ABC-Etüden: De mortuis nihil nisi bene 

Liebe blogfreunde,

Da ich die letzten Etüden krankheitsbedingt schreibunlustig war, habe ich mich hier gleich zwei Wortschenkern zugewandt und aus den Schenkworten einen Text gewoben. Er ist auf das derzeitige wetterbedingte Geschehen und die Not durch Überschwemmung in vielen deutschen Städten und auch vom Tod Helmut Kohls inspiriert. Ich halte es für ganz großen Kokolores, immer nur gut über Tote sprechen zu wollen. in meinen Augen entseelt sie das zu sehr.
Einer, der Fehler macht und auch zugeben kann, steht mir immer näher als ein Maskierter im Mummenschanz seiner Etiketten.
Die letzten Zeilen sind schlesisch und stammen von meiner Großmutter. Trösteworte, die mir immer irgendwie halfen, wenn es mal heftig kam in meinem Leben. vielleicht, weil sie aus einer sehr hungrigen Nachkriegs-Zeit stammen, in der Klöße im Backrohr für ein Kind den Himmel auf Erden bedeuten konnten.
Wie immer bedanke ich mich bei Ludwig Zeidler. Besonders die zartblaue Illustration von Bruni’s Worten, sprach mich sehr an. Hier geht es in Brunis poetische Wortwelten.
Karin’s Film über den erst die Bühne verschönernden und dann richtig groovig abrockenden Paradiesvogel, macht bei meinen Kindern fröhlich die Runde. Der Vogel ist ein cooler Held.
Christiane, die Hüterin der ABC-Etüden und alle anderen Teilnehmenden grüße ich herzlich in den bei uns regnerischen Sonntag.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

————————————

Mal wieder einzigartig:
Ein Sommer wie ein überlaufendes Vogelnest.
Sinnlos, seinen katastrophalen Auftritt leugnen zu wollen. Früher war alles besser.
In den Straßenschluchten schwallt heute unübersehbar das Wasser,
das Fahren mit dem Auto gerät zur Achterbahn auf Aquaplaningstraßen, Keller laufen voll,
die Ratten ersaufen in regenrauschenden Abwasserkanälen.
Leute sprechen Trauerreden ganz anders auf
als sie sich zu sagen trauen.
De mortuis nihil nisi bene.
Sterben tut‘ sich’s von ganz alleene.
Nu weene, Liebes
nu weene mal nicht.
Im Rohr steh’n die Kließla
du siehst se bloß nicht.

Advertisements

ABC-Etüden: Shodo – Übung

Liebe blogfreunde,

Frau Wildgans hat mich heute Morgen wieder mit was angeflämmt und dann schrieb das Ding in mir los und eh ich es mich versah, hatte ich obendrein (daran werkelte mein Hintergrundprogramm munter weiter während ich nach vorn raus so tat als sei ich fleißig und strebsam) Red  Skies over Paradises etüdelige Worte mit verbaut in den Text. Tja. Da hab ich den Salat mit Eurem ganzen Input und das hier veröffentliche ich jetzt mal. Arabella ist auch und überhaupt Schuld, denn sie hat die Welle mit Rio Reiser und Junimond erst richtig ins poetische Wogen gebracht. 
So fließt wieder vieles ineinander. Blumen wie Texte.

Lieben Dank auch den Impulsgebern und Initiatoren der ABC-Etüden Christiane und Ludwig Zeidler, Herrn Textstaub.

Noch eine kleine Anmerkung: Dieser Text ist vom ‚Shodo‘, dem ‚Weg des Schreibens‘, und meiner Bewunderung für japanische Kalligraphiekunst beseelt. 

In diesem Sinn,

Liebe Grüße von der Fee

🌱

Gibt so Tage, die laufen rund und glänzend wie ein blank geputzter Taler auf der Straße. Die langsam nur auf krummen Füßen stolpernden Alltage sind hierfür die Wegbereiter, sie machen die Zeit begehbar und ebnen alte Grabstellen ein. Auf den noch unbekannten Wegen blühen unerwartete Erinnerungen auf; streifen Ehemalige kurz ein Gedenkemein über Sommergräser und an Lattenzäunen wuchern wilde Wicken.
Zwitschert so durch die Finger wie das Echo eines Frühlingsschreis und die Bauruinen mit der verwegenen Idee eines Kellerdurchbruchs stehen in Schutt und Trümmern von jedem Idealismus verlassen da. Die eskapistischen Wirklichkeiten im Rot eines Mohns hingegen brandschatzen bunt die Wiesen. Vom Flusswasser werden Barfüße umschlossen, eine Imagination der Kühle erfasst die heiß gelaufene Haut und es ist ein weiterer Vagabundensommer unter dem Heumond herangewachsen. Das Leben findet Wege aus dem hermetischen Dunkel zwischen Mauerritzen hoch ins Licht, ein nackter weißer Keim, dessen Zähigkeit und Lebenswillen sich zuerst über Steine schlängelnd gleich feingezeichneten Blumenkalligraphien auf brüchigen Reispapieren zeigt. Das eindringliche Gefühl im Taumorgen des Grases trägt noch deinen blinden Nachtgeruch und die Heckenrose beabsichtigt noch eine Weile mitten in den Tag hinein zu blühen bevor sie wieder verduftet, so wie du.

Die Ausnahme von der Regel

Für C.

Da war diese Sache mit dem Friedhof. Ich war ein dreizehn Jahre altes büchervernarrtes Kind. In den Sommerferien durfte ich zu meiner Großmutter in den Norden Bielefelds, das Ravensberger Hügelland, nach Schildesche fahren.  Darauf freute ich mich genauso sehr wie auf die gemeinsamen Urlaube mit meiner Familie. Es war ein heißer langer Sommer gewesen und die Schulferien endeten spät. Opa war mal wieder auf einer seiner langen Reisen in Amerika verschollen. Dort besuchte er seine jüdischen Freunde. Wenn mein Großvater aus dem Haus war, tanzten meine Großmutter und ich buchstäblich auf dem Tisch wie die Mäuse. Denn er schwang mit hochherrschaftlichem Patriarchismus sein Zepter im Haus und wehe, das Mittagessen stand nicht pünktlich Schlag Mittag auf dem Tisch! Doch wenn er nicht da war, wurde meine Großmutter ein anderer Mensch. Obwohl sie die Sechzig schon weit hinter sich gelassen hatte, erschien sie mir sehr jugendlich, voller Leichtigkeit. Wenn mein Großvater abwesend war, fiel der hausfrauliche Pflichtdruck von ihren Schultern ab und sie mutierte von einer Großmutter zu einer echten Blutsschwester vereint mit mir im Geiste in der Anarchie der Herzensgüte. Wir standen morgens nicht um acht Uhr, sondern erst um zehn Uhr auf. Wir ließen das Frühstück ausfallen und gammelten mit einem Berg Bücher und Strickkram in himmlischem Chaos um uns herum verteilt auf dem Sofa im Arbeitszimmer herum und löffelten Grapefruits, bedeckt von einer zentimeterdicken Schicht Traubenzucker. Wir liefen zum Gigant, einem nahen Supermarkt und kauften lauter unnützes schönes Zeug für so wenig Geld wie möglich. Wenn das der Opa wüsste, brummte Großmutter unheilschwanger. Doch er weiß es nicht! rief ich und hüpkerte extra hoch. Nachmittags trieben wir es noch viel doller. Je öller, je döller, freute sich meine Großmutter gern und zerrte mich auf den Sportplatz. Schau dir nur mal diese gut trainierten Sportlerwaden an, schwärmte sie und senkte schamvoll wie ein junges Mädel die Augen. Ich interessierte mich zu dieser Zeit keinen Funken hoch für Fussballerbeine und fand das Gestüt mit den schönen Pferden auf der anderen Seite der Straße kurz vor dem Viadukt, weitaus reizvoller. Wir liefen in das Viadukt und sangen zwischen die Hallen der altehrwürdigen Römer-Steine: Wer ist der Bürgermeister von Wesel? Eseleselesel…..hallte es zurück. Im Schnatermann, dem angrenzenden Wald mit den Bombentrichtern suchten wir Pilze, Hallimasch und Kremplinge, brieten sie in einer gusseisernen Pfanne mit Speck, Zwiebeln und viel Petersilie in Butter. Aßen nur Brot dazu und fanden ansonsten unvollständige Mahlzeiten wie gebratene Tomaten mit Käse einfach himmlisch.

Ich war ein nachtaktives Kind. Oft las ich bis in die Puppen irgendein Buch. Du bist eine Bücherfresserin, meinte Großmutter und präsentierte mir gleich stapelweise ihre neuesten Errungenschaften aus der Bücherei, die in der Gesamtschule Schildesche untergebracht ist. Ständig schleppte sie etwas Neues an. Besonders gern las sie asiatische Literatur, sie hatte viele Bücher von Pearl S. Buck, die ich allesamt verschlang. Lin Yu-Tang mit seiner dreibändigen Abhandlung über Peking langweilte mich, als ich es später las, vielleicht war ich noch zu jung. Ich brauchte noch das Schwelgerische, das Überbordende, die unfassbar schwebende Romantik zarter Bambusgärten. Sie schimpfte nie mit mir, wenn ich lange aufblieb und stundenlang las. Hauptsache, ich hatte genügend Licht. Sie sagte mir einmal, dass sie mehr Angst davor haben würde, dass ich heimlich unter der Bettdecke mit unzureichendem Taschenlampenlicht meine Augen verderben würde als zu wissen, dass ich lese und aber mit ausreichendem Licht. Denk immer an Deine Augen, schütze sie gut, mahnte sie.

Eines Nachts konnte ich mal wieder nicht einschlafen. Ich tigerte mit einem Buch in der Hand in meinem Zimmer herum, ihrem Arbeitszimmer und alles machte mich verrückt: das Licht der Straßenlaterne, das durch die Gardinen ins Zimmer fiel. Die Scheinwerfer der Autos, die die Tapete schrägstreiften. Die obskuren Konturen der alten Fernsehantenne auf dem Schrank mit den Handtüchern. Sogar das leise Rauschen der endlos langen Güterzüge in der Ferne auf dem Viadukt in der Nacht, ein Geräusch, das mich sonst immer müde und geborgen machte. Irgendwann klopfte es an der Tür und sie kam herein. Nu, Steffel, kannst du auch nicht schlafen? Ich schüttelte den Kopf, etwas schuldbewusst, weil ich wusste, dass ich längst im Bett hätte liegen müssen. Das „Bett“ war eine Doppel-Liegecouch zum Auseinanderklappen. Mein Großvater hatte sie selbst gepolstert und bezogen. Die Sitzkissen waren stramm gefüllt mit Rosshaar und auf so einem Teil zu liegen bedeutete, dass man sich nicht zu sehr bewegen durfte, weil die Sofakissen Mini-Trampolins waren. Ständig kugelte ich von einer Seite zur anderen in die Mitte des Dings und landete folglich in der Gästeritze, in der ich dann festgequetscht hing wie eine Sardine in der Büchse. Ich fand dieses Sofa schrecklich und dennoch konnte ich irgendwie darauf schlafen. Wir hatten ein zusammengerolltes Handtuch in die Gästeritze gestopft. Das machte zwar jeden Abend Arbeit, doch es lohnte sich, denn von da an schlief ich weitaus besser.

Mehr zu schaffen machte mir die Helligkeit in dem Raum. Für einen guten Schlaf brauchte ich schon immer möglichst viel Dunkelheit um mich herum. Was machen wir denn jetzt? Ich kann nämlich auch nicht schlafen?, fragte mich meine Großmutter. Sie sah ordentlich zerzaust auf dem Kopf aus, ihre ansonsten stets ordentlich ondulierten von wenigen weißen Silberfäden durchzogenen tiefschwarzen  Locken standen in alle Richtungen ab. Nun begann sie obendrein darin herumzuwühlen, was die Sache nicht besser machte. In ihrem rüschenbesetzten Schlafanzug wirkte sie ein wenig wie ein weiblicher Clown oder wie ein kleines altes Mädchen. Sie lächelte verschmitzt und ihre dunklen Augen glänzten. Hast du Lust auf ein kleines Abenteuer? Ihre Silhouette, nur wenig größer als ich es war, stand schwarz im Türrahmen. Na, keine Frage! Natürlich hatte ich Lust auf ein kleines Abenteuer. Ich wäre auch mitgegegangen, wenn sie mir eröffnet hätte, sie wolle in dieser Nacht nach Australien trampen um endlich einmal ein Känguru zu sehen. Ich wollte mir meinen Schlafanzug ausziehen, doch sie winkte ab. Wie bitte? Ich dachte, ich höre nicht richtig! Sie wollte im Schlafanzug vor die Tür? Ich riss die Augen auf. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war eine echte Lady. Sie ging grundsätzlich nur vollständig und ordentlich bekleidet vor die Haustür. Alles andere machten nur leichte Mädchen und Polinnen, war ihre Auffassung. Mit den Polinnen hatte sie es allerdings. Das war wirklich ein rotes Tuch. Sie mochte keine Polinnen. Es war etwas Übrig gebliebenes aus dem Krieg. Als Polen Schlesien besetzte, wurde sie zur Dienstmagd im eigenen Haus, denn die neuen Herren setzten ihr eine neue Familie ins Haus und forderten sie auf, schnellstmöglich zu gehen. Anfangs musste sie mit ihrem Besteck und ihren Tellern fremden Frauen dienen, die eben Polinnen waren und mit vollem Siegerstolz Großmutters Haus in Beschlag nahmen und sich von hinten und vorn nicht nehmen ließen sie zu demütigen wie und wo sie es nur konnten. Sie war eine stolze Frau mit italienischem Blut. Leidenschaftliche Menschen wie sie einer war, vergessen Demütigungen niemals und obwohl sie später, als sie älter wurde versuchte, diesen alten Hass zu begraben, weil ich ihr jedes Mal widersprach und den Polinnen dieser Welt Lanzen brach, gelang es ihr nie ganz. Ich habe ihr dies  sehr gut verzeihen können, weil ich mir vorstellen kann, wie hart es ist, das eigene Haus von anderen besetzt zu wissen und nichts dagegen unternehmen zu können. Sie war ein Opfer des Krieges, in jeder Beziehung, die man sich nur vorstellen kann, doch sie konnte darüber sprechen, das tat ihr gut. In mir fand sie eine jederzeit willige Zuhörerin, denn mich faszinieren bis heute die Geschichten aus der Zeit des letzten Weltkrieges und wie Menschen es schafften ihn zu überleben, obwohl das was sie erlebten, so viel war, dass es mich immer wieder staunen lässt, wie viel Grauen sie schafften zu überleben, vor allem auch die Frauen dieses Krieges, die allein, mit nichts außer ihren Kindern und weniger Habe eine lange Flucht ins Ungewisse ohne ihre Männer antreten mussten. Meine Großmutter bewahrte sich über alledem ihre jugendliche Unbeschwertheit bis sie starb. Viel zu stark war ihre Sehnsucht nach einem aktiven und schönen Leben, viel zu jung war ihr Herz trotz alledem geblieben. Sie hatte sich meine Strick-Jacke über den Arm gehängt. Ich wusste als Backfisch schon sehr genau, wann es gut war etwas näher zu hinterfragen und wann es ratsamer ist, einfach die Klappe zu halten in diesen gewissen Momenten.

Ich wusste, dass mir hier gerade das Leben etwas vorzaubern wollte, also fragte ich nach gar nichts mehr. Ich nahm meine Strickjacke und zog sie schnell über. Großmutter wickelte sich in ihren Trenchcoat. Ich sah auf meine Füße, die in Stoff-Puschen steckten. Großmutter sah auf ihre Füße, die in Lammfell-Puschen steckten. Dann hob sie den Kopf, grinste mich breit an, zückte eine Taschenlampe und marschierte forsch vorweg die Treppe abwärts. Im schwachen Licht der Lampe konnte ich erkennen, dass ihre schwarzen Augen blitzten und funkelten wie zwei blank geputzte Taler. Wir traten vor die Haustür und eine laue Augustnacht umfing uns sanft. Kurz nach Elf war kein Mensch mehr auf der Straße, die Straßenlaternen beleuchteten matt die Häuserfronten, die Luft roch noch leicht nach dem Regen, der nachmittags gefallen war. Die Hängebirke vor dem Haus hatte erste gelblich-schwarz gesprenkelte kleine Blätter auf die Wiese im Vorgarten gestreut und in der Luft lag jene Vorahnung künftiger Frische, die das bevorstehende Ende des Sommers ankündigt. Wir nahmen uns an den Händen und liefen in Puschen die Straße hoch. Am Kindergarten gingen wir rechts Richtung Park. Meine Großmutter zog sich die Puschen aus und lief barfuß weiter. Komm, Steffel, das ist gut für die Durchblutung, sagt Kneipp! Ich tat es ihr gleich und genoss das Gefühl des Grases und Untergrundes an meinen Füßen. Wir hielten auf den Friedhof zu. Himmel, meine Großmutter wollte mit mir zur Geisterstunde auf den Friedhof! Immer wieder schaute ich sie an. Irgend etwas strahlte aus ihr heraus, ich kann heute immer noch nicht sagen, was es war. Wir liefen schweigend über die Wiese. Der Duft schlafender Bäume streifte mich, ihr Nachtgeruch, wenn sie sich abends beginnen zusammenzufalten. Im Vorbeigehen berührten meine Finger weiche Gräser, dorniges Brombeergestrüpp, eine Brennessel und immer wieder auch die raurindigen Baumstämme. Zeitweise schloss ich die Augen und konzentrierte mich nur noch auf meine fühlenden Sinne. Wir erreichten den Friedhof und sofort veränderte sich der Geruch der Umgebung, wurde schwarz, schwer und satt. Meine kindliche Phantasie mochte sich nicht ausmalen, von was diese Erde so dermaßen satt war (weil sie Menschen fraß und in Erde verwandelte durch unzählige Helferchen wie Würmer, Maden und solche Dinge) und warum die Büsche, die Blumen und alles, was darauf wuchs, irgendwie besser gedüngt und prächtiger wirkte als die übliche Parkbepflanzung. Auch haben Friedhöfe jenen speziellen Geruch, den ich kaum beschreiben kann, der ihnen jedoch so sehr zueigen ist wie jener seltsame Zwang zur Entschleunigung und Ruhe, die sie ebenfalls ausstrahlen. Vielleicht liegt es am Geist dieser Orte. Dort überwiegen traurige Gefühle, als hätte mit den dort zur Ruhe gegebenen Leibern der gesamte Ort die Vergänglichkeit zusammengefasst in einer einzigen schwarzen langen Schwingung. So wirken alle Friedhöfe dieser Welt schon seit jeher auf mich.

Wir betraten den Friedhof denkbar unangemessen gekleidet, doch Großmutter sagte, dass vor dem Tod jeder nackt sei und dass die Toten keinerlei Scham kennen würden. Wir flüsterten nur noch miteinander. Vor ehrwürdigen Familiengräbern mit monumentalen Steinen und Einfassungen blieben wir stehen und beleuchteten mit unseren Taschenlampen die Namen. Wir setzten uns auf eine Bank. Der Mond war etwas herausgekommen und gab eher indirektes und diffuses Licht, projiziierte Schattenwürfe von Büschen auf den Weg. Meine Großmutter wollte wissen, ob ich Angst haben würde, hier, in der Geisterstunde auf dem Friedhof, in bettfertiger Ausstattung. Ich überlegte, ob ich irgendwo in mir Angst finden würde. Dann betrachtete ich nachdenklich die Grabsteine. Dann erzählte ich ihr wie oft ich auf dem Friedhof im Wald sei, mit meinem Fahrrad. Dass ich dort friedlich würde und ruhig. Sie wurde nachdenklich und sagte mir dann, dass ihr das gar nicht gut gefiele. Ein junges Mädchen solle nicht so viel Zeit mit den Toten verbringen, das wäre nicht gut. Sie kannte mein Problem, Freunde zu finden oder gesellig zu sein. Ein Nachtvogel begann zu singen. Wir sprachen über Gustav Meyrink und den Golem. Sie wollte von mir wissen, ob ich an so etwas glauben würde, ob es das wirklich gäbe? Für was ich es halten würde? Es fiel mir schwer, darauf eine Antwort zu finden. Schließlich fand ich ein Arbeitsbild und benannte den Golem als die Angst der Menschen vor Liebe. Ich fand, dass der Golem eine zutiefst bemitleidenswerte Figur sei. So wie Shelley Winters Frankenstein, der uns auch immer wieder unglaublichsten Gesprächsstoff über die Jahre lieferte. Da meinte meine Großmutter, dass ich jetzt reif sei für Poe. Doch erst musstest du den Golem lesen und ihn verstehen, sagte sie. Und erst musste ich mit dir auf den Friedhof um dich zu prüfen. Denn Edgar Allan Poe ist besonders und auch noch anders als Gustav Meyrink, das wirst du schnell bemerken. Er hat in seinen Erzählungen und Gedichten die tiefsten Ängste des Menschen ausgesprochen und Realität werden lassen. Er war krank. Seine Literatur kann Menschen, die nicht stark genug sind, ihn zu verstehen, die nicht angstfrei sind, sehr ängstigen und bei Dir muss ich mit so etwas vorsichtig sein. Denn du bist noch sehr jung und hast schon vieles gelesen, was noch gar nicht für so junge Augen bestimmt ist. Andererseits stellst du mir viele Fragen nach dem Tod, das Thema lässt dich nicht los und deswegen solltest du Edgar Allan Poe lesen, denn der verstand etwas von der Angst vor dem Tod. Seine allergrößte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Er litt als Mensch sehr darunter und Du wirst viele Geschichten finden, die sich um diese Ur-Angst des Menschen drehen.

Ich sog die Nachtluft ein und stellte mir vor, der Golem käme plötzlich und unerwartet um die Ecke. Oder der junge Mann mit dem teigigen weißen Gesicht, als lebten Larven darin und ich schüttelte mich, meinen Rücken überzog ein Gänsehautschauer. Du gruselst dich ja doch, rief Oma begeistert und vergaß einen Moment lang respektvoll und leise auf dem Friedhof kurz vor Zwölf in der Geisterstunde zu sein. Wenn du wüsstest, dachte ich und spürte, wie meine Ohren sich rot aufsteigend erhitzten. Wir blieben noch ein wenig auf der Bank sitzen und schwiegen. Ich zerfloss. Anders kann ich es nicht beschreiben, dieses Gefühl, in einen Moment zu fließen, der zufrieden ist mit dem blanken Dasein. Es gibt in meiner Kindheit unzählige Momente, die so waren, doch oft sind sie so kurz und klein, eine winzig bemessene Zeitspanne in all dieser üblichen Lebenszeit, dass sie wie Sternschnuppen am Augusthimmel verglühen. Ein Quantum Sternasche der erfüllten Wünsche und Träume. Vor den Mond waren Wolken gezogen und die Leuchtziffern meiner Armbanduhr zeigten fünf Minuten bis zur Geisterstunde. Meine Großmutter erhob sich langsam und etwas steif. Sie streckte sich, nahm ihre Puschen und trat auf dem Wiesenstreifen neben dem Hauptweg den Rückmarsch an. Ich gesellte mich zu ihr. Hörst du diese Ruhe?, wollte sie wissen. Ich kickte einen Tannenzapfen mit dem Fuß vor mir her und nickte mit dem Kopf. Plötzlich stolperte ich über etwas und machte einen regelrechten Satz. Meine Großmutter war ein Stück vorausgelaufen. Sie hörte mich leise fluchen, weil mein großer Zeh verdammt weh tat und fragte, ob mir etwas passiert sei. Der Teufel höchstselbst ritt mich, es musste an der mitternächtlichen Stunde liegen. Ich flüsterte so laut wie möglich, dass ich über einen Knochen gestolpert sei und fragte, ob sie hier in letzter Zeit wohl Gräber umgebettet hätten? Meine Großmutter sagte kein einziges Wort, sondern begann zu rennen, als sei sie ein Scherenschleifer. Ich konnte gar nicht so schnell hinterherkommen wie sie rannte. Im Nu war sie aus meinem Blick entschwunden und ich lief breit grinsend langsam hinterher. Natürlich entschuldigte ich mich für den miesen Scherz auf Kosten der Toten und bereute tatsächlich zutiefst, dass ich meinen Schabernack mit ihnen getrieben hatte um meiner lebenserfahrenen Großmutter einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Doch ich freute mich diebisch dabei, das muss ich ehrlich gestehen. Im Park holte ich meine Großmutter ein. Sie hielt sich etwas atemlos die Brust und keuchte. Du hattest es ja ganz schön eilig plötzlich, legte ich immer noch flüsternd los. Sie sah mich bestürzt und entsetzt an. Das war doch nicht wirklich ein Knochen, über den du da auf dem Friedhof gestolpert bist, oder? Ich schüttelte den Kopf. Natürlich nicht, ich habe dich doch nur vergackeiert. Oh, das wirst du mir büßen, schimpfte sie erleichtert los. Du böses böses Kind! Mir ist vor lauter Schreck das Herz fast stehengeblieben! Haben Tote Humor? fragte ich mich im Laufe der Jahre und nach dem ausgiebigen Konsum von Edgar Allan Poe in schriftlicher und vertonter Form ein ums andere Mal. Heute, als erwachsener Mensch, bin ich mir ziemlich sicher, dass Tote Humor haben und zwar jede Menge davon. Anders wäre das Totseinmüssen doch gar nicht auszuhalten, oder? Meine Großmutter wollte mir gegenüber nicht zugeben, dass ich sie tatsächlich in Panik versetzt hatte. Ich drang jedoch auch nicht darauf. Dazu hatte ich viel zu viel Spaß an der Sache und ließ ihr nur zu gern ihr dreimal wiederholtes Argument, sie habe lediglich etwas schneller vorlaufen wollen, weil ich wieder einmal herumgetrödelt habe.

Wir fassten uns an den Händen und liefen nach Hause. Ich kroch endlich einmal müde und dankbar schlafen zu können, auf mein improvisiertes Bett und schlief bis zum nächsten Morgen durch wie eine Tote. Meine Großmutter verbot mir, meinen Eltern von unserem nächtlichen Ausflug zu erzählen. Großmütter und ihre Enkel dürfen, nein müssen sogar unbedingt Geheimnisse miteinander teilen, die Eltern auf keinen Fall nicht wissen dürfen, begründete sie ihren dringlichen Wunsch. Es fiel mir sehr leicht, ihn zu beherzigen. Nur dank ihr hatte ich diese fantastischen und abenteuerlichen Erlebnisse. Sie bot mir Spannung und vor allem den literarischen Austausch, den ich mir wünschte. Ich liebte sie nicht dafür, dass sie mir Regeln und Grenzen gab, sondern dafür, dass sie sie außer Kraft setzte und das scheinbar Unmögliche möglich werden ließ. Meine Großmutter war meine Ausnahme von der Regel.

——

In übermäßig Grün Verwehen

  
Waldes dichtgelaubte Wege, Nachmittag treibt in das Moos, in das große Gras will legen, in der Blumen lieben Schoß. 

Pfütze wird von Schritten nass, bleibt im Wind stumm lauschend stehen. Vögel hängen in den Bäumen. In übermäßig Grün Verwehen.
  
Bewegter Wunsch in graue Stille, Wille legt in Trost sich nackt. Sommer löst sich von den Flammen. Zweiter Aufzug, letzter Akt.
Verrücktes Kind lässt Kreisel sausen in des Waldes Bühnenleere. Bis das Nichts gespalten ist. Flauseleicht wiegt Ton und Schwere. Abend legt die Sonne ab auf Garderobe Horizont. Blick webt Regen, Füße traben, eilig Richtung Wolkenfront.
Knietief zirpen lange Halme, Heimchen übt den Abschiedsgruß. Eine schwalbenweiße Feder schwebt in Nebelstaub den Schluss.
  

Sommer in Masuren

Sommer in Masuren

Er sitzt an der Bushaltestelle. Irgendwo las ich einmal, dass keine Begegnung im Leben zufällig geschieht. Daran muss ich denken, als ich ihn dort sitzen sehe: Ein alter großer, ziemlich stattlicher Mann mit einem vergnügten Gesichtsausdruck und wasserhellen Augen. Sein Gesicht ist von unzähligen Falten durchzogen, er trägt eine dicke Brille. Rechts neben ihm liegt der Stoffbeutel mit dem Aufdruck eines lila Elefanten. Als er mich herankommen sieht, lacht er fröhlich. Scheen, scheen, Sie zu seh‘n! ruft er mir zu und dass wir uns kennen von irgendwoher. Ja, aus Masuren, wissen Sie noch? Genau! Kommt es von ihm zurück. Wie konnte ich es vergessen? Sie waren das mit der galizischen Großmutter aus Ossen,  im Wartegau an der Nahe! Die anderen Leute an der Haltestelle schauen uns überrascht an. Auch die türkische Mama mit dem Kinderwagen, in dem ein krähender kleiner Pascha mit blitzenden dunklen Augen thront. Ich setze mich neben meinen masurischen Geschichtenerzähler. Er legt sofort los, ohne sich von irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln aufhalten zu lassen. Herrliches Frühlingswetter heute, nur der Wind ist noch kalt! Lacht er mit einem Blick in die blühenden Bäume und erzählt von seinem Geburtsort Gizycko, das früher Lötzen hieß, an der masurischen Seenplatte. Dobje, dzekuje, lache ich zurück, erzählen Sie mir von Masowien, Masuren!  Er rollt das ‚R‘  genauso, wie es meine galizische Großmutter tat und erzählt, dass er Polnisch in der Schule lernte. Genauso wie sie. Ein Stück Kindheit leuchtet aus mir heraus. Es erzählt erinnernd mit der Stimme meiner Großmutter in mir von einem großen Gut, von  blühenden Landschaften und einer Flucht, im gnadenlosen Kriegs-Winter 1945, auf der meine Großmutter ihre nur wenige Wochen alte kleine todkranke Tochter zurücklassen musste, weil sie unter dem Magenpförtner-Syndrom litt und dieses damals noch nicht behandelbar war. Das Kind verhungerte, sie wurde, dreißig Jahre jung, weißhaarig über dem Kummer, kam nie über ihre Dietlinde hinweg. Doch das weiß mein masurischer Geschichtenerzähler nicht und ich möchte ihm so etwas Trauriges nicht erzählen. Er hat seine eigene Geschichte und beschreibt mir die masurische Seenplatte. Maz, erinnere ich Gelesenes, bedeutet so viel wie „Einwohner, Mensch oder Mann“. Darum wurde das Land, gelegen im Norden Polens von den Masowiern, Mazury (Masuren) genannt. Sind Sie evangelisch? Frage ich und denke an die lutheranischen Einwanderer aus dem südlicher gelegenen Masowien. Natürlich! Lacht er, ein echter Lutheraner. Wissen Sie, was ich am liebsten hatte, damals in Masuren? Ich schüttele den Kopf und nicke ihm auffordernd zu. Seine hellen Augen verlieren sich in einer längst vergangenen Zeit. Er legt die alten großen Hände in den Schoß: Damals, als ich noch ein kleiner Junge war, fuhren wir noch mit Pferdefuhrwerken auf die Wiese, dann wurde geheut. Kennen Sie den Duft von Sommerheu? Ich lächele. Ja, den kenne ich nur zu gut. Süß und lieblich. Er fährt fort zu erzählen: Wir mussten nämlich richtig arbeiten, anders, als die Kinder heute. Doch an solchen Tagen war die Arbeit leicht, obwohl wir Stunden um Stunden in der Sommerhitze auf den Wiesen verbrachten und das Heu auf die Fuhrwerke gabelten. Zwei von uns durften sich auf der Rückfahrt auf die starken Zossen setzen, die den mit Heu voll beladenen Wagen zogen. Später gingen wir schwimmen. Im nahegelegenen See. Stellen Sie sich einen Sommerabend vor, so puplau wie Badewannenwasser. Überall pieksen Sie diese kleinen stacheligen Halme und Sie können es kaum erwarten, sich die Kleider vom Körper zu reißen und zusammen mit den anderen Kindern in das glitzernde Wasser des Sees zu rennen. Ich trug weite Hosen und so ein Hemd  darüber, weit geschnitten, Sie wissen schon, gab damals keine T-Shirts oder Jeans. Lächelnd fahren seine Hände über den Jeans-Stoff. Praktisch, solche neumodischen Jeans. Na, jedenfalls setzten sich überall die Heustacheln unter die weiten Kleider, während wir  die Ballen auf den Wagen schaufelten. Ein herrliches Gefühl ist das, sich dieser Sachen zu entledigen und die überall juckende Haut in das Wasser des Sees einzutauchen. Ein kleines Mädchen mit einem blonden Pferdeschwanz war auch dabei. Sie wurde später meine Frau. Wir flohen gemeinsam vor den Russen. Dort drüben auf dem Waldfriedhof liegt sie, meine Helga. Schon seit vierzehn Jahren bin ich jetzt alleine und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal jemandem von Masuren erzählte, der es hören wollte. Sie liebte das Land genauso sehr wie ich. Wie traurig waren wir, als wir fortmussten. Diesen Ausdruck, der sich nun in seine Augen stahl,  kannte ich von meinen eigenen Großeltern nur zu gut. Also will  ich von ihm wissen, ob es Glühwürmchen gab und erzähle ihm, dass ich erst ein einziges Mal Glühwürmchen gesehen habe. Damals, als ich ein Kind war und im bayrischen Wald Urlaub machte. Auf dem Feldweg. Ich hatte das Pony, auf dem ich wie eine Besessene durch das Dorf zu preschen pflegte, am Baum angepflockt. Es graste zufrieden neben dem Baum, unter dem ich saß. Ich sah den Glühwürmchenschwarm, wie er über den Feldweg tanzte. Lampenkäfer nannte ich sie und erzählte später meinen Eltern begeistert, was ich gesehen hatte. Ah, Glühwürmchen! Nun lacht er wieder und seine blauen Augen blitzen. Da könnte ich Ihnen etwas erzählen! Ganze Horden von Glühwürmchen waren an Sommerabenden unterwegs. Damals in Masuren. Sie schwebten über dem See, in dem wir badeten, während sich langsam die Dämmerung über uns legte wie eine warme Decke. Es war so wunderschön dort. Schauen Sie, nun lebe ich in einem dieser Häuser. Er zeigt auf die Wohnsilos um uns herum. Sind sie nicht schäbig? Sagen Sie selbst… Ich nicke: Ja, sie sind schäbig. Doch wir beide, wir haben Glück, dass wir so viel Natur um uns herum haben. Schauen Sie nur, der Kirschbaum, wie eine rosa Wolke steht er da! Und der Teutoburger Wald, wie schön er ist! Wir haben Glück, es gibt in Deutschland schlimmere Orte als diesen. Sogar die schäbigen Wohnsilos, die die Gesellschaften zu faul sind, zu renovieren, weil ja nur wir es sind, die darin wohnen, während uns die Balkone unter den Füßen wegschimmeln, können wir eine Weile vergessen. Er nickt nachdenklich. Ja, ich wohne im Erdgeschoss, das ist gut, ich schaffe die Treppen nicht mehr gut zu gehen.

Der Bus kommt. Er legt seine Hand auf meinen Arm. Nun sind wir uns schon zweimal begegnet, wissen Sie? Ich habe schon so lange, seit bestimmt zwanzig Jahren niemandem mehr von Masuren erzählt. Wie kommt es nur, dass Sie mir so bekannt vorkommen? Ich weiß nicht, antworte ich. Doch Sie kommen mir auch irgendwie bekannt vor. Vielleicht war ich ja damals eines der Kinder, die mit Ihnen schwimmen gingen und lebe heute hier. Ich kann verstehen, dass Sie sich nach Masuren sehnen. Es ist doch Ihre Heimat gewesen. Nun haben Sie hier eine neue Heimat gefunden, auch wenn Ihre Helga nun schon so lange von Ihnen fortgegangen ist. Ich sehe eine Träne, sie läuft an seiner Wange herunter, wird vom kühlen Wind getrocknet, der kalt um die Ecke schießt. Ich fahre allein zum Supermarkt, sagt er langsam und bedächtig, rollt das ‚R‘ in „Supermarkt“ wie ein Pferdefuhrwerk über eine Wiese rollt. Sie sprechen einen sehr schönen Dialekt, tröste ich ihn. Ich höre ihn nur noch selten. Da lacht er. Kein Wunder, ich bin schon über Achtzig und wir Ostpreußen sterben langsam aus! Da antworte ich ihm in original Ostpreußisch: Marriellchen, was warr den chewesen? Hast du dich becklerrt mit Chelbes von det Ei? Er schüttet sich aus vor Lachen, sein ganzer großer Körper zittert und vibriert. Das können Sie ja perfekt! Ja, grinse ich. Es stirbt nicht aus. Es gibt Menschen, die das mögen und pflegen. Das Leben pflegen, erinnere ich mich an den Slogan einer Senioreneinrichtung, die ich interviewte für einen Artikel. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Nein, protestiert der Masure, ich habe Zucker und bin schwer wie ein alter Elefant. Ich kontere, dass ich dafür stark wie ein Elefant sei und jede Woche meine Muskeln stählen würde. Plötzlich duzt er mich: Schade, ich bin schon so alt. Doch Du bist noch so jung. Du kommst mir gerade recht, mein Mädchen. Das macht mich verlegen. Er hat Mädchen gesagt, obwohl ich doch auch kein junger Hüpper mehr bin. Es freut mein narzistisches Frauenherz bis zur warmen Glut eines masurischen Sommerabends. Ich fasse ihn unter und ziehe ihn hoch. Er ist wirklich schwer wie ein Elefant und ich bin wirklich stark wie ein Elefant. Als er ein paar Stationen später am Supermarkt aus dem Bus steigt, dreht er sich auf dem Weg noch einmal um und schaut zu mir, wie ich im Bus sitze, mit den Stöpseln in den Ohren und wippenden Knien, einem brasilianischen Sambasong lauschend. Seine schwarze Michel-aus-Lönneberga-Mütze sitzt schief und keck auf seinem Kopf, sein Stoffbeutel wippt im Gang seiner langsamen Schritte und er lacht mir zu, hebt die Hand und winkt vergnügt. Ein kleiner masurischer Junge mit Heuhalmen im blonden Haar. Seine Augen blitzen und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der warme Sommer in Masuren war.

—-