ABC-Etüden: Nereidenfarben

Liebe blogfreunde,

Textstaub lässt mich nicht los. Ein Text, der durch einige blogfreunde mitinspiriert wurde. 

Ich verarbeitete so verknappt wie möglich mehr als drei abc-wörter, doch nicht alle, zum Beispiel gefielen mir die Backerbsen hier drin nicht und ich baute meine gestnächtliche Wanderey durch die fensterklappernde Wind-Nacht mit ein. 

Einige Beiträge von heute Morgen flossen ein in meinen Text. Hier die Links zu den Beiträgen, die mich zu diesem Text verlockten:

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/19/schreibeinladung-abc-etueden-kuerzestgeschichten-textwoche-8-17-mit-neuen-woertern-hinten-dran/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/17/abc-etueden-kw-7-17-worte-koenigin-backerbsen-korallenriff-die-inszenierung/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/12/schreibeinladung-abc-etueden-kw-7-17-worte-by-margarete-helminger/

Kata-Strophen No. 5 / abc-Etüden (der Buchgeist und der Schokoladenengel)

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/21/coolsein-war-gestern/

https://wildgans.wordpress.com/2017/02/21/wort-des-tages-21-februar-2/

https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/02/19/fading-2/
Ich wünsche Euch viel Lesefreude.

Hans Christian Andersen hat leider keinen blog, doch ich bedanke mich auch bei seinem Geist für die große Fülle, die er in mir hinterlässt.

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, es höre jemals auf. Untröstlich bleibt so manches: die goldene Hochzeit niemals erleben zu können, weil zu viele Träume gewaltsam mit dem Recht der ersten Nacht entjungfert wurden. Klar können sie nach wilden verschwitzten Nächten mit Schokolade besänftigt werden. Doch wie lange hält das vor? Nicht einmal eine Buchseite lang. Kein Wort kann die kosmische Kälte der Nächte erfassen. Kein Stern ist weit genug entfernt um die Vergeblichkeit dieses Lichtes zu beschreiben.
Die Bücher waren in einem unruhigen Wellengang in lauter Leerzeichnungen untergegangen und dafür blähte sich ein Angstmond auf. Im Wald wieder Knalleffekte, Störgeräusche und dann das tropfende Schweigen der erbeuteten Geduld, mit der dünnes Blut in kleinen Pfützen auf dem Küchenboden herumschwimmt. Zu spät die Scherbe gesehen, das Trümmerstück des alten Spiegels, ein Schmerzgesicht zuletzt. 
Vergeblich zum Schrank zu gehen mit dem nur schlampig verbundenen Fuß, das sammetwilde Meerjungfrauengrüne Maulbeerseidene herauszukramen und sich wie eine Königin die Korallenkette der Mutter um den Hals zu legen, sie dabei heimlich zu fragen, warum immer noch den Frauen wenn sie lieben wollen, die Sprache fehlt als hätten sie abgeschnittene Zungen und warum ihnen bei jedem Schritt ihr Gefühl wie tausend Messer in die Füße fahren muss. Dann blutet der Fuß wieder los. Diese untröstliche Wunde verweigert einfach die Heilung. Der Raum schmeckt metallisch nereidenfarben. Sie  zerrinnt darin. Korallenrot.

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Ein Weihnachtsmärchen: Neues vom Froschkönig

Glitzernd trudelte der goldengrüne Froschkönig an einem dünnen Nylonfaden einmal um die eigene Achse. Die Verkäuferin vom Märchenstand nahm ihn vom Haken herunter und griff nach dem Preisschildchen, das an des Froschkönigs Knöchel angebracht war. Mit einer Hand hielt sie den Fuß des Froschkönigs fest und mit der anderen drückte sie das kleine störrisch sich spreizende Preisschildchen auf die Platte des Verkaufstresens. Dann strich sie den alten Preis darauf mit nachdrücklichem roten Strich durch und übermalte ihn mit großen, ebenfalls roten Ziffern. Der Froschkönig hätte ihr gern mitgeteilt, dass er sehr kitzelig an seinen Froschfüßen war, doch die Verkäuferin verstand sein Fröschisch nicht, denn diese Sprache beherrschten nur Märchenwesen wie der Froschkönig eines war. Während er die höllischen Kitzelqualen an seinem Fuß stumm erduldete und erlitt, hörte er aus der Schublade unter dem Verkaufstresen ein verzweifelt klingendes Stimmchen, es sang piepsig und dünn: Hilfe, ich stecke hier drin. Ganz zuunterst! Unter all den anderen! Kann mich jemand sehen oder hören? Die Verkäuferin drehte soeben den Froschkönig auf den Kopf um das Preisschildchen um den Knöchel besser zu positionieren, so dass der Froschkönig nun ,kopfüber hängend, in die halb geöffnete Schublade hineinlinsen konnte. 
Darin tummelten sich, eine jede geschweißt in ein Plastiktütchen, lauter bunte, in allen Regenbogenfarben schillernde Märchenfiguren. Es gab alte Zauberer in prächtigen bestickten Mänteln, stolze schöne Einhörner, skurrile und verschrobene Kobolde in schrägen Kostümen, noch mehr bunte leuchtende Froschkönige und schimmernde Engel. In einem dieser vielen Tütchen steckte auch eine bunte Fee. Ihr Regenbogenkleid war mit Funkelpigmenten überspannt und sie machte ein höchst ängstliches Gesicht. Wie gern hätte sich der Froschkönig seine goldenen Augen gerieben vor lauter Staunen über dieses ihm geradezu himmlisch anmutende Geschöpf aus der Feenwelt und am allerliebsten hätte er sich bewegen können mögen, doch dies war den Märchenfiguren in der Menschenwelt verwehrt. Sie durften sich nur in ihrer eigenen Welt bewegen. Da dem Froschkönig also nur seine Stimme blieb um sich bemerkbar machen zu können, fragte er: Liebste Fee, was machst du denn da unten ? Du gehörst doch nach hier oben in den Märchenbudenhimmel und nicht in diese dunkle enge Schublade! Am Ende passiert dir da drin zusammen mit den anderen noch etwas, Du siehst zerbrechlich aus, pass bloß auf Dich auf! Der Froschkönig war ein äußerst fürsorglicher und warmherziger Frosch, so ganz anders als die anderen bunten prächtigen Froschkönige im Märchenbudenhimmel, denen er stets viel zu langweilig war, so dass sie sich in ihrer Arroganz nicht dazu herabließen, überhaupt mit ihm zu sprechen obwohl er ein echter König mit allen Würden und Ehren war wie sie auch.
Statt dem Froschkönig zu antworten, begann die Fee in der Tüte jämmerliche Perlentränen zu weinen. Klick klick klickediklack klickerdiklackerten die mikroskopisch kleinen Tränen um ihre Füße in die Tüte. Wie soll ich dich denn da bloß heraus bekommen? jammerte nun seinerseits der Froschkönig und wurde hast-du-nicht-gesehen wieder umgedreht und auf seine Füße zurückgestellt, so dass die Fee aus seinem Blickfeld verschwand. 

Die Verkäuferin verglich ihn mit fünf anderen Froschkönigen im Märchenbudenhimmel. Auch sie schwebten allesamt an dünnen Nylonfäden. Unter den hellen Strahlern der Lämpchen produzierten sie einen Lichtschauer nach dem anderen. Von dieser Pracht angezogen blieben immer wieder Leute stehen und kauften den Zauber eines Einhorns, die Magie eines Zauberers, die Anmut einer Elfe oder erfüllten sich einen Weihnachtswunsch mit einer der herrlich funkelnden Feen. Der Chef der Märchenbude aber hatte der dunkelhaarigen jungen Verkäuferin ausdrücklich aufgetragen, schlecht gehende Figuren im Preis herabzusetzen. 

Prüfend drehte sie also nun jetzt den Froschkönig auf den Bauch. Diesem wurde inzwischen sehr plümerant von der ganzen Herumdaudelei zumute. Er hätte aufgrund dieser unsanften Behandlung gern ein protestierendes Quak! von sich gegeben, doch sein Fröschisch verstanden nur die Märchenwesen und diese junge Frau war zweifellos ein echter wahrhaftiger Mensch, obwohl sie sich eine rote Blume in ihr schwarzes langes Haar geflochten hatte wie eine richtige Elfe. 

Sie hängte den Froschkönig an einen neuen Platz etwas weiter vorn im Märchenbudenhimmel und platzierte das Preisschildchen am Fuß derart, dass der rotmarkierte neue Preis gut erkennbar war. Immerhin hänge ich jetzt nicht mehr zwischen den ganzen anderen Froschkönigen sondern zwischen lauter höchst sonderbar aus der Wäsche schauenden Feen und Engeln, sinnierte der Froschkönig vor sich hin. Da sprach ihn eine grünrot schillernde Fee an: Du bist ja gar nicht so bunt und schön wie die anderen Froschkönige. Dein Krönchen blinkt auch nicht so prächtig wie das vom Froschkönig da gegenüber! setzte ein vor lauter knalligem Gelb und Rosa glitzernder Engel nach und wies mit einem Blick zu einem prächtigen Froschkönigexemplar mit einem dicken großen Wohlstandswanst, der in sämtlichen Spektralfarben vor sich hinprunkte. Bist Du überhaupt ein echter Froschkönig? fragte das zierliche blaue Einhorn, das gleich unter dem Zauberer mit dem mysteriös dunkellila schillernden Mantel hing. Ein purpurgrün gescheckter Kobold mischte sich frech ein: Bestimmt ist er nur ein Montagsfroschkönig aus China und ein Auslaufmodell ist er obendrein! Um den goldgrünen Froschkönig herum begann alles lauthals zu lachen. 

Er wünschte sich mit aller Macht und allem Mut, den ein Froschkönig nur aufbringen kann, dass bitte endlich ein freundlicher Mensch daherkäme und ihn mitnähme in ein schönes Zuhause. Es war für den Froschkönig natürlich eine große Schmach und Demütigung, dass er nun weniger als die Hälfte wert sein sollte, nur weil er weniger bunt schillerte als die anderen Froschkönige. Das hatte sein stolzes Froschherz doch sehr verletzt. Ihm ging die traurige bunte Fee in der Schublade nicht aus dem Sinn. Warum sie dort wohl ihr Dasein fristen musste? Er fand sie wunderschön, sogar noch viel schöner als alle Froschköniginnen, obwohl die Fee ein sehr anderes Märchenwesen war als er und aus einem ihm artfremden Volke stammte. Die Verkäuferin war gerade im Begriff, einer älteren Dame einen frechen Kobold und einen dunkelviolettt blinkernden Zauberer zu verkaufen, der Weihnachtsmarkt leerte sich langsam. Endlich ist der freche Kobold weg, freute sich ein pinkpretty Einhorn links neben dem Froschkönig. Was nutzt das uns anderen denn schon? beschwerte sich ein griesgrämiger Zauberer auf der anderen Budenseite. Um mich herum hängen noch sechs weitere dieser frechen Kobold-Exemplare! Ich werde hier noch schwarz vor lauter Ärger über ihre Respektlosigkeiten und der Ruß aus dem Schornstein der Grillbude nebenan gibt mir den Rest!  Zum Abhängen ist das!, schimpfte der Zauberer in seinen langen weißen Murmelbart. Von seinem hängenden Platz aus konnte der Froschkönig zum Glühweinstand hinüberschauen – als sich plötzlich ein warm atmendes fremdes Gesicht nah vor seinen kleinen Körper schob und ihm die Sicht raubte. Ein Paar Menschenaugen musterten ihn. Bist Du aber ein Toller! parlierten die Augen akzentfrei in Fröschisch und umliebten ihn aufs Allerfeinste.

Der Mensch, der zu diesen Augen gehörte, sprach nun die Verkäuferin an und wollte wissen, warum dieser Froschkönig denn weniger als die Hälfte der übrigen Froschkönige wert sein solle? Die Verkäuferin erklärte, dass dieser Froschkönig bereits seit dem Beginn der Adventszeit, also vier geschlagenen Wochen feil hier herumhinge und dass niemand ihn nehmen wolle weil alle ihn sterbenslangweilig fänden. Schließlich seien die anderen Froschkönige kunterbunt, nur er sei irgendwie überall nur golden und grün und nichts weiter sonst. Damit fiele er gegen die anderen Froschkönige natürlich erheblich ab und deswegen habe sie ihn preislich herabgesetzt. Sonst werde ich diese langweilige Märchenfigur überhaupt nicht mehr los, lamentierte die Verkäuferin mit in Sorgenfalten gerunzelter Stirn. Nicht einmal eine passende Froschkönigin habe ich für ihn. Und ich verkaufe diese Figuren sonst immer nur paarweise. Er ist ein Single-Froschkönig.

Der Mensch musterte die anderen Froschkönige im Märchenbudenhimmel mit scharfem Blick. Nun, sie sind alle bunter als dieser hier, das ist wohl wahr! Dem Froschkönig sank das Herz auf halb Acht. Er hatte doch so oft davon geträumt, irgendwo bei freundlichen Leuten zwischen seinen Märchenkollegen hängen zu dürfen und Friede und Frohsinn zu verbreiten! Seinen heimlichsten und schlimmst sehnsüchtigsten Traum verriet er natürlich nur sich selbst: Dieses wunderbare Leben mit jemandem zu teilen. Doch niemand interessierte sich für ihn und seine Einsamkeit. 

Der Froschkönig fühlte sich von  behandschuhten schmalen Fingern vorsichtig gefasst, gewendet, gedreht. Er fühlte sich ausgesprochen wohl in diesen Händen, obwohl sie ihm wie alle Menschenhände und Menschen selbst riesig erschienen und schöpfte Vertrauen, Mut und Hoffnung. 

Er hat einen sehr schönen Ausdruck in seinen Augen und ein freundliches Gesicht, sagte die Stimme, die zu den Händen gehörte, die den Froschkönig fest hielten. Froschkönige sind doch schließlich nicht quietschrosa und auch nicht türkis-gelb. Außer vielleicht die am Amazonas in Südamerika. Das hier ist aber ein europäischer Froschkönig, könnte demzufolge rein theoretisch auch ein Grasfroschkönig sein. Er ist von diesen ganzen aufgemotzten und unechten Gecken, die hier herumschweben und sich sehr attraktiv vorzukommen scheinen so blasiert wie sie alle aus ihrem Prunk herauskucken , zweifellos der Beste und auch Schönste. Er hat von allen hier den freundlichsten und klügsten Ausdruck in seinem Frosch-Gesicht. Darum nehme ihn obwohl ich kaum noch Geld habe ihn bezahlen zu können. Das sind wirklich meine fast allerletzten Kröten für diesen Froschkönig! Mit diesen Worten sollte der Froschkönig gerade der Verkäuferin übergeben werden als er in einer Art verzweifelter Blitzeingebung das eherne Märchengesetz übertrat, das Märchenwesen strengstens untersagte zu Menschen Kontakt aufzunehmen und quakte, so laut er quaken konnte, mitten hinein ins Blaue: Ich brauche meine Fee zu meinem Froschkönig-Glück!

Die ihn haltenden Menschenhände zuckten zusammen und zitterten einen Moment leicht, als hätte dieser Mensch ihn gehört und verstanden. Dann fragte die Stimme: Hätten Sie nicht rein zufällig noch eine zum Froschkönig passende Fee, die auch niemand haben will? Allerdings habe ich jetzt kaum noch Geld. Der Froschkönig wurde über den Tresen gereicht und von der Verkäuferin zum Verpacken in Empfang genommen. Diese dachte angestrengt nach. Der Froschkönig in ihrer Hand versuchte zu zappeln, doch das Zappeln von Märchenfiguren können nur Menschen wahrnehmen, die Magie fühlen und zu diesen zählte die Verkäuferin der Märchenbude nicht. 

Dürfte es vielleicht auch ein Engel sein? fragte sie statt dessen hoffnungsvoll. Da hätte ich vielleicht noch etwas für Sie. Der Froschkönig fühlte sich unsanft abgelegt. Die Verkäuferin zog die Schublade auf und wühlte darin herum. Schließlich zog sie von zuunterst nach zuoberst das Tütchen mit der Fee aus der Schublade. Oh, sagte sie, es war ja gar kein Engel, es war sogar eine Fee. Na, das passt ja gut! Doch schauen Sie, dort ist ein Fuß abgebrochen und gesplittert. Sogar in viele kleine Teile wie ich jetzt gerade erst erkennen kann. Die vielen kleinen in der Tüte herumkugelnden Teile jedoch stammten von den Tränen der kaputten Fee. Dies konnte die Verkäuferin natürlich nicht wissen und somit erkennen. Selbst mit einer Lupe waren die Feentränen kaum erkennbar, doch da es so viele waren, rasselten sie aneinander als seien sie Splitter des abgebrochenen Fußes. Die Verkäuferin begutachtete die Fee skeptisch. Tja. Ich dachte, ich könne Ihnen diese Fee hier auch für die Hälfte verkaufen, doch diese Fee hier ist ja wirklich nur noch Müll. Die muss ich wegwerfen.

Dem armen Froschkönig wurde gar gruselig grauslich zumute. Sie wollten seine Fee vermüllen! Die Verkäuferin legte die Tüte mit der kaputten Fee neben den vor rechtschaffener Empörung und Angst um seine Fee nun ganz besonders goldengrün schimmernden zitternden Froschkönig. Jetzt sehe ich dich wenigstens noch einmal bevor sie mich in den Müll werfen, sagte die Fee traurig zum ihm. Ich bin eben kaputt. Wird nix mit gemeinsamer Zukunft, Herr König. Ach, ist das schade. Adieu, Herzensfeiner… 

Nun, redete da mit einem Mal der Mensch los,
liebe Frau Verkäuferin, ich muss schon sagen, Ihre Fee da ist tatsächlich sehr kaputt. Totalschaden sozusagen. Die kauft kein Mensch mehr, so viel kann ich Ihnen versprechen. Die Menschen wollen immer alles perfekt und makellos kaufen, auch und besonders Märchenfiguren. Und das, obwohl gerade Märchenfiguren besonders unperfekt sind. 

Die Stimme seufzte tief und ergeben.
Nur eine Warnung, liebe Frau Verkäuferin: Feen, auch Feenfiguren darf man nicht einfach in den Müll entsorgen, das zieht Unglück an wie Mist die Fliegen. Ganz ganz mieses Karma. Die Stimme wurde dunkel und geheimnisvoll. Sie flüsterte sogar ein wenig: Wissen Sie, das ist Feenlästerung, Entweihung von Elementarwesenheiten. Das ruft finstere Rächer auf den Plan. Sehen Sie sich also bitte vor!
Der Froschkönig beobachtete die Situation und staunte. Denn dieser Mensch hier konnte sich offensichtlich von einem Moment auf den anderen aus einem freundlichen und wohl gesonnenen Aggregatzustand in eine düsterschwanger dräuende Gewitterwolke verwandeln. Dieses Unheil bedrohte nun mit pechschwarzen Prognosen die junge und deshalb dafür überaus empfängliche Verkäuferin, die nun ihrerseits damit begann, die kaputte Fee im Tütchen zu beäugen als sei sie ein Artefakt des Bösen, ja, als sei sie eine Manifestation des Teufels selber!

Sie war sich nicht sicher, was ratsamer sei: Den eindringlich gegebenen Rat zu missachten und die Fee trotzdem in die Tonne zu befördern damit sie dann anderen nicht länger den Platz in der Schublade stahl oder –
Ja und was soll ich denn sonst mit diesem kaputten Ding machen? fragte die Verkäuferin ratlos und rang die Hände. Reduzieren kann ich sie auch nicht mehr. Sie ist unverkäuflich! Die Verkäuferin verdrehte genervt die Augen in den Märchenbudenhimmel, diese Entscheidung war keine leichte für sie!

Tja, was kann man da nur machen? fragte in die Überlegungen der Verkäuferin mittenmang hinein diese andere Stimme. Der Froschkönig meinte, irgend etwas unternehmen zu müssen um für einen guten Ausgang der Sache zu sorgen. Etwas Großes und Heroisches und spürte einen Stich der Angst, eines der anderen Märchenwesen oder die merkresistente Verkäuferin könnten zu allerletzt vielleicht noch alles verderben. Doch dann sprang eines dieser Bänder, die der verbitterte und harte Frust der Einsamkeit um sein Herz gelegt hatte und er quakte leise:
Los, meine kaputteste und liebste aller Feen, mach dich schnell richtig hässlich, damit die Verkäuferin dich zu mir an diesen Menschen da verschenken will!

Die trostlose Fee protestierte piepsend in höchst coloraturigen Singlauten, dass sie durch den kaputten Fuß doch bereits hässlich genug sei? Feen singen nämlich alle Worte, sogar Gebrauchsanweisungen und Telefonbücher singen sie. Sie können nicht anders, sie sind eben Feen und damit den Vögeln artverwandt.

Inzwischen hatte die Verkäuferin ein Papiertütchen genommen und steckte zack! den Froschkönig hinein. Adieu, meine liebste Fee, konnte er noch seufzen bevor er verschwand. Im tütigen Dunkel hörte er ein paar Geldmünzen von Hand zu Hand klimpern. Sein Herz sank. Sein Mut noch viel mehr. Doch als hätte sein Mensch, wie der Froschkönig seinen neuen Besitzer heimlich nannte, auf wundersame Weise etwas von dem geahnt was er dachte, fragte die Stimme nun deutlich in die kalte frostige Luft des Vorabends zum Heiligen Abend:
Wieviel wollten Sie nochmal für diese kaputte und daher unverkäuflich gewordene Fee da haben? Sollte ich am Ende Ihr Angebot überhört haben? Die Verkäuferin dachte nicht lange nach. Hier war endlich die Gelegenheit aus der Klemme zu kommen. Denn natürlich traute sie sich nun nicht mehr so recht, das Ding einfach in die Tonne zu treten und obwohl sie sich für eine gesund und praktisch denkende junge Frau hielt, glaubte ein mikroskopisch kleiner Teil ihres Herzens noch an die alten Märchen aus der Kinderzeit. irgendetwas sträubte sich in ihr, die Figur einer Fee wegzuwerfen, denn die Verkäuferin wollte zwar Geschäfte machen, doch sie hatte das Herz am rechten Fleck sitzen:
Nichts will ich dafür haben, ich schenke sie Ihnen wenn Sie wollen. 
Als sie das sagte, fand sich die Verkäuferin ungeheuer schlau und ihre Lösung mehr als elegant. Eine ganz klare Win-Win-Situation! dache sie und öffnete die Papiertüte mit dem Froschkönig erneut um schnell die verflixte kaputte Fee hinzuzustecken.

Klong! Der Froschkönig würde wohl nie mehr in seinem königlichen Märchen-Leben vergessen wie es in ihm klongte, als sich die bunte Fee zu ihm in die Tüte gesellte. Das Band um sein Herz barst so gewaltig, dass sich glatt die Tüte ausbeulte. Was wie im richtigen Leben natürlich den Menschen nicht auffiel.

Der Froschkönig und die Fee wurden durch die Nacht in ihr neues Zuhause getragen. Dort angekommen, wurde der abgebrochene Feen-Fuß so gut gerichtet und mit Sekundenkleber befestigt, dass man nur noch an einem haarfeinen Riss um den Feenknöchel erkennen konnte, dass er einmal gebrochen gewesen war. 

Als der grün-goldene Froschkönig neben seiner Fee in die Zweige gehängt wurde um in seinem neuen Märchenreich residieren, schlug sein Herz so gewaltig groß und laut vor lauter Froschfreude, dass sich viele Nadeln aus dem Kiefernzweig, in dem er Seite an Seite mit seiner Fee hing lösten und auf die Tischplatte schauerten.
Der Mensch wusste sehr genau warum der Zweig so gewackelt hatte auch ohne dass ein Windzug ihn bewegt hätte und im leisen Schwingen der Figuren fand auch der Mensch sein kleines Glück wieder, welches so zufrieden funkelte wie eben nur ein Märchen enden kann. 

Prosaischer Mond (Schlaflos in Bielefeld)

Der Mond kann so prosaisch sein. Dann funzelt er als sei er lichthell überlaufen selbst durch die verhängtesten Fenster hinein. An Ruhe nicht zu denken, viel zu abgelenkt vom Mondlicht, die Gardine genau wie ich, nicht ganz blickdicht. Ich könnte den Mond ausschießen, ich will ein Mondgangster sein, meine Augen in seliger Umnachtung schließen, in erholsamen Schlaf fließen und das lästige Schafezählen in Verssprüngen könnte ich auch endlich sein lassen.Der prosaische Mond, ja ist das zu fassen, wie viel Gekratere doch inne so etwas wie ihm wohnt? Dass sich selbst karges Gestein auf Quarkbeine zu reimen lohnt? Fatal egal, der Mond ist lebensfeindlich, schwadroniert der unterzuckerte Geist, pfeift auf die Poesie, für DIE Schlaflosigkeit ganz groß Romantik heißt! Schleifepfeife Mondlicht walle, bitte lass in Schlaf mich fallen, Goethe wiegt mich süß in Armen, nur die Geister kennen noch Erbarmen mit mir Armer, der Mond kann so prosaisch sein, Goethe wusste, Kafka auch und mir ist auch schon flau im Bauch.

Jera -Von Gefährten und dudelnden Sackpfeifen

Jahre jähren sich an bestimmten Tagen in mittelalterlicher Zeit, besinnt sich die mittelalterliche Fee. An Jera,sagen die alten Runen, wird das Gewesene geehrt und der Tag gefeiert. Also los. Die Gewandungen dem Tag anpassen, das Grünseidene bleibt schwergeherzt bedauerlicherweise am Schrank hängen, Sommer ist anderswo in Deutschland. In den Teutobergen fröstelt es fürnehm kühl bei siebzehn Grad. Dann also mittelalterlicher Zwiebellook. Fürs krachledern bedirndelte und hochbeduttete Fräulein Tochter packe ich eine Nylons mehr ein, falls die nackten Beinchen frieren. Abends wird es kalt und in dem Alter in dem sich das Fräulein befindet, muckt es gegen jeden guten Rat auf. Nun, sie beehrt mich mit ihrer erlauchtigsten Gesellschaft, das ist allerhand. Die Pubertät und der Papst haben nämlich nicht nur den Anfangsbuchstaben, sondern auch die Oberhoheit und das Gewähren der Gnade von Audienzen gemeinsam. Das Fest riecht wie immer und das Fräulein zickt wie vorjahrs vor dem Spießbratengeruch. Ich fühle mich allerdings auch leicht konserviert vom Rauche des Schweins, oder was immer da auch am Spieß eher schwärzlich vor sich hin raucht und qualmt. Ich pack mir mein Blondie am Kragen und zerre das zeternde Miniweib vom Schauplatz der Fresslust.

Dann kaufe ich uns drei Seelen. Knusprig und lecker. Schmecken allen kleinen und großen Teufeln gut. Ich erfuhr, dass die kleinen Dinkelweißbrote aus dem Oberschwäbischen stammen und den Toten als Opferbrote auf die Gräber gegeben werden, um sie milde und versöhnlich zu stimmen für ein gutes nächstes Erntejahr. Die Seelen sind noch warm und duften himmlisch. Das Fräulein und ich zupfen verschmust an den sesambestückten Krusten herum, da kracht es über uns gewaltig und der Himmel kommt nieder mit einer Regensturzgeburt, dass sämtliche Zelte wackeln. Ich versuche, meine Freundin zu finden in dem Gewühl. Der schachgelehrte Begleiter und Frau Tochter inspizieren dieweil einen Teestand mit bedenklich regengefülltem Vordach. Doch im Pavillon ist noch Platz und im Nu sind wir wieder allesamt mittendrin in einer der Geschichten und Begegnungen des Lebens. Das Pärchen vom Teestand lädt uns großherzig ein Platz zu nehmen um den runden kleinen Teetisch, ein junges Pärchen gesellt sich auch noch zu uns. Als wir alle mit dampfenden Teebechern beglückt zusammenklucken, kommt das Gespräch schnell in Gang: Wie beim vorigen Sparrenburgfest beinah das ganze Teezelt abgehoben hätte! Wie der Wind durch die Zeltgasse jagte und der faustgroße Hagel waagerecht im tobenden Gewittersturm flog! Eine echte Abenteuergeschichte, ich bin selig, meine Tochter lauscht ebenfalls hingegeben mit aufgerissenen Augen. Draußen weht es allerdings inzwischen auch nicht schlecht. Alles mögliche an Themen kommt auf den Tisch und eine Menge Sympathie schwingt zwischendrin und mittendurch während draußen Menschen und Zelte vorbeifliegen, das Karussell abhebt und auf dem Bergfried landet, die Burg versinkt in Schlammassen und in Windeseile wieder aufgebaut wird, damit die in den verschütteten Kasematten gefangenen Touristen schnell wieder ans Tageslicht kommen. Derart gefühlt tobt sich das Unwetter vor dem Pavillon aus und ich denke an die Freundin, funk sie gedanklich an und hoffe, dass sie irgendwo mit ihrem Gefährten trocken und sicher untersteht während ihr die Ohren von meinen Funksignalen klingeln. Kein Gedanke daran, dass sie mir vielleicht auch eine SMS schreiben könnte. Nein, aber sie doch nicht! Sie sagte mit fester Stimme am Telefon, sie wolle ihr Handy auf gar keinen Fall nicht mitnehmen. So etwas respektiere ich natürlich. Manchmal so sehr, dass ich dabei überhaupt kein bisschen berücksichtige, dass Menschen ihre Meinungen manchmal ändern wie sich das Wetter ändert und sie wiederum mich Handy-Ständig-Checkende und Manchmal-Orientierungslose zu gut kennt und sicherheitshalber dann doch ihre Ohrgurke einsteckte und mir kurz vor dem Unwetter mitteilte, wo ich sie finden könne.

Ich will zum Burghof hoch, noch bevor ich weiß, dass sie überhaupt dort ist und mir geschrieben hat, mein Instinkt führt mich also richtig, ich befinde  mich schon mit Volldampf auf ihrem Kurs, auch ohne mein Handy, denn ich bin doch schließlich eine Fee! Gedankenlesen ist mein Leichtestes, denke ich, während ich verbissen und hustend durch den Matsch burghofaufwärts torkele, die beiden anderen hinter mir herstapfend. Gummistiefelfest, denke ich weiter, sie ist längst weg und ich hab Recht, denn auf dem Burghof ist sie natürlich längst nicht mehr. Wir nutzen die Gunst der Stunde um unseren Tee an ein Örtchen wegzubringen. Es fisselt fast gar nicht mehr, dann reißt der Himmel auf und mir kommen die Gesellen von Tanzwut in den übermütigen Sinn, weil ich irgendwo einen Dudelsack herumpfeifen höre, doch er klingt noch ein klein wenig mickrig, der hohe Ton verseufzt im herumwabernden Holzfeuerrauch. Wir bleiben, obwohl der dudelnde Sack lockt, an einem Knopfstand hängen, dessen beide Betreiber sehr ungewöhnliche Knöpfe und fantastische Ideen zur Verwendung der Knöpfe anbieten. Die Herrin der Knöpfe ist eine geborene Geschichtenerzählerin und sie nimmt uns nach nur wenigen Worten ein Stück weit mit in ein nadelgefädeltes Abenteuer, wie man ungewöhnliche Knöpfe entdeckt und wo vor allem! Ich hätte ihr gern ein Knopf-Haargummi oder ein Armband abgekauft. Ich bin doch so verliebt in Knöpfe, vor allem geschichtsträchtige und eigenartige! Doch ich muss mit meinem Budget sehr sparsam sein, es reicht nur für Verpflegung. Mein Fräulein Tochter geht mit dieser Tatsache trotz der Reize des Jahrmarktes außerordentlich verständnisvoll und erwachsen um. Sie freut sich mit mir hier zu sein, in einer anderen Welt als der sonstigen und staunt genauso wie ich über prächtig-bunte Gewandungen, trinkt sich satt an prunkvollem Samt und Seide. Als wir den Platz vor der Bühne von Tanzwut erreichen, lästert sie schlimm über Sackpfeifen im Allgemeinen und Dudelsackpfeifen im Besonderen und versucht, den Dudelsackspielern von Tanzwut erst einmal zu entkommen durch stichhaltige Argumentationen gegen Dudelsackmusik und ihre Nebenwirkungen. Ich nehme ihre Argumente zur Kenntnis und stelle mich aufrecht und hüftenschwingend ihr gegenüber taubtot. Gelangweilt und blitzschnell umgeschwenkt auf neuen Kurs, der sich in latent rebellierender Ergebenheit probiert, versucht sie dem Dudelsackpfeifer sogar unter den Lendenschurz zu kucken! Als sie feststellt, dass er unter dem Ding ein knappes Höschen trägt, ist sie höchstlichst empört und sagt, der Typ habe ja gar keine Eier in der Hose. Daraus entspinnt sich ein Disput zwischen mir und ihr, den ich hier lieber mal nicht wörtlich wiedergebe. Er läuft jedenfalls darauf hinaus, dass ich ihr Unkenntnis der Sachlage unterstelle, darüber hinaus sei das mit den Eiern pure Spekulation und würde im Allgemeinen völlig überbewertet. Außerdem sei diese Bezeichnung männlicher Testikel sexistisch, beleidigend und diskriminierend, schließe ich leicht atemlos und ringe dabei mit einen besonders fiesen Hustenanfall.

In diesem durchaus dramatischen Moment, fühle ich mich von hinten und seitwärts vertraut umärmelt und da steht meine Freundin als sei das völlig normal und schon unheimlich lange so. Ich bin etwas verblüfft und umhalse sie ohne großen Federlesens. Dann zappeln wir eine ganze Weile ordentlich herum. Ach, tut das gut. Leider komme ich für die Tanzwut-Jungs eine halbe Stunde zu spät. Ansonsten könnte ich mich durchaus in einen leichten Rausch tanzen. Was aber für meinen hartnäckigen Husten abträglich wäre. Alles kommt wie es kommen muss, freut sich blind dieses alte Zufallsding in meinem Kopf wie ein Kind. Der Gefährte der Freundin wird gedrückt und sein verwegener Style ausgiebig bestaunt und bewundert. Noch begleitet wird die Freundin von einer zarten jungen Frau, einer anderen Freundin. Auch so ein ziemlich sehr besonderer Mensch, jedenfalls wenn ich meinem ersten Eindruck und Gefühl trauen darf. Ich schaue immer wieder zu den bunten Wolken hoch. Sie beginnen ins Abendrot zu leuchten und mir gelingt ein Bild der von der Sonne bestrahlten Stadt vor dem Hintergrund der dunkelblauen Wolkenmassen mit den beiden grüngold leuchtenden Türmen der Neustädter Marienkirche. Die Zeit wird angefüllt mit Lachen, mit guten Gesprächen, Essen und Trinken bis wir alle satt und zufrieden sind, nach Hause wollen. Das Wetter war wieder so seltsam, genau wie letztes Jahr. Eher kühl, doch zwischendrin auch warm, Regen und auch Sonne, von allem etwas dabei. Vielleicht muss das so sein, wenn Momente wirklich magisch sein sollen. Dann muss alles dabei sein, die Zutaten, die Zeit und alle Elemente müssen harmonieren. Kurz bevor die Sonne untergeht, mache ich noch eine Aufnahme der Gefährten und dem krachledernen Fräulein Tochter, meiner Prinzessin Knallerbse. Um die Gruppe herum zeichnet sich ein Regenbogen ab, als seien sie beschützt in einem Seifenblasentropfen in der Zeit.

Zuhause sitze ich noch ein wenig mit meiner Tochter zusammen. Der Hühnergott, den sie zum Geburtstag und überhaupt geschenkt bekommen hat von der Freundin, hängt an einem Lederband um ihren Hals. Ich denke, dass sie ihn gut brauchen kann in dieser kommenden Zeit, in der sie die Schwelle ihrer Kindheit endgültig überschreitet und ins Erwachsensein eintritt. Niemand kann ihr durch diese Zeit des ersten wirklich großen Abschiednehmens von einem Lebensabschnitt helfen. Sie ist tatsächlich voller Trauer und schwankt zwischen Kindseinbleiben und Erwachsenseinwollen wie ein Wackelaugust hin und her. Das macht sie hoch reizbar. Ich selbst erinnere diese Zeit als eine insgesamt schmerzvolle. Dreizehn. Was für ein Alter, es passt zu der Zahl, denn es ist ein Alter der Veränderung, der Transformation wie eine Häutung und Initiation zwischen Fisch und Fleisch. Die Freundin hat selbst keine Kinder, doch versteht und fühlt sie sehr genau, was ein Kind zerreißt, das an der Schwelle steht. Auch um sie zu treffen und zu sehen, zu drücken und zu umarmen, kam mein Fräulein Tochter mit auf das Fest, obwohl sie das Gedudel und Gepfeife wie sie sagt, kaum an den Ohren aushalten kann und Spießbraten echt zum Kotzen findet. Einmal im Jahr entführen wir uns an diesen mittelalterlichen Ort und denken schaudernd an die Zeiten, als Waschen nicht selbstverständlich war und die Kleider bunt und prächtig weithin leuchteten. Als keine Religion oder eine andere Meinung als andere zu haben, Klugefrauseinwollen, Kräuterwissen oder rote Haare sein eigen zu nennen tödliche Folgen haben konnte und bunte Jahrmärkte vor den Städten das Leben auch mit Autodafés und Hinrichtungen zur Erbauung und Unterhaltung ihrer Bürger feierten. Das Sparrenburgfest verzichtet zum Glück auf derley blutiges Spectaculum. Ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen um einen lieb gewonnenen Menschen zu treffen und mit ihm zusammen ein Jera zu feiern wie die nordischen Asen das sicherlich ebenfalls tun würden. Odins Weisheit sei Dank oder so ähnlich, grüßt höflich die Fee nordwärts mit flatterndem Seidentütü und lupft fürnehm die Spitze, dabei in einen perfekten Hofknicks versinkend.

Abends auf dem Balkon im Bambusgeraschel unter dem heute unter Wolken nicht stattfindenden Mond höre ich die Stimmen der jungen Familie in der Wohnwabe neben mir.
Der junge Mann mit den roten Haaren auf dem Balkon nebenan sagt gerade herzlich „Ey, du alte Heulsuse!“ zu jemandem. Ich grinse und fühle mich ertappt.

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Von grenzenloser Sprachenliebe, Absolutismus, Sonnenschirmen und der Sprache Englisch ohne Engländer

 

Die Vögel singen und der Sommer ersäuft. Der Wahnsinn der Welt umzingelt kleine sonnige Himmelslöcher mit schwarzen Gewitterwolken aus allen Richtungen. Ein Abschiedsgefühl hat sich bei Wasser und Brot zwischen Bollwerken aus Worten und Schweigen klammheimisch eingerichtet. Zwischendurch spricht es englisch und zeigt nationale Flagge, während es mit dem Ende der europäischen Freundschaft droht. Die Wirtschafts-Auguren prophezeien, dass es bei so einem gewaltigen Bruch Jahre dauern wird, überhaupt wieder eine gute wirtschaftliche Basis miteinander zu finden. Leider ist Deutschland keine Insel und ich bin Deutsche, ich bin auch keine Insel, auch keine Insulanerin. Ich klemme sozusagen mittendrin, bin eingebettet zwischen Länder und Menschen. Sie sind meine Nachbarn, meine Freunde und zwischen unseren Grenzen liegt kein großes trennendes Meer. Jetzt poliere ich gerade mein Englisch auf, weil ich England und seine Bewohner mag. Mein Englisch ist eingerostet über die Jahre, ich hatte so wenig Gelegenheit es zu sprechen oder zu schreiben oder noch viel besser: Gedichte auf Englisch zu schreiben, das ist immer noch die absolute Krönung für mich. Es wird Zeit, meine Anglophilie wieder mehr zu pflegen. Ich staune, wie oft ich englisch spreche (oder fluche…) Neuerdings auch mit meiner Tochter, die dadurch ihre Sprachfertigkeit spielerisch schult. Mir ist aufgefallen, dass sie gern auf Englisch mit mir diskutiert. Als könne sie in dieser Sprache ihren Willen besser und klarer formulieren, das, obwohl sie englische Worte sucht und manchmal nicht findet. Oder wenn sie mich nicht versteht, wenn ich endlich alle verstaubten Vokabeln zusammengekramt habe und einen vernünftigen Satz auf Oxford-Englisch radebreche, mit Prädikat, Objekt und Subjekt, idealerweise noch adjektivisch aufgepimpt.

Als ich kürzlich im Sonnenschein eines warmen Tages meine Balkonblumen einbuddelte und umtopfte, krümelte ich den Sonnenschirm meiner russischen Nachbarn einen Balkon tiefer mit Erde voll. Ich hatte mich sehr bemüht, nicht herumzukrümeln, doch der Lavendel war stark ineinander verwurzelt; ich musste die verkümmerten Triebe mit einem scharfen Messer abschneiden und dann die gesunden von den verkümmerten Ballen trennen. Diese Tätigkeit war jedoch mit ordentlichem Gezerre verbunden und darum rieselte immer mal ein klein wenig Erde daneben und über die metallene Balkonbrüstung. Bedenkt man, wie sehr ich zerren und ziehen musste um die Pflanzen voneinander zu trennen ist es erstaunlich, dass mir keiner der Balkonkästen abpfiff und kurzerhand den Sonnenschirm unter mir erschlug. Ich schob diesen schrecklichen Gedanken schnell von mir, bevor er raumgreifender werden und meine Feinmotorik unterminieren und infiltrieren konnte; self-fulfilling prophecies nennt der Brite solcherlei morbides Gedankentreiben. 

Ich musste meine Nachbarn über ihren vollgekrümelten Sonnenschirm informieren. Alles in mir sträubte sich dagegen, doch moralapostolisch meldete sich meine innere Anstandsdame und verlangte eine form- und stilvolle Entschuldigung bei meinen Nachbarn. Ich leinte also meinen inneren Schweinehund neben Cerberus vor der Hadespforte an, gab ihm ein Leckerli, wies ihn an lieb zu meinem Teufel zu sein und dann schlich ich ein Stockwerk tiefer und bimmelte bei meinen russischen Nachbarn. Unsere Haustürklingeln sind kein angenehmer und ohrenfreundlicher Klang. Sie schrebbeln alles durchdringend. Da die Mauern unserer Mietskaserne nur aus Pappe bestehen,  höre ich im obersten Stock wenn ganz unten einer irgendwo bei anderswem klingelt und überall im Haus öffnen sich Türen und die Nachbarn schauen wie Erdmännchen heraus, weil das Klingeln so dermaßen laut ist, dass jeder denkt, jemand anders hätte bei ihm geklingelt. Niemand öffnete mir und mit zusammengebissenen Zähnen klingelte ich noch einmal. Was das Baby weckte. Die winzige Sturmsirene fackelte nicht lange und brüllte direkt los ob der ungebetenen Schlafstörung zu spätnachmittäglicher Stunde. Ich schrumpfte noch etwas mehr in mich zusammen. Mein schlechtes Gewissen hatte sich ausgedehnt und bedeckte mich inwändig fast vollständig… Nun hatte ich nicht nur den Sonnenschirm mit schwarzen hässlichen schmutzigen Erdplocken vollgekrümelt, sondern obendrein auch noch das Baby aufgeweckt! Der junge Vater öffnete mir die Tür. Ich sah seine Frau ins Schlafzimmer hasten. Ich beichtete gegen das Babygebrüll an, dass ich den Sonnenschirm vollgekrümelt hätte. Meine Worte waren schwarze Blumenerde und zerknirschten auf meiner Zunge. Der junge Vater schaute über seine Schulter. Seine Frau schwenkte das Baby in stark bewegter Fliegerposition vor ihrem Bauch hin und her. Das Baby flog mit todernstem hochrotem Gesicht durch die Luft und stellte (vor Schreck?) sein Brüllen auf der Stelle ein. Der junge Mann drehte sich wieder um zu mir, lächelte und sagte, er verstünde leider kein Wort Deutsch, fragte mich, ob ich auch Englisch spräche.

Ich lobte die Fügung und das Schicksal, die mir prompt wunschgemäß Gelegenheit gaben mein eingerostetes Englisch aufzupolieren, während mein Gehirn krampfhaft damit beschäftigt war, das Wort für „Sonnenschirm“ zu suchen. Wie immer, wenn mein Gehirn etwas auf Knopfdruck finden soll, herrscht in meinem Oberstübchen erst einmal heilloses Chaos. Tiefe Abgründe sprachloser Schwärze gähnen dort wo meine Wörter sein sollten. Doch immerhin fand ich einen Satzanfang, stellte ein paar Tuwörter und Namenwörter nach englischer Grammatik um, holte Luft und legte los:

„Äh, I want to excuse myself. I am working with my flowers on the …..(Mist, was heißt Balkon?) …also on the….äh….platform above you. (mein Englischlehrer im Kopf verdrehte die Augen und raufte sich entsetzt die rötlichen spärlichen Haare, denn er ist Ire). Doch mein Nachbar verstand mich und grinste. Ich schwitzte arg unter der zarten entsetzlich juckenden Schicht Blumenerde auf meinen Armen, denn ich war ebenfalls vollgekrümelt und führte diese gloriose englische Unterhaltung so entspannt wie nur möglich fort, während sich Schweißtropfen an den unmöglichsten Stellen meines Körpers bildeten und daran herunterliefen. Trotz alledem setzte ich die conversation fort so gut es mir unter der mich nun extrem kitzelnden Erdschicht noch möglich war :

„Unfortunately some little pieces of dirt (was heißt krümeln auf englisch????) fall on your…äh… sun umbrella (heißt das so? Sonnenschirm? Oh Graus!)“ Ich krümmte mich innerlich und überlegte, wie ich es ihm noch anders klarmachen könne. Doch wie so oft musste ich mich gar nicht groß anstrengen, denn er hatte mich prima verstanden – trotz meiner Improvisationen bezüglich der fehlenden Vokabeln. Außerdem beschrieben meine Arme gerade weit um sich greifend einen Sonnenschirm und in Steh-Pantomime kann ich erstaunliche Fähigkeiten entwickeln, wenn ich um Worte verlegen bin. Ich gab alles! Mein Nachbar ist noch ein sehr junger Mann. Er nahm es entsprechend locker und lachte. „No problem“, strahlte er vergnügt und ich beneidete ihn heiß um seine gelassene und jugendliche Unbeschwertheit.„Thank you for coming and informing us, but it’s really no problem for us. You are every time welcome.“

Ich wollte erst „very nice“ flöten. Oder noch besser „mega-nice“, das ist die neueste Wortschöpfung der weiblichen Population unter fünfzehn Jahren in Deutschland. Meine Tochter sagt das ständig und zu allem, was sie entzückt. Mein Nachbar entzückte mich gerade über alle Maßen. Doch ich zähle immerhin fast fünfzig Lenze und meine ekelhaft gesetzte Anstandsdame begann mich am Halse zu würgen, wie ich überhaupt schon wieder aussähe und ich solle mich doch mal (gefälligst!) wie eine Lady benehmen. 

Ich hasse dieses langweilige knochentrockene Weib und überlege seit Jahrzehnten sie aus meinem Kopf zu werfen, sozusagen wegzurationalisieren. Andererseits ist sie die Einzige, die „Erbarmung“ sagt, wenn ich drohe vollends in den Jugendwahn zu entgleisen. Fräulein Rottenmeier aus „Heidi“ von Johanna Spyri ist das Vorbild meiner Anstandsdame. Ältliche Lady, steif wie ein Rohrstock mit einem fürchterlichen Hang zu Benimm und Etikette. Sie ist keine Britin, doch sie könnte glatt eine sein. Also sagte ich nicht „mega-nice“, sondern bedankte mich artig und flötete:„Thank you very much, you are so kind“. Ich drehte mich mit heiß gelaufenen Ohren auf dem Fuße um und stürmte so gelassen und dabei so langsam wie nur möglich die Treppen hoch, heilfroh, die Sache halbwegs anstands- und würdevoll hinter mich gebracht zu haben. Die Vokabeln für „Balkon“ und „Sonnenschirm“ habe ich mittlerweile nachgeschlagen. Es heißt „balcony“ und „parasol“. Bei Letzterem packte ich mir an den Kopf. Du meine Güte! Ich kenne sogar einen Coldplay-Song gleichen Namens. Ich habe dieses Wort „parasol“ schon gefühlte Millionen mal benutzt. Warum ließ es mich jetzt so erbärmlich im Stich? Erbarmung! Es hat mich einfach im entscheidenen Augenblick verlassen. Bin dann mal eben weg. Sagte der oberflächliche parasol und war dann mal eben weg um im entscheidenden Augenblick meines Lebens „absent“ zu sein? Nicht mit mir! Ich habe den Parasol endgültig aus meinem Wortschatz verbannt und schreibe dieses peinliche Unwort das letzte Mal in diesem Text hier. Stattdessen sage ich jetzt „sunshade“ zu einem englischen Sonnenschirm. Gefällt mir sowieso viel besser als der aufgeblasene in sich als Fremdwort viel zu verliebte und geradezu narzisstisch anmutende „parasol“. Ich kann nur hoffen, dass jeder Englischsprachige „sunshade“ versteht und probierte ihn direkt an meiner Tochter aus.„Hä, was?“, fragte die mich. Ich erklärte es ihr auf Deutsch.„Aber Sonnenschirm heißt auf englisch doch „parasol“, das lernen wir in der Schule, was du da sagst, ist falsch!“Aha, dachte ich. Ha, das ist doch wieder typisch! Absolutismus, entweder dieses Wort oder gar keins!  Barfuss oder Lackschuh. Entweder Parasol oder gar nix. Ich zeigte ihr meine Englisch-Übersetzer-App und sie mir ihr Vokabelheft. Da holte ich meinen Cassel’s German Dictionary und zeigte ihr den „sunshade“. Der Cassell’s ist schweres Geschütz. So eine Art englisches Weltgericht. Der Cassell’s hat immer Recht. Nun wollte sie von mir wissen, warum ich den Parasol nicht mag und ich gestand ihr, dass ich immer nur an Pilze denke, wenn ich Parasol sage und das ich deswegen höchstwahrscheinlich dieses Wort immer nur halbherzig und doppeldeutig benutzen konnte. Dann erzählte ich ihr, was ich mit unseren russischen Nachbarn erlebte und wie der Parasol mich schnöderweise im entscheidenden Moment verließ, mich zurückließ mit einem Loch, einem missing link, wo eine Englisch-Vokabel für Sonnenschirm hingehört. Dann, dass ich das andere Wort sowieso viel besser fände.„Mama,“, sagte sie, „du siehst gerade total trotzig aus“. Und dann lachte sie mich aus. So richtig laut, sich den Bauch haltend und krümmend und das alles ohne einen einzigen Funken Respkekt.Erbarmung!, schreit Fräulein Rottenmeier in meinem Kopf. Doch Respekt ist auch manchmal ein selbstverliebtes narzisstisches Fremdwort. Meine Tochter darf mich ruhig auslachen, weil sie meine Tochter ist und weil sie mich inzwischen schon ganz gut kennt.

Dann hatte sie eine Idee. „Mama“, sagte sie, „verbanne den aufgeblasenen und selbstverliebten Parasol nicht ganz. Das andere Wort machst du zum Lieblingswort und den Parasol setzt du auf die Ersatzbank.“ Das erschien mir als eine geradezu formidable Idee, vor allem weil sie nicht absolut war und weil ich Absolutismus überhaupt kein bisschen leiden kann, auch bei mir selbst nicht. Also versprach ich ihr, es künftig so zu halten, wie sie es mir vorschlug. Spätestens im Herbst, wenn ich wieder in meinen Balkonkästen herumwühlen muss, werde ich mich testen bei meinen russischen Nachbarn. Allerdings könnte es sein, dass es heftig regnet. Das ist ja im Herbst oft so. Doch das Wort für Regenschirm weiß ich noch. Es hieß „umbrella“. Ein Wort, das ich sehr mag, denn ich stehe ausgesprochen gern mit jemandem zusammen unter einem Schirm im Regen.

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Die schmalen hohen Hallen der Ideen

 

Liebe Blogfreunde, dies ist ein Beitrag zum Schreibprojekt von Jutta Reichelt. Sie inspiriert mich zu neuen Geschichten. Ihren Geschichtengenerator finde ich einfach grandios. Dickes großes Lob und Dankeschön an sie. Das Treppenhausbild habt Ihr schon einmal gesehen. Ich bloggte es im vergangenen Jahr zu einem Gedicht über Stufen. Die Treppen beschäftigen mich immer wieder, auch als strukturiertes Arbeitsbild für Klarheit. Ich wünsche Euch viel Spaß bei der Geschichte, in der es um die erste große Liebe geht, darum was von ihr im Herzen bleibt und die Zeit überdauert. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Die Musik kommt wieder von Archive. Ihr Album „Londinium“ läuft bei mir zurzeit häufig.

Eure Karfunkelfee

 

Als sie dein Bild dann endlich betrachten konnte, brach sie vor Schreck in Tränen aus und heulte es an, weil es ihr so dermaßen vertraut und fremd zu gleicher Zeit erschien. Du hast dich nicht groß verändert. Viele Lachfältchen um deine Augen; sie sind in ihrem Ausdruck noch genauso fragend jung verwegen wie sie sie in ihrer Erinnerung behalten hat. Floss ihr doch das Herz über und die ganze Vergangenheit stand ihr unvermittelt klar und scharf umrissen in den kleinen vielen Stufen vor Augen. Damals, in der gemeinsamen Zeit mit dir, glaubte sie noch, sie hätte eine solche Liebe wie deine damals verdient, es sei selbstverständlich sie geben und erfahren zu können. Ihr wurde bewusst, wie jung sie damals wirklich noch war, auch wie unbedarft und naiv. Wie klar das alles damals war, du als ihr Einziger, ihr Held.

Du wirst sie nie verlassen, das wusste sie in dem Moment, als sie dich wiedersah auf diesem Foto in diesem Portal zum Wiederfinden alter Freunde im Internet. Sie wünschte sich, dass du in den vergangenen dreißig Jahren glücklicher gewesen wärest als sie es geschafft hatte zu werden und du habest eine Frau gefunden, noch insgeheimer wünschte sie, dass sie, so wie du für sie, eine erste und damit unschuldigste Erinnerung bleiben könntest. Sie war überrascht, weil sie dir auch jemanden an die Seite projiziierte, der ganz anders sei als sie. Ein Wunsch wie ein Schwert, das das Herz der zersägten Jungfrau immer wieder durchfuhr, bis es zuletzt in blutigen Streifen und Fetzen dalag. Endstation Sehnsucht war noch immer der Gedanke, versunken in der Betrachtung deines Bildes. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass es nach all den Jahren noch so weh tun könnte ihrer Vergangenheit mit dir zu begegnen und sie ertappte sich dabei, dass sie dir die auf dem Foto etwas nachdenklich in Falten gelegte Stirn glatt streichen wollte oder deine Labialfalten, die sich tiefer als vor dreißig Jahren in deinem Gesicht eingegraben hatten, gerade so als könne sie die Jahre ungeschehen machen. Doch dann wieder die Überlegung, dass du es ja doch noch seiest, genauso wie du immer warst, nur eben jetzt etwas älter und dass der Ausdruck in deinen Augen noch genauso wäre wie früher. Das tröstete sie schließlich.

Zum Nachdenken oder auch Klarwerden über etwas setzt sie sich schon immer gern ins Treppenhaus. Trotz ihrer  Begrenztheit haben Treppenhäuser für sie etwas Unendliches und damit Faszinierendes. Sie winden sich in die Höhe oder in die Tiefe, je nachdem in welcher Richtung sie begangen werden. In ihnen wird der Raum berechenbarer, kalkulierbarer, weil er sich in genau bemessene Stufen einteilt und gliedert. Mit dem ausgedruckten Foto von dir in der Hand sitzt sie im Treppenhaus auf einer kalten Steinstufe. Nach oben stiert sie die niedrige Betondecke an, das Unten ist ein schwarzer schmaler Schacht. Jeder Stock besteht aus übereinander liegenden Treppen von je dreizehn Stufen. Sie hat sie nach Höhe, Breite und Tiefe einzeln vermessen und abgezählt. Leider sind die Stufen nicht beidseitig in den vertikalen Raum führend, das erweiterte das Denken zusätzlich umgekehrt vom Unten ins Oben.

Sie sitzt im Licht, das durch das hohe gekippte Fenster fällt. Ein Stockwerk tiefer schreit ein Kind. Stumm bittet sie um eine Zuwendung, während das hohe Schreien ihre gedanklichen Schleier zerreißt. Das Weinen verstummt im Summen einer Frauenstimme. Sie singt eine orientalische Melodie. Irgendjemand backt einen Kuchen, vielleicht im Erdgeschoss. Das Gesicht auf dem Bild aus dem Internet ist fraglos deines und auch wiederum nicht fraglos deines, da die Veränderungen in deinem Gesicht von Jahren eingeprägt wurden, über deren Verlauf sie nichts wissen kann. Sie sucht in deinen Lebenslinien, im Ausdruck deiner Augen nach vergangenem Leid oder Krankheit. Doch der Ausdruck in deinen Augen ist wie immer oder meint sie doch einen tieferen Ernst erkennen zu können? Je älter Augen werden, umso tiefer loten und spiegeln sie die lebenserfahrenere Seele, philosophierte sie altklug. Du hast ihr geantwortet mit diesem Zitat von Théodore Simon Joffroy, einem französischen Philosophen: Der Schlüssel der Geschichte ist nicht in der Geschichte, er ist im Menschen. Doch sie hatte keine Lust mit dir zu diskutieren oder ihre Augenphilosophie zu erklären. Sie  bezog sich auf den Widerspruch in den Augen dieses achtjährigen Mädchens, das ihr im Krankenhaus kennengelernt hattet. Dessen schwarzen Augen spiegelten eine alte Frau, die genau wusste, dass sie bald sterben würde, das, obwohl sie erst acht Jahre alt war, noch nicht einmal richtig damit begonnen hatte zu leben. Ihr gelassener Umgang mit der Vergänglichkeit ging euch beiden schmerzlich nah, ohne, dass ihr ihr etwas Leben von euch abgeben konntet und doch habt ihr genau das getan mit  dem Idealismus eurer unverletzlichen Jugend, dem Gewahrsam eurer gerade erst vergangenen Kindheit und mit jedem weiteren  Mal, als sie über euch laut und herzlich lachen konnte wie ein gesundes fröhliches Kind.

Dennoch war sie eifersüchtig auf deine Zärtlichkeit gewesen, mit der du den kleinen leichten Körper des Mädchens aus dem Rollstuhl auf die Bank in der Sonne hievtest. Bis du ihr sagtest, (in einem ruhigen Moment, im Bett, ihr Kopf endlich einmal friedlich auf deiner Brust) dass dieses kleine todgeweihte Mädchen euch ja beide gern habe und dass sie bedenken solle, dass die Kleine nur noch so wenig Lebenszeit habe. Da war mit einem Mal alle ihre Eifersucht wie weggeblasen und sie schämte sich ihres kleinlichen Denkens. Sie erinnert sich an dein unfassbar junges Lächeln, das gern alles vergab und nichts weiter zu sagen brauchte. 

Sie bewahrt noch etwas von dir auf, das hast du ihr damals gegeben. Du hattest es von deiner Mutter als kleiner Junge geschenkt bekommen. Dieses Ding begleitet sie nun schon seit so vielen Jahren. Es stand in deinem Jugendzimmer auf der altmodischen Kommode unter dem Sternzeichenposter. Du brauchst dringend mal ein Krafttier damit du richtig stark wirst, waren deine Worte als du es ihr in die Hand drücktest. Ich will es aber wiederhaben, betontest du mit ernstem Blick und sie nickte stumm, ergeben darauf vertrauend, dass das Ding, das ein Krafttier war, eine Art Amulett, dem der Zauber fürsorglicher Liebe innewohnt, irgendwann einmal einen Ehrenplatz in eurer gemeinsamen Wohnung finden könne.

Dazu sollte es jedoch nicht  kommen. Ihr ward noch so jung und ihr hattet euch in den Beziehungsjahren zu weit auseinander entwickelt. Das ist völlig normal, sollte man meinen, denn man muss sich ausprobieren, wurde sie nach der Trennung von Älteren belehrt und auch in der diffusen eher beliebigen Annahme bestärkt, dass andere Mütter ebenfalls schöne Söhne hätten. Nie stand eine andere Frau zwischen euch. Eure Treue war stark. 

Sie wird dir dein Ding wiedergeben, beschließt sie also, während nun die Frauenstimme beruhigend und murmelnd auf das inzwischen verstummte Kind einspricht, was die Stille im Treppenhaus noch zu verstärken scheint. Langsam erkaltetet ihre Kehrseite auf der Stufe und irgend jemand beginnt damit Zwiebeln anzudünsten, was das nachdenkliche Sitzen im Treppenhaus unangenehm werden lässt . Ein paar Stockwerke tiefer, ein Streitgespräch und laute Stimmen in einer fremden Sprache. Manchmal ist sie dankbar, dass sie diese nicht versteht. Vor allem dann, wenn Leute sich lautstark miteinander streiten und anschreien. Es reicht schon, die erhitzten Tendenzen zu hören, sie schlagen in affektiv fremd erregten Ausschlägen unangenehm rot von innen an ihre Magenwände.

Dann die Idee, wie sie dieses Ding nimmt, das du ihr vor rund dreißig Jahren gabst, dieses Geschenk deiner Mutter. Am Kopf ist es etwas ausgebleicht, weil es lange auf der Fensterbank an einem sonnigen Platz stand, doch ansonsten überdauerte es unversehrt die Wirren der Jahrzehnte, die Umzüge und die unterschiedlichen Treppenhäuser. Sie bewachte es wie ihren Augapfel, es war lange ihr Krafttier. Darum wird sie es behandeln mit einer guten Holzpolitur, damit das Schnitzwerk wieder sattsamtig hölzern glänzt und noch lange schön bleibt. Sie wird es in einen Karton stecken, so klar wie die Stufe, auf der sie sitzt, 50 Zentimeter hoch, einen Meter breit und 50 Zentimeter tief ist. So, wie auf diese Stufe eine wiederum völlig identische Stufe folgt, weil es sich um einen Formstein handelt und kein Holz. Fraktale Ideen.

Sie wird das Ding gut verpacken, damit es keinen Schaden beim Versand nimmt. Vielleicht schreibt sie eine Karte dazu mit ein paar unverfänglichen und freundlichen Zeilen an dich, die dich informieren, dass sie alles gut bewahrt hat, was war und dass dieses unantastbar bleiben wird, egal, wie das Leben euch beiden in der Zwischenzeit über die Jahrzehnte hinweg mitgespielt haben mag.

Ihre wohl bedachten Zeilen werden dich in keinen Metabotschaften zu irgend etwas verpflichten, darauf wird sie sehr gut Acht geben. Sie sind nur Dank an die gemeinsame Zeit und die darin geborgene Zärtlichkeit. Es ist die Pfandrückgabe des Gefäßes, das den zum ersten Mal geliebten Traum beschreibt und es ist randvoll mit jahrzehntelangem Leben gefüllt. Zuunterst die Hoffnung, dass alles sich irgendwann einmal fügen könnte (wie auch immer) und die Fragen, wie lange diese Hoffnung ihr Älterwerden noch überleben würde in ihrer exklusiven Qualität. Zuoberst die raue Holzoberfläche des Dings, noch immer kantig und gezackt wie die hohe schmalen Grate des Lebens, die es zu gehen gilt, weil die Aussicht dort oben so schön ist, wenn unten der wölfisch lächelnde Abgrund an den Füßen reißt. 

Ihr Blick schlingt sich in die stufengewundene Tiefe, während sie sich schnellen und zügigen Schrittes nach oben bewegt, ihre Nase von Zwiebeldunstschwaden gepeinigt. Während sich dich imaginiert, riecht sie den vielen Schnee dieses längst vergangenen Winters und sie weiß noch, wie deine Haut duftete,  nach Jugend und nach just erwachter Männlichkeit. Du warst eine Winterliebe, man sagt, die halten sich lange. Als sie vor ihrer Wohnungstür ankommt, fällt ihr Blick, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht noch einmal zurück auf die vielen Stufen, die sie gegangen ist. Ihre Entscheidung hat sich aus der unendlichen Enge des Treppenhaus ihrer Gedanken befreit und  ist somit universell geworden. Sie wird es wissen, wann es soweit ist, dir das Ding zu schicken. Sie hält es in der Hand wie ein altes geliebtes Herz, dreht und wendet es,  es fühlt sich an wie immer: nicht wie ihr zugehörig , sondern eher als eine Leihgabe, die sie immer dringlicher stumm darum bittet, bald zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückkehren zu dürfen in den schmalen hohen Hallen ihrer Ideen.

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Zum ersten Mal

 

Sie geht durch den blühenden Garten. Wie mild die Luft noch ist! Wie gut es riecht, sie atmet tief ein. Der Weg aus unregelmäßigen Bruchsteinen führt einen kleinen Hügel hinauf. Dort steht das Gartenhaus aus Sandsteinblöcken. Er hat in das Dach des Hauses vor Jahrzehnten große schräge Fenster einsetzen lassen, die dem Tageslicht gestatten in den großen Raum zu fluten. Als sie das erste Mal dieses rauschende Überhelle sah, war sie davon gebannt. Obwohl es den Raum in jeder Ecke auszufüllen scheint, wirkt es gefiltert, weich, weiß und indirekt.

Er ist schon da. Steht an der Staffelei vor der aufgespannten Leinwand und mischt die Farben an. Ein leicht fischiger traniger Unterton überlappt den Farbgeruch. Vögel singen draußen. Ich möchte Musik, sagt er leise und sieht sie an mit diesem Blick, der über ihren Körper flaniert und sie ganz zu umfassen scheint, gleichzeitig nach innen dringend, als könne er auch das Verborgene erkennen. Dieses Verborgene bringt er in seine Bilder, so gut, dass sie reißenden Absatz finden. Es gab Jahre, da kam er mit dem Malen kaum hinterher, so viele Aufträge waren da. Du bist mein Leben, sagte er einmal zu ihr und sie wusste, dass sie es wirklich war. Weil er durch sie seine Kunst verkaufen kann, ihr Leben finanzieren. Er legt Liszt auf. Ein Konzert, gespielt vom Meisterpianisten Lang Lang. Sie kann ihn vor sich sehen, wie er am Klavier sitzt und über die Tasten gleitet, als sei es ein federleichtes Kinderspiel der Sensualität.

Beschwingt löst sie ihre hochgesteckten Haare. Sie fallen in silbergrauen Locken weit über ihren Nacken. Der Morgenmantel gleitet zu Boden und sie steht nackt vor ihm. Die Jahre haben Spuren an ihrem Körper hinterlassen; an ihrem Bauch bildete sich ein filigranes Faltennetz. Als sie damit haderte, sagte er: Dieser Bauch trug unsere Kinder. Danach malte er zu ihrem großen Entsetzen ein Bild von ihrem Bauch. Es verkaufte sich innerhalb eines Tages nach der Ausstellung in der Galerie für einen geradezu astronomisch hohen Preis. Anfangs war es nicht einfach mit dem Gefühl zu leben, dass fremde Menschen sich ihren nackten Körper nach Hause holten. Es brannte manchmal wie ein pornographisches Gefühl in ihr und sie hatte ihm das natürlich gesagt, so wie sie über alles offen miteinander sprachen. Das sei völlig normal, dass sie das so empfände, beruhigte er sie. Würdest du mich verlassen, wenn ich nicht deine Muse, dein Modell wäre? lautete ihre Frage und sie kam sich so jung vor, als sie sie ihm stellte, das, obwohl sie damals schon dreißig Jahre alt war und seine Verlobte. Er streichelte ihr Gesicht, sie erinnerte sich genau an den Klang seiner langen Finger auf ihrer Haut. Mach dir doch nicht so viele Gedanken, hatte er gemurmelt, doch nichts weiter dazu sagen wollen.

Unwillkürlich legt sie die Hand quer über ihren Bauch. Wann sie sich diese schützende Geste angewöhnt hatte, weiß sie nicht genau. Doch seine Reaktion ist immer gleich, auch jetzt wieder, viele Jahre später, kann sie sich darauf verlassen, dass er wortlos ihre Hand nimmt und sie daran zum Tisch führt. Er ist unter einem der Oberlichter positioniert und mit einem großen champagnerfarbenenen Satintuch bedeckt. In schweren Falten fließt der Stoff zu Boden. Sie setzt sich auf den Tisch, dreht den Oberkörper, zieht die Beine nach. Diese Bewegungsabfolge ist ihr in Fleisch und Blut übergangen. Jetzt, mit fünfundsechzig Jahren, fällt sie ihr nur wenig schwerer als mit fünfunddreißig. Er tritt einen Schritt zurück, prüft das Licht und zieht die Staffelei so, dass er den Tisch aus einem schrägen Winkel betrachten kann. Dann tritt er zu ihr und bestimmt die Pose. Er nimmt ihr Kinn und zieht ihren Kopf in den Nacken, so dass ihr Kinn vom Licht benetzt wird. Ihre Arme stützen den Oberkörper, die Beine sind leicht angewinkelt, er kreuzt ihre Knöchel. Nun kommen die Feineinstellungen. Er fixiert sie und wie immer ist seine Berührung eine flammende Spur auf ihrer Haut. Noch immer. Er beginnt winzige Veränderungen an ihrer Sitzposition vorzunehmen. Legt ihren Kopf noch ein wenig zur Seite, so dass sich ihr Blick von ihm fort in eine obere Zimmerecke richtet. Schau in die Musik, befiehlt er nun, lass dich hineingleiten, es wird ein mildes Bild in hellen Farben. Eine Impression im Morgenlicht, ein weicher Akt.

Sie tut, was er sagt. Das war von Anfang an so. Wenn er malt, ist er der Maestoso der Pinselstriche und sie genießt ihre Macht, die sie in dieser Zeit über ihn hat, wenn nur noch sie in seinem Sinn sein kann und ihn ausfüllen. Sie treibt mit der Musik in die Geborgenheit einer Stille, gefüllt von symbiotischer Intimität und Nähe. Sie hört ihn, wie er seinen Pinsel mit ersten Strichen über die Leinwand führt und die vergangenen Jahre haben nicht die Erregung geschmälert, die Aufregung, noch nicht wissen zu können wie das fertige Bild aussehen wird. Es ist, als male er ihre innigsten Facetten, selbst dann, wenn er, was auch immer wieder vorkam, Stellen ihres Körpers in Bildern fokussierte und heranzoomte, öffentlich zur Schau stellte, was ihr an sich selbst schwer fiel zu akzeptieren. Doch durch sein Auge betrachtet kann sie es annehmen: Die erschlaffte Haut, die sich hie und da an ihrem Körper zeigt. Ihr langer Hals, noch immer schön, wie er ihr immer sagt, doch sie weiß, dass auch dort die Zeit in Form feiner Linien und Riefen ihre Spuren hinterließ. Sie klagte einmal darüber. Dein Hals verändert sich, sagte er. (Das Gefühl feiner, leicht feuchter Pinselhaare wie sie skizzierend über die Haut ihres Halses fuhren). Dein Hals ist eine Landschaft und Landschaften verändern sich mit der Zeit, ist es nicht so, macht  es nicht auch gerade ihren Reiz  aus, dass sie so veränderlich sind?

Ihr Körper zerfließt in Licht. Sie wird ein Stück champagnerfarbener Satin, glänzend und weich. Sie ist ein Körper, eine Studie, Form und Struktur. Es ist anstrengend, diese Position bewegungslos zu halten. Sie atmet konzentriert, wie sie es im Laufe der Jahre  lernte. Sie denkt sich in minimale kleinste Veränderungen um den Muskeln zu suggerieren, dass sie sich bewegen, obwohl sie es nicht tun. Es kam vor, dass sie krampfte in der Anfangszeit ihres Modellsitzens für ihn. Sie erinnert sich an eine der ersten Sitzungen, als sie sich noch nicht lange kannten. Er war so vertieft in das Malen, dass er den Wecker überhörte, den er zu stellen pflegte, um Pausen anzuzeigen, damit das Modell sich erholen konnte. Modell sitzen ist Schwerstarbeit, erklärte er ihr, das müssen wir Künstler immer berücksichtigen und dass das Modell uns folgt, sich unseren Anweisungen ausliefert. Es liegt in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass das Modell bei Kräften bleibt. Damals fand sie seine Aussage sehr eigennützig. Sie hatte in jener Ausnahmesituation bereits seit beinahe einer Dreiviertelstunde in einer völlig verdrehten Position, mit dem Kopf weit in den Nacken gelegt (wahrscheinlich erinnerte sie sich aus diesem Grund an diesen Moment, weil sie jetzt in einer ähnlichen Position befand) und den Händen um ihre Füße gelegt für ihn Modell gesessen. Obwohl sie Jahre jünger als jetzt war, war sie noch nicht so gut trainiert, als dass ihr Körper eine so lange Zeit regungslos hätte durchhalten können. Sie spürte bereits nach einer Viertelstunde wie sich ihr Nacken verkrampfte, die Muskeln versteiften und sie empfand die Musik (es war Wagner) als nervtötend und anstrengend. Zudem fand diese Modellsitzung am späten Abend statt und sie war müde. Die Schmerzen wurden unerträglich, ihre Beine brannten, ihre Gelenke und irgendwann begann sie sich in Schmerz aufzulösen, hoffte nur noch still, diese Folter fände irgendwann ein Ende. Sie wollte etwas sagen, doch sie traute sich nicht. Er war ihr noch zu fremd. Glasklar und scharf auch jetzt noch die Erinnerung an seine Stimme, die den Nebel ihres Schmerzes in der überreizten Bewegungslosigkeit nahe der Bewusstlosigkeit durchdrang, seine Augen voller Sorge. Dann seine heftigen wütend anklagenden Worte: Warum hast du nichts gesagt? Seine Flüche, sein Wutausbruch, der ihn die Pinsel zu Boden werfen ließ: Du musst etwas sagen, wenn du nicht mehr kannst. Himmel, Arsch und Zwirn, Liebste! Die Kombination aus Fluch und Kosenamen war so komisch, dass er sie trotz ihrer körperlich elenden und desolaten Verfassung zum Lachen brachte. Er massierte ihre Beine, ihre Hände, ihren Nacken.

Sie kehrt zurück in die lichte Gegenwart dieses Morgens, in die Lang Lang eine helle hohe und flirrende Tonfolge spielt und spürt ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Sie hört das eilige Huschen und Streichen seiner Pinselstriche auf der Leinwand, stellt sich seine konzentrierten Augen vor. Um sich Erleichterung zu verschaffen, bewegt sie den Kopf. Das Geräusch der Pinselstriche verstummt auf der Stelle. Morgen machen wir weiter. Er steht vor ihr und sie sieht in seinen Augen die Mischung aus Liebe und künstlerischem Ehrgeiz, seinen tiefen  Trieb das Schaffen zu zwingen, jenen Funken Wahnsinn, der das, was er schafft groß sein lassen kann. Es macht ihr inzwischen keine Angst mehr, obwohl sie weiß, wie obsessiv und wütend dieses Tier in ihm wachsen und ihn beherrschen kann. Ich kann dich nicht mehr aufs Sofa tragen, so wie früher mal. Sie erkennt durch die Patina der Fältchen in seiner Mimik hindurch den jungen aufstrebenden Maler, der er einmal war. Er hilft ihr galant vom Tisch, legt den Arm um sie und führt sie zur Staffelei. Das hat er noch nie getan. Sie durfte seine Bilder nie in den Entstehungsphasen sehen. Nachdenklich und überrascht sieht sie ihn an. Es gibt für alles im Leben ein erstes Mal, auch und besonders und immer wieder für das Vertrauen in dich. Sein verlegenes Lächeln.

Er hat die Aktstudie in überhellen Farben, zart, flüchtig verwischt konturiert gemalt. Eine hohe Kunst, mit Ölfarben einen solchen eher aquarellenen Eindruck zu erzielen. Ihr Körper scheint mit dem Satinstoff zu verschmelzen, so wie sie es während der Sitzung in sich empfand. Schon jetzt ist im Bild die Stimmung erahnbar, es ist noch nicht ausgefüllt, noch verwischt in den Strukturen. Die Studie wirkt sehr realistisch und unwirklich zu gleicher Zeit. Sie sucht nach dem verborgenen surrealistischen Aspekt, den er immer irgendwo in die Bilder einbaut, manchmal so versteckt, dass sich der Betrachter tief in sie hineinspüren muss und irgendwann bemerkt, dass etwas an dieser Bildrealität seltsam erscheint. Um die Schemen ihres halb sitzenden halb liegenden Körper auf der Leinwand winden sich angedeutete Finger männlicher Hände in einer greifenden und anhebenden Weise. So entsteht schon in der halbfertigen Skizze ein schwebender Eindruck des Getragenwerdens. Das Bild ist wunderschön. Sie ist befangen und fasziniert von seinem Ausdruck, seinen nachgiebigen Strukturen. Es ist noch unfertig, verletzlich,  verwundbar und formbar. Es erscheint ihr in dieser Phase der Entstehung ungeschützt und angreifbar. 

Ich weiß, warum du das hier bislang niemandem zeigen konntest, nicht einmal mir. Sie tritt näher an die Leinwand auf der Staffelei heran, bewundert das Licht, wie es aus dem Bild herauszudringen scheint, seine Transparenz, die bei aller Leichtigkeit etwas Volles und Greifbares bewirkt. Als habest du Fleisch in ein Bild gemalt, indem gar kein Fleisch ist, sagt sie nachdenklich. Er legt ihr ihren Morgenmantel um und zieht ihn um ihren Körper, knotet den Gürtel fest. Sanft, doch nachdrücklich nimmt er ihre Hand und zieht sie von dem unfertigen Bild fort. Komm, sagt er, wir beide frühstücken jetzt. Die Muse muss essen und trinken, damit sie bei Kräften bleibt.

Auf dem Weg zum Haus fühlt sie den vollständigeren Morgen, wie er sich Platz geschaffen hat im Tageslicht, das gegen Mittag strebt. Es ist wärmer geworden und noch milder. Der Mai ist ihr liebster Monat. Seine Hand liegt warm in ihrer. Sie fühlt sein Fleisch in ihrer Handfläche, es winden sich gemeinsame Jahre um ihre Finger, die Gezeiten der gemeinsamen Kinder und die sinnlichen Fluten ihrer Atelierstunden, ihrer Arbeit miteinander, ausschließlich und unberührt von allem anderen. Zeit, die den Stimmungen des Lichts einzig angehört und nur ihnen beiden allein, in der alles andere ausgeklammert ist um einander zu finden in einer Symbiose, die ausschließlich der Kunst der Aktstudien gehört, der in ihnen verewigten Blößen. Manchmal denkt sie über das Glück nach, dass sie sich finden durften und vom Schicksal unbeschadet miteinander überstehen konnten. Es war nicht so, dass es nicht schwierig war, denn das war es auch. Es gab die Krisen, die Krankheiten, die Sorgen, die Ungewissheiten und seinen Herzinfarkt vor fünfzehn Jahren, als sie glaubte, dass sie ihn verlieren würde und mit ihm auch den wesentlichen Teil von sich selbst. Dieser Gedanke macht ihr manchmal Angst. Auch ihm und das weiß sie und sie denkt wieder an die unfertige Skizze im Atelier. Verwundbar und schwebend, doch dabei unvergänglich in den Ungewissheiten der Zukunft. Sie weiß nun sicher, dass sie ihn inständig darum bitten wird, dieses Bild nicht zu verkaufen. Es gibt für alles ein erstes Mal.

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