Kleiner Kirschbaum

Meine Lüttje schwächelt: „Mom“, sagt sie, mir ist so schwindelig und das seit einem halben Jahr. Außerdem habe ich einen Tinnitus, Kopfschmerzen und mir ist dauernd schlecht.“ Was soll ich dazu sagen? Sie hat meinen niedrigen Blutdruck geerbt. Das sage ich ihr auch. Sie schluckt es nicht. Von Schilddrüsenunter-/ oder überfunktion über Diabetes, Typ besonders schlimm, bis hin zu massiven organischen Deformationen oder Auswüchsen, könnte es ihrer Beschreibung beim Doc im Behandlungszimmer, alles sein. Faulfieber ist es nicht, das weiß ich. Sie trägt Zahnspange, ist hart im Nehmen. Dafür, dass sie ihre Nuckelzähne loswird, nimmt sie so Einiges in Kauf: Jeden Tag muss sie konsequent die Drahtkonstruktion in ihrem Mund sorgfältig und genau putzen. Speisereste können Entzündungen auslösen. Außerdem leidet sie, wenn spitze Drahtenden sich lösen und in den weichen empfindlichen Gaumen schneiden und ritzen, immer wieder unter offenem Zahnfleisch. Das ist sehr schmerzhaft und wenn sie zum Nachjustieren und Festerziehen der Brackets muss, kommt sie oft mit von Tränen verquollenen Augen nach Hause, leidet zwei Tage Spannungschmerzen im Kiefer und ich koche Kartoffelbrei, weil sie nichts anderes mehr essen kann. Seit mehreren Jahren betreibt sie jeden Tag eine akribische Mundhygiene und duldet überwiegend still die Schmerzen, die die Spange ihr jeden Tag bereitet. Alles für die Schönheit – wer schön sein will muss leiden.  Später fällt sie kopsterdibolter vom Pferd, steht wieder auf, rafft ihre verstreuten und geprellten Knochen um sich wie Hui-Buh das Schlossgespenst, richtet sich ihr Prinzessin Knallerbse- Krönchen und macht weiter, sie läuft viele Kilometer zu Fuß als sei das gar nichts und sie ist so sportlich wie ich es noch nie war, da ist sie viel härter und konsequenter als ich.

Doch sie hat Angst vor Nadeln. Als der Doc sich leise höflich beschwert und fragt, warum wir wegen so etwas Diffusen wie ihrem verschwommenen Krankheitsbild, bestehend aus mindestens drei oder vier Kranheiten, die andere Menschen sofort wegen akut totalen Unwohlseins in Krankenhäuser, auf Intensivstationen, in Notfallambulanzen und Betten treiben würden,  in seinem schwer verseuchten und hustenden Wartezimmer aufschlagen müssten. kontere ich: „Bevor man an eine Ursache herangeht, muss ein Ausschlussverfahren betrieben werden und Ihr fachmedizinisches Wort wiegt einfach tausendmal schwerer als mein Halbfachchinesisch in Anatomie und Körperkunde.“ Sachtes Wippen des blonden Pferdeschwanzes rechts, dann wird sie schon abgetastet, in den Mund gehorcht und die Augen machen Ah wie die allgemeine Unwissenheit, die sich in zunehmend ratloseren Gesichtern der Anwesenden allerseits bemerkbar zu machen beginnt. „Diffuse Krankheitsbilder, oh mein Gott“, stöhnt mein schwer geprüfter Doc, der meine Sippe schon seit Jahrzehnten kennt und betreut. Doch hier geht es um etwas anderes, nämlich um eine Sicherheit und um ein Ernstgenommenwerden. Das Dramarama beginnt, denn jetzt will der Doc dem Töchting an die Venen und ihr kostbares Blut! Sie fährt sofort zu voller Abwehr-Stärke hoch und ihre Kratzbürste aus: „Niemals! Das mach ich nicht! Keine Nadeln in meinem Arm! Davor habe ich Angst!“ Es ist zwecklos. Der Doc zuckt mit den Achseln wie ein waschechter Franzose, dabei ist er gar keiner. So ein original französisches Achselzucken ist eine Ganzkörper-Performance, eine bewegte Sozialplastik, eine in einem großen Gefühl der Hilf- und Ratlosigkeit übereinstimmende große Koalition von Geist und Körper, die sich gerade so richtig am Ende allen Medizinerlateins versammelt fühlt. Ich zucke solidarisch mit.

Nix zu machen. Auch geduldiges Zureden, das Versprechen von Leckerli, vertrauengewinnende „Ich bleib bei dir wenn’s piekt und puste auch“, helfen nix. Ich packe Gleichnisse und Parabeln, Schwänke aus meiner unrühmlichen Jugend aus. Wie mir damals beim Kinderarzt als ich sieben war, die Helferin mit einem nur vorgegaukelten Kirschbaum, der in Wahrheit überhaupt nicht existierte, das Blutabnehmen erträglich machte. Ich sah diesen angeblichen Baum vorm Fenster und auch die Kirschen, die daran hingen, überhaupt kein bisschen, fühlte mich ziemlich veräppelt, machte aber trotzdem mit der freundlichen jungen Artzhelferin mit, weil sie sich solche Mühe mit mir gab und weil ich fürchtete, wenn ich weiter bockig bliebe, würde es die alte Kinderärztin mit dem Feldwebellächeln, den kalten Fingern und der respekteinflößenden Reibeisenstimme machen, vor der ich noch zigmal mehr Angst hatte als vor der Nadel, mit der ich gestochen werden sollte.

Ich fühlte diese Nadel und  dann war es lange nicht so schlimm wie ich es mir ausgemalt hatte. Denn die Phantasie ist dein Diener also mach dich nicht zu ihrem Knecht!. Leider ist gegen talentfreie Karbolvampire noch kein Kirschbaum gewachsen und es gab Zeiten, da sahen meine Arme aus als sei ich ein Junkie, voll auf Kirschen und sie mussten in den Kopf, in die Füße und überall hin mit dieser dicken Nadel um überhaupt noch Blut von mir zu bekommen.

Davon erzähle ich meinem Mädchen aber nichts. Blut abnehmen ist einfach unangenehm und doof, sogar wenn es, wie meistens, nicht weh tut. Und manchmal muss es sein. Sie weiß noch nicht so genau wie stark sie wirklich ist. Wie soll ich ihr bloß klarmachen, dass Blutabnehmen zwar so lästig ist wie Mistharken im Pferdestall oder Mücken im Sommer und so blöde wie die langweiligste Unterrichtsstunde der Welt oder Zimmeraufräumen – aber eben manchmal auch notwendig um herauszufinden ob man gesund oder krank ist? Dass es viel weniger schlimm ist als Zahnspangenmarathon? Es nutzt nichts. Sie krampft, sie buckelt, sie bockt. Sie will nicht. Die Angst ist zu groß. Die Angst hat dieses Mal gewonnen.

Der Doc erkennt es und gibt auf, meint, da sei wohl nix zu machen, wenn sie nicht will, will sie nicht. Der blonde Trotzkopf neben mir erbleicht bis in die Sommersprossen auf der Nase. Dann sind wir schon draußen, die Sonne scheint, der Frühling ruft, noch kalt, mit Winterrotz auf den Straßen und Eisgeklirr in Windes Sprechstimme. Es ist fast schon schön und der blonde Panikvogel neben mir flattert herum. Diskutiert über das Blutabnehmen und ihre Entscheidung dagegen. Passt mein Töchting wohl in meine hohle Hand wie ein klammkleiner Spatz, der sie im Moment ist? Der Spatz ist sperrig und laut wie ein Südstaatendrama von Tennessee Williams: „Du verstehst mich einfach nicht“, beschwert sie sich empört und mit einer gestikulatorischen Mimik, welcher einer Elisabeth Taylor als Katze auf dem heißen Blechdach ein bewundernd perfekt geformtes Oh! entrungen hätte. Ich widerspreche ihr nicht wirklich, nur mit ein paar hübschen Allgemeinplätzchen und beliebig austauschbaren Fangfragen wie: „Was ist ein Keks unter einem Kirschbaum?“ „Ein schattiges Plätzchen und der ist übrigens uralt, boah Mom!“

Sie ist groß, größer als ich, sie ist stark und sie weiß noch nicht wie stark sie eigentlich ist und noch wird. Ihr Körper ist gesund, schlank und sportlich. Zwar hat sie schwierige Füße und braucht Einlagen, doch diesen Zahnspangen-Folter-Marathon läuft sie nun schon seit ein paar Jahren mit außerordentlicher Ausdauer und Hingabe, zieht ihr Ding eisern durch und sie kämpft sich durch die Schule, hat ein Superzeugnis nach Hause gebracht. So ein bisschen Blutabnehmen, das macht sie wie ich mit links Haare kämmen, das schafft sie ganz locker und das weiß ich einfach und ich wünsche mir, dass sie sich irgendwann  zutraut, es zu machen, wenn es sein muss. Wenn sie es dann will, werde ich wie immer bei ihr sein, so wie damals, als ihr gleich zwei Zähne auf einmal für die Spange gezogen werden mussten und als ich ihre Hand hielt und aufpassen musste, dass ich sie ihr nicht zerquetschte vor lauter Mitleid. Sie hat keinen Schmerz gezeigt, wie eine echte Indianerin. Was beim Zahnarzt schlimm ist, weil man die Zähne eben nicht zusammenbeißen kann. Das machte ich dann für sie mit, mir tat anschließend noch tagelang der Kiefer weh, so laut knirschte ich vor mich hin um meinen noch auf einem Baum sitzenden und Nüsse pulenden, Läuse suchenden unleugbar rhesus-positiven Mutterinstinkt zu beherrschen.

Die Ärztin kniete halb auf ihr drauf, drückte ihr das Knie in die Brust und zog mit Leibeskräften, weil diese beiden Backen-Zähne noch fest im Kiefer verankert waren und ich hoffte inständig, dass sie nicht zertrümmert werden müssten. Jedesmal, wenn die Ärztin wieder ansetzte und begann zu ziehen, kam ihr Kopf ein Stückchen mit hoch und sie war puddinggelb  und rosenrot im Gesicht angelaufen –  vor lauter Anstrengung.

Meine Kleine oder jetzt schon Große hat immer schon viel durchgestanden, vom Beginn ihres Lebens an. Schon als Baby, als sie wegen ihres KISS-Syndroms (KopfgelenkInduzierteSymmetrieStörung) den Kopf nicht drehen konnte und wenige Tage alt, in Herford eingerenkt werden musste, weil der Atlas -und der Axialwirbel ineinander verkantet waren aufgrund der schwierigen Geburt bei der sie fast gestorben wäre, weil ihr die Nabelschnur die Luft zum Atmen abwürgte. Alles war ziemlich dramatisch damals, ich bin so froh, dass die Kopfskoliose, die ihren Kopf verformte von einem Ostheopathen geheilt werden konnte. Ihr Kopf war platt und schief, der rechte Lauscher zusammengefaltet wie ein Origami-Ohr und die andere Seite war plastisch normal ausgebildet. Aufgrund der schweren Geburt war auch ihre Motorik entwicklungsverzögert – doch vor allem schief. Jeden Tag bekam sie von mir indische Babymassage und anschließend Krankgengymnastik, eine Stunde lang. Ein dreiviertel Jahr lang mussten wir jede Woche zweimal zur Therapie – eine Menge Stress für ein so junges Leben, das doch sorglos sein soll und fröhlich. Fröhlich war sie trotzdem und immer. Das ist ihr Wesen.

Irgendwann wird die Notwendigkeit einer Blutabnahme auch zu meinem Töchting kommen. Nur wenn sie es dann will, werde ich wieder bei ihr sein, egal wie alt sie dann ist,  ihre Hand festhalten und ihr spannungsgeladene, komische und äußerst hörenswerte, da haarsträubende Kirschbäume erzählen, sie ablenken und beruhigende urmütterliche Grunz- und Ächzlaute wie Kirschkerne spucken – in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden. Anschließend werde ich wieder zu ihr sagen: „Wow, das hast du aber souverän durchgezogen, meine liebe Prinzessin Knallerbse!“ und stolz auf sie sein, weil sie ein so tapferes und mutiges Mädel ist. Angst vor dem Blutabnehmen zu haben,  ist kein Grund sich deswegen feige oder kümmerlich zu fühlen. Sie weiß schon wie man im Moment einer Angst schnell mal einen Kirschbaum pflanzt und in die Wirklichkeit hochzieht. Sie weiß schon wie man später seine Früchte erntet, süß, rot und prall vor Stolz und Erfolg. Das alles und noch viel mehr – weiß sie schon und das ist allerhand.

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ABC-Etüden: Shodo – Übung

Liebe blogfreunde,

Frau Wildgans hat mich heute Morgen wieder mit was angeflämmt und dann schrieb das Ding in mir los und eh ich es mich versah, hatte ich obendrein (daran werkelte mein Hintergrundprogramm munter weiter während ich nach vorn raus so tat als sei ich fleißig und strebsam) Red  Skies over Paradises etüdelige Worte mit verbaut in den Text. Tja. Da hab ich den Salat mit Eurem ganzen Input und das hier veröffentliche ich jetzt mal. Arabella ist auch und überhaupt Schuld, denn sie hat die Welle mit Rio Reiser und Junimond erst richtig ins poetische Wogen gebracht. 
So fließt wieder vieles ineinander. Blumen wie Texte.

Lieben Dank auch den Impulsgebern und Initiatoren der ABC-Etüden Christiane und Ludwig Zeidler, Herrn Textstaub.

Noch eine kleine Anmerkung: Dieser Text ist vom ‚Shodo‘, dem ‚Weg des Schreibens‘, und meiner Bewunderung für japanische Kalligraphiekunst beseelt. 

In diesem Sinn,

Liebe Grüße von der Fee

🌱

Gibt so Tage, die laufen rund und glänzend wie ein blank geputzter Taler auf der Straße. Die langsam nur auf krummen Füßen stolpernden Alltage sind hierfür die Wegbereiter, sie machen die Zeit begehbar und ebnen alte Grabstellen ein. Auf den noch unbekannten Wegen blühen unerwartete Erinnerungen auf; streifen Ehemalige kurz ein Gedenkemein über Sommergräser und an Lattenzäunen wuchern wilde Wicken.
Zwitschert so durch die Finger wie das Echo eines Frühlingsschreis und die Bauruinen mit der verwegenen Idee eines Kellerdurchbruchs stehen in Schutt und Trümmern von jedem Idealismus verlassen da. Die eskapistischen Wirklichkeiten im Rot eines Mohns hingegen brandschatzen bunt die Wiesen. Vom Flusswasser werden Barfüße umschlossen, eine Imagination der Kühle erfasst die heiß gelaufene Haut und es ist ein weiterer Vagabundensommer unter dem Heumond herangewachsen. Das Leben findet Wege aus dem hermetischen Dunkel zwischen Mauerritzen hoch ins Licht, ein nackter weißer Keim, dessen Zähigkeit und Lebenswillen sich zuerst über Steine schlängelnd gleich feingezeichneten Blumenkalligraphien auf brüchigen Reispapieren zeigt. Das eindringliche Gefühl im Taumorgen des Grases trägt noch deinen blinden Nachtgeruch und die Heckenrose beabsichtigt noch eine Weile mitten in den Tag hinein zu blühen bevor sie wieder verduftet, so wie du.

Katze

Arabella sagt, die Welt brauche mehr Liebe. Jo, Prima, das unterschreibt die Fee bedenkenlos. Ich hab auch Musik dabei, die folgt gleich, war auch schon im blog, der ‚Winter Song‘. Ich schrub auch was zum Thema (amour oblige) …doch irgendwie wollte zum Winter Song im Dezemprilvember auch ein Wintertext. Eine Lektion in Sachen Vertrauen. Ohne dies keine Liebe.

Liebe Grüße,

Ich schwirr wieder ab in die Klausurklause…

Die Karfunkelfee

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Ich fresse niemandem aus der Hand. Wer bist du, dass du meinst mich füttern zu wollen und warum? Was weiß ich von dir? 
Entweder ich komme von selbst zu dir weil ich es will oder nicht. Ich bin ein freies und gesundes Wesen. Wer mir Fressen anbietet weil er glaubt mir helfen zu müssen, will mich unbewusst anpassen.
Welches Recht hast du zu meinen, ich solle mich dir anpassen? Geh weg von deinem Willen mich zähmen zu wollen. 
Ich mag dich, doch ich bin misstrauisch. Ein wildes Tier, nicht viel Gutes gewöhnt von welchen, die so aussehen und riechen wie du es gerade tust.
Genau. Vergiss einfach, dass ich da bin. Stell dein Fressangebot dort hin, meine Tierseele dankt es dir, denn sie ist hungrig, doch das bedeutet noch lange nicht, dass du mich anfassen darfst.
Was hast du erwartet? Warum siehst du enttäuscht aus? Weil du dachtest, du könnest mich kaufen mit deinem Fressen, deinen lockenden Blicken?

Oder nahmst du an, ich würde dir nach dem Fressen um die Beine gehen? Als Dank?
Wenn du dir wünscht, dass ich dir vertraue, denk nur an mich und daran, was mir gerade fehlt.

Dann gehe ruhig rückwärts, so dass ich es sehen kann. 

Geh in dein Haus und schließe die Tür zwischen dir und mir.
Wenn du willst, dass ich dir zeige wer du bist und dich in mir erkennen willst, dann lösch dein eitles Spiegelbild in meinen Augen mit der warmen verdünnten Milch, die du mir in einer Winternacht vor die Haustür stellst.
Am nächsten Morgen nach tausend Tagen die du mich vergessen hast, fändest du vielleicht eines Morgens meine Spuren im Schnee.
Sie enden draußen vor deiner Tür.

Für Christiane und Herrn Textstaub: Aus der Dämmerung, ABC-Etüden

Liebe blogfreunde, 

Eine Unruhe im blogland hat mich aus der Versenkung geholt, in die mich verkrieche, weil ich an Buchprojekten arbeite. Keine Zeit zu bloggen. Bücher schreiben geht vor.

Aber…

…denkt nicht, dass ich mich nicht dafür interessiere wie es Euch geht. Im Moment geht es jemandem schlecht, dessen Kunst ich sehr mag. Eine blogfreundin übernahm sein schönes Mitmachprojekt, die A-B-C-Etüden und setzt es mit seiner bildlichen Unterstützung und in seinem Namen fort. Das hat mich sehr gefreut. Es ist ein schönes Projekt. Die Kunst ist wichtiger und bedeutungsvoller als menschliche Kleinlichkeit und Beengtheit. Ich kann allerdings Menschen verstehen, die Übergriffigkeiten nicht ertragen wollen oder können und sich dem entziehen. 

Ich bin traurig, weil wir hier von belesenen und gebildeten Menschen sprechen. Das ist die Spiegelung der kleinsten destruktiven Struktur. Mehr mag ich dazu nicht sagen. 

Ich möchte mit folgendem Text zum Projekt beitragen und bedanke mich auch herzlich bei der Wortspenderin gingerpoetry vom blog wortwabe, Herrn Textstaub mit seinem ganz besonderen blog und der Projektgastgeberin Christiane. Herr Textstaub führt einen privaten blog, erlaubt auf Anfrage ihn zu lesen.

So, nun begebe ich mich wieder ins stille fleißige Off und wünsche Euch frohe Ostertage.

Eure Karfunkelfee

Treppenstufen Milchkaffee Komm!

Aus der Dämmerung

Sonne fließt aus ihrem Morgenrotversteck in die noch milchigen ungeborenen Schatten und schwärzt sie für ihr Tageswachstum. Die Nacht ist ein adrenalinschwangeres Überbleibsel, das der Mond gekonnt auf sie drauf fallen ließ; denn sie hat sich auf dem Grund der blauen Porzellantasse aus Kasachstan zerschlagen lassen in lauter ihre ureigenen Menschensplitter. Sprödeheiß dampft finstere Versuchung an ihre rostigen Lippen und sie schüttet frischen Maimilchrahm in den Schwarzsud, doch Milchkaffee ist schaumig getarnte Schwalbenflügel, die in verräterisch heißer Nachtglut simmern. Der erste Schluck beißt sahnig in ihre Gierzunge. Langsam kriechen die Schattenhörner höher, ein Lichtfinger streift das weiß gefrorene  Dach. Sie friert erbärmlich, doch will am liebsten den Zwielichtmoment des Morgens in einen Buchfinkenschlag auskosten, obwohl sie genau weiß, dass sie sich auf den kalten Treppenstufen ihren Unterleib verkühlen wird. Der Milchkaffee verbrennt in ihrem Kasachstan ein goldenes Morgensonnenfeld. Sie ist eine Flammenlache. Eine Stimme befiehlt: Steh endlich auf und komm! Sie folgt den Feuerworten ohne Widerspruch und Verneinung aus der Dämmerung.

Aus den Geist(er)geschichten: Atemfragment

Ich bedanke mich für die Schreibeinladung bei  textstaub und der versakrobatischen Worteschmiedin poeta, die Wortspenderin der Tags: Fragment, Zuhause, Uferlos

Hier meine utopische Idee.

Atemfragment

Die Ohren dröhnen so, dass dringend Substantielles wie ein märzener Fahrtwind hineinmuss. Der kann sich dann uferlos vorm Trommelfell stauen. Eine weint, die ist liegengeblieben. Aufgeschürftes Knie, nur eine Fleischwunde, sagt sie und schämt sich, weil es weh tut und man das sieht. Gibt man Lindes drauf, bremst für einen Schmetterling, so ganz behutsam, wird das Ding wieder flugtauglich und torkelt sich frei ohne zu plappern dabei.
Die Eine hat’s Knie verbunden und stützt sich auf wen. Die ersten Bewegungen sind saudoof, schmerzschmerzschmerz.

Egal, aufsteigen und weiter mit den anderen. Die haben gemeckert, war ja klar. Sie haben durch ihren Unfall Zeit verloren. 

Sie trägt jetzt ein Gänseblümchen unterm Helm. Sie ist abergläubig und widerkünstlig, denkt an Wunder. 
Die anderen warten. Komm schon, Alte, hau rein, drück los!

Das Geräusch, wenn die Beine mit viel Kraft im schwersten Gang die Kette auf dem rechtsten Ritzel ziehen. Ergibt ein rasantes Schleifen, einen kilometerschlingendes Durchgreifen. Bewegung in die Leere gewinnt Gestalt, formt sich zu einem unglaublichen Hinterteil. Toller Typ, Du, warte bloß, meine Ausdauer, ach Gottchen!!!
Plapperplapper schließt zur Einen auf und schiebt mit der Hand im Rücken. Du schaffst das, Süße, bleib in der Spur. Süße schaut rüber, ein kurzer mitteilvoller Schulterblick, kurzatmig dankend. 

Der Andere holt auf und zieht vorbei, setzt sich bergan an die Spitze. Zieh, Lok, zieh! Er dampft. 
Die Eine ist übern Berg, ein anderer kämpft noch, im Wiegeschritt stehend, prustend und außer Atem. Die Luft ist ein Jadekissen, sie salzt das Innenmeer. Vogelzeichen bäumen umeinander und sie umschlingen die Schwingen. 
Haltet durch, es ist nur noch ein kleines Stück zur Kuppe hoch, dort oben kühlt das weite Land die Fragmente unseres Atems und wir sind wieder einmal zuhause angekommen.

Zwischentöne


In jedem Sonnensprenkel fand ich Klang und Ton in meiner vagabundierenden Obsession. In losen Klavierfolgen sternte ich die kleinen weißen Blüten wach und sog in der vom Regen gereinigten Luft herb linnenen Schlehenduft wie ein Lächeln auf eine Frage ohne Antwort. Sang dabei dem Ort einen geborgten Morgen, der ein spontanes Zeitfenster in den Ideen von dir schuf und erweckte. Es war mir, als ob dieser vermaledeite Kuckuck mich obendrein auch noch neckend rief, doch vielleicht träumte ich das auch nur. Als schliefe meine innigste Natur im satt getränkten Moos auf einem Stein und wurde zum stecknadelkopfgroßen Bauchgefühl in deinem komplexen Dasein. Meine Seele der Spiegel dieses Sees zu meinen Füßen. Tiefblauer Grund lässt sich von Bachwasser speisen und ineinanderfließen.


Hellgrün das Jung, asiatisches Aquarell führt den Blick zum Quellgrund. Steil und schräg umwalden gold gelaubte Ufer raschelnd grüne Blattpunkte, getupft zwischen Zweige. An diesem Ort neige ich mich hoch zu dir. Und ich vertraue dir an: genau hier starb vor langer Zeit eine Hoffnung, sie ist eine herzliche Erinnerung.


Die Stille dieses Schutzgebietes nordet mich neu ein, sie will mir ein heiliger Kraftort sein. Mir schmutziger Religionsfreier, mir dunkler Lichtfrau. Ich nehme es nicht so genau mit Dogmen. Ich glaube an die Sonnenkraft und daran, dass Licht Leben schafft bis es uns dahinrafft, uns ewig unser Glück im Lebenszweck Suchende. Dieser See liegt vor mir wie ein offenes bewegtes Buch, an diesem besonders beliebigen Tag aufgeschlagen.

Die dicken Karpfen sehen mich am Rande stehen und treiben glasig hoch. Gleich schwarzen Stämmen ziehen sie unter dem Wasser her wie unter einem blank gehämmerten Silbertuch. Es war ein Bild, es stellte dar bewegtes Meer im Kleinen. Dessen Unruhe dämmte mich schließlich ein. Ich wurde eins mit ich und du. Das Licht spielte ruhig mit dem Wind in den Ästen. (Unnötig zu betonen, dass es ein Westwind war, ist klar…) Nur eines wichtig: Ich war dankbar, meine Schwärze in diesen lichten Moment zu gießen, dabei zu wissen, dass er meine große Nacht ganz in sich einspiegeln konnte, weil er groß genug dafür war. So groß, dass sein Helles mein Dunkel überlichtete, meiner Sehnsüchte  Lärm in seiner windigen Stille verwahrte. Manche Momente wie zarte Sonnensprenkel, auf der Wege blühendem Klang. Lose Klavierfolgen in melancholischem Überschwang begleiten meine Schritte, meine vorsichtigen und umsichtigen, doch dabei nachdrücklichen Tritte. Fühle mich blühen, in mir dieses tiefe unablässig dunkelrot heiß sengende Glühen. Minimalistisch klein reduziert im Rotpunkt des ersten Morgenfrühen in seinem leicht melancholischem Beginn in jenem Moment wenn die Sonne aufsteigt. Zeigt sich der Zauber der Zwischentöne in einzeln verklingenden Sonnensprenkeln auf  vertrauten Wegen immer wieder  in scheinbar unwillkürlich gesetzten Akzenten. Da war es wieder das Leben, das mich in seinen schönsten Liedern berührte und umfing. Will sagen, es war erst Tagesbeginn. Im Spiegel des Sees verschwamm friedlich Sinn, Sein und Sorge, das Wasser umspielte meine Füße kühl und sacht. Ich legte alles Gefühl in die Melodie dieses Pianomorgens. Dabei habe ich in mehreren losen Folgen auch an dich gedacht.

——

…weil es heute einmal sein muss…

…dass das Licht sich abwendet

nach innen verdreht

Fuß neben Fuß

Hand in Hand

sich selbst

zugewandt steht…

 

…und weil es heute einmal sein muss…

von dir weit fort

nah zu mir hinzusehen

ich darüber nachdenke

wie einfach es doch ist

still dich im herzen tragend

einfach so weiterzugehen

ohne  mich umzusehen

und ohne anzuhalten…

 

…weil es heute einmal sein muss…