wind in weiden

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero Drei:

trotzig schwer die verantwortung
für andere selbst auferlegt
bis nichts mehr übrig bleibt
als die geköpfte skulptur einer vorstellung
entarmt, entbeint entleibt
ein torso von seinen
verlorenen gliedmaßen entzweit
steht theoretisch für einsamkeit

es schwärzen so sehr
das überzeitige herz
all die fremden lichter
in erhellten gesichten
in sach— und umstandszwängen
beobachtenden betrachtungen
deinen endemischen pflichten
deinem zwirn deinem hemd
sehnst du dich heimwärts fremd

was bedeutet allein
auseinandergehen noch?
nur ein weiteres joch unter vielen
ein erneutes bäumen in herzensziele
was hilft es dagegen anzuweinen?
es kann wohl unseren mut
in gedanken sperrangelweit offener tränen binden
doch nicht unsere  taten
an gemeinsamen feuern einen

was bist du mir?
ich weiß es längst nicht mehr
was du warst schon
was du  jetzt bist
was noch ist?
was du wirst
entscheiden die für dich
die deine krüge leeren
deine äcker pflügen
dein leben bewahrheiten, betrügen oder belügen
deine wahl deine ansicht
dein lebenswiderspruch
dein ureigenes weltgericht!

sei entweder darin zufrieden
ändere dich
alles andere
wähle selbst
was dein altruistisches bescheiden dir beschieden
was davon lebt unter- und was
übertrieben?

ist es das was für dich selbst zu guter letzt
auf der suche nach innerem frieden
an energie noch übrig bliebe?
spürst du überhaupt noch wind in biegsamen weiden?
oder bist du schon zu marode, zu starr und zu klamm
von all diesem aufopfernden leiden
im hamsterradgetrete im täglichen tamteramtamtam?
wähle zur abwechslung dich
das andere ist langweil-ich!

für  dich für mich zu geben
liebe endlich auch dein leiden
für mehr qualität im leben
für mehr wind in weiden

—-

 

Anmerkung der Karfunkelfee:

Das Bild verwendete ich schon einmal. Es passt so gut zum Poem, dass ich es noch einmal nahm. 

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Das Lächeln des Chamäleons

  
Liebe Blogfreunde,
Eine Geschichte aus dem Jahr 2009.
Ich habe sie überarbeitet und stelle sie zum Überthema ‚Rassismus‘ ein.
Liebe Grüße,
die Karfunkelfee✨

Für H.

 

Der lange spitze Schatten der Sonnenuhr legt sich auf den warmen Asphalt des Schulhofs und teilt den Platz in zwei saubere Hälften. Vereinzelt zerschneiden helle Kinderstimmen, die vom großen Abenteuerspielplatz hinter der Schule herüberschallen die Stille des warmen Spätsommernachmittages und lassen den Schulhof verlassen und einsam wirken. Eines der Fenster im Erdgeschoss der Immanuel-Kant-Gesamtschule, einem schmucklosen Plattenbau aus den späten Sechzigern, steht weit offen. Ein einzelner Ton, zögerlich angeschlagen auf einem mittelmäßig gestimmten Klavier schreckt eine Amsel auf, die in der Erde nach Würmern sucht. Sie flüchtet in die Zweige der mächtigen Kastanie, die, umrahmt von einem Ring aus Waschbeton, vor dem Klassenzimmer steht. Die nächsten Minuten ist es still, die Kinderstimmen vom Abenteuerspielplatz sind verstummt und der Zeiger der Sonnenuhr auf dem Schulhof ist ein Stückchen weiter nach Westen gewandert. Mutig wagt die Amsel noch einen Versuch und flattert wieder hinunter an den Fuß des Baums, um den Wurm, den sie fast hatte, wiederzufinden, da klingt das Klavier wieder an. Diesmal eine ganze Tonfolge. Laut keckernd und schimpfend gibt die Amsel auf und fliegt in eine der Föhren, die den Schulbereich abgrenzen und einen kleinen Wald bilden, hinter dem der Abenteuerspielplatz liegt.Ein paar Noten werden angeschlagen, finden in einen schnellen Rhythmus, dann kommt eine Stimme hinzu: warm und tief, eine Stimme am Ende eines Mädchens und am Anfang einer Frau:

“Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Die Stimme stockt und sagt ein paar wütende Worte in einer fremden Sprache, einer schnelleren, weicheren und höheren Tonlage als die, in der sie singt.

Eine tiefe, männliche Stimme antwortet: „Versuch es noch einmal Samira, Nina Simone ist schwierig, ich habe es dir gesagt und Flüche helfen dir da nicht weiter, aber du kannst es schaffen! Los, ich will es bis zum Schluss, fang dort an, wo du aufhörtest, etwas spielerischer und leichter in den höheren Tönen, los komm, du machst das sehr gut!“

Nun spricht sie akzentfreies Deutsch, eine Stimmlage tiefer als ihre Heimatsprache: „Bis zur Aufführung morgen Abend, Herr Steiner? Bis dahin soll ich perfekt sein und Nina Simone leben, denn diese Musik singt man nicht, man muss sie leben. Oh, haram! Das schaffe ich nicht, Herr Musikgeneral Steiner! Suchen Sie sich eine andere Blaskapelle, diese hier spielt unrein!“

Er redet beschwichtigend auf sie ein, seine sanfte leise Stimme wechselt sich ab mit ihrer hohen Stimme, als sängen sie ein Duett in zwei Sprachen und keiner der Sänger hätte eine Ahnung vom Text des anderen.

Das Ganze gipfelt in einer schnellen Disharmonie von Tönen auf dem Klavier, sich jagend und in ihrer Schrägheit schon wieder schön, bis sie spielerisch einen Akkord bilden, dann jedoch abrupt abbrechen.

Erneut klingt ihre Stimme, laut intonierend und trotz der Wut harmonisch:

“Ain’t got no culture, ain’t got no family, fuck you all!”

Es knallt laut, als der Klavierdeckel auf die Tasten schlägt, dann hallen laute, quietschende, Schritte auf den frisch gebohnerten Gängen der Schule. Die Glastür nach draußen schließt sich lautlos und langsam. Am auffälligsten sind ihre Haare. In wilden Locken fallen sie ihr bis auf die Hüften hinunter. Eine Seite schimmert blauschwarz, die andere rotschwarz. In der Sonne scheinen sie farbzweigeteilt. Ihre Haut ist hellbraun, Latte Macchiato sagt sie selbst dazu, um sich Mut zu machen. Ihre Familie ist tot.

Sie weiß nicht viel darüber, sie starben alle bei einem Bombenanschlag in Kairo. Sie selbst hat das irgendwie überlebt und an der Stelle wo eine Erinnerung sein sollte, befindet sich bei Samira eine graue taube Stelle, die beinahe alles, was mit ihrer Familie in Verbindung steht, ausgelöscht hat. Dunkel erahnt sie noch den Bruder, den Vater. Am klarsten erinnert sie sich an ihre Mutter, wie sie an ihrem Bett sitzt, sie liebevoll anblickt und mit ihrer Hand die Locken aus ihrer Stirn streicht. 

Im Rahmen eines medizinischen Hilfsprogramms kam sienach dem Tod ihrer Familie nach Deutschland und durfte bleiben, weil ihre von einem Bombensplitter zertrümmerte Hüfte zwanzigmal operiert werden musste bis sie wieder laufen konnte. Als sie ihre ersten neuen Schritte ging, war sie acht Jahre alt und hatte bis auf ihre Erinnerung an die arabische Muttersprache nichts mehr, das sie mit der Heimat verband. Darum und weil sie keine Familie mehr hatte, die sich in Kairo um sie kümmern konnte, durfte sie in Deutschland in ein Kinderheim. Sie durfte dableiben. Jeder, auch die Ärzte, redeten ihr ein, das sei der Hauptgewinn. Doch das war es nicht. Ein Hauptgewinn wäre es gewesen Deutsche zu sein oder ein Kind ohne körperliche Einschränkungen mit ordentlich Muskeln unter der Haut. Das war ein Hauptgewinn, der keine Staatsangehörigkeit brauchte, es war egal, ob man russisch, deutsch, irakisch, palästinensisch oder sonst was war, denn wer stark war, hatte Stimmgewalt und konnte über andere entscheiden. Das galt auch für Mädchen, die stark genug waren. Die Nationalität war egal. Wer nur den Anschein von Schwäche zeigte, starb jeden Tag den kleinen Tod des Sklaven und war der Fußabtreter für den Frust der anderen, angefangen damit, dass man im Mädchenklo eingesperrt wurde, bis das Frühstück vorbei war und endend damit, dass mal wieder jemand in ihr Bett gepisst hatte, wie ein Hund, der einem anderen seine Verachtung durch das Niederste aller Geschäfte zeigte. Ihre ersten Jahre unter den anderen Kindern im Kinderheim waren die blanke Hölle. Dann siedelte man sie um in ein integratives Heim mit gesunden sowie auch beeinträchtigten Kindern und dort endlich fand sie Freunde und Anschluss an die anderen.


Samira setzt sich in die Mitte der Sonnenuhr auf dem Schulhof. Jemand hat mit gelber Graffitti-Farbe ein schiefes Lächeln auf den schwarzen Betonklotz gemalt, der Zeiger aus schwarzem Zement hebt sich scharf ab vom Sand, der im Zwielicht weiß wie frisch gefallener Schnee erscheint. Der Schattenzeiger ist mittlerweile verblasst, untergegangen mit der Sonne, die mit ihren letzten Strahlen nun auch Samiras blau-schwarze Seite der langen Haare in rötliches Licht taucht. Alles wird eins, denkt sie. Irgendwann wird alles eins. Aus ihrer braunen Segeltuchtasche klaubt sie ein Päckchen Zigarillos aus demDiscounter und steckt sich einen davon an. Sofort hört sie im Kopf die Stimme ihres Musiklehrers, Herrn Steiner, der ihr strengstens das Rauchen verboten hat. Sie sieht sich kurz um mit dem Instinkt eines Kindes, das ständig in seinen Handlungen beobachtet wird von anderen, inhaliert drei hastige Züge hintereinander, ignoriert das Schwindelgefühl und tritt den Zigarillo schnell mit ihrem Turnschuh aus. Sorgsam nimmt sie die Kippe auf und steckt sie in ein Marmeladenglas mit Schraubdeckel. Sie lässt sich nicht gern etwas zuschuldekommen und Rauchen ist auf dem Schulgelände streng verboten.

Sie schultert ihre Segeltuchtasche, steht auf und geht los. Beim Gehen spürt sie dumpfen Schmerz in der Hüfte, vom langen Sitzen. Dass sie ihr linkes Bein fast unmerklich nachzieht, spürt sie selbst kaum, doch ein paar Mädchen, versteckt hinter den Föhren, die an den Abenteuerspielplatz angrenzen, bemerken es durchaus. Als sie in den Waldweg einbiegt der zum Spielplatz führt, tritt ihr ein etwa fünzehnjähriges kräftig gebautes Mädchen in den Weg.

„Na, Samira? So spät noch unterwegs? Noch ein bisschen mit Steiner gespielt?“

Sie bleibt stehen. Sie wusste, dass das passieren musste, sie hegen schon so lange Hass auf sie, weil sie das Stimmtalent in ihrer Klasse ist. „Ain’t got no friends“, schießt es ihr durch den Kopf und sie überlegt, wie sie der Situation begegnen soll.

„Tanja, wir haben doch nur geübt, ich komm morgen doch nicht mal, entspann Dich!“

Die Angst fängt immer beim Atmen an. Angst lässt die Luft schwer werden, lässt die Luft gewichtig werden, wie etwas, das auf dem Brustkorb sitzt. Angst hat Substanz.

„Lasst mich bitte nach Hause gehen.“

„Du hast doch nicht einmal ein Zuhause, du blöde muslimische Terroristen-Schlampe!“

Samira überlegt, was sie tun kann. Die Angst hat viele kleine Füße bekommen, die ihr von den Zehenspitzen aufwärts in die Brust krabbeln und sich dort ausbreiten in Form von Wärme, ihre Brust brennt wie Feuer, ihre Arme und Beine kribbeln, ihr Kopf ist ein Haufen Ameisen, wuselnd, ohne Plan, die Königin ist tot, was soll ich machen, sie versucht strategisch zu denken, doch sie muss entsetzt feststellen, dass sie es nicht kann. Ihre Hüfte schmerzt dumpf pochend in einer Art Vorahnung weißglühenden Schmerzes, als wolle sie sie daran erinnern, dass Krieg alles ist, was Menschen interessiert und sie denkt an Nina Simone, die sie singen soll, morgen auf der Aufführung und an alles das, was sie nicht hatte, nie hatte, das, was die haben und hatten, die sie nun triezen und als selbstverständlich ansehen.

Ihr rassistischen Fotzen, denkt sie und schämt sich gleich wieder, weil Michaela, die Heimleiterin ihr sagte, dass dieses Wort der schlimmste Verrat am eigenen Geschlecht sei.

„Na, haben heute deine Allah-verherrlichenden-Terroristenfreunde wieder ein paar Leute in die Luft gejagt, weil es DER SACHE dient?“, grinst Tanja.

Michaela hat Unrecht, denkt Samira. Ich bin keine von denen und wenn ich das Wort sage, ist es kein Verrat. Denn zu deren Geschlecht gehöre ich nicht.

„Klar!“, ruft sie in die einsetzende Abenddämmerung und nimmt allen Mut zusammen in ihrer Stimme, „und hoffentlich denkt einer meiner muslimischen Terroristen-Freunde endlich mal daran, eine Bombe in eure Schultaschen zu schleusen, um euch rassistische Fotzen wäre es nämlich nicht schade, wenn ihr endlich atomisiert würdet!“

Dieses Mal fühlt sich das Wort nicht schlecht in ihrem Mund an, sondern richtig. Sie hat auch nicht an Allah gedacht, das tut sie schon lange nicht mehr. Sie verachtet Menschen, die an ihn glauben. Er ist ein Gespenst in den Geistern derer, die an ihn glauben und ein Machtinstrument in den Händen derer, die ihn benutzen. Er ist kein Instrument der Improvisation, wie das Klavier in der Schule. Dieses Instrument besitzt ein Eigenleben und egal, wie man es spielt, seine Eigenheiten spielen immer mit und die Liebe, die man spielt, wird reflektiert. Allah ist weniger als ein Instrument, der Imam ihrer Kindheit spiegelte seinen eigenen Geist so sehr auf Allah, dass Allah nicht mehr klingen konnte, er war nichts weiter als der Spiegel der Menschen, die ihn mit ihren Standpunkten besetzten. 

An Spiegelungen wollte sie nicht glauben und sie begriff, dass alle Religionen nichts anderes waren als die Reflektionen derer, die daran glaubten und dass auch hier das gleiche Prinzip der Hierarchie griff, wie sie es aus ihrem Heim kannte: Gott liebt immer den Stärksten und sein Name ist Nichts.


Tanjas Tritt trifft sie unvorbereitet in die Seite. Ihr Kopf fliegt nach links, während ihr rechtes Bein das Gewicht nicht ausgleichen kann, es ist ein fieser Tritt in ihre linke kranke Hüftseite, sie rudert mit den Armen, die Segeltuchtasche heddert sich um ihren Hals und würgt sie, während sie nach ihrem Gleichgewicht sucht, schließlich in den Knien einknickt, den Kopf nach hinten wirft, vom Gewicht der Tasche gezogen, greift sie mit beiden Armen nach ihrem Hals, um Luft zu bekommen, während von vorn zwei Fäuste mit voller Wucht in ihr Gesicht knallen und sie hört ihren Nasenbeinknochen brechen mit einem lauten Knacken in ihrem Kopf, ein Echo in ihren Ohren hinterlassend. Sie hört Stimmen, wie durch Watte, von fern. „Los Tanja, weg, der blöden Sau hast du es gegeben!“

Dann schnelle Schritte, rennend. Benommen und verkrümmt vor Schmerzen bleibt sie liegen. Aus ihrer Nase läuft Blut und sammelt sich in einer kleinen rot schimmernden Pfütze auf dem Gehweg.

Durch den Schleier vor ihren Augen sieht sie Spaziergänger auf dem Weg zum Spielplatz.

Ältere Menschen mit Hund, jüngere Menschen mit Hund. Jüngere Menschen mit Kind.

Niemand beachtet sie.

Gott ist längst tot, nur Samuel Beckett hat es begriffen, denkt Samira benebelt.

Als sie aufwacht, steht Allahs Halbmond am Himmel. Sie greift an ihr schmerzendes Gesicht, es fühlt sich geschwollen an und wund. Die Seite, in die sie getreten wurde, kann sie kaum bewegen. Vorsichtig fahren ihre Hände unter ihren Pullover, betasten vorsichtig die lange weiße gewundene Narbe, wo sie sie aufgeschnitten und das neue Gelenk eingesetzt haben, vor langer Zeit, die sich nun als neue alte Zeit anfühlt.

Es scheint nichts aufgerissen zu sein, doch es tut höllisch weh, als sie versucht, sich aufzurichten.

Langsam nehmen die Formen um sie herum Konturen an, sie erkennt den Weg, die schwarzen Föhren im Zwielicht, den Spielplatz. Vorsichtig dreht sie sich um.

Hinter ihr liegt ihre Tasche.

Sie zieht sie zu sich heran und greift in das Innere. Die Noten sind da, ihre Hefte, nichts fehlt.

Mühsam zieht sie sich hoch, scharfer Schmerz schießt durch ihre linke Hüfte. Sie steht auf, wie sie es ihr beigebracht haben damals, als sie neu laufen lernen musste. Wie ein Baby. Erst die Füße, dann den Rücken beugen, dann die Hände und langsam hoch krabbeln. Das geht. Schmerz lehrt Demut vor dem Körper: Ihre erste Deutsch-Lektion.

Vorsichtig richtet sie sich auf. Ein Kauz ruft in der Nähe. Einem Impuls nachgebend, verschränkt sie die Hände ineinander, legt die Zeigefinger ineinander und antwortet auf den Ruf. Kurz darauf ruft der Kauz wieder. Ein gutes Omen, denkt sie, schultert die Tasche und hinkt den Parkweg entlang, der sie ein paar endlose hundert Meter weiter zu ihrem Heim führt.

Michaela, die Heimleiteri öffnet die Haustür des Heims. Entsetzt und fassunglos sieht sie Samira an: „Los, sag an! Was ist passiert?“

Sie nimmt Samira die Tasche ab, legt ihr den Arm um die Schulter und führt sie vorsichtig zu dem durchgesessenen roten Stoffsofa. Samira lässt sich fallen und schreit kurz und spitz auf, als ihre Hüfte mit den durchgesessenen Federn des Sofas kollidiert.

Michaela kniet sich vor Samira und untersucht sie vorsichtig. Mit schräggelegtem Kopf sieht sie Samira durchdringend an. Diesem Blick hält keine Lüge stand, sei sie auch noch so gut.

„Ich wurde verkloppt, das ist passiert.“

„Warum?“

„Ich bin schuld am elften September. Unter anderem.“

„Das ist nicht neu. Sag mir was Neues.“

„Ich bin musikalisch.“

„Das bist du Samira, nun red‘ schon!“

„Terroristengruppe. Codename Tanja.“

„Alles klar, Samira“

Vorsichtig betastet Michaela Samiras Nase.

„Die ist gebrochen, Samira. Wir müssen ins Krankenhaus. Jetzt sofort. Und dann die Polizei verständigen, Anzeige erstatten.“

„Bitte nicht, Michaela! Ich kann dann nicht mehr in die Schule!“

„Samira, willst du das durchgehen lassen? Das muss angezeigt werden, sonst denken Menschen wie Tanja, sie kommen mit solchen Sachen durch, verstehst Du das nicht?“

„Und wer versteht mich? Soll ich es noch schwerer haben als so schon? Als Petze? Michaela, ich bitte Dich, lass uns die Bullen da raushalten!“ 

Doch die Heimleiterin bleibt unerbittlich: „Samira, ich muss das melden! Das geht zu weit!“ 

„Dann hau ich ab! Ich schwör’s bei dem, den es nicht gibt, Michaela! Fuck you all! Wenn Du mich verpfeifst, hau ich ab!“

Michaelas Blick ist sorgenerfüllt. Nachdenklich tigert sie vor Samira auf und ab. 

„Okay, Samira, okay…ich müsste Meldung machen, doch ich verstehe Dich… wir sprechen noch darüber. Jetzt erst mal ins Krankenhaus, ja?“ 

Ich muss mir erst die Tritte von dem Miststück von der Haut waschen, bitte….“ Samiras Blick ist wütend, dunkel, flehend.

„Okay, Samira. Schrei, wenn du Hilfe brauchst, und wehe, du tust es nicht“.

Die Dusche tut gut. Sie wärmt alle Stellen, die geprügelt worden sind.

Dieses ganze schöne heiße Wasser ist nur für mich allein, denkt Samira.

Anschließend beschaut sie ihre Blessuren im Spiegel.

Blutunterlaufene schwarzglühende Augen starren ihr kampfeswütig und müde zugleich aus dem Spiegel entgegen.

Ihre Nase ist blau und rot verfärbt, angeschwollen und schief, der gebrochene Knochen bildet einen Höcker auf dem Nasenrist, der vorher nicht da war.

Nun ist es wirklich eine Kanaken-Nase, denkt Samira.

Hat man keine Kanaken-Nase und ist ein Kanake wird man eben zurechtgetreten, bis man auch die passende Nase hat. So einfach ist das.

An ihrer linken Seite, knapp unterhalb des Beckenknochens befindet sich ein esstellergrosses blau-schwarzes Hämatom, das eine leichte Wölbung nach außen bildet.

Samira berührt es vorsichtig, es schmerzt höllisch und fühlt sich weich und nachgiebig unter der Oberfläche an.

„Fertig?“, hört sie die Stimme von Michaela unten aus dem Gemeinschaftsraum.

Ja, denkt Samira. Fix und fertig. Allerdings.

„Ich komme gleich!“, ruft sie und zieht schnell saubere Unterwäsche, eine frische Hose und einen Sweater mit einem halsfernen Ausschnitt an, den sie mit äußerster Vorsicht über ihr lädiertes Gesicht zieht.

„Ich geh schon vor und spann die Pferde an!“, ruft Michaela.

Samira hinkt vorsichtig, das linke Bein hinter sich her ziehend, die Treppe herunter. Im Gemeinschaftsraum haben sich mittlerweile ungefähr 35 Kinder und Jugendliche versammelt, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Nationalität. Sie haben es sich auf den ausgedienten, gespendeten Sofas, Sesseln und Matratzen in dem großen Raum gemütlich gemacht und schauen Fernsehen oder stehen in der Ecke zu Grüppchen an den drei Flippern, die eine Firma dem Heim gestiftet hat.

„Hey, Samira!“, ruft ein älteres Mädchen, „wo steckst du den ganzen Tag?“

„Unter den Füßen einer reinrassig arisch deutschen Landestochter, Ayscha“, grinst Samira schief und geht langsam zur Tür.

„Ey!“, ruft ein an Lippe und Auge gepierctes Mädchen mit rot-violetten Stoppelhaaren ihr vom Flipper aus zu.

„Sind nicht alle so, Sister.“

„Ich weiß“, lächelt Samira, „war auch nicht allgemeinherrlich gemeint. Du bist sowieso meine Beste!“

Das Mädchen spitzt die Lippen, küsst ihre Hand, pustet Samira einen Kuss zu und ruft:

„Kriegst die Reichsflagge als Himmel über dein Bett, Liebste und am Hakenkreuz kannst du deine kranke Hüfte hochziehen!“

„Du verstehst mich immer, Baby!“, lacht Samira trotz der Schmerzen. Vivian ist ihre beste Freundin.

Michaela wartet schon mit dem Wagen.

Im Krankenhaus wird die Nase geschient.

„Nun ist es wieder eine echte Römernase“, sagt der Chirurg.

Samira hasst ihn und fragt dennoch:

„Kann ich damit singen?“

„Wenn die Schwellung die Stimmbänder nicht zu sehr beeinträchtigt und die Kopfschmerzen nicht zu heftig sind. Deine Stimme könnte etwas dumpfer klingen. Natürlich ist es besser, Sie schonen die Nase, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, junge Dame, oder?“ 

Samira hat großes Glück gehabt mit der Hüfte. Alles ist noch am Platz, nichts ist aus den Angeln gesprungen, nichts gebrochen.

Sie bekommt Codein-Tabletten gegen die Schmerzen und Heparin-Salbe. Die gebrochene Nase ziert ein breiter Verband.

„Wir können Sie einweisen, für heute Nacht“, sagt die Schwester.

Bittend sieht Samira Michaela an.

„Können wir nach Hause fahren?“

Michaela lächelt.

„Klar, Schätzchen.“

Am nächsten Morgen ist Samira früh auf, lange vor den anderen.

Sie geht in den kleinen Raum mit dem Fenster zum Park, der für Musik reserviert ist. Er ist ausgestattet mit einem alten Klavier, einer Gitarre mit abgenutzten Seiten und einem Tambourin, dem längst das Fell gerissen war, und dem es wieder genäht wurde von irgend jemandem.

Kira ist schon da. Sie ist noch keine fünf Jahre alt und liebt Musik über alles.

Sie zappelt mit ihren dünnen Beinen und Armen und wartet.

„Singst du für mich, Samiramis?“

Samira lächelt.

Der Proberaum im Heim bezieht seinen besonderen Reiz durch die helle Flut vom Morgenlicht. Es fällt durch ein einzelnes riesiges Fenster im Souterrain ein und beleuchtet die klare weiße Distanz der Raufasertapeten des Raumes weich und voller Nachsicht, es fällt liebevoll auf die sorgsam gelagerten Instrumente, die alt sind, doch gepflegt, teilweise in alten Büroregalen gelagert.

Samira setzt sich an das Prunkstück des Raumes, einen alten abgenutzten Flügel, der die Szenerie beherrscht wie ein Maestoso sein Orchester.

Sie spielt ein paar Töne und übt Tonleitern.

„Ich kann nicht, Kira.“

Kira zieht an ihren rotblonden Korkenzieher-Zöpfen und kokettiert mit ihren Augen, als wäre sie mindestens vierzig Jahre alt.

„Bitte sing für mich, Samiramis! Ich will mitkommen heute Abend! Ich will mir dir zusammen singen!“

Samira kniet sich vor Kira und nimmt ihre Hände:

„Kleines, ich kann heute Abend doch gar nicht singen. Guck doch mal, wie ich aussehe. Ich kann nicht mal jetzt singen. Ich kann nur singen, wenn ich mich stark und mutig fühle. Und du bist überhaupt noch viel zu klein für eine Veranstaltung so spät am Abend, das erlaubt Michaela bestimmt nicht!“

Doch Kira gibt nicht klein bei. Sie beherrscht ihre Klaviatur im Moment weit besser als Samira.

„Samiramis, du singst schöner als alle Vögel im Garten und du bist auch viel schöner als sie. Und mit einem Verband auf der Nase finde ich dich immer noch viel schöner als die Michaela, die ist immer zickig und streng und ein bisschen hässlich und außerdem lügt die manchmal auch. Du bist wie das Chamäleon im Zoo. Du lächelst immer und wechselst deine Farben.“

Kira zieht einen Schmollmund und dreht die großen schwarzen Augen ganz nach oben.

„Ja“, sagt Samira und nimmt Kira in die Arme, „da hast du etwas Schlaues gesagt. Ich bin ein Chamäleon, wechsele um mich anzupassen einfach mal schnell meine Farbe und lächele.“

„Ich habe alles gehört, Kira, du Satansbraten!“, lacht Michaela, die unvermittelt in der Tür steht, wie lange, wissen Samira und Kira nicht, vermutlich lange genug.

„Du darfst mit.“

Kira macht einen Luftsprung vor Freude und springt Michaela an den Hals. 

„Danke, Michaela, Du bist toll, danke, danke…!“

„Und ich werde auch noch gefragt? Mich schickst du nach Tanja-Land? In Bombengebiet?“,

grinst Samira halbherzig.

“Ich gehe nicht davon aus, dass ich dich fragen muss, oder ist der starke Stolz dem schwachen Vorurteil gewichen? Erinnere ich mich richtigdaran, dass du seit vier Monaten für diesen Auftritt an deiner Schule übst? Würdest du es dir nehmen lassen? 

Samira grinst. 

„Warum kennst du mich besser als ich mich selbst, Michaela?

Michaela setzt sich zu Samira ans Klavier und spielt ein paar Noten aus einem Song der Dresden Dolls:

„After the show you can not sing wherever you want

But for now lets all pretend that we’re gonna get bombed, so sing…

Samira, ich erwarte dich um halb acht an der Pforte. Abendgarderobe. Wir sind zu acht. Jetzt hast du noch ein wenig Zeit zu üben. Ich zähl auf dich und die anderen auch. Vivian hat mich sogar gefragt, ob ich ihr einen Rock leihe! Ich bin gespannt, wie ein kleines Schwarzes an unserer Punk-Lady aussehen wird. Sie wird völlig neue Trends setzen für diesen Modeherbst.“

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung mit Tanja lacht Samira aus vollem Herzen und hält sich mit Tränen in den Augen die geschiente und bandagierte Nase fest. 

Ein paar Minuten später ist der Musikraum erfüllt von den Tönen des Klaviers und Samiras Stimme. 

Der Nachmittag ist stürmisch, es ist, als stimme selbst die Natur sich auf Krieg ein. Es gibt keine Schatten, die sich auf irgendetwas legen könnten und das gibt Samira Hoffnung für das, was sie tun will.

Um sieben Uhr steht sie vor ihrem Schrank und sieht nichts, was sie tragen könnte für einen Anlass, der sie gleichzeitig köpfen und krönen kann. Sie wählt eine schlichte schmale, schwarze Hose und einen hochgeschlossenen schwarzen Rolli, den sie mit äußerster Vorsicht über ihre verletzte Nase zieht.

Sie findet ein elegantes Bolero-Jäckchen dazu, weiß jedoch nicht, wann sie es je getragen hätte und warum es sichüberhaupt in ihrem Schrank befindet.

Sie sieht im Spiegel ihre dicken verquollenen Augen, die ganze rechte Seite ihrer Wange ist rot geschwollen, ihre bandagierte Nase steht schief, ihr voller Mund wirkt verkniffen.

Samira grinst ihrem Konterfei verschwörerisch zu und versucht zu zwinkern, was ihr Gesicht noch grotesker wirken lässt.

La belle de nuit und wer schöner ist als ich, ist geschminkt, auf geht‘s…feixt sie ihrem Spiegelgegenüber zu und bildet mit Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand ein etwas krummes V für Victory.

Michaela wartet unten mit dem Wagen. Kira ist dabei, komplett in Pink und Barbie gekleidet, mit strahlenden Augen. Vivian, im schwarzen engen Minirock mit schwarzen Netzstrümpfen und T-Shirt in Tarnfarben, trotzig und intensiv, umarmt Samira vorsichtig, etwas unbeholfen und flüstert ihr zu: 

„Du schaffst das, Sister!“ Noch weitere sechs engere Freundinnen aus dem Heim vervollständigen den kleinen Trupp. Ängstlich und zittrig setzt Samira sich zwischen ihre Freundinnen, umtost von den stürmischen Begrüßungsrufen der anderen, die Tasche mit den Noten fest umklammernd.

Die großen Fenster der Aula in der Schule sind hell erleuchtet, der Parkplatz ist vollgestellt mit Autos. Ältere Leute in Abendgarderobe vermischen sich mit jungen Leuten in Jeans und T-Shirts.

Michaela geht mit den anderen zur Kasse.

Samira sucht ihren Lehrer, Herrn Steiner. Sie entdeckt ihn, als er die Herrentoilette verlässt.

Er sieht sie sich von Kopf bis Fuß an und schüttelt traurig den Kopf.

„Ich habe es schon gehört, Samira. Du beweist großen Mut! Nun kannst du Nina singen, das weiß ich!“

Als ihr Name aufgerufen wird, geht sie hinaus und denkt an Tanja. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ein Chamäleon in leuchtenden Farben. Es streckt ihr seine lange Zunge entgegen und lächelt sie an.

Die Bühne ist grell erleuchtet, die Gesichter im Publikum verschwommene konturlose weiße Flecken im Licht. Sieben weiße Ovale gehören zu Michaela und ihren Freundinnen. Sie lächeln sie an, sitzen vierte Reihe links hinten. Innerlich zittrig und doch ruhig setzt sie sich an das Klavier, spielt die ersten charakteristischen Takte des Stückes, als ein erster leiser Applaus hinten links vierte Reihe, kommt. Kira. Sie kann es mal wieder nicht abwarten. Ihre Stimme rutscht von allein in die ersten langsamen, eröffnenden Töne,

sie sieht nach ihrem Musiklehrer, der hinter dem Vorhang verborgen ist, ihr verschwörerisch zuzwinkert und still den Takt mit den Händen schlägt.

Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Sie atmet aus und sieht in die Reihen vor sich.

Ihre Stimme wird laut, höher und vibriert in ihrem Kopf nach:

“I got life, i’ve got life’s, i’ve got headaches,

and toothaches and bad times too like you …”

I got my arms, my hands, my fingers,

my legs, my feet, my toes,

and my liver, got my blood..

I got life, and i’m going to keep it

as long as i want it, I got life…..

Sie schwingt kurz und spielerisch hoch, um tief zu fallen, in ihren Augen

leben die Worte ihr eigenes kurzes Blues-Leben, doch sie singt, was sie

ist, darum lebt die Musik mit ihr für einen kurzen Moment, der alle Augen schließen lässt,

der vibrieren lässt, was sie jetzt ist. Sie spielt noch ein paar Sätze auf dem Klavier und improvisiert, lässt ihre Stimme singen, spielen, trauern um das, was sie besingt, von dem sie sich nicht besiegen lassen wird. Langsam lässt sie die Takte auslaufen, rhythmische Vibrationen, bis zum letzten tiefen Ton. Vorsichtig hebt sie den linken Fuß vom Pedal des Klaviers. Er ist schwer wie Blei.

Der Moment klingt nach, es ist sehr still im Saal.

Dann bricht der Beifall los, ein Raunen geht durch die Reihen, sie sieht Kira wie einen rosa Flummi in Reihe Vier auf und ab springen. 

Die meisten im Publikum sind mittlerweile aufgestanden, trampeln mit den Füßen und klatschen begeistert. Pfeifen und Bravo-Rufe werden laut. 

Samiras Nase schmerzt vom Singen und die linke Hüfte schickt dumpf pochende Schmerzsignale in ihr Gehirn. Mühsam steht sie auf und verbeugt sich unbeholfen. Der Applaus schwillt weiter an, scheint nicht aufhören zu wollen, umbrandet sie. Sie fühlt sich, als würden ihr jeden Moment die Beine wegknicken und sucht vergeblich nach dem verhassten Gesicht von Tanja im Publikum. Allem Anschein nach ist Tanja nicht gekommen oder sitzt so, dass sie sie nicht erkennen kann. Es ist ihr egal. Samira ist erleichtert und glücklich. Zum ersten Mal, seit sie in Deutschland lebt, fühlt sich ihr Leben als Fremde mit anderer Haut und Sprache wie ein Hauptgewinn an.

(Juli 2009)

anders du

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Ich sagte es
dir heute
wie rasend stark
du wirklich bist
tausendpferdestark
inabertausendworten
ich sagte es dir
wie du manchmal
in der steppe rennst
so irrsinnig schnell
dass du
außer dir
niemanden
richtig erkennst
wie langsam er ist
eher maulfaul
müde abgeschlafft
ohne Saft
anders du
Paket Kraft
ich sagte es dir
heute
weil du an jemandem
etwas vermisst
damit du

daran denkst

Una und ihre Muscheln

klickmichgroß
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Una, eine aus dem Stamm ging mit einem der Ältesten auf Wanderschaft, um neue Fischfanggründe zu erschließen, neue Strände zu finden.
Una war oft unzufrieden mit sich selbst und dem Stammesleben. Sie mochte sich nicht leiden und weinte oft, verletzte sich selbst mit scharfen Werkzeugen, niemand wusste, warum sie das tat.

Darum wurde beschlossen, Una mit dem Ältesten eine Weile Neues erkunden zu lassen. Man erhoffte sich, dass das alltägliche Leben mit den anderen der jungen Frau leichter fiele, wenn sie eine Weile abgelenkt sei und neue Erfahrungen für sich sammeln könne.

Der alte Krieger, den Una begleitete bemerkte, dass sie dann und wann ihre Arme aufmerksam betrachtete. Sie waren vernarbt, viele inzwischen verheilte Schnitte, die nun unter der Sommerbräune umso fahler schimmerten.
Sie bemerkte seinen Blick und sagte, sie habe noch mehr davon am Körper.
Lustig, was?
Doch Unas Augen lachten nicht mit.
Der Krieger fragte sie ob sie Lust habe, sich auf etwas einzulassen.
Sie schaute ihn sehr erstaunt an und fragte was er denn meine?
Er fragte sie ob sie wüsste, wie viele Narben genau sie am Körper trüge?
Er habe genau 189 Narben an seinem achtzigjährigen Körper gezählt, davon mehrere Initiationsnarben an den Oberarmen, sowie 170 Narben, die er sich bei Kämpfen zugezogen habe, es sei schon sehr viele Frühlinge her, lachte er und seine Augen leuchteten übermütig wie die eines jungen Mannes.
Ob sie sich traute, die Narben an ihrem Körper ebenfalls zu zählen?
Ob sie mutig genug sei, der vielleicht hohen Anzahl ins Auge blicken zu können?
Dann fügte er hinzu:
Wenn du von einem Pfeilregen getroffen wirst, reißt es dich erstmal von den Füßen.
Du liegst blutend da, bist die erste Zeit bewusstlos und vor allem aber weißt nicht wo es dich überall erwischt hat.
Also verschaffst du dir einen Überblick.
Es sei gut und wichtig zu wissen, wo der Ursprung einer Verletzung läge, um sie einschätzen und die richtigen Heilwege für sich zu suchen.

Als sie den Strand weiter entlang gingen, die rauschende Meeresbrandung zur Rechten, bat er sie, ihm für jede Narbe, die sie an ihrem Körper fände, eine Muschel zu sammeln und mitzubringen. Das erleichtere das sachliche Zählen, wie sie das denn fände?
Una ließ sich darauf ein.

Noch am selben Abend brachte sie ihm die erste Muschel, klein und weiß in ihrer Hand. Der alte Krieger bewunderte die Muschel, ihren herrlichen Perlmutterschimmer, die feine Form. Una meinte dazu,, sie habe lange gesucht danach, wohl mehrere Stunden lang, bis sie die richtige Muschel fand.

Der alte Krieger fand Unas Muschelwahl klug.
Das Große sei doch nur ein Spiegel des Kleinen, sagte er und dann erzählte er Una von den riesigen Muschelbänken im Meer, eine Muschel wie die andere und doch jede einzigartig in winzigsten Veränderungen von Größe, Form und Farbe.
Behutsam zeichnete der alte Krieger die gewellte Rückseite von Unas Muschel in den filigranen Linien, Buchtungen und Wellen nach.

Am Ende ihrer Erkundungsreise, kurz bevor Una und der alte Krieger sich zur Rückkehr zum Stamm rüsteten, hatte er 135 Muscheln von Una erhalten. Alle waren der ersten ähnlich, klein, zierlich und schillernd, und jede einzelne unterschied sich merklich durch irgendein besonderes Detail von den anderen. Eine hatte Herzform, eine andere einen bläulichen Perlmuttschimmer, wieder eine andere hatte kleine Zacken auf der Rückseite ausgebildet und wieder eine andere Muschel erinnerte an ein menschliches Ohr – Una konnte dem alten Krieger über jede Muschel, die sie ihm am Ende eines Tages überreichte, etwas erzählen und sie voneinander unterscheiden. Sie wusste sogar bei jeder Muschel, wann und wo sie genau diese fand. Jede Muschel stand für eine blässlich schimmernde Narbe an Unas Körper.

Der alte Krieger sagte zu Una, das seien viele Muschelnarben für ein zwanzig Frühlinge zählendes junges Menschenleben.
Er bohrte Löcher in die Muscheln und fertigte eine Kette, die er Una am Tag ihrer Rückreise feierlich übergab.
Una freute sich sehr, denn die Kette war hübsch geworden, ein echtes Schmuckstück und das Perlmutt schimmerte bunt in der Sonne.
Der alte Krieger sagte, das sei ihre ganz persönliche Kette.
Jeder Mensch hätte eine Kette um den Hals, es sei gut zu wissen, aus was die Kettenglieder bestünden, es entschiede darüber, ob es ein Schmuck sei oder eine Fessel und an Una sähe er, dass sie die Kette als Schmuck trüge und das fände er sehr beruhigend.

Dann wollte er von Una wissen, warum sie nur kleine weiße Muscheln gesammelt habe?
Schließlich gäbe es am Strand auch große Muscheln, schwer, spitz und unhandlich.

Una erzählte ihm stattdessen, wie eigenartig es für sie gewesen sei festzustellen, wo sie überall am Körper Narben trüge. Bei manchen wüsste sie nicht einmal mehr, wie sie dorthin gekommen seien und wann.
Bei anderen hingegen wüsste sie es mehr als genau.
Ihr Gefühl habe ihr dazu geraten.
Du wolltest, dass ich Muscheln sammle, sagtest nicht, wofür du sie verwenden willst, sagte Una.
Darum sammelte ich kleine und leichte Muscheln, weil sie besser zu tragen sind und nicht zusätzlich zum Marschgepäck belasten, wer immer sie auch trägt.

Der Krieger, den Una nun schon ein wenig besser kennen gelernt hatte, dachte einen Moment lang auf seine besondere Weise nach: mit leicht zur Seite gelegtem Kopf und fest geschlossenen Augen.
Nach einer längeren Weile begann er leise zu sprechen:
Wir Menschen sind oft so unachtsam mit unserem Körper.
Jede Muschel, die dich schmückt, erinnert dich an Schmerz, eine folgende Heilung und dass du es überlebt hast.
Große und kleine Verletzungen des Lebens.
Der Krieger schützt seinen Körper, weil er seine wichtigste Waffe ist und kennt genau jede einzelne Verletzung, weiß, was er braucht, um gesund und kräftig zu bleiben.
Du darfst stolz darauf sein, einen solchen Schmuck wie deine Muschelkette zu tragen, sie ist einer wahren Kriegerin würdig, denn sie steht für den Geist, leben zu wollen und die Kraft, schon viele Schmerzen ausgehalten und überlebt zu haben. Das ist dein Sinn in dieser Welt: zu überleben.
mit und für die anderen und ein Krieger weiß, wie schnell sein Leben zu Ende sein kann und erkennt das Wesen des Schmerzes als ein Notwendiges, das ihn hinweist und warnt.
Seit dieser Zeit verletzte sich Una nicht mehr.
Ihre Muschelkette trug sie voller Stolz.

Dunkelkeller

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Ihr Keller dieser Welt giert nach beklemmender Beschreibung. Roh und gewalttätig seid ihr. Schwarze obskure Löcher.
Immer des Nachts die Messer schneiden Lektionen gleich Initiationsnarben in die Kinderhaut, in Träumen rüstet sich der Renner mit hellstrahlender Notbeleuchtung und fährt den Trümmerstädten davon.
Die, in denen Weiber gehasst werden, die geschändeten Bilder schmücken die Rohre wie ein ewig brennendes unverheiltes Menetekel.
Im Dunkeln ist gut munkeln schreit die Botschaft unverdrossen.
Im Finstern der dunkle Klang, sich fortpflanzend zwischen den Viehverschlägen menschlicher Habseligkeiten, zusammengepfercht unter billigen Glaswolleinnereien, die aus schlecht isolierten Wänden quellen.
Unsichtbar, alles unsichtbar.
Solange nur das Licht ausbleibt.

Im Spiegel

Liebe Blogleser,

In den letzten Tagen durfte ich sehr kluge Beiträge von Frau Knobloch und Candy Bukowski lesen. Es geht um Herzensentscheidungen und Werte.
Aus dem Kommentar, den ich Frau Knobloch schrieb, da uns alle ein ähnliches Thema umzutreiben scheint, wenn auch mit unterschiedlichen Geschichten dahinter, entstand ein eigenständiger Text.

Frau Knobloch und Candy, es wäre mir eine Freude, wenn ich an dieser Stelle zu Euch hinlinkwinken dürfte- darf ich?
Eure Texte, die Kommentare dazu haben in mir tiefen Eindruck hinterlassen. Ein volles Maß Lebenserfahrung gibt es hier zu entdecken in den vielzähligen Berichten und Gedanken.

http://bittemito.wordpress.com/2014/10/26/ja-oder-ja/

http://candybukowski.com/2014/10/27/think-about-werte/comment-page-1/#comment-3043

Herzliche Grüße
von der Karfunkelfee

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Im Spiegel

Wann immer ich versuchte, mein Herz in den Kopf zu zwingen, scheiterte ich, wann immer ich dachte, ich könne das Tempo, in dem mein Herz zu heilen versucht, vorantreiben, verursachte ich Leid, mir und anderen. Wann immer ich versuchte, mir woanders als in meinem Bauch Absolution für meine Gewissensentscheidungen, meine Moral und meine Selbstzweifel zu holen, bekam ich statt mehr Kraft mehr Variationen eines spekulativen illusionären Themas, doch es machte mich schwerer und nicht leichter, wie ich erhoffte.

Ich dachte, ich könne mich irgendwie schützen vor den Entscheidungen anderer und blieb für mich.
Die Herzensentscheidungen treffen die anderen, die davon betroffen sind, aktiv mit, bewusst und unbewusst, durch ihr Verhalten, das Gesprochene und das, was in ihrem Schweigen verbleibt.

Wir sind Resonanzkörper, Spiegelwesen.
Unsere Gefühle verschleiern manchmal das, was wir nicht gern wahrnehmen wollen und unser Kopf denkt, er hätte alles mit dem Verstand in der Hand.

Wir fühlen ‚Nein‘ und denken dabei ‚Ja‘. Wir fallen aus dem scheinbar vertrauten ‚Wir‘ in das fremdere distanziertere und perspektivisch sich umschauende ‚Du-und-Du‘ zurück. Der ständig hoffende Verstand will Brücken schlagen und kämpft mit der Gewissheit des Herzens, die uns doch schon so lange immer wieder in Zweifeln hinterfragen wollte, auf die zu hören, es so schwer fällt, weil die Erkenntnis schon lange schwarz die Spiegel verhängte und das Erkennen im anderen Augenpaar ein Blick wurde, der nur noch den Schatten der Bewegung aus dem Seitenblick wahrnahm.

Unser Auge ist nicht in der Lage ein wahrhaft scharfes Bild von dem was wir sehen, an das Gehirn weiterzuleiten. Um ein Bild zu erhalten, muss unser Gehirn Details aus früher gespeicherten erinnerten Bildern und Eindrücken zu Hilfe nehmen. So funktioniert unser Sehen.

Warum sollte dies bei der Seele anders sein? Auch sie greift zurück auf die Erinnerungen, um ein schärferes Bild zu zeichnen.

Darum sind wir angewiesen auf unsere Erinnerungen. Sie dienen der Orientierung. Andere funktionieren genauso und was wissen wir wirklich über sie, die anderen?

Was, lassen sie uns sehen? Wie tief muss Vertrauen reichen, damit das Herz, sich selbst annehmen kann, auch wenn es verlassen wird?

Wir sind Spiegelwesen, Resonanzkörper und wir folgen unserer inneren Führung, der unsere Werte voranstehen, die die Richtung vorgeben für den zukünftigen Straßenverlauf.

Wir suchen bei anderen Ähnlichkeit, Synchronschwingungen, weil sie uns in uns selbst stärken, motivieren und glücklich machen wie Kinder, die angenommen und geliebt werden, in dem wie sie sind und für das, was sie sind, lange bevor sie gelernt haben, sich selbst im Spiegel zu erkennen und dabei tatsächlich zu denken, sie sähen ein ganzes Bild von sich.

Una parte de la totalidad- ein teil vom großen und ganzen (aus den Geist(er)geschichten

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Immer wieder lehrt das Leben über seine Grenzen zu gehen – sie auszuloten, sie zu erweitern… was ist das menschliche Miteinander anderes als eine Art seelisches Konditionstraining – wie beim Rennradfahren? Wenn Du nicht aufgibst, wenn dir nicht die Puste ausgeht, kannst Du immer nur wachsen und stärker werden, deinen Radius erweitern, neue Landschaften kennenlernen und frischen Wind in deiner Nase spüren.

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Magie entsteht, wird Energie, wenn sich Berührungspunkte und Ähnlichkeiten suchen und finden
im täglichen menschlichen Miteinander.
Rennradler grüßen einander freundlich und verbunden im gleichen Momentgefühl.
Sie kennen die Steigungen, an denen du strampeln musst, nach Luft ringst auf dem kleinsten Ritzel im Stand, sie wissen um den Genuss, das Gefühl den Teufel schlagen zu wollen in den adrenalingetriggerten Schussfahrten talwärts in denen du fliegst und dich leicht fühlst wie eine Feder im Wind.

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Die langen Strecken, die du über flaches weites Land fährst, manchmal mit heftigem Gegenwind, manchmal bei kaltem Regen, der dich frieren lässt unter deinem Schweiß und dann wieder mit dem Wind im Rücken bei wunderschönem Sonnenschein, wenn du wieder weißt, warum du auf diesem Rad sitzt.
Weil es jeder Meter den du zurücklegst wert ist gefahren zu werden, weil du es bist, der ihn fährt, deine Muskeln deine Kraft deine Freiheit dein Wille…
aus Schwere mach Leichtigkeit im Gefühl von Geschwindigkeit.

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Zwischendurch innehalten, staunen über die Schönhaut der Welt, dies zusammen mit jemandem tun dürfen, der das gleiche empfindet, am Berg, ohne Puste, mit meuternden Muskeln unvermittelt unverhofft den Druck einer Hand im Rücken zu spüren, zu wissen, das ist der Freund, der dir von seiner Kraft abgibt, dich weiterschiebt, heraus aus dem Energieloch – wunderschönes unglaubliches Gefühl
besonders, lebendige Magie, wie Du selbst es bist.

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