem Mondzauberbuch gelesen hat.
Noch ehe sie jedoch ihre losen Gedankenbeginne in einen Faden zu Ende weben kann, wird Philippa rüde abgeschnitten von einer arabischen Volksweise und jetzt beginnt ein Mann dröhnend zu singen. Yallah, yallah, Allah! johlt unter ihr nun auch noch eine Frau mit überschnappender Stimme. Philippa Marlowes Augenlider fühlen sich an wie schwere flämische Fensterläden. Sie wollen so gerne zuklappen. Die hohe (arabische???) Frauenstimme fällt girrend in den Männergesang mit ein und beginnt in den Höhen halbtonmäßig arabesk anmutendes Orient-Ambiente zu verströmen. Eindeutig arabische Tonleiter, konstatiert Philippa blitzschnell und dann schreit wer laut Endaksi, Hoppa! und sie umarmt verzweifelt ihre Vitrine Eleonore, damit diese nicht versucht aus dem Wohnzimmer herauszuhüpfen auf ihren zierlichen Vitrinenfüßen.

Es muss ein Ritual sein, ist sich Philippa Marlowe nun absolut sicher und wartet darauf, dass der Himmel seine dämonischen Pforten öffnet. Als hätte sie es vorhergesehen, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten und Philippa sieht sich in echter Entscheidungsnot: Entweder Eleonore opfern oder ihren Computer, der noch draußen auf dem Balkon steht. Also Eleonore, du musst jetzt tapfer sein, sagt Philippa und klemmt unter Eleonores Tanzfuß entschlossen ein Stückchen Bierdeckelpappe fest. Versuchsweise springt Philippa etwas auf und ab und jubelt Hoppa! dabei, doch Eleonore steht solide wie eine echte deutsche Spanplatteneiche. Na siehste, geht doch, wenn man will und dumm kannste ruhig sein, musst dir nur immer zu helfen wissen, brummelt Philippa vor sich hin und rast auf den Balkon um den vollgepladderten Computer hereinzuholen. Glücklicherweise hat sie das Ding wenigstens zugeklappt. Hoppa, dröhnt unter ihr nun ein ganzer Chor und stampft herum wie eine große Herde Elefanten, so dass ein auf der Orchidee hockender Porzellanengel herunter fällt und sich mit protestierendem Scheppern auf dem Laminat in tausend Stücke zerkloppt. Jetzt reichts aber mit Hoppa!, brüllt nun Philippa nun höchlichst empört los und in niemandes bestimmte Richtung.

Wenn Engel beschließen zu sterben, bedeutet das Krieg und zwar auf der Stelle, Auge um Hoppa! Endaksi!Inschallah! Dobsche dobsche Trallala! Towaresch! tobt Philippa nun stinksauer, im Gesicht genauso hochrot wie ihre Haare und rafft schnaubend die jämmerlichen Überreste des Engels vom Fußboden zusammen. Sie beschließt, dem Treiben unter ihr nun Einhalt zu gebieten, notfalls mit polizeilicher Verstärkung. Es sind dämonische Priester, Abdul, es ist ganz furchtbar! wispert Philippa und krallt sich das Telefon. Sie will gerade das SEK-Sondereinsatzkommando anrufen, doch dann beginnt unter ihr wieder diese Frau zu singen…

…es ist seltsam ruhig geworden und der Regen hat draußen nachgelassen. Irgend jemand von denen da unten hat ein Akkordeon und ein anderer eine Klampfe. Die Anlage wird ausgestellt und Philippa hört melancholische Akkordeontöne, klingt wie Tango aus Argentinien. Nun vollkommen verwirrt setzt sie sich in den Schaukelstuhl auf ihrem Balkon und vergisst, dass das Polster noch vom vorherigen Regen trieft. Fluchend und mit klitschnassem Hinterteil wickelt sich Philippa kurzerhand in die uralte schottische Wolldecke ein, die sie von ihrem Großvater geerbt ha. Sie lauscht dem argentinischen Tango, der sich nun in etwas anderes zu verwandeln beginnt als die Gitarre dazufällt. Das ist eindeutig eher griechisch zuzuordnen. Rembetika? Philippa will sich gerade auf Griechenland einschießen (Hoppa! Endaksi!), doch da beginnt der Mann zu singen. Volltönend und ziemlich musikalisch. Die reinste Zigeunermusik ist das ja! Django Reinhardt is alive! Die Frau beginnt nun die zweite Stimme zu schluchzen und alles ist unbeschreiblich ergreifend, auch wenn Philippa immer noch null Ahnung davon hat, was für Musik das denn nun eigentlich ist.

Zum vergnügten Festausklang um fünf Uhr morgens schallt das Treppenhaus von gefühlt tausend schweren Schritten, Stimmen und natürlich auch den obligatorisch mit viel enthusiastischem Verve und Temperament ins Schloss geschmetterten Türen. Die Vitrine erbebt noch einmal gefährlich in den Grundfesten, dann ist es endlich ruhig bis auf die lautstarke Autobahn aus Westen. Als Philippa im Badezimmer ist, überträgt ihr die Schalleitung des Heizungsrohres eindeutige Würgegeräusche von einem Stock unter ihr. Sprachen und Kulturen mögen alle unterschiedlich einzigartig sein, doch dieses Geräusch, wenn Menschen Würfelhusten haben und sich gerade auf links krempeln, klingt bei jedem Menschen gleich.

Als Philippa endlich in ihrem Bett liegt und für die nächtliche Stille dankbar dem vertraut dröhnenden Autobahnlärm aus Richtung Südwest lauscht, denkt sie über Cocktails und ihren seltsamen Assistenten, den stolzen Beinahspanier Ronaldo Fuerzo di Garcia nach. Er ist dem Geheimnis des rätselhaften Regisseurs „Mime Misu“ auf der Spur. Er erzählte Philippa bei einem Koipiranja mit dezent traniger Fischnote, dass „Mime Misus" erste filmische Verarbeitung der Titanik-Katastrophe, der Stumm-Film „Titanic- In Nacht und Eis“ 1912 lange als verschollen galt, kaum bekannt ist und dessen Wunderkindmythos der Forschung immer noch schier unlösbare Rätsel aufgibt.

Philippa Marlowe lauscht in die Nacht, in der gerade ein LKW lautstark und ausgesprochen ausdauernd herumhupt und ihr kommt erneut die alte mysteriöse Goldmünze in den Sinn, die ihr der verrückte Muslime schenkte, dessen Herkunft genauso wenig eindeutig zuzuordnen ist wie die der Münze.Hat das Ding etwas mit Ronaldos rätselumwitterten „Mime Misu“ zu tun? Gibt es eine heiße Spur? Wo ist die Verbindung? Philippa spürt wie sie sich langsam zu echauffieren beginnt und in Wallung gerät wie immer, wenn sie eine heiße Spur wittert. Was hat mit all dieser Verrücktheit, die um sie herum geschieht, die altgermanische Irminsul zu tun, die Ronaldo seit Neuestem überall begegnet, sogar in Vorgärten, umgeben von Gartenzwergen? Ist sie ein Völkerverständigungssymbol nicht nur heidnischen, sondern sogar übergermanogigantischen Ausmaßes?
Philippas Herz will unbedingt zu rasen beginnen. Sie macht jedoch kurzen Prozess damit und schluckte schnell eine riesige Baldrian-Bombe, die einen kapitalen Kater zwei Nächte um den Verstand bringen würde.
Die sedative Dröhnung tut ihre WIrkung. Philippa beginnt einzuschlafen. In ihren Träumen beginnen die Puppen zu tanzen und sie flüstert leise schnaufend ein Hoppa! in die Sommernacht…

—-

Frohes Neues wünscht Philippa Marlowe!

Philippa Marlowe zündete sich eine ihrer schwarzen Zigaretten an. In der frostigen Luft verbreitete sich Vanilleduft. Sie war leicht angetütert, weil sie in der Bar mit Ronaldo Fuerzo di Garcia, ihrem treuen Gehilfen ein paar Cocktails zu viel genommen hatte. Philippa Marlowe liebte gerührte wie geschüttelte Cocktails geradezu obsessiv. Skeptisch schaute sie zu den Sternen auf: Ihr seid auch nicht mehr das was ihr mal ward! protestierte sie leicht lallerig und eierte auf ihren dreizehn Zentimeter hohen Salatstechern so elegant wie möglich die verwitterten Treppenstufen zu dem Mietshaus hoch, in dem sie wohnte wenn sie nicht gerade ihr Leben zwischen Schlaf- Sofa und Schreibtisch in ihrer Detektei in der Innenstadt verbrachte. Sie versuchte, mit ihrem Türschlüssel das Schlüsselloch der Tür zu treffen, doch sie stach mehrfach daneben. Kopfschüttelnd begann sie in ihrer Handtasche nach der Mini-Taschenlampe herumzuwühlen als sie mit einem Mal von einem großen Auto angeblendet wurde. Der EssJuWi stand in einer der Parkbuchten vor dem Haus. Philippa Marlowe blieb wie angewurzelt im Lichtkegel stehen und fragte sich welche Feinde sie wohl gern in der Silvesternacht erschießen würden? Schuldete sie noch einem Mafioso Geld? Die Tür auf der Fahrerseite des Wagens öffnete sich und heraus kippte eine lange Gestalt mit einem kläglichen Ächzen. Philippa Marlowe konnte sich endlich wieder rühren und stürzte zu der bewegungslosen Jammergestalt auf dem Parkplatz. Im Scheinwerferlicht erkannte sie das Gesicht des Mannes. Fassungslos rief sie: Wie? Du? Hier? Bei mir? In der Silvesternacht um fünf Uhr morgens? So etwas bringst nur du fertig! Himmel hilf! Im Maschinenfeuerstakkatto ihrer nacheinander heraufgehämmerten Fragen schwang eine Melange aus Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit. Sie schaltete die Scheinwerfer des Wagens ab und beugte sich hinunter zu dem regungslosen Mann. 
Kannst du mir bitte mal verraten, wie ich dich in dieser äußerst mickrigen Allgemeinkondition diese ganzen Treppen hochbefördern soll? Etwa huckepack? Komm, mein Lieber, jetzt nehmen wir mal deinen dramatischen Abgang in den Schwitzkasten. Der Mann ächzte verzweifelt und hilflos und versuchte sich aufzurichten. Sofort verzog sich sein Gesicht und er hielt sich den Magen. Philippa Marlowe hingegen schwirrten die fünf Caipirinhas im Kopf herum, mit denen sie versucht hatte, Ronaldo unter den Tisch zu saufen, doch dieser erwies sich als ungewöhnlich resistent und hielt bis zum bitteren Ende durch. Schließlich war sie es, die klein beigeben musste und von einem sechsten Caipirinha entschieden Abstand nehmen, wenn sie den kommenden Morgen irgendwie auf zwei Beinen statt auf allen Vieren kriechend erleben wollte. 
Ronaldo hatte die ganze Fahrt im Taxi  lauthals gelacht und Philippas Stolz hatte einen argen Schnitzer hinnehmen müssen. Nun auch noch das! Und dann obendrein, als wäre nicht bereits alles schlimm und gemein genug auch noch der hier! Er hatte sich zu lange nicht gemeldet oder sehen lassen. Es war jedoch total typisch für ihn, völlig unangekündigt mitten in einer Silvesternacht aufzukreuzen, hackestramm und unschuldig wie ein Kirchenknabenchor auf Zeitreise.
Seufzend griff ihm Philippa Marlowe unter die Arme und half ihm hochzukommen. Dass du dich nicht schämst, wetterte sie  und legte  den Arm um seine Schultern. So ein großer langer Kerl und sturzbesoffen! Das ist ja Bukowski-reif, das Ding! Mit der Schnapsleiche im Schlepptau, schimpfend und lästerlich fluchend wie ein Fuhrkutscher, traf Philippa sogar auf Anhieb mit ihrem Schlüssel das Schlüsselloch der Haustür beim ersten Anlauf, denn in brisanten Situationen war auf ihre Feinmotorik immer Verlass, egal wie angedröhnt sie auch sein mochte. 
Ihr  Freund torkelte wie eine Fregatte bei schwerem Seegang von rechts nach links. Immer wieder hielt Philippa tapfer dagegen und trieb ihn unermüdlich an wie ein Boxtrainer: Los, komm,  weiter Alter, los komm du schaffst das, ich weiß das, noch ein paar Stufen nur…! Los, los, los…
Warte mal kurz, befahl sie. Das keuchende Gespann kam schwankend auf einer der Stufen im ersten Stock zum Stehen. Philippa zog sich ihre hohen Schuhe aus und nahm sie in die freie Hand. Einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen wankte sie mit ihrem völlig desolaten Freund im Arm die Treppen hoch bis vor die Tür. Er brachte mit brüchiger Stimme heraus: Boah, ist mir übel, ich glaub ich muss gleich….
Wehe! donnerte da Philippa entschieden. Und schon überhaupt nicht auf meine Willkommen-Matte! Da wird nicht draufgereihert! Ihr Freund setzte eine Miene auf wie ein Hush Puppie, seine Stirn lag in sorgenvollen Falten, seine Miene war das Leiden selbst.
Nu kuck doch nicht so statisch traurich, tröstete Philippa ihn mitfühlend. Bist ja gleich drin und vor Örtchen. Während sie ihren Freund im Bad seinen Magenkrämpfen überließ, zog sie schnell die Tagesdecke vom Wasserbett. Da ist auch was zum Mundausspülen und eine Packung frischer Zahnbürsten rief sie in Richtung Bad. Sie hörte, wie der Mann darin mit etwas gurgelte und sich dann sogleich erneut geräuschvoll übergab. Philippa Marlowe schüttelte erst ihren Kopf und dann das Kissen im Bett auf. 
Der Mann war aus dem Bad gekommen und sah aus wie ein gerade frisch auferstandene Leiche. Meine Güte, rief Philippa erschrocken, du siehst ja Jahre älter aus als du jemals werden könntest! 
Er ließ die Schultern nach vorn sacken und hing durch wie ein Schluck Wasser in der Kurve.
Entschieden lotste sie Philippa ihn zum Bett, willig ließ sich ihr Freund von ihr führen. Widerstand gegen Philippa Marlowe war sowieso grundsätzlich völlig zwecklos. Sie setzte ihren Freund auf das Wasserbett, auf dem er zusammengesunken mit hängendem Kopf und schlaffen Armen hocken blieb. Er sprach kein einziges Wort. Philippa wollte ihm die Schuhe aufbinden, doch er sträubte und wehrte sich nach Leibeskräften. Du kommst mir nicht mit Schuhen in mein Bett, stell dich nicht so störrisch an, Mann! schimpfte sie entnervt, packte sich erneut einen widerspenstigen Fuß und zerrte am Schnürsenkel herum. Ich hab aber bestimmt Fußgeruch und kitzelig bin ich auch! lamentierte nun seinerseits der Freund und wollte ihr den Fuß entziehen. Doch eine Philippa Marlowe ließ sich nicht einfach wegnehmen was sie erst einmal hatte. Ich bin sturer als du, du Holzkopf und jetzt stell dich nicht so mädchenhaft an, säuselte sie und zog mit einem schnellen überraschenden Ruck den Schuh vom Fuß ihres Freundes ab. Nach Rosen duftete dieser wahrlich nicht, Philippas Nase litt höllische Qualen, doch was tut man nicht alles für seine Freunde! Sie zog ihm die nassen Socken aus und holte einen Waschlappen aus dem Bad. Nein! schrie Philippa Marlowes Freund entsetzt und riss die Augen auf. Doch! widersprach Philippa und wusch ihm kurzerhand die Füße. Jetzt die Hose! befahl Philippa mit hell leuchtenden Augen. Nein, nicht doch! jammerte ihr Freund mit grünlichem Gesicht und schlug die Arme um sich. Wenn du möchtest, kannst du die Nacht auch gern angezogen vorm Bett auf dem Schaffell verbringen, my lovely, flüsterte Philippa stattdessen drohend. Diese Ankündigung bewirkte, dass sie ihm endlich die Hose herunterziehen konnte. Nein, lachte sie lauthals los! Wo hast du denn bloß diese Unterhose her, die ist ja herzallerliebst, Lover Boy! Mit kleinen Dinosauriern? Sie schüttelte sich vor Lachen und ihr langes rotes Haar flog um sie herum. Aufmerksam studierte sie das Gesicht ihres Freundes. Was schaust du denn so? fragte er Philippa und zuckte mit den Achseln. Oh, Farbenlehre, meinte Philippa: Erst warst du grünlich im Gesicht, jetzt wirst du obendrein rötlich, bist du gleich lila? Du weißt doch, das ist Tüfis, wenn du lila anläufst! Steck mich bloß nicht mit Tüfis an! Ihr Freund lachte trotz der Magenkrämpfe. Widerstandlos ließ er sich von Philippa seinen schwarzen Pullover befreien. Sie gab ihm einen leichten Schubs vor die Brust, so dass er in das wogende und wackelnde Wasserbett nach hintenüberkippte.
Sofort verdrehte er die Augen. Oh, seufzte er. Frische Bettwäsche, erklärte Philippa. Keine unangenehmen Schwingungen im Raum. Nur frische Luft, ich lasse das Fenster mal auf Kippe.
Und du? Fragte er und schwamm durch die Worte wie ein träger Fisch. Wo schläfst du? Er schluckte an irgend etwas schwer und versuchte sich zu drehen. Sein Magen drohte schon wieder zu protestieren. Auf meinem Sofa, zwitscherte Philippa vergnügt und schälte sich aus ihrem ultrakurzen Minirock. Darunter kamen schwarze glänzende Seidenstrümpfe zum Vorschein. Sie öffnete ihre dunkelrote Bluse und marschierte in die Küche. Er versuchte ihr hinterherzuschauen, doch sein Kopf war zu benebelt um ihn gefahrlos drehen zu können. Das Bett drehte sich um ihn wie ein Karussell. Er hielt probeweise einen Fuß aus dem Bett. Das half kurzfristig.
Er hörte Philippa in der Küche herumrumoren, dann kehrte sie zurück mit einem Glas, das irgendeine suspekte Flüssigkeit enthielt. Was ist das? wollte er skeptisch von ihr wissen. Sie schaute die mysteriös grün leuchtende Flüssigkeit in dem Glas an. Das willst du nicht wirklich wissen, wisperte Philippa mit einem  geheimnisvollen Lächeln. Es ist ein Zaubertrank. Ganz schlimmes Zeug, aber ungemein wirkungsvoll. Ein Magenzauber gegen Kotzeritis.
Gib es zu, das sind K.O.-Tropfen! entgegnete er. Natürlich, lachte Philippa, was denn sonst?Wie soll ich dich denn sonst im Schlaf deiner männlichen Unschuld berauben? Sie grinste unverhohlen lüstern und musterte nachdenklich dabei den Kristalllüster. Müsste auch mal wieder geputzt werden, sinnierte sie und verfolgte angestrengt mit den Augen dem Verlauf einer langen dünnen Spinnwebe, die sich vom Bild zum Lüster quer unter der Decke herzog. Dabei hatte sie doch gestern erst gestaubsaugt?
Los, nun sag schon, was da drin ist, du alte rothaarige Hexe!, verlangte er nachdrücklich doch nicht unliebenswürdig.
Gut. Philippas Miene wurde ernst. Du willst es also wirklich wissen. Also gut.
Es sind pürierte Fledermausflügel, zu zwei Anteilen und Mäusepisse, pulverisierte Pavianpenisse und gestößelte Spinnenbeine. Eine Messerspitze fein verbröselter Kröterich aus dem Eisgrund und ein Schmach Libello für die gute Hurtigkeit. 
So, und nach dieser Offenbarung willst du dies Elixier wirklich noch trinken?
Philippas Freund verdrehte die Augen. 
Gib schon her, seufzte er kapitulierend, nahm das Glas und trank es in einem Zug aus. 
Währenddessen machte  sich Philippa an ihrem Sofa zu schaffen, rückte Möbel, zog das Ding aus und bezog es mit einem  frischen Spannbettbezug. Dann holte sie sich die schottische Wolldecke und ein Kissen und zog ihre Bluse aus. Hinter ihr begann es leise und schnappend zu schnorcheln und in hellen Atemzügen zu wieseln. Der Zaubertrank wirkte in der Tat hurtig. 
Philippa legte sich auf ihr Sofa und knipste sämtliche Lampen aus. Nun lag der Raum in tiefer Dunkelheit. Für den späteren Neujahrs-Morgen hatte sie ein ordentliches Frühstück mit Rührei und Schinken, Toast und Croissants, frisch gepresstem Orangensaft, Räucherlachs und englischer Orangenmarmelade geplant. Sie dachte darüber nach, warum dieser Freund nach all der vergangenen Zeit mit einem Mal vor ihrer Tür stand, beziehungsweise lag. Sie lauschte mit halbem Ohr zum Wasserbett. Ihr Freund schlief selig und süß den Schlaf des Gerechten. Philippa dachte noch  an diesen alten Peter-Alexander-Song: Hier ist ein Mensch, schick ihn nicht fort. Sie haderte mit der Tatsache, dass ausgerechnet ihr immer wieder solche Dinge geschahen wie heute Nacht. Keine Frage, neue Chance, neue Tage, dachte Philippa bewusst positiv, scannte jeden ihrer Körperteile um zur inneren Ruhe zu finden und schlief langsam, innerlich noch nachdröhnend ein, während sich Philippas caipirinhageschwängerter Atem pflichtbewusst und diszipliniert bis in den Tiefschlaf in Richtung linker kleiner Zeh kribbelte.