An einem Sommermorgen wie diesem 

Noch Traum noch du darin dein armseliger kleiner Vorstadtkrieg und dann das frühe Ende der vorzeitigen Nacht, die salzverklebten Augen, im Kopf hebt gerade eine Boeing 747 ab, es ist eine Entführung, muss eine sein, ein Terrorakt und der islamische Staat ein untherapierbares Kind mit mindestens ADHS und hyperkinetischem Stressyndrom zusammen, zum Kuckuck, schreit Freud, alles ist therapierbar, verdammt noch mal alles und Osama Bin Laden kam als Kind nicht über den Verlust seines Lieblingskamels hinweg und verfluchte Allah dafür und das ist der wahre Grund für das Zurückbleiben des demografischen Wandels beim islamischen Staat. Alles ist zu verstehen, ist Psychologie und Alma Mater kotzt im Moment bloß noch und niemand will was davon wissen und alle wollen shoppen gehen und auf faltenlosen Events spenden gehen und dabei positiv denken bis es auch den letzten Arzt die abgeschriebene und geklaute Dissertation den schnell im Internet fratzenverhetzten Ruf kostet. Nach den Nachrichten das echte und ehrliche Erwachen dann noch einmal aufs Neue und dann das Setzen und den Kopf von vorn und hinten mit den Händen festhalten, der Schrei von Edvard Munch werden, doch keiner, der fassungslos seine Verzweiflung mit zugehaltenen Ohren herausschreit, sondern einer mit gefletschten Zähnen wie ein wütender Affe. 

*

Der Kupferkessel ist blank poliert, er schimmert und spiegelt rosagolden meine klitzekleine Welt wider. Ein Gefühl des Erkennens, die groteske Wahrheit neuer Toter und das viele Nachdenken der anderen. Eine tote Motte auf dem Küchentisch. Irrsinnigerweise heule ich um ihren Tod, er ist im Moment noch ein Zehnfaches größer als sonst. Ich bedecke den Winzling, leichter Aschehauch mit Beinen mit einer Träne und bestatte ihn dann respektvoll in meiner leeren Kaffeebohnentüte; tu noch eine Rose bei und einen Lavendel. Die tote Motte wiegt ganze Menschen auf, ist mehr als eine Kerze, wird mehr als klein, ist ein Schocksymbol. Dann besinne ich mich und lege sie so respektvoll es mir möglich ist zum Müll. Zünde mit Kleinkindgedanken die Kerze neben Buddha an und frage ihn wohl zum tausendsten Male welche Farbe Allah hat und ob Wahnsinn nach alten vertrockneten Popeln schmeckt. Heute wünsche ich mir ein Miniquantum vom extra heilenden bitteren Handal konzentrierter Wüstenweisheit auf meine offene Wunde, damit sie sich schnell schließe. Dann mahle ich die frischen Bohnen, die ich in einer 100 Jahre alten knallrot lackierten Kaffeemühle zermüllere und in einer italienischen Kaffeekanne auf dem Herd dampfbrühe und schwarzcremadolce auf dem Balkon im Schaukelstuhl genieße. Trendy fühlt sich heute zeitlos. Lieblingsweise ist es dabei Sommer, der Lavendel umhaucht die Peripherie der Blumenoase, die Vögel piepen, erste Sonne flasht mich mit Morgenrot bis ich brenne vor Seligkeit. Nur ein Augenblick davon weidet mich bis ich wieder jung und grün genug geworden bin, um diesem Weltwahnsinn standzustehen einer verlorenen Ordnung denkend und dennoch dankbar für eine Ordnung in ihrem kleinsten Maßstab und Motiv. Eine Gesinnung in vielen zu sein, sich in den anderen mit Vertrauen bergen im Mut einander gut tun zu wollen. Nein. Sie stehen leider nicht wieder auf. Es ist kein böser Film, es ist kein Videospiel, es ist kein Alptraum. Es ist das Gespenst des Friedens, der leibhaftige Spuk einer entarteten und pervertierten Realität, die von Geld regiert wird. Doch ringsum stehen andere mit offenen Augen, sie sehen und hören gut, sie sind wachsam, es sind die Gefährten, die Verbündeten. 

Es ist Sommer und für einige Menschen wird es der traurigste Sommer ihres Lebens werden. Mein Herz ist groß und weit genug, damit alle darin Platz finden. Ich mache Ausdauer- und Kraftsport, damit sich mein Herz weitet und wächst, damit ich stark genug werden kann, um jeden, der es sich wünscht unter die Fittiche zu packen und mitzunehmen und sei es in den Morgenmoment meines ambivalenten Sommermorgens, in eine friedlichere Stimmung als diese, die aus politischen Köpfen Rauch- und Stinkbomben macht. Es ist gleichermaßen schön wie grausam um meine Unwissenheit zu wissen. Darin ruht jede Menge noch unbewusstes Kraftpotential. Es findet sich Wasserperle zu Wasserperle zum perpetuummobilen Weltspiegel in einem limnischen System an einem Sommermorgen wie diesem.

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Aus den Dialogübungen: Horatio -Liebeslyrik mit ohne Erato

  
Ich: Oh, nein! Wer bist du denn und dann auch noch um diese Uhrzeit?
Erato: Das Produkt deiner verkrüppelten Phantasie bezüglich Liebeslyrik. Ich bin Erato.
Ich: Du siehst aus wie Atze Schröder bevor er den Frisör verklagte…sind das etwa Überreste blonder dauergewellter Locken?
Erato: Holde Maid…das war alles mal Natur pur!
Ich: Mooment…wir müssen hier erst einmal etwas klären, bevor du mich zuschwuchtelst…erstens: ich bin unhold wie ein Unhold, zweitens: ich bin zwar originally Maid in Germany, aber keine Maid im holden Sinne, damit das mal klar ist, Atze.
Erato: Ich heiß nicht Atze, ich heiße…Erato.
Ich: Ja, genau…Errato, abgeleitet von errare, wie irren, was bekanntlich menschlich ist, querrrido….und jetzt geh bitte, ich will schlafen….immer diese nächtlichen Ruhestörungen!
Erato: Nein!
Ich: Oh, er grollt ein Wort wie Donnerhall, habt Acht! Gute Nacht…
Erato: Jetzt weiß ich, warum die mich zu Dir schickten!
Ich: Wer ist die?
Erato: Na, die anderen. Du bist eine Schande für die Poesie der Liebe!
Ich: Wer ist die anderen? Los, raus mit der Sprache!
Erato: Die Musen natürlich.
Ich: Habe ich die auch mit meiner Phantasie verstümmelt wie Dich, Du antimusische Heulsuse…?
Erato: Wenigstens ein Vierzeiler! Es ist schließlich September. Du weißt schon, die Zeit der Sehnsucht und Liebe…wenn draußen erstes Gold die linden Sommerblätter säumt, ein Verslein hold von deinen azurnen Augen träumt…
Ich: Warte, du…ich komm dir gleich mit der Flinte auf diese azurnen Augen! Ich mach Purpurpudding daraus!
Erato: Wenn dann ein sanftes Lüftlein weht, ein Träumchen sich um dich nur dreht….
Ich: Erbarmung! Das ist vorsätzliche Körperverletzung….
Erato:bIch kann noch stundenlang so weiter….immer hoffend, immer heiter…
Ich: Das halt ich nicht mehr aus! Los, raus hier! Achtung Ruhestörung! Runter da! Sofort runter von meinem Bücherregal, da hast du dich letztens schon hingeflüchtet….Oh, gerechter Himmel, womit hab ich das verdient?
Erato: Wo ist der Ritter mit dem prächtigen Schimmel, der so mutig dein Herze schient?
Ich: Ich reim dir gleich was auf Schimmel, da wird dir rabenschwarz vor Augen…da fällt dir gar nix mehr zu ein…duu….duu…
Erato: Ei ei, wer wird denn nur so grantig sein?
Ich: Wieso kannst du nicht einfach eine Frau sein?
Erato: Weil du schon eine bist!
Ich: Ach, was…wirklich? Dann schick mir lieber die Thalia….Thalius, however…
Erato: Die brauchst du nicht, der geht es wundervoll…
Ich: Ist ja wundervoll. Dann leih mir wenigstens ihren Schäferstab, ich brauch was zum wen verkloppen….
Erato: Los, hör schon auf zu bocken! Nur, damit endlich meine Locken nachwachsen: Am Hange die süßen Schäfelein mit den flauschigen Haxen…
Ich: Das ist keine Liebeslyrik! Du bist total talentfrei, Erato.
Erato: Machs doch besser!
Ich: Ha! Du hältst dich wohl für sehr ausgebufft, wie? ….aus der Wäsche kucken wie Lee van Cleef…pfff…da musst du früher aufstehen!
Erato: Oder später kommen? Je später der Abend, desto…
Ich: …schlimmer die Belästigungen….Hallo…könnte bitte mal wer kommen? Erato, der musische Hermaphrodit will von seinen Eltern aus dem Spieleparadies abgeholt werden! Thalia, Pygmalion ist hier, der dichtet schlimmer als ein Tier!
Erato: Wetten, die kann da gar nicht drüber lachen…schlechte Scherze auf meine Kosten machen…
Ich: Beleidigt, was? Schnute ziehen, wie? Nachts zur Geisterstunde hier hereinspazierfliegen, mich vollreimschleimen, mich mental mit billigen Versen erpressen, nötigen und auch noch Verständnis dafür erwarten, was? Liebe Güte! Wo ist Justitia, wenn man sie braucht? Blindgänger, wie immer!
Erato: Wenn du so weiter machst, habe ich bald überhaupt keine Haare mehr und zersetze mich völlig! Ich brauche phantasievolle Liebeslyrik, damit ich gut aussehe, Mann, Frau, äh….Maid…
Ich: Na, endlich lässt du mal dieses Gesäusel, jetzt wirst du mir direkt sympathischer, du narzisstischer Antikerl. Kauf dir doch mal ein Kleid….
Erato: Was ist dein Leid?
Ich: Hä? Leid? Welche Muse ist nochmal für die Püschologie und die Alma Mater zuständig?
Erato: Ich…?
Ich: Du schaffst mich! Horatio!
Erato: So ist recht und jetzt bitte verdichtet! Ah, ich fühle schon neue Löckchen wachsen, sie kränzen mir die hohe Stirne!
Ich: Geh mir los, du komischer Schlacksen, ich kloppe dir gleich vor die matschige Birne…Flitzpiepe…ich zürne, aber echt…
Erato: Ein Gedicht, ein Gedicht.
Ich: Lauter ungereimtes Zeug hier..
Erato: Ein Hoch auf die Liebe und die Poesie!
Ich: Demnächst, du Quälgeist, sonst endet das hier nie…
Erato: Versprochen und gehalten?
Ich: Hau bloß endlich ab, Alter….
Erato: Juhu…
Ich: Na endlich ist er weg, dieser nervtötende Freiraumgestalter und ich habe Ruh und mache meine Klappe zu!
….

Midsun, Musen und die Männer

  

Gestern dachte ich den ganzen Tag an die Sommersonnenwende – Midsun. Widme ihr sonst immer einen Text und kam vor lauter anderer lästiger Arbeit nicht zum Schreiben. Ziemlich angefressen, mit der lamentierenden und protestierenden Muse im Rücken, fiel ich ins Bett, ignorierte aufgrund meines fortgeschrittenen Alters die nervende Hirngeburt in meinem Zimmer, bot ihr höflich eine Tasse Baldriantee an und beschloss, so gut es eben möglich war, ihre hartnäckige Anwesenheit zu ignorieren. Ich hörte das schnöde abgewiesene Geschöpf aus Richtung Schreibtisch flüstern: Ey, Alte, so alt wie Du bist, kannst Du gar nicht mehr werden! Um halb elf abends die Klüsen zuklappen? Früher warst Du anders drauf! Das bisschen Arbeit! Nächtelang schriebst Du durch! Komm, wir knutschen! Ich drehte mich zur Seite und murmelte was von elysischen Traumgefilden, dass wir uns dort wiedersähen und dass ich mir bereits die Zähne geputzt hätte. Prompt jammerte sie noch lauter als zuvor und begann mir etwas von Gewissenspflichten und lyrischem Verantwortungsgefühl zu erzählen. Willnichgehwoandersknutschen, kam es schwächelnd von mir. Christopher Lee ist tot, Pierre Brice ist tot und mir ist auch schon schlecht, setzte ich schlecht gelaunt hinterher und drückte eine Träne weg, weil zwei meiner Jugendtraummänner nicht mehr waren. Die Muse summte leise ein Requiem und säuselte zuckersüß: Und Hugh Jackman? Ist der etwa nichts? Zu weit weg…entgegnete ich lahm. Und Ed Sheeran? Was ist mit dem? Sie war hartnäckig. Er hat rote Haare, Baby! Er quietscht noch hinter den Ohren und genießt Welpenschutz, konterte ich, lass mich jetzt in Ruhe! Die Muse schwebte auf mein Bücherregal, schlug die Beine übereinander und fixierte mich. Es ist Sommersonnenwende, Frau! Schreib! Befahl sie nun in harschem zackigen Kommando-Ton und senkte die Stimme um mindestens drei Oktaven, um beeindruckender und autoritärer zu wirken. Ich stellte mich gleichgültig und tot wie ein überfahrener Igel. Angespannte Stille, von der ich genau wusste, dass sie nicht lange anhalten würde. Unschlüssig, was sie nun tun solle und traurig aus der Wäsche schauend, blätterte die Muse in Bert Brechts Werkausgabe herum, glättete ein Eselsohr in Ingeborg Bachmanns Anrufung des großen Bären und rückte den Rilke gerade in die Reihe zurück. 
Du hast Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien zwischen dem Windows Handbuch und dem fetten Dictionary einfach so eingequetscht, sagte sie schließlich etwas weinerlich. Heul doch, brummte ich missmutig, hatte jedoch inzwischen ein schlechtes Gewissen. Rilke wäre empört über so viel mangelndes dichterisches Pflichtgefühl, kam es aus Richtung meines Bücherregals. Werde jetzt bloß nicht moralisch, entgegnete ich schläfrig und schwer. Ich knutsche lieber mit Morpheus! Morgen ist ein Arbeitstag, auf Sommerwiesen herumtanzen, Blumen pflücken und unters Kopfkissen legen an Midsun, Du kommst vielleicht auf Ideen! Polterte ich und wischte einen idyllischen blumenbekränzten Sommergedanken in luftigen weißen Mädchenkleidern beiseite, den die Muse mir versuchte heimtückisch und hinterrücks in meine traumschweren Synapsen zwischen die Hirnlappen zu pflanzen. Sowas Perfides! Das machen in Schweden nur die Jungfrauen! Die Muse grinste lakonisch: davon bist Du schon ein paar Jahre weit entfernt, was? Ich wurde langsam stinksauer und bemerkte gallig: Hey, Du Traumtänzerin, es regnet draußen junge Hunde, es ist arschkalt wie Winter in Schweden und die Kinder schlafen schon! Mal ein anderer Ansatz, um das lyrikbesessene Wesen auf meinem IKEA-Billy-Bücherregal endlich zum Schweigen zu bringen, dachte ich hoffnungsvoll. Schlafende Kinder sind schließlich heilig. Du bist sterbenslangweilig, flüsterte die Muse. Und Du bist prosaisch, theatralisch und Du nervst mich kolossal, flüsterte ich genervt zurück. Du hast nur ein einziges Leben, kam prompt von ihr die nächste Kampfansage, los, mach gefälligst was draus! Ich richtete mich im Bett auf: Musst Du immer diskutieren? Das letzte Wort haben wollen? Moralinsauer herumschwafeln? Mich vom Schlafen abhalten? Ich krieg Falten, Mann, äh, Frau, Muse, whatever! Gute Nacht. Kannst kuscheln kommen, wenn Du magst, aber halt endlich Deinen Sabbel, ich geh jetzt nämlich träumen. Träumen buchstabierte ich vorsichtshalber in Zeitlupentempo und intonierte das Wort obendrein in Englisch, Französisch und Spanisch. Wobei ich bei Spanisch ins Nachdenken geriet. Dreaming, understanding? Rêver, mon amour! Soñar, querido! Von mir? Erwartungsvoller Blick mit Augenklimpern. Die Muse legte hoffnungsvoll den dicken Goethe beiseite. Meinetwegen auch von Dir, sagte ich ergeben. Und von David Bowie, dem schönsten Mann der Welt und die verdammte Leier bleibt draußen! Die Muse runzelte die Stirn, verwandelte sich in etwas Vages, das entfernt David Bowie ähnelte und sprang mit einem bemerkenswerten Satz zu mir ins Bett, dass die Matratze bedrohlich wackelte und herumgluckste. Das Geschöpf hatte eiskalte Füße und stopfte diese in meine weichen warmen Kniekehlen. Ich konnte noch flüstern: Oh…Du kennst mich viel zu gut, Du geistgeborenes Miststück!

Der Rest war Nacht, Schweigen und irgendeine Form von Schlaf.

Im Nachgang zu Kurt Tucholskys Sonntagmorgengedanken am Sonntag Abend zum Internationalen Weltlachtag. Pressefreiheit war gestern.

Für Birgit
http://saetzeundschaetze.com/2015/05/03/kurt-tucholsky-sonntagmorgen-im-bett/

  
Ochottochott, es ist nicht Sonnabend Abend, sondern ein ein gewöhnlicher Sonntag Abend, die Familie wurde passend zum Internationalen Welt-Lachtag mit guter Laune entertaint und Du hast Recht, wenn Du am heiligen gottgewollten Sonntag mit dem Handwerker Deines Vertrauens wie mit einem Teppichhändler um den Stundenlohn feilscht. Der Typ spinnt, vertrödelt den Morgen im Bett und schaut sich im Fernsehen lieber: Hör mal, wer da hämmert! an, statt endlich seine Bohrmaschine zu bemühen. Unterdessen benennt die Menschheit, nicht klüger geworden als zu Deinen seligen Lebzeiten ihre allgemeine Sprachlosigkeit in die übliche Phrasendrescherei und braucht tatsächlich Erinnerungsdaten, um endlich mal wieder zu lachen. Wo soll das bloß noch hin mit uns allen? Demnächst datieren wir noch internationale Tage zum Weinen, Pipimachen und Jammern, weil wir das sonst auch noch vergessen würden. Ab unter die Bettdecke, wohlig die Knie bis zum Kinn ziehen und auf den Klempner warten, sage ich Dir! Dem Tiger sind die Streifen verrutscht, und ich, ja ich wünsch mir einen Pyjama für zwei, bist Du dabei? Das waren noch Zeiten, mein Lieber! Ach Gottchen, einmal Spionin in Spitzenunterhöschen möchte ich wieder sein, seufze ich Herrn Hauser ins geneigte Ohr, schnappe mir das verruchte granatenrote Spitzenseidenteilchen kurzerhand am Zwickel und lasse es sehnsüchtig am Mittelfingerchen baumeln. Wo war mein Pyjama stehengeblieben? Ah, ja, ich ließ ihn im warmen Bett als Morgenpfand mit dem Versprechen, so alsbald wie möglich wieder in ihn zurückzuschlüpfen, ich wirbelloses Tierchen! Wenn das Tante Alma wüsste, die arme fromme Seele, doch die weiß es lieber nicht! Was für ein Glück ich doch mit meiner Verwandtschaft habe, weit genug fort von mir unanständigen Kreatur im Süden lebend, um keinen Krakeelelefanten machen zu können aus kleinen Zuckmückchen. Ich drehe ihnen frech die lange Nase. Knips doch mal Licht an, der Abend dunkelte schon lange vor der Heide und ich habe ein Blind-Date. Am Sonntag Abend, hier mit Dir, mein Bester. Ach, ja doch, stopf Dir mal ruhig noch Dein Pfeifchen und lächele so verschmitzt wie nur Du es kannst. Jaja, ich hör ja schon auf zu denken, ich sei eine Frau. Die können nicht denken, weiß ich doch. Bitte, sag mir, dass ich kein Mann bin, nur ein einziges Mal, ja bitte? Dann schenk ich Dir auch mein allerschönstes Sonntagslächeln, ganz für Dich allein, Du großer Spötter vor dem Herrn. Ach, Du, ich habe Dich so schrecklich irreversibel gern. Du mich auch? Ab unter die Bett-Decke, dann lachen wir gemeinsam über die ewig gestrige Pressefreiheit und spielen Mau-Mau.

Weil heute nämlich Welt-Lachtag ist und weil ich Dich so furchtbar vermiss.
Und ja. Du hast Recht, ich bin respektlos, gedankenlos obendrein und weiß es schon längst:
Ich arme Sau bin ja doch bloß eine Frau.

O du lieber Valentin

(Sonnen-V für die Knobloch’sche Frau)

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…und eins, zwei, drei funkt das
Mariechen bootsknallende Valentinssilberglöckchengrüße weißbestrumpft und stimmt an, sehr frei nach
O du lieber Augustin
(Johann Nepomuk Hummel)

O du lieber Valentin
alles ist hin
Liebe ist weg, Lust ist weg
ohne Sinn, Valentin

O du lieber Valentin
alles ist hin
Rock ist weg, Stock wegsteck‘
denkst du seist aufgeweckt

O du lieber Valentin
alles ist hin
glaubst, dass du nichts vermisst
wenn du die nächste küsst
weint mit mir im gleichen Sinn
alles ist hin.

Alle Zeit an dich denkt
wer sich dir gerne schenkt
Doch du warst allzu blind
bist nur ein großes Kind
einst eine Junggestalt
bist du bald grau und alt

O du lieber Valentin, alles ist hin.
Ja, mein lieber Valentin
das ist dein Sinn.

revolverhelden

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ein schuss

ziellos aus der hüfte

die augen fixiert

in himmelsblau

schau, schau

trau, trau

der alten knarre

liegt sie noch gut

in der hand?

das letzte shooting

das zerfetzte loch

der rieselnde putz

von der wand?

weißt du noch?

es war

die reinste nabelschau

in der schwarzen

lichtverliebten nacht

sind alle katzen grau

sagtest du

zu mir

der pale rider

hat gelacht

trägt sein

pokerface

mimikresistent

eiskalt

vorm gesicht

coolness ist

für revolverhelden

absolute

ehrenpflicht!

 

ich schieß einfach

mitten ins blau

dann treff

ich dich  nicht!

clint eastwood

grinst dazu nur verwegen

leis flüstert er:

erbarmungslos!

genau!

kräuseln sich fältchen

um hellblaue augen

in seinem

revolverheldgesicht

in das ich so gerne

schau, wenn ich

ungenau schießend

in überallhimmelsblau ziele

versuche nicht

zu schielen,

dabei zu denken:

einzigartigkeit

denkt sich einsam,

aber revolverhelden

gibt es viele…

Parkuhren und Politessen

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Heute ist das Wetter schön. Heute ist ein wunderbarer Tag – um mal wieder eine Parkuhr so richtig vollzuquatschen. Also begebe ich mich kurzerhand an die Herforder Straße. Dort gibt es nämlich Parkuhren und auch Politessen. Ich finde gerade noch so eben 60 Cent, werfe sie ein, bis die rote Parkfristanzeigescheibe im Parkuhrglasfenster das Ende der Parkfrist anzeigt, denke an die grandiose Evelyn Hamann im alten Parkuhr-Sketch mit Loriot und fange prompt an zu prusten und zu lachen. Eine Politesse wird auf mich aufmerksam. Sie zückt ihren kleinen Notizblock und schlendert so lässig ihr enger Rock es zulässt, zu mir herüber. Darf ich fragen, was Sie hier machen? Fragt sie.

Ich antworte ihr, leicht glucksend: Ich quatsche gerade eine Parkuhr voll und habe ihr gerade von diesem alten Loriot-Sketch erzählt mit Evelyn Haman, kennen Sie den? Ich schaute sie aufmerksam an, schätzte sie so Mitte Dreißig und überlegte in meinem monologfixierten Gehirn, wie ich ihr schnellstmöglichst begreiflich machen könne, dass sie, als der Sketch gesendet wurde, wahrscheinlich noch ein Windelkind war, kam mir gleichzeitig fürchterlich alt dabei vor und lachte mich innerlich immer noch kaputt über den alten Sketch, nein, ich prustete regelrecht, weil ich ahnte, für wie bescheuert die Politesse begann, mich allmählich zu halten. Was machen Sie hier? Fragte die Politesse, nun ernsteren Gesichtes und nachdrücklicher, habe ich das jetzt irgendwie richtig verstanden? Sie bielefelderte auf westfälisch vor sich hin, wat, wie und mag sich  vorgekommen sein, wie in der Twilight Zone, die hätte sie sogar noch kennen können, obwohl zehn  Jahre jünger, war sie dort wohl gerade im Fünf-Freunde-Alter von Enid Blyton angekommen und während ich hilflos fingerzählend mit Jahren und meinem und ihrem Alter herumrechnete, im Geist gleichzeitig in der unerbittlich verrinnenden Zeit meine Parkuhr vollquatschte, sie als Seelenklo missbrauchte und die rote Markierung weiterwanderte, wie eine kleine rote Plastiksonne, ließ die Politesse völlig überfordert die Schultern sinken, vielleicht traurig, weil ich kein Auto hatte, über das sie sich mokieren konnte, doch auch andererseits wieder neugierig, weil ich so skurril war und verrückt, eine Parkuhr vollzuquatschen. Es kam also das Unvermeidliche: Sie fragte mich, ob ich Hilfe brauche.

Seltsam. Wenn andere andere vollquatschen wie Parkuhren, schert sich niemand einen Teufel darum, ob der Hilfe braucht. Selbstansprachen in fremde Ohren werden als Kavaliersdelikt unter Neurosen abgehakt und Paranoia kennen wir ja alle, wer wünscht sich keine Freunde, die wie Parkuhren sind? Ich hielt der Politesse dieses Plädoyer für Parkuhren als Seelentröster und argumentierte dahinführend, dass eine Parkuhr wesentlich geduldiger sei als jeder Freund und man sie, nachdem man sie vollgequatscht hat mit seinem Weltschmerz, einfach verlassen könne, ohne sich weiter Gedanken darum machen zu müssen, dass der Freund vor lauter Frust vom nächsten Hochhaus springt, nur, damit er dich und deine Monologisiererei nicht länger ertragen muss. Ich dächte ernsthaft darüber nach, das als Geschäft aufzuziehen und damit meine bislang brotlose Kunst, die Schriftstellerei zu finanzieren, doch da wurde  die Dame aber nachdrücklich! Sofort zückte sie ihren Notizblock wieder und fragte, ob ich vorhabe, eine der an der Herforder Straße installierten Parkuhren als mein Eigentum zu beanspruchen?

Wie könnte ich? Fragte ich zurück, ich weiß doch, dass die Stadt ihre Parkuhren braucht. Aber Sie könnten mir verraten, welche Firma diese Parkuhren baut, wollen Sie? Und ich zückte meinerseits Notizblock und Stift, das trage ich immer bei mir, als echter Künstler, ich bin ein totales Paradebeispiel für Jederzeitkunst, die nur sehr wenige Ausnahmen kennt, wo sie keinen Notizblock und Stift bei sich führt.

Mit der Politesse ging etwas Seltsames vor:

Die Dame war zutiefst verwirrt. Ihre blonden Locken drehten sich um den rechten Zeigefinger und sie schien heftig nachzudenken. Dabei fixierte sie ihren Notizblock, als könne er ihr irgendwelche Antwort geben, auf mich als Mensch und warum ich ausgerechnet ihr an diesem Tag begegnen musste. Ich sah sie hadern und zögern, sie dachte nach. Sie blickte mich an, als wolle sie noch einmal fragen, ob ich Hilfe brauche, doch stattdessen sagte sie mit leichtem Nuscheln: kanjamacheffefragen….Ich dachte: Ist die toll! Die geht echt fragen…

Oder so ähnlich…dann begann sie breit zu grinsen. Ich hatte Glück an diesem Tag. Dies war eine Bielefelderin mit sehr viel Humor. Ich dankte meinem Schöpfer wieder einmal für mein Glück  und grinste freimütig zurück. Schönes Wetter heute, nicht? Fragte ich grinsend. Jau, sagte die Politesse und wir grinsten beide etwas verlegen und dämlich. So eine bekloppte Geschäftsidee habe ich noch nie gehört, doch obwohl, eigentlich…, überlegte sie laut. Haben Sie keine Freunde zum Vollquatschen, andere Autos wollen doch hier parken? Ihre Miene wurde wieder etwas amtlicher und förmlicher. Ich konterte: Ist es nicht egal, wer 60 Cent in diese Parkuhr einwirft? Ich könnte auch ein Pferd mitführen, das ich hier solange anpflocke. Oder Kaffeetrinken mit meinem Kumpel. Hm? Ich glotzte sie an, sie dachte weiter nach, es war noch früh am Tag, das Morgenrosenlicht schimmerte verklärt über dem Aldi, die Augen der Politesse waren noch leicht von Schlaf umwölkt.

Sie lächelte ein wenig entrückt, vielleicht dachte sie schon an den Abend, wen sie vollquatschen könne, statt einer Parkuhr. Sie wirkte glücklich und was soll ich euch sagen? Ich wirkte auch glücklich, denn, ich hatte nicht nur eine Parkuhr vollgequatscht, das brauchte ich nämlich gar nicht. Stattdessen lachte ich mit einer Politesse über ein bisschen Quatsch, den sie mit mir machte, ohne ihr Wissen und das war das beste daran! Da sag noch mal einer, eine Parkuhr vollzuquatschen, sei Geldverschwendung. Ich finde es besser, als das Geld dem frustrierten Münzautomaten im Jahnplatzforum vor der Kundentoilette zu überlassen, der nur 50-Cent-Stücke frisst und deshalb verlassen und einsam sein Dasein fristet, doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Heute wollen wir es bei dieser hier belassen.

Anm. d. Aut.:

Vor drei Jahren wurde in Bielefeld die letzte Parkuhr abgebaut. Es ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Diese Geschichte zollt der Sentimentalität Tribut. Der modernisierte zukunftsorientierte Mensch quatscht heute Parkscheinautomaten voll, doch das macht längst nicht so viel Spaß!

Es besteht die Möglichkeit, in Bielefeld eine alte Parkuhr zu erwerben, ich habe mich erkundigt bei jemandem, der sozusagen ein Spezialist für diese Dinge ist und mir sehr nett darüber Auskunft erteilte. Interessenten brauchen sich nur vertrauensvoll an die Stadt zu wenden. Perfekt: die eigene Parkuhr für das Wohnzimmer. Eine reizvolle Vorstellung. Man kann sie natürlich auch mitnehmen und immer dort aufstellen, wo man gerade parkt. Dazu braucht man allerdings ein größeres Auto als einen Smart. Dort passt sie nämlich nicht hinein. Man kann sie auch jemandem schenken, dem man damit symbolisch etwas sagen möchte: Hey, schau mal, jetzt brauchst Du mich nicht mehr zum Vollquatschen! Ist das nicht ein tolles Geschenk? Also ich finde es geradezu perfekt.

Hier nun, zu diesem Beitrag noch ein anderes Bild, ein echtes Parkuhrbild von einer Bielefelder Parkuhr, ein Paradebeispiel für Geduld und Ansprache in schwierigen Zeiten. vorläufig also nur wieder mal ein Morgenrot, das bald schon ergänzt werden wird um das zusätzliche Bild.

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