Aus den Geist(er)geschichten: Atemfragment

Ich bedanke mich für die Schreibeinladung bei  textstaub und der versakrobatischen Worteschmiedin poeta, die Wortspenderin der Tags: Fragment, Zuhause, Uferlos

Hier meine utopische Idee.

Atemfragment

Die Ohren dröhnen so, dass dringend Substantielles wie ein märzener Fahrtwind hineinmuss. Der kann sich dann uferlos vorm Trommelfell stauen. Eine weint, die ist liegengeblieben. Aufgeschürftes Knie, nur eine Fleischwunde, sagt sie und schämt sich, weil es weh tut und man das sieht. Gibt man Lindes drauf, bremst für einen Schmetterling, so ganz behutsam, wird das Ding wieder flugtauglich und torkelt sich frei ohne zu plappern dabei.
Die Eine hat’s Knie verbunden und stützt sich auf wen. Die ersten Bewegungen sind saudoof, schmerzschmerzschmerz.

Egal, aufsteigen und weiter mit den anderen. Die haben gemeckert, war ja klar. Sie haben durch ihren Unfall Zeit verloren. 

Sie trägt jetzt ein Gänseblümchen unterm Helm. Sie ist abergläubig und widerkünstlig, denkt an Wunder. 
Die anderen warten. Komm schon, Alte, hau rein, drück los!

Das Geräusch, wenn die Beine mit viel Kraft im schwersten Gang die Kette auf dem rechtsten Ritzel ziehen. Ergibt ein rasantes Schleifen, einen kilometerschlingendes Durchgreifen. Bewegung in die Leere gewinnt Gestalt, formt sich zu einem unglaublichen Hinterteil. Toller Typ, Du, warte bloß, meine Ausdauer, ach Gottchen!!!
Plapperplapper schließt zur Einen auf und schiebt mit der Hand im Rücken. Du schaffst das, Süße, bleib in der Spur. Süße schaut rüber, ein kurzer mitteilvoller Schulterblick, kurzatmig dankend. 

Der Andere holt auf und zieht vorbei, setzt sich bergan an die Spitze. Zieh, Lok, zieh! Er dampft. 
Die Eine ist übern Berg, ein anderer kämpft noch, im Wiegeschritt stehend, prustend und außer Atem. Die Luft ist ein Jadekissen, sie salzt das Innenmeer. Vogelzeichen bäumen umeinander und sie umschlingen die Schwingen. 
Haltet durch, es ist nur noch ein kleines Stück zur Kuppe hoch, dort oben kühlt das weite Land die Fragmente unseres Atems und wir sind wieder einmal zuhause angekommen.

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Waldhallen

Bei 1 Grad plus auf dem Mountie wird es frisch. Eine Stunde Tour de Natur. Erste halbe Stunde bergan schwitzen. Zweite halbe Stunde bergrunter frieren. Trotz fünf (!) Pellen übereinander. Doch es hat sich gelohnt. 

Eine Stunde lang bis auf einen Wanderer keine Menschenseele. Der Wald ist ganz still heute. Der Habicht unterwegs. Seltsame Zeichen im Wald. Ein siebenzackiger Stern. Seltsame Symbole oben auf dem Kamm in den Sand des Weges geritzt. Die Bäume leuchten, meine Reifen rascheln leise über den dicken Laubteppich. Stiller November, Wind kontemplativ zurückhaltend. Bestenfalls Gesäusel. Beginnt bergab in den Ohren zu pfeifen und zu johlen.

Ich könnte immer weiterfahren. Mein Mountie-Geist ist ein solider Gefährte, verlässlich sogar an rutschigen Steigungen. Ich vertraue ihm gern. Bergrunter will er immer schneller als ich. Sonst ist er aber (fast) folgsam. 

Es hat oben auf dem Kamm zwei Bäume umgerissen, weiter unten im Wald lag noch einer quer. Entwurzelte Bäume würde ich gern wieder einbuddeln können…

Aus den Geist(er)geschichten: Inside-Outside

 

Was, wenn dir ganze Jahreszeiten fehlen? Der ganze Winter und der ganze Sommer vorbeizieht wie an einem Panoramafenster mit schöner Aussicht. Was, wenn der Wald nach Winter, nach Sommer duftet und Du ihn atmest und doch nicht atmest, weil Du ihn nur ihn nur noch erahnst, doch nicht mehr richtig fühlst. Ein Winterbaum klingt anders als ein Sommerbaum, seine Energien sind anders verteilt. Im Sommer singen die Bäume und im Herbst werden sie elegisch. Kaum etwas ist dem Schlaf vergleichbar, in den sie im Winter fallen wie ein Apnoetaucher, der alle seine Körperfunktionen herunterfährt, einstellt, bis auf das Gehirn, das noch von Sauerstoff durchblutet wird. Im Winter schweigen die Bäume bis auf wenige und diese singen verhalten wie Amseln im toten Laub.

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Es ist ein durchlaufendes Gefühl, in Zwischenzeiten zu paradieren, noch einen Hauch Sommer zu erhaschen am warmen Berg. Dort begegnen dir noch blühende Gräser, doch dort riechst du auch den Abschied und der Wald pointiert ihn in verdorrten Akzenten in Farnen, auf Blattgoldwegen. Das Sauerland schimmert so nah, als könnest du eben mal so rüberfliegen. Der vom Frühjahrssturm gerissene Baum auf dem Kammweg wurde zwischenzeitlich weggeräumt, nur noch ein paar Stammstücke erinnern daran. Du müllerst mit den Reifen durch den dicken warmen weißen Sand der Senne, es geht ganz leicht. Du fährst langsam, mit viel Ruhe im Lauf und oben an der schönen Aussicht setzt du dich auf den alten Baumstumpf im Schneidersitz. Das Mountie liegt neben dir im Gras und die Grillen zirpen so laut, dass dir die Ohren dröhnen. Ein leichter Schweißfilm überzieht deine Haut. Du hast die Frage gelesen, wie Stille klingt. Heute ist Stille der rauschende Wind in den Bäumen, Grillenzirpen und das Summen der Insekten über der Wiese, in der warmen Luft die Augen friedlich zu schließen in Sommerduft mit erstem Herbstbitterlich.

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Was, wenn du dir die fehlenden Jahreszeiten in den verklingenden Akkorden zu einem vollen Ton zusammenkomponieren musst? Was, wenn die neuen Farben die alten noch nicht überdecken, doch du die alten Farben noch nicht gefühlt hast? Nun sind wieder die Schatten länger geworden, du fährst tiefsonnengesprenkelte Wege, im Schatten legt sich erste Herbkühle schwarz auf deine Seele. Ein Quantum Untröstlichkeit für das was dieses Jahr nicht stattfinden durfte.

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Dann öffnen sich die Bäume, der Blick wird weit, der Mais steht schon hoch. Du denkst an jemanden und schickst ein Gefühl zu ihm hin, das ganz leise und unbeschreiblich ist. Das Mountie scheint sich seinen Weg allein über den eingeschlagenen schmalen Hasenpfad zu suchen, du vertraust, dass du alle Wurzeln und Steine rechtzeitig siehst, die plötzlich aus dem Erdreich ragen. Kreuzenden Wanderer, Eichhörnchen, Vögeln, Rehen und Wildschweinen räumst du Vorfahrtsoptionen in der Kathedrale des Waldes ein. Ein Fink tippelt zierlich vor dir her, ein Eintel groß im Vergleich zu deinem Riesenrad, diesem Bike-Kamel, das vor seiner Winzigkeit freundlich stoppt wie ein schwarzes Getüm. Der gefiederte Fußgänger zirpt dir seinen Finkendank und wählt die Luftlinie drei Bäume höher. Gemächlich. Er lässt dich mit den Augen genau verfolgen, wo er hinzirpzwitschert, man könnte seinen Flug beinah lasziv nennen.

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Im Wald dröhnen Hunde. Du denkst darüber nach wo urplötzlich die Stille abgeblieben ist. Diesem lauten Dauer-Gekläffe von Hund und seinen ihn herumkommandieren Menschchen ist nur die totale und sofortige Flucht waldvoraus entgegenzusetzen. Neben dir plätschert der Bach. Du wünscht dir die Hunde weg, die Menschen weg oder beides verflixtnochmal leise. Endlich verklingen die kreischenden Stillestörenfriede zwischen Bäumen. Schnell schickst du Rübezahl ein Dankeschön, setzt dich an den Bach, tauchst deine kochenden Füße ein in das vom Regen noch kalte Wasser. Dass es nicht zischt, ist alles. Dein Bike lehnt am Baum. Grün-gelbe Schönheit. Grün ist die gute Energie, gelb ist die Angstenergie. Deine Farben, denkst du. Grün gewinnt sowieso.

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Du hast etwas mehr Luft auf die Reifen gepumpt als sonst. So ist das Mountie leichter zu fahren, doch rutscht auch schneller weg. Darum schiebst du wenn es steil bergab geht. Hast immerhin schon drei Berge geschafft, einen geschoben, weil die Luft zu knapp wurde. Schön langsam anfahren, Hauptsache irgendwie hochkommen. Die Kondition kommt durch die Wiederholung von selbst zurück. Der Bach murmelt um deine Füße. Dein Schweißfilm trocknet salzig. Über dir ein großer Schatten, der Falke ist unterwegs. Er hat dich gesehen und ruft. Du antwortest ihm stumm, dass Mäuse delikater sind als zähe Mountainbikerinnen und auch viel besser zu transportieren. Lachend fliegt er davon. Das alte Bruch-Bein ist artig, es strampelt gut mit. Doch du spürst wie es darin arbeitet, wie der Knochen heilt, wie der Bauschutt von der Knochenreparatur im Körper abtransportiert werden muss. Das Atmen schmerzt noch, doch moderate Bewegung sei gut und förderlich für die Beweglichkeit der Lunge, hast du gelesen. Du machst Atemübungen und hoffst, dass die Gesundheit wiederkommt. Langsam, Schritt für Schritt. Du ziehst die Füße aus dem Bach und lässt sie vom Wind ganz trocknen. Sie sind kalt und erfrischt. Nun kann es weitergehen. Deine Seele ist beweglicher als dein gereiztes starres Rippenfell und fährt voraus. Bis zum Segelflugplatz. Du hast das Mountie an den Zaun gelehnt und schaust einem Modell-Kunstflieger zu bis dir schwindelig wird. Der frische Pfefferminztee mit Honig mundet himmlisch. Im Westen das erste Abendrotglühen, rot blutend locken Föhrensilhouetten dich heimwärts. Ein LKW hupt dich an, du fährst gerade ein Stück Fahrradweg. Du willst dem pösen Purschen ein zackiges Pajero! hinterherschmettern, doch du bekommst nicht genug Luft. Gut so,  denn dann zieht er an dir vorbei  mit seinem dicken Auto und du siehst, wie er dir zuwinkt und breit strahlend einen Daumen hochreckt. Danke, du hast mir altem Mädchen gerade den Tag versüßt, mein Junge!

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Dann tauchst du ein in die Abendbäume, sie haben bereits begonnen, ihr Lullaby zu singen. Sie falten sich nachts zusammen, sie werden kleiner und schmaler. Langsam holperst du über den Kalkkieselweg bis zum Eisgrund. Die Wiesen haben sich lässig neben dir ausgestreckt, wirken satt, müde und tauschwer. Ihr Grün so tief, so tief. Die Abendstille beginnt schwarz die Erde auszuloten, senkt sich in dich, ein unendlich ferner Sternenklang. Blühen schon erste Glimmdinger am Nachthimmel. Du schaltest deine Lichter ein und fährst weiter. Das ist September: die Melancholie der früher einsetzenden Dunkelheit, die sentimentale Abendkühle in der Erinnerung des warmen Tages. Noch vor der Tiefenschärfe klaren Oktobers lebt sich die ganze träumerische Sanftmut des Sommers noch einmal genießerisch aus. Alle Häuser sind bereits gebaut und fertig, grüßt du Meister Rilke auf dem Heimweg. Sag, Herr Rilke, war dein Sommer groß? Meiner war zu klein um mein Haus fertig zu bauen, was mache ich jetzt bloß? Werde ich einsam sein? Lange Briefe schreiben? Los, Meister Rilke, sing noch einmal dein Herbstlied klug, der Sommer war trotzdem groß, kein Betrug, doch er hätte können noch größer sein, nicht wahr? Die Klage bittet im Gedenken regentränenzerronnener Tage lieber noch schnell um ein paar südlichere Tage. Du kommst am Waldrand an, denkst statt Reife an Übergäriges, weiß der Himmel wieso, bist auch ohne froh. Du denkst weiter über den Klang von Stille nach, im dissonant lärmenden Treppenhaus mit den in lauten Kraftworten und Fäkalausdrücken streitenden Leuten, mit dem Babygebrüll. Noch eine Weile schwingt die Harmonie vergangener Stille in dir wie ein Klang, der sich mehr und mehr von dir entfernt, schließlich dem Überdruss im Lärm nachbarschaftlicher Umgebung weichen muss.

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Bis zur nächsten Tour…

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Licht und Liebe

   
    

  

  

Das Jahr läuft Revue. Es hat sich Frühlingsklamotten angezogen und kurz vor Weihnachten sehe ich unterwegs eine japanische Kirsche in vollem Blütenprunk.  
Es war schön, nach all der Arbeit, Stress, den kleinen und großen Sorgen, den Alltagspflichten und schlaflosen Nächten, dem Druck heute zu entkommen.   
    
 
Der Wunsch nach Natur war längst übermächtig geworden. Kann die Dankbarkeit sie gesund zu erleben, sie in voller Bewegungsfreiheit zu genießen maßlos sein? Alles kann maßlos sein. Doch meistens wird dieses Wort im Zusammenhang mit negativen Dingen verwendet. Maßlose Dankbarkeit zeigt sich in einem euphorischen vor Glück überquellenden Herzen und durchdringt Muskeln, Nerven, Mark und Knochen. Das Glück wird bebildert an jeder erdenklichen Wegecke. Es zeigt sich groß und mächtig in 80 km entfernten Aussichten bis ins Sauerland,
  
 in kraftvollen Momenten an alten mystischen Kraftorten, wie es im Teutoburger Wald so viele gibt. Die alte Antoniuskapelle ist dem heiligen Antonius geweiht. Er wurde liebevoll„Tönis“ genannt und so kam der Tönsberg im Teutoburger Wald zu seinem Namen. Im 15. Jahrhundert diente die alte Kapelle einem Mönch als Enklave und wurde in den Dreißiger Jahren restauriert. Heute ist sie eine offene Ruine. Als ich in ihr stehe, spüre ich vieles. Wie so oft drängen die Jahrhunderte nah an mich heran. Irgend jemand hat einen kleinen Steinhaufen in eine der Mauernischen gebaut. Ein großes Holzkreuz symbolisiert die Säkularisierung eines Ortes, der in seinen Schwingungen weit über jeder Religion steht. Hier fanden sich viele Geister zusammen. Kein Wunder, dass die Kirche über so etwas eine Oberhoheit ausüben will. Doch das, was erhalten blieb in den alten Steinen, überdauerte alles. Säkularisierung, Oberhoheit und Machtdenken. Die alte Ruine ist von Föhren umgeben. Der Wind rauscht friedlich in den hohen Kronen. Rechts vom Weg öffnet sich der Blick über das weite Lipperland mit seinen kleinen Dörfern. Am Horizont verschwimmen blau die Berge des Weserberglandes. 
   
    
 
Als ich innerhalb der alten Mauern stehe, höre ich viele Stimmen aus der Vergangenheit. Sie hoffen, bitten und wünschen. Sie singen mit dem Wind in den Bäumen. Es ist ein friedlicher guter Ort, er gibt mir Hoffnung für alles Kommende. Ich spüre Verbundenheit und Kraft.

   
  
Die Wege im Wald sind teilweise matschig und schlecht begehbar. Wie die Wege des Lebens. Auch in ihnen sinke ich zuweilen ein und mache mir die Schuhe schmutzig. Meine Schuhe sind leichte, dennoch solide Lederboots. Ich habe sie wie meine eigene Haut sehr gut imprägniert gegen die Nässe und die Pfützen im Wald. Haut will gepflegt werden. Ob tot oder lebendig. Auf der Bank in der Sonne mit der weiten Aussicht über das Land Richtung Paderborn genieße ich die guten Gespräche, die das Leben mir schenkt.
  
Sie sind offen, menschlich, tiefgründig, vertraut wie die Menschen, die mir begegnen und nahe kommen in allem was und wie sie sind. Ihr Vertrauen ehrt mich. Mein Blick schweift über die weite Landschaft. Ich sehe einen großen Ilex, eine Stechpalme. Einsam steht er im niedrigen Gebüsch, ragt trotzig heraus. Die Erdfarben vermischt mit dem klaren Himmelsblau tränken die Leinwand meiner Seele, bis ich einem Bilderbogen gleiche. Wind stößt mir mild in die langen Haare, streichelt mir einzelne Strähnen aus der Stirn. Ich genieße es unendlich, jetzt hier sein zu dürfen, in dieser Frühlingssonne, mitten im Dezember. Auch das Kleine bittet um Beachtung. Winzige Trichter-Flechten bewachsen den Sandstein. Strukturwunder, die Minimalisten unter den Pflanzen.

   
  
Als ich noch ein Kind war, unternahmen meine Eltern mit uns Kindern lange Wanderungen durch die Wälder. Hier, an diesem Ort, war ich zuletzt als Dreikäsehoch. 

  
Ich freue mich unbändig darauf, meinen Eltern, die nicht mehr gut laufen können, diese Bilder zu zeigen. Sie werden die schönsten Erinnerungen in ihnen wecken und sie werden noch etwas anderes mit ihnen tun: Sie werden sie daran erinnern, dass sie uns Kindern das Geschenk der Heimat zu Füßen legten wie eine schlichte Gabe, die nach den tiefen Wäldern der Freiheit duftet. Ich schenke ihnen meine Dankbarkeit zurück. Auf stille und auf unaufdringliche Weise. Das Kind ist erwachsen und hat über den unbeständigen Jahren, die es auf Wanderschaft ist, viel über das Wesen des Glücks gelernt.
   
   
Verirrungen und Umwege gehören zu Wanderungen dazu. Sie sind sportliche Herausforderungen und fragen nach Zeiten ohne elektronische Navigationssysteme. Sie schulen den Orientierungssinn. Es ist gut, darüber zu lachen im vollen Bewusstsein, dass es wichtig ist, stets zu wissen und immer wieder neu zu lernen, wo man ist und wo man steht. Sich immer wieder neu auszurichten und zu orientieren. Das Alte zu hinterfragen und sich vor allem wohl gesonnen zu bleiben, wenn die Füße ein paar Kilometer Umleitung laufen müssen, um wieder auf den Weg zurückzugelangen, der nach Hause führt.

  
Zuhause, das ist dort, wo das Herz lebt und liebt im besseren Wissen, dass es überall, wo es darauf vertraut eine Heimat zu finden, auch immer ein Wenn und ein Aber gibt. 

Ich bin zuhause.

Angekommen.

  

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Liebe Blogfreunde, dies ist mein letzter Eintrag in diesem Jahr. Ich nehme Euch gedanklich mit auf diese heutige Wanderung, die eine ganz besondere für mich war. Eine Reise zurück in die Kindheit, eine Erinnerung an wunderbare Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. 

Es bedeutet mir sehr viel, dass es das so geben darf für mich.

In diesem Jahr sind mir viele neue Freunde gefolgt. Ich kam noch nicht dazu, Eure Blogs eingehender in Augenschein zu nehmen und ich kann nicht jedem von Euch gerecht werden, auch wenn es mein Wunsch ist, das zu wollen, etwas von dem zurückzugeben, was Ihr mir gebt, wenn Ihr meine Beiträge stille lest oder ihnen ein „Gefällt-mir-Sternchen“ verpasst oder wenn Ihr mir sogar eigene Worte in Euren Kommentaren schenkt. 

Wie Ihr mir signalisiert, dass Ihr da ward, dass ihr mich gesehen habt oder gelesen, bleibt Euch ganz selbst überlassen. Ich freue mich sehr über Euer Interesse.

Mein Blog hat in diesem letzten Jahr so viele neue Follower wie vorher nie erfahren. 

Ich danke Euch. 

Ihr wisst schon.


Habt eine gute Weihnachtszeit, macht das Beste daraus! Ob in Familie, mit Freunden oder auch allein. Kommt gut in das neue Jahr. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen Gesundheit, Liebe und Licht. 


Eure Karfunkelfee

Aus den Geist(er)geschichten: Überland

  
Der Geist war leicht verstaubt. Er schien mich vorwurfsvoll anzuschauen, spitzreifig, schwarzlenkrig. Na, Piratin? Schien er zu fragen, während ich versuchte ihn zu ignorieren und das ‚R‘ in Entrrada meiner Spanisch-Lektion besonders hartnäckig rollte. Cuenta corrriente! Herrschte ich ihn grollend an. Kam ein leises ‚Pling‘ aus einer der scharfen Schwertspeichen? Ich könnte mich auch getäuscht haben.

Nada, Nietzschewo, philosophierte ich mit einem skeptischen Blick in die Wolken vorm Fenster. Volcarse, das heißt stürzen! Schnappte ich und wirbelte ein paar Staubflusen dabei auf. Chocar, alles klar? Ballerte ich hinterher und tigerte unruhig auf und ab. Sag nicht Lusche zu mir, Du Drahtesel! Schimpfte ich. Usche… wisperten leise die Speichen als Echo. Uschi? Intonierte ich, Uschi, mach kein Quatsch! Leises Lachen, natürlich nur in meinem Kopf. Stephan Sulke war schon ulkig.

  
Draußen schien mittlerweile die Sonne. Schönes Wetter draußen, Rennradwetter! Hörte ich den schwarzen Schatten hinter mir sehnsüchtig flüstern. Gegenwind, jede Menge davon! Konterte ich etwas lahm. Gegenwind formt den Charakter, schien es zu entgegnen. Autos, die sind pöse! Jammerte ich. Leises Lachen hinter mir? Ich fragte mich, ob ich langsam durchdrehte, schnappte mir die Straßen-Karte und suchte eine Route. Los doch! Hörte ich es wieder hinter mir. Entrada, esta un dìa marivilloso! Dominarse el carrera! Das Metallding hinter mir grinste. Ich halluzinierte fröhlich weiter und setzte probehalber die Brille auf. Flocht wie in Trance die langen Haare in einen strammen Zopf, stülpte den Helm auf und stand ein paar Minuten lang unschlüssig in der Gegend herum. Soy solo! Siempre solo.. Flüsterte ich kläglich und leise und hörte etwas, das klang wie: olé! Ich stieg wie aufgezogen in meine Radhose und pellte mich in das enge Blümchentrikot. Zog die Handschuhe an, füllte die Wasserpulle auf. Alles mechanisch, der Geist steuerte mich fern! Zog die Schuhe an. Jetzt wirst Du entstaubt, sagte ich zum Geist. Der lachte mich ja doch aus! Die Speichen klongten leise als ich ihn schulterte und durchs Treppenhaus ein paar Stockwerke tiefer trug.

  
Vor der Tür empfing uns der laue Wind, ein vager Fliederduft aus einem der Gärten. Es packte mich. Ich stieg auf und fuhr durch die Wohnsiedlung auf die Landstraße. Den völlig kaputten unbefahrbaren Radweg ignorierte ich und wurde gleich beim Abbiegen von einem freundlich hupenden Autofahrer mit dreißig Zentimeter Notabstand euphorisch begrüßt. Ich brüllte ihm ein zackiges: Arschloch und Pajero! hinterher, obwohl er kein Auto dieser Marke fuhr, sondern einen verbeulten Fiat Punto. Auch noch in Rot. Glatt zum Rotsehen war dieser Affe. 

  
Dann ging es weiter. Kleine Straßen über Land, wenig bis keine Autos. Dafür lauter alte Männer, die spazieren gingen und mein strahlendes Tausendwattlächeln winkend erwiderten. Ein anderer Renner setzte sich vor mich, dem ich mich solange an die Fersen heftete, bis er wieder woanders abbog. Er drehte sich kurz um und verabschiedete sich freundlich von mir. Schade, dachte ich. Es macht viel mehr Spaß zu zweit. Ich ratterte einen Waldweg im Stand entlang und fuhr langsam an einer Krähe vorbei. Sie sah mich durchdringend an. Was heißt Piep auf Spanisch? flüsterte ich ihr zu. Sie krächzte irgend etwas als Antwort auf Krähisch und machte in ein paar zierlich hüpfenden Vogelschritten den Weg frei, so dass ich sie langsam überholen konnte.

Straße frei, flüsterte ich und lachte leise, als ich an Herrn Ärmel dachte. Auf dem Weg nach Verl kam mir eine munter quatschende Rennradtruppe entgegen. Ich schaute ihnen etwas sehnsüchtig hinterher und schlug mich zwischen die Felder.

  
Gerüche streiften meine Nase: Heckenrosen, berauschend, Gülle, erbärmlich stinkend, Waldwürze. Kein Geräusch, nur der Wind in den Bäumen, im Korn. Steht schon hoch, das Korn, sagte ich zum Geist und drückte ein Tränchen aus der Erinnerung beiseite, beschleunigte, Straße frei, vierzig, tückischer Seitenwind,ich beschleunigte, Spurt…fünfzig…herrliches leichtes Gefühl…hohe Konzentration…ich lachte in den pfeifenden Fahrtwind und legte mich so flach wie möglich auf den Lenker. Am Marterl mit dem blühenden Rhododendron machte ich Pinkelpause, soff die halbe Pulle leer und setzte mich an den Feldrand. Ich träumte ein wenig vor mich hin, der Geist lag mit sandigen Reifen neben mir. Ich streichelte selbstvergessen das schwarzmatte Gestänge. 
Dann weiter mit den Wolken treiben, das Blut voller Samba, Tango im Kopf, die Sinne unbeschwert.

  
Die Sonne kam heraus, Heuduft kitzelte meine Nase. Sofort kam mir ungehörig Verschwenderisches in den Sinn bei derart dekadenter Grasessüße. Heuduft erotisiert mich bis zum Äußersten. Ich trieb weiter über Land, suchte immer neue Wege, bis ich zum Schluss den einen wählte, der mich wieder nach Hause fand.Nun ist erst mal Ruhe. Bis zum nächsten günstigen Wind, dann bin ich schon wieder drei Spanisch-Lektionen weiter. Sehr gut, lobte mich meine App.Wer bei diesem Wetter drinnen bleibt, der ist ein Depp!Der Geist parkt vorerst halbwegs zufriedengestellt vor der alten katalonischen Truhe mit den sieben Mönchen. Vorerst…

Aus den Geist(er)-Geschichten: Im Zebra-Minirock

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Traf ich letztens meine Busenfreundin, die Sehnsucht. Sie sah verloren aus und war abgemagert, ihre Kleider schlackerten um sie herum und sie hatte sich die langen Haare abgeschnitten wie ein griechisches Klageweib.
Eierte vor mir auf zu hohen Stöckel-Absätzen im Zebra-Minirock die Landstraße entlang. Erst dachte ich, es sei jemand anders. Ich war mit dem Geist unterwegs und pumpte meine zentralheizungsgebeuteltenLungen frei.
Vorher war ich schön schnell gefahren, nun trat ich in die Pedale, dachte: was ich sehen kann, kann ich einholen und fuhr ihr dabei fast in die Hacken.

Sie blieb sofort stehen und ein Lächeln pflanzte sich in ihr Gesicht.
Sie sagte, ich sähe gut aus, rote Backen, Leuchteaugen, sowas.
Ich sagte nichts und schaute sie nur an, weil ihre Augen so verheult aussahen, hatte Angst, die Tränenkanäle zu triggern, wenn ich zu nett zu ihr sei.
Sie sagte in mein Schweigen, sie wüsste genau, dass sie echt beschissen aussähe gegen mich, fragte, wie ich es anstellte.

Willst Du mal eine Runde damit drehen?
Fragte ich sie und machte etwas, dass ich sehr ungern mache:
Ich bot ihr einen Freiritt auf dem Geist an.
Rennräder und Männer verleihe ich normalerweise nicht.
Schon mal überhaupt gar nicht an andere Frauen.
Schwadronierte ich und jagte ihr einen Clint Eastwood-Blick rüber, der sich sehen lassen konnte .
Also dachte ich zumindest…

Sie fackelte nicht lange.
Setzte sich auf den Geist mit Minirock und Stöckelschuhen und fuhr den Berg runter.
Dabei quiekte sie wie ein Schweinchen.
Lag wohl am Wind unterm Minirock.
Oder an der unerwarteten Dröhnung Frischluft.
Oder am Bergrunterfahren.
Oder am Geist?
Der verzaubert fast jeden mit seiner Schweberei.
Ich spürte einen Anflug von etwas äußerst Dubiosem, das ich gleich wieder abschmetterte, weil es mich störte.

Die Sehnsucht hatte, als sie mir den Geist zurückbrachte,
rote Backen und Leuchteaugen.
Ich hätte sie auch weiter mitgenommen.
Aber leider haben Rennräder keinen Gepäckträger.
Zu viel Gewicht.
Aber die Ventilkappen –
die bleiben drauf!
Dieses Jahr gibt es für den Geist welche in Pink, wenn ich kriege, mit Hello Kitty oder Emily.
In memoriam Sehnsucht, meiner alten Freundin im Zebra-Minirock.

Artverwandt (aus den Geist(er)geschichten)

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Erst Winter
erst Weihnachtszeit
Frühling weit
sommersofern
noch nicht
erst den vierten Ritzel richten
lose Schräubchen sichten
Kette säubern
dass die einzelnen Glieder wie geschmiert und leicht wieder fassen
matt schimmernd
Rahmen gewienert
vierter Gang hakt noch
müssen es richten lassen
von wem der mehr davon versteht
als ich.
Mechanische Liebesdienste für den Geist -inniglich.

Wie soll ich den Winter
überstehen?
Dich jeden Tag ansehen
ohne auszufahren?
Geist, ich sehne mich nach dir.
Nach dem leichten schnellen Geisterflüstern deiner schmalen Slicks, wenn Wind mir heiser in den Nacken haucht auf singenden Straßen.
Wenn ich mich umsehe, Landschaft schnell vorüberzieht und alles Seelenleid dem Herz entflieht,
zeitfern, scheinbar grenzenlos im Maß der Kraft in die Weite
die vor mir liegt.
Gefühl wie eins zu sein
mit allem umgebenden Leben.

Warten auf den Frühling,
Rahmen an Rücken,
werden wir
den Winter
bei passender Gelegenheit
zusammen einfach wegdrücken
dafür halten wir uns mit sportlichem Ehrgeiz bereit.

Kommt diese Zeit,
brauchen wir Geduld,
es stehen zwischen den Jahren alle Uhren still,
es herrscht der gegenwärtige,
unerbittliche zweite Weihnachtsgeist,
der nichts mit dir gemeinsam hat
außer der Anrede
doch nicht ist unbedingt ähnlich
im Geist auf den ersten Blick oder weil es genauso heißt.
Unterschiedlichste Geister beflügeln das Land, welch‘ ein Glück,
dass ich unter so vielen,
ausgerechnet dich
mir artverwandt fand.
Das Geschenk des reichen Herzens.