Die Nächte brauchen immer mehr Feuer

Ein Gegenlichtgedicht auf finbars Poem:

Danke Freund, für die Inspiration und ich freue mich, dass Du Dir wünscht, dass ich es blogge als das was es sein soll: Ein Positiv zu einem Negativ. Beides ist notwendig: Die Schatten erst zu benennen, dann sie zu spiegeln. Die Belichtung des Negativs. ☺

Gruß von der Karfunkelfee

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Die Nächte brauchen immer mehr Feuer
sie kommen sonst dem Tode zu nah
Ihre Gesichter werden immer neuer
finden sich nicht mehr
ganz oder gar.

Der Hunger fragt nach mehr Genuss
nach Fülle wo zuletzt nur Leere
wo Jahre enden nach langem Schluss
finden Fische zurück in Meere.

Der Hass ist so vertraut wie nie
er wütet schon seit Jahren
Der Herrgott selbst schickt ihn gen Himmel
dass er die zu Guten vor sich selbst bewahre

Der Tod kehrt zurück in Zeit und Raum
einem Universum mit Liebe als Sphäre
ungeheuer groß in die Unendlichkeit
treibt zuletzt alles Schwere.

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noch einmal intensiv

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 11

blühen, verwelken, vergehen, verwehen

ist in allem

alles feuer kaltet
irgendwann aus
gefühle überaltern
der tod der theorie
herrscht im haus

wer versteht
für sich
die blutige glut
immer wieder
neu zu schüren
treu wie wichtig sich bedenkt
immer wieder
neu
zu verführen
liedert selbst im ableben gut

singt sogar noch
dem tod
sein geschenk
sei es auch noch so
mickrig zittrig bangtief
aus dem bauch
in dem es vorher
frei und ruhig schlief

bleibt es doch
lebens abschiedsdank
noch einmal intensiv

Ganz leise über Nacht

50 Liebes-Sonette für Freyja:

 

ist sommer gegangen

unaufhörlich weiter

aus grünen blättern

verfremdet  gelb in

weiteren distanzen

*

an der bushaltestelle

stehen menschen

griesgrämig grau

gedrückt klein

unbeweglich im regen

*

kommen nebelzeiten

kommt überzeitiges

in  neue traumsaison

still wartet will

worte fließen

richtung oktobergold

suchende gedanken:

herz zieh dich wärmer an!

*

komm an…

leise über nacht

in zärtlichem

gibt nur zu verlieren

was noch nicht einmal war

*

ganz leise über nacht

bleibt frühling treu

an nächstjährigem

dieses versprechen

lockt süß verlangend

im letzten sommerheu

*

kommt tod

sperrt was vorher begehbar

leert was voll

ernüchtert was toll

flüchtet ausleben

um haaresbreite

zoll um zoll

bricht augen

tötet  blind

bis immerdunkel

lang novemberschatten

abendsonnenstrahlen

ein letztes mal atmen

*

ganz leise über nacht

not sich wiegend

mit  zweifel

haut an haut

um das gewicht

von tautropfen

aus dunkleren gründen

pfuhlt sich ein

stellt uhren

gemächlich

schon mal

eine stunde nach

fragt sich wie lange

wie oft die zeiger

noch unruhig um ihre mitte

wandernd

schatten kreisen tanzen werfen

zusammen mit dem andern

 

fragt: wie tief wird wann mein eigenes grab

ausgehoben werden um alles was ich war

zutiefst mit scham und erde zu bedecken?

aschener november dämmert asphalten

am gestrigen horizont herauf

*

ganz leise über nacht

in verschlafenem grau

zusammengerafft was geliebt blieb

überschrieben mit

edelrotem blutblau

bis zum nächsten großen übermut

im sprung anlanden

im ungewissen

nichts für verzagte

dauernd nur

um ihr ständig sterbendes behakt

wird der herbst lang?

wer erkennt seiner

morbider schönheit

wehen klang in

seinem welken unterschwang

*

noch zu lebendig für ein requiem

doch schon zu tot für

hoffnungsvollen frühlingsklang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alien 14 – Tod, Teufel und Turnschuhe

  

Sie benützt Fahrradklammern, damit die Schlaghosenjeans während der Fahrt nicht in die Speichen geraten. Ich komme kaum hinterher, sie fährt wie eine Verrückte. Ihr Fahrradkorb, in den sie die Jacke gelegt hat und obendrauf das pinkfarbene Ringschloss, hüpft während der Fahrt auf und ab. Ich schreie gegen den pfeifenden Wind an: Fahr langsamer, achte die Vorfahrtstraßen! Doch sie lacht nur. Wild, laut und fährt noch schneller als vorher. Mir bricht jetzt der Schweiß aus. Sie tritt mit aller verfügbaren Kraft ihrer vierzehn Jahre in die Pedalen, schwimmt bei den Leistungsschwimmern mit und hat jede Menge Luft in ihren jungen Lungen. Ich kann sie nicht einholen, irgendwann verschwindet sie einfach aus meinem Sichtfeld. Ich suche sie an ihren Orten. Im Park, am Ententeich. Dort ist sie nicht. Im Wald, am Jugendkotten. Der alte Baumstamm liegt verlassen in der Sonne. Ich denke an den Friedhof. Wir hatten uns gestritten. Mal wieder. Wenn wir uns gestritten haben, besucht sie anschließend manchmal den Friedhof. Dort ist sie viel zu oft, finde ich. Aufmerksam suche ich mit den Augen die Straße ab, ob ich ihren langmähnigen Schopf mit den störrischen borstigen Haaren irgendwo leuchten sehe, doch die Straße ist leer. Endlich komme ich am Waldfriedhof an. Ich schiebe mein Rad den breiten Hauptweg entlang. Die Rhododendren und Azaleen blühen. Es ist Frühling, die Vögel singen. Auf dem Friedhof herrscht die eigenartige Stille der Toten. Während ich dem Weg folge, werfe ich Blicke in die Seitenwege, auf die alten moosbewachsenen Grabsteine. Dann biege ich links ab. Dort liegt der alte Kinderfriedhof mit den ungepflegten vergessenen Gräbern. Wie vermutet, steht sie vor Johanns Grab. Sie hat einen Strauß Vergissmeinnicht irgendwo im angrenzenden Wald gepflückt, er liegt auf dem alten verwitterten Grabstein aus grauem Granit, der seine gemeißelte Form schon lange unter dem Zahn der Zeit verloren hat, eher wie ein Findling wirkt. Die drei roten Streifen ihrer Turnschuhe schimmern durch das Grün des ungemähten Rasens. Ihre Messinghaare sehen struppig aus, zerzaust von der wilden Fahrt.

Ich lehne mein Rad gegen eine Bank am Rand des Weges und nähere mich ihr langsam von hinten. Sie sieht mich nicht kommen, steht völlig versunken vor dem kaum erhabenen Erdhügel, der von dem Kindergrab noch übrig geblieben ist. Der Name des Jungen ist kaum noch lesbar auf dem alten Grabstein, die Buchstaben wirken dunkel und verschwommen. Ich komme ihr so nahe, dass ich ihren Teenagergeruch wahrnehmen kann: Eine Mischung aus Schweiß, Jugend und auf Hochtouren arbeitenden Drüsen. Sie riecht nicht wie ein Mädchen. Eher wie ein Junge. Zu viel Testosteron, denke ich beiläufig. Sie trägt nur ein dünnes T-Shirt, unter dem sich das charakteristische Schwimmerkreuz abzeichnet. Dicht hinter ihr bleibe ich stehen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt oder sie will es nicht, das kann ich nicht genau sagen. Ihr Kopf ist gesenkt. Sie weint. Ich sehe Tränen auf das Gras tropfen. Es fällt mir schwer, sie anzusprechen, weil sie so unglücklich ist, doch ich fasse mir ein Herz und versuche es.

Hey, sage ich zu ihr. Hast du den Teufel schlagen können? Sie schüttelt stumm den Kopf. Ich sehe einen Knoten in ihren Haaren. Der wird abends beim Bürsten böse ziepen, das steht schon mal fest. Du warst einfach weg, hast mich hinter dir zurückgelassen, versuche ich erneut ein Gespräch zu beginnen. Doch sie schweigt. Sie hat die Hände vor ihrem Bauch verschlungen, dreht und knetet die Finger. You make me nervous, leave me alone. Sie spricht leise, beinahe tonlos. Warum bist du hier? Was willst du? Ich stelle mich neben sie, so dass ich ihr Profil beobachten kann. Ihr Gesicht ist gezeichnet von schwerer Akne. Sie blüht wie ein Streuselkuchen. Die Haut wirkt braun. Ich weiß, dass dies die dicke Schicht Make-Up ist, die sie sich trotzig jeden Morgen ins Gesicht schmiert, damit man die roten eitrigen Pusteln nicht so sieht. Ich weiß, dass sie sich schämt für ihre Haut. Sie ist kein typisches Mädchen, wirkt eher wie ein langmähniger Junge und doch hat sie etwas an sich, das zutiefst mädchenhaft wirkt. Schließlich wendet sie den Kopf und schaut mir ins Gesicht. Ihre Mimik ist unbewegt und starr, ihre hellen Augen glänzen feucht. Du kannst mir auch nicht helfen. Sagt sie und wendet sich wieder dem Grab zu. Glaubst du, Johann kann dir helfen? Frage ich sie und zeige auf den alten Grabstein, auf den sie den Strauß Vergissmeinnicht abgelegt hat. Sie zeichnen sich überhell blau ab vor dem verwitterten Granit. Er ist seit über vierzig Jahren tot, du besuchst einen toten Jungen. Trotzig schiebt sie ihre Unterlippe vor. Er versteht mich, sagt sie. Ihm kann ich das alles erzählen. Wem könnte ich das sonst erzählen? Er weiß wie es ist, tot zu sein. Er findet mich nicht hässlich wie die anderen. Er findet nicht, dass ich kein Mädchen bin. Ihn stört nicht meine Haut und auch nicht, dass ich oft ernst bin. Ich lese ihm Shakespeare vor. Er lacht mich nicht aus, weil ich auf Beethoven und Mozart stehe, weil ich eigenartig bin, nicht zuzuordnen, anders. Ein pickeliger schwammiger Weißfisch, nicht Junge, nicht Mädchen, irgendetwas anderes. Er spottet nicht, weil ich kein Rad schlagen kann, obwohl ich es immer wieder übe. Er weiß, wie es ist, immer allein zu sein und keine Freunde zu haben. Nicht eingeladen zu werden, wenn Feten gefeiert werden. Immer mit Jungs herumzuhängen, weil die Mädchen nichts von dir wissen wollen. Mit einem uralten Fahrrad herumzufahren, das älter ist als du selbst. Da ist so vieles, das er weiß. Er hatte keinen Mathelehrer, der ihm vor der ganzen Klasse sagte, dass du dumm bist, weil du nicht gut rechnen kannst und die Textaufgaben nicht verstehst. Er weiß auch nicht wie es ist, hinter den anderen herzurennen und zu versuchen wie sie zu sein, irgendwie normal. Doch er hinterfragt es nicht, so wie du es tust und alle anderen. Er hört mir irgendwie zu, obwohl er tot ist oder genau deswegen. Er ist so alt wie ich, lies die Inschrift. Er hat es hinter sich, dieses beschissene Leben. Wie lange muss ich leben? Kannst du mir das sagen? Wie lange noch muss ich das aushalten? Diese Einsamkeit, diese Fragen, dieses ganze Anderssein? Das Gemiedenwerden. Das Tuscheln hinter dem Rücken, wenn ich vorbeigehe. Das Lachen, wenn ich versage. Ich wollte, ich wäre tot.

Sie tut mir entsetzlich Leid. Ich kann sie verstehen und trete noch etwas näher an sie heran. Sie ist wie eine personifizierte Negation, dermaßen körperlich, dass allein ihre Ausstrahlung, ihre Präsenz wie eine geballte Abwehr wirkt. Fass mich nicht an! Zischt sie mich mit blitzenden Augen an. Ich stinke. Ständig stinke ich! Dieses Scheiß-Pubertät! Ich hasse sie! Ich hasse mich und dich hasse ich auch! Doch sie kann mich nicht schrecken, wie die anderen, die sie durch ihre Heftigkeit oft verjagt. Ich kenne ihre Ausbrüche, ihre ungeheure Wut auf das Leben und die Welt wie sie ist und ich kann sie verstehen, obwohl ich nicht Johann, der tote Junge bin. Das sage ich ihr. Die Pubertät wird vergehen, füge ich hinzu. Die Einsamkeit nicht. Du wirst einsam bleiben. Immer. Es gibt Menschen, die einfach so sind. Ich kann dir nicht sagen, warum es so ist. Sie sind wie Aliens. Sie verunsichern die anderen manchmal, eben weil sie anders sind. Mädchen im Teenageralter sind albern, kichern viel. Bei allen spielen die Hormone verrückt, nicht nur bei dir. Doch du hattest in deiner Genetik besonders viel Pech. Bei dir schwankte der Hormonhaushalt wie ein Wackelaugustin hin und her. Im Augenblick hast du zu viele männliche Hormone und ein paar Jahre später flippen deine Östrogene aus. Es wird lange dauern, bis es sich eingependelt hat. Viel länger als bei den anderen. Alles dauert bei dir viel länger. Das ganze große Erwachsenwerden. Weil du ein Mädchen bist und die Kommunikation brauchst und weil du leider auch wie ein Junge bist und ziemlich analytisch und lösungsorientiert zu denken pflegst. Damit jagst du den Mädchen Angst ein, weil du wie ein Typ denken kannst und den Jungs, weil du eben auch ein Mädchen bist und romantisch bis unter den Haaransatz. Das kann niemand wirklich einordnen. Verstehst du? Du bist kein Schubladenmädchen, du passt nirgendwo hinein! Jetzt und noch lange wird ein großes, ein riesiges Durcheinander in dir herrschen. Niemand wird dir dabei helfen können, das zu sortieren. Dein trockener und morbider Humor kann dir helfen, dir ein dickeres Fell wachsen zu lassen. Irgendwann wirst du feststellen, dass du den anderen voraus hast, was sie später im Alter vielleicht sehr bitter lernen müssen: Alleinsein zu können.

Alleinsein ist etwas, das du par excellence beherrscht. Weil du es von Kind auf lernen musstest, das auszuhalten, obwohl du dir dein Leben lang etwas anderes gewünscht hast. Du hast wenige Freunde, sehr wenige. Diese jedoch sind verlässlich und sie verzeihen dir, dass du ein Mensch bist, der immer wieder zu sich selbst die Nähe suchen muss, um sie den Freunden wiedergeben zu können. Selbst, wenn das bedeutet, dass du dich manchmal ganz zurückziehen musst.

Nun weint sie richtig. Sie schüttelt sich wie ein junger Hund und ich kann sehen, wie sie sich verzweifelt versucht, gegen diese Aussichten zu wehren. Wie soll das denn weitergehen? Schreit sie schließlich. Soll ich eine Einsiedlerin werden? Mein Leben lang unglücklich? Die anderen immer nur aus der Ferne betrachten? Wissend, dass sie mich ablehnen, weil ich bin wie ich bin? Kummer und Einsamkeit haben einen besonderen Geruch. Diesen kann ich jetzt bei ihr wahrnehmen. Es ist eine spezielle Mischung, die kaum zu beschreiben ist. Doch ich habe sie schon bei vielen Menschen gerochen, die zutiefst unglücklich waren. Ich streichele sanft, etwas unbeholfen über ihren Rücken. Du bist ganz schön stark, sage ich. Das wirst du bleiben. Du wirst an manchen Stellen deines Herzens eisenhart werden, eine echte Amazone. Doch auch eine weiche Frau. Die zeigst du anfangs nicht jedem. Lerne, es zu vereinen. In den richtigen Momenten hart zu sein, wenn Härte gebraucht wird. Denn da draußen ist die Wildbahn und es gibt in ihr jede Menge echter Arschlöcher. Gedankenlosigkeit, Berechnung und Falschheit kannst du immer nur Härte entgegensetzen. Du wirst lernen, es zu erkennen, wenn jemand dir etwas vormacht. Doch dir werden auch genügend ehrliche Leute begegnen, bei denen du weich sein darfst und ihnen das zeigen, das noch in dir ist. Die anderen lässt du vor deine Fassade knallen bis sie sich an dir die Zähne ausschlagen. Lerne! Mein Griff in ihr weiches verschwitztes weißes Fleisch wird härter. Es geht darum zu überleben! Verstehst du nicht? Das da draußen ist kein Zuckerschlecken, kein Picknick! Du bist geil nach Wissen, weil du weißt, dass du damit schlagfertiger wirst. Denen gegenüber, die meinen, dich fertigmachen zu können, weil sie glauben, dass du Frau gleich Opfer bist. Beiß sie weg! Fahre ihnen weg! Auch denen, die meinen, dass sie dich einfach vergessen können, obwohl du alles tatest, um ihnen eine Freundin zu sein. Vergessen ist die härteste Strafe, die du jemanden antun kannst. Vergessen werden will niemand. Lerne, dein Herz zu zähmen, doch zähme es nur für dich selbst. Bei den anderen darf es ruhig undomestiziert, wild und frei sein und bei denen, bei denen es sein muss, lass dein Herz der böse Wolf sein.

Sie schaut mich an. Der Wind kühlt mild und lau unseren Schweiß. Ich habe mich in Rage geredet. Sie lächelt tatsächlich unter ihren vielen Pickeln. Ich habe so viele Fehler, sagt sie leise. Was mache ich damit? Ich ziehe sie an mich heran und nun rieche ich das andere in ihr, das, was ein Mädchen ist, durch und durch. Irgendwie blumig und süß. Haben andere keine Fehler? Frage ich sie. Schau sie dir an, diese Welt. In ihrer ganzen Oberflächlichkeit und all dem Hype, der um alles Mögliche veranstaltet wird. Wer dich sucht, akzeptiert dich auch so wie du bist. Vielleicht freut er sich, wenn du an dir arbeitest und versuchst, dich besser zu machen, wenn du lernst, mitmenschlicher zu werden. Doch verbieg dich bloß nicht mehr und krieche um Gottes willen niemandem mehr in den Arsch. Schon gar nicht denen, die meinen, dass sie selbst ohne Fehl und Tadel seien. Und davon gibt es mehr auf der Welt als Grashalme hier auf diesem alten Kinderfriedhof. Frag deinen Johann! Er war vierzehn als er starb, noch nicht mal ganz vierzehn und er wurde auch vergessen, schau dir sein Grab an. Das ist doch der wahre Grund, warum du ihn besuchst. Es ist jener tiefe Wunsch, nicht vergessen zu werden von der vergesslichen gedankenlosen Welt. Nicht eingeebnet zu werden, weil du überflüssig bist wie ein altes Kindergrab mit einem Jungen, von dem du nicht einmal weißt, warum er damals in den Dreißigern starb. Für immer und ewig, lautet die Inschrift auf dem Stein. Du hast sie ernst genommen.

Weiß er es wohl, dass ich hier stehe? So oft, so lange und Blumen bringe? Ich lächele und ordne die wilde Mähne auf ihrem Rücken. Klar, antworte ich. Tote wissen alles. Sie hören alles, sie sind um uns. Er freut sich, dass du da bist. Er hat dich oft getröstet, still, in der besonderen Art und Weise, wie es Toten zu eigen ist. Ohne groß Worte zu machen. Einfach durch das Gefühl, dass sie sich freuen, wenn du an sie denkst. Sie sind Geister. Nun gehen wir, ja? Wir machen eine Reise durch die Zeit und du wirst sehen, dass manches bleibt, wie es immer war. Der Duft blühender Azaleen und der Geruch frischgemähten Grases, in das du dich gern legst. Manches wird auch anders sein. Die Welt ist lauter geworden als sie damals war. Du wirst oft die Stille deiner Jugend vermissen. Es wird mehr Autos geben und noch viel mehr Oberflächlichkeit. Doch wenn du zum Himmel schaust, wirst du die alten Sterne sehen. Sie haben sich in der kurzen Zeit nicht verändert und manchmal wirst du dort deine geliebte Stille finden im kosmischen Atemanhalten und Lauschen. Nun ist sie weich geworden, sie lässt ihre Schultern hängen. Ich sehe, wie sie in ihrer Jugend nach innen blutet, ohne dass es jemand bemerkt. Sie geht langsam zu ihrem Fahrrad, das sie an eine Föhre gelehnt hat. Eine alte hellblaue NSU, wird schon lange nicht mehr gebaut. Es gehörte ihrer Tante. Ihr Großvater hatte es ihr wieder hergerichtet, die Fichtel & Sachs-Gangschaltung repariert, die Kette geölt. Mein Bergamont-Trekking-Rad wartet an der alten verwitterten Bank. Ich grinse sie an. Weißt du eigentlich, was du für ein geiles Fahrrad hast? Es ist antik! Es ist inzwischen eine echte Rarität, das war es schon, als du es bekamst. Und du bist allen, auch den Jungens auf ihren tollen Rennrädern damit weggefahren. Was glaubst du, wie sehr du diese eingebildeten Typen damit geärgert und beeindruckt hast. Ist dir das klar? Sie steigt auf ohne sich anmerken zu lassen, ob sie gehört hat, was ich sagte. Dann tritt sie in die Pedalen. Ich muss mich gewaltig anstrengen, um ihr hinterherzukommen und ich staune, wie frei und gelassen sie jetzt schon wirkt, sobald sie auf ihrem uralten Fahrrad sitzt und mal wieder den Teufel schlägt. Ich denke, auch das, sollte ich ihr bei passender Gelegenheit unbedingt mal sagen.

Edgar Allan Poe und die Hoffnung

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Ich nahm deinen schweren bewegungslosen Körper auf die Arme wie ein altes geliebtes Kind. Brach mir fast das Rückrat, so schwer warst du auf dem letzten Weg. Ich hörte dir genau zu, doch ich konnte noch nicht genügend Vokabeln deiner fremden Sprache, um alles verstehen zu können, was du sangst, obwohl ich deine Sprache täglich übte.
Meiner Sprache warst du nicht mächtig oder wolltest sie nicht lernen, darum wünschte ich mir, die deine zu lernen, damit es leichter für uns würde miteinander zu singen.
Wie sehr hatte ich mich auf die Zukunft mit dir gefreut!
Zuletzt sangst du nur noch sehr leise. Deine geliebte Stimme wurde zu meinem Atem und stieg auf, wurde Gleichgültigkeit in klarer kalter Luft.

Du kamst verrückt und müde vor lauter Ansprüchen und Erwartungen bei mir an. Die Leistungsmentalität hatte dich im Hamsterrad der Alltage überkonditioniert, die Oberflächlichkeiten von dir Besitz ergriffen, die Angst hatte dich im Schwitzkasten der Gefühle gequetscht, bis du beinahe dran ersticktest, du warst voller Vourteil, Unsicherheit, Misstrauen und Zweifel. Sie hatten dich gründlich vergiftet. So war alle Pflege und alles Wissen, das ich lernte, um mehr über das, was dir fehlte zu erfahren, am Ende doch nicht genug gewesen.
Hörtest einfach auf zu leben und schrumpeltest klein und faltig zusammen im Erschlaffen. Wurdest stumpf, verlorst deine Farben. Wurdest spitz, sparrig und steif wie irgendein totes unbeseeltes Ding.
Dabei war das, was von dir übrig blieb, dein einstmals festes Muskelfleisch in der Berührung schwammig und widerstandslos geworden.
Es ist schwer für mich, etwas zu verlieren, das so lebendig war wie du.
Gefunden zu werden, nur um als Sterbebegleitung noch einen letzten Menschenjob zu machen für etwas Unsterbliches, das zuletzt in dummen Sprüchen und Lügen immer sterblicher wurde.
Doch was lebt, vergeht, schafft Platz für das Junge, Nachkommende.
So ist das Gesetz.
Ich lege dich geschützt, mit allem versorgt, in eine dunkle Höhle und ziehe Blumen dran hoch. Dort findet dich niemand, kann dir niemand mehr etwas zuleide tun.
Ab und zu werde ich dein Grab besuchen.
Ich kann Edgar Allan Poe verstehen. Seine größte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Kann es etwas Schlimmeres geben als lebendig begraben und schließlich vergessen zu werden, während du im Dunkeln stirbst?
Darum suchte ich einen Ort an den Licht und Luft kommen und er ist so, dass du ihn jederzeit wieder verlassen könntest.
Eine Reminiszenz an E.A.Poe, dich und die Idee des Überlebenswillens schlechthin, um optimistisch bleiben zu wollen.

Du bist von mir gegangen. Ich gab dir sogar Menschennamen. Nun ruhst du in Frieden, welch Schicksal dir auch beschieden sei und ich, die dir treu und glücklich diente, bis du starbst, bin frei.

Tod

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Manchmal kommst du,
fliegst vor dem Morgen her
noch lange bevor die Sonne aufgeht.
Berührst mit deinen schwarzen kalten Fingern,
versuchst im ersten Licht der Dämmerung
das entsetzte Bewusstsein zu klammern so dass es aus dem Fenster springen möchte, in der Gewissheit, dass alles allein sinnlos ist, dass das Leben vergänglich, zu müde zu fragen, wozu dieses dauernde Einsamsein dient, einzig der Erkenntnis, allein zu bleiben, Selbstgespräche zu führen, um nicht allein zu sein oder ein Lied zu pfeifen, wenn niemand da ist, bis auf dich und deinen dunklen Sinn, der tief in sich pervertiert und entartet dem Leben zuwiderlaufen und befehlen will,
stark wie eine Armee
verführerisch wie Bewusstlosigkeit
weit wie das All
sternlos, mondlos und seltsam gleichgültig fremd, erscheinst du in dem nackten Schmerz, der bloß gelegten Angst, der traurigen Einsamkeit voll bekleidet als ein inniger Freund, der erlösen will, der etwas zu geben hat, obwohl er nur nimmt.

Vor dir wird jedes Alter ein hilfloses nacktes und verwirrtes Kind sein, blind und ergeben, dir vertrauend, während du sein Leben nimmst und du seine Seele wer weiß wohin beamst.
Wehe dem, der deine schreckliche Schönheit verkennt, Gnade dem, der dich, Tod, einen lieben Freund nennt.