ABC-Etüden: Nereidenfarben

Liebe blogfreunde,

Textstaub lässt mich nicht los. Ein Text, der durch einige blogfreunde mitinspiriert wurde. 

Ich verarbeitete so verknappt wie möglich mehr als drei abc-wörter, doch nicht alle, zum Beispiel gefielen mir die Backerbsen hier drin nicht und ich baute meine gestnächtliche Wanderey durch die fensterklappernde Wind-Nacht mit ein. 

Einige Beiträge von heute Morgen flossen ein in meinen Text. Hier die Links zu den Beiträgen, die mich zu diesem Text verlockten:

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/19/schreibeinladung-abc-etueden-kuerzestgeschichten-textwoche-8-17-mit-neuen-woertern-hinten-dran/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/17/abc-etueden-kw-7-17-worte-koenigin-backerbsen-korallenriff-die-inszenierung/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/12/schreibeinladung-abc-etueden-kw-7-17-worte-by-margarete-helminger/

Kata-Strophen No. 5 / abc-Etüden (der Buchgeist und der Schokoladenengel)

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/21/coolsein-war-gestern/

https://wildgans.wordpress.com/2017/02/21/wort-des-tages-21-februar-2/

https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/02/19/fading-2/
Ich wünsche Euch viel Lesefreude.

Hans Christian Andersen hat leider keinen blog, doch ich bedanke mich auch bei seinem Geist für die große Fülle, die er in mir hinterlässt.

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, es höre jemals auf. Untröstlich bleibt so manches: die goldene Hochzeit niemals erleben zu können, weil zu viele Träume gewaltsam mit dem Recht der ersten Nacht entjungfert wurden. Klar können sie nach wilden verschwitzten Nächten mit Schokolade besänftigt werden. Doch wie lange hält das vor? Nicht einmal eine Buchseite lang. Kein Wort kann die kosmische Kälte der Nächte erfassen. Kein Stern ist weit genug entfernt um die Vergeblichkeit dieses Lichtes zu beschreiben.
Die Bücher waren in einem unruhigen Wellengang in lauter Leerzeichnungen untergegangen und dafür blähte sich ein Angstmond auf. Im Wald wieder Knalleffekte, Störgeräusche und dann das tropfende Schweigen der erbeuteten Geduld, mit der dünnes Blut in kleinen Pfützen auf dem Küchenboden herumschwimmt. Zu spät die Scherbe gesehen, das Trümmerstück des alten Spiegels, ein Schmerzgesicht zuletzt. 
Vergeblich zum Schrank zu gehen mit dem nur schlampig verbundenen Fuß, das sammetwilde Meerjungfrauengrüne Maulbeerseidene herauszukramen und sich wie eine Königin die Korallenkette der Mutter um den Hals zu legen, sie dabei heimlich zu fragen, warum immer noch den Frauen wenn sie lieben wollen, die Sprache fehlt als hätten sie abgeschnittene Zungen und warum ihnen bei jedem Schritt ihr Gefühl wie tausend Messer in die Füße fahren muss. Dann blutet der Fuß wieder los. Diese untröstliche Wunde verweigert einfach die Heilung. Der Raum schmeckt metallisch nereidenfarben. Sie  zerrinnt darin. Korallenrot.

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eins, zwei, drei, schwarzer Mann…

Liebe blogfreunde,

der hier vorliegende Text bezeichnet keinen Menschen, sondern setzt sich mit Alpträumen auseinander, die mich seit Kindheitszeiten quälten. Es ist ein Kriegstext, es ist dunkler Text, eine Kampfansage, die mir letztlich viel bedeutet wenn ich sie blogge, weil sie der Angstenergie etwas entgegensetzt: Mut und den Willen sich aufzulehnen, wenn etwas droht, der Seele, dem Körper, dem Geist, Gewalt antun zu wollen. Ich bin eine Pazifistin und lehne Gewalt ab. Doch manchmal ist eine Notwehr, eine Kampfansage erforderlich um zu zeigen, dass man theoretisch und auch praktisch die Kraft aufbringt, sich jederzeit wehren zu wollen. Ich lernte zwar vor dem schwarzen Mann zu fliehen in meinen Träumen, doch hier kommt jetzt endlich, nach langer seelischer Arbeit der Lohn: Das Stellen. Die meuternde Beute. Das Auflehnen, die Rebellion und schlussendlich eine Stärke, die so souverän sein kann, dass sie keine schwarzen Männer mehr zu fürchten hat, weil sie stark genug geworden ist, sich ihnen und ihrer Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit, ihrer Kälte und Gefühllosigkeit und ihrer Feigheit entgegenzustellen. Notfalls eben auch mit ihren eigenen Waffen. Nur den weißen Männern schenke ich meinen Frieden und meine Weiblichkeit.

Wer schwache Nerven hat, sollte das Lesen hier bei diesem Text bitte unterlassen. Ich habe recht furios die Seele frei geschrieben, es musste und wollte genau so herauskommen.Die Karfunkelfee hat auch dunkle Facetten, darum wählte ich vor acht Jahren dieses Pseudonym, das ich mir aus Ingeborg Bachmanns Gedicht „Das Spiel ist aus“ sowie dem Mythologienschatz entlieh.

Danke für Euer treues Leseinteresse, Eure Kommentare, Eure Sternchen, Eure Sympathie! Ich bringe sie zu Euch zurück so gut ich es mit meiner wenigen Zeit vermag.An dieser Stelle begrüße ich auch herzlich alle Neuankömmlinge der vergangenen Monate. Ich habe Euch freudig bemerkt und will meine Blogroll erweitern. Schön, dass Ihr da seid. Ich wünsche allen weiterhin eine gute Lese- und Musikzeit bei mir im Kinderkönigreich.

Liebe Grüße von Eurer Karfunkelfee

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Du bist mein schwarzer Mann. Ich weiß mittlerweile wie du bist und sein kannst. Aus meinen tiefsten Träumen, in denen du mich immer wieder ermordet hast, schon von Kindheit an, mit einem Messer in die linke Seite. Während ich verblutete und mich vor Schmerzen krümmte, hast du lächelnd mein Gesicht gestreichelt und dich weggedreht um dein nächstes Opfer zu suchen. Du Schlächter, Herzmörder, Schatten und Gift meines Lebens! Wie sehr ich dich hasse, abgrundtief, wie sehr, vermag nur dein Name noch zu verraten und den spreche ich nicht aus, denn Namen sind Macht und Macht hattest du lange genug über mich.

Dein Herzeiter quillt aus der von deinem Gift entzündeten Wunde, hier fließt er mir direkt aufs Papier, gelbgrün und giftig schmerzend. All deine Wut, all deinen Hass, deine Unzufriedenheit und dein Böses lasse ich heraus und in dich zurückfließen, denn nur zu dir gehört es und nur dich soll es töten, damit ich weiter in mir Kraft gewinnen, heilen und gesunden kann von dir, schwarzer Mann mit dem mir teuflisch erscheinenden Namen! Du kannst nichts dafür, dass du heißt wie du heißt, doch für dein gewissenloses kaltes Verhalten kannst du etwas! Für dein gedankenloses Spiel auf der Klaviatur meiner Gefühle zeichnest einzig allein du verantwortlich. Du gehörst zu den Nutzern einer Sache, das ist deine Qualität. Du handelst grundsätzlich hochzweckorientiert und setzt deine Wünsche manipulativ zielgerichtet um. Du gehst buchstäblich über Leichen; du bist ein Pokerface vor dem Herrn, lügst wie gedruckt und siehst mir dabei geradewegs in die Augen. Nur wenn ich dich länger anschaute und deinen Blick erwiderte, hieltest du dem meinen nicht allzu lange stand., vielleicht war dies ein allerletzter kärglicher Rest deines Gewissens, das du in fossilen Urzeiten irgendwann haben mochtest? Alles andere verdrängst du, was kümmert dich schon das Leid und Elend der anderen, du hast mit deinen eigenen schließlich schon so viel zu tun, nicht wahr, mein Liebster? Du bist so zeitlos uralt und verdorben, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht schaffen zu werden, ach, was! Nicht in hundert Leben…

Du bist ein Jäger, ein ewig Suchender, ein Räuber, ein Scharlatan und die Gretchenfrage ist dein Lockruf. Du bist ein Blender, der sich selbst zu wichtig nimmt und dabei alles andere aus den Augen längst verlor. Was du fixierst, erlegst du gründlich, bis es nicht mehr zuckt. Die Eingeweide deiner Beute reißt du aus ihrem Leib heraus und hängst sie mit ihren eigenen Tränen eingesalzen zum Dörren zwischen die Äste der Bäume. Das sterbende Tier juckt eine Kreatur wie du es bist nicht die Bohne. Es ist dir egal. Hauptsache, du hast deinen selbstgerechten bedürftigen Willen bekommen! Das ist alles, was für dich im Leben noch zählt. Du, du und immer nur du. Du widerst mich an mit deiner Egozentrik, deinem immerfort nur um dein du Besorgtem. Du bist nichts wert, was deine äußerliche und oberflächlich agierende Spaß- und Funmentalität  rechtfertigen würde.

Du stehst mir ein weiteres Mal gegenüber, flachgesichtiger zerfurchtlinierter Schwarzer. Lächelst mich selbstverliebt kokettierend an und tust gerade so als würde ich dir anerkennungssüchtigem Selbstdarsteller und Narzissten irgendeinen mickrigen Dreck bedeuten. Die Flaneure beider Seiten neben uns, weiße gesichtslose Wesen, sie starren. Ich bin nackt und bloß und stelle mich dir endlich einmal. Du gehst auf mich zu wie jedes Mal bisher, wie immer, das Messer locker in der Hand tarierend, ein selbstgefälliges Lächeln in den Augen so blau wie Gletscherbergseen. Kenne ich schon, diesen Blick von dir, schon gefühlt gevögelt hundertzigmillionen Mal! Ich lernte fünfzehn Jahre lang fliegen wegen dir Arschloch! Ich lernte Kampfsport, ich lernte die Karateregeln des Shodokan auswendig um dir in meinen Träumen furchtlos begegnen zu können! Ich schaute mir abends Kampfsport an und tue es noch, die K1-Kämpfe im Muay-Thai, Boxkämpfe und jeder High Kick, den ein anderer in die Fresse bekam war eine Übung für mich, für meinen gezielten Tritt, mit aller Kraft geführt, in deine dämonische uralte faltige Visage!

So spielte ich Uhrwerk Orange mit mir ausdrücklicher Pazifistin und jetzt stehst du hier vor mir und wagst es mich so anzusehen? Du glaubst, ich kann mich nicht bewegen? Du denkst, ich kann nichts tun? Ich werde dir sowas von in die Eier treten! Dein Messer nehme ich dir ebenfalls weg und hol mir deinen Skalp, Mann! Los, komm schon…ich stehe hier und in Kampfhaltung. Ein Messer? Du willst mir damit Angst machen? Mir? Die ich tausend Indianerromane las und Beschreibungen von Messerkämpfen las, weiß, wie man Arschgeigen wie dich effektiv entwaffnet! Ich kann nur noch müde lächeln über dich. Los komm, traust du dich etwa nicht? Du zögerst ja? Ich habe dir zu viele Muskeln bekommen, richtig? Ich bin nicht mehr das hilflose weiche romantische schwammige und schüchterne Mädchen, dass du glaubtest, mit deinem Charme kapern zu können.

Hier steht etwas anderes vor dir.  Hier steht eine Frau, die gelernt hat, im Leben zu kämpfen für das was sie will. Dich will ich nicht. Schon lange nicht mehr. Ich dachte mal, ganz früher, ich bräuchte so einen selbstherrlichen Klappspaten wie dich um mich zu beschützen. Ich dachte mal, solche hirnamputierten Scheißkreaturen unterster Höllenkreise wie du, seien beeindruckend! Ich war echt so blöd, so bescheuert, so gnadenlos dumm und ich habe für meine Dummheit bezahlt mit bitteren Tränen. Menschen wie du einer bist, sind grundsätzlich Täter, sind nie Opfer und können sich, weil sie sich selbst jedoch als Opfer empfinden, nie eine wirkliche Opferseele verstehen. Sie schützen sich gegen Verletzungen mit ihren kugelsicheren Herzen. So bist du. Ein kugelsicheres Herz, längst verroht, längst zu gallenbitterem Schwarz verhärmt, durch und durch.

Was ist das nun? Du zweifelst, schwarzer Mann? Vor mir etwa? Komm schon, du stehst da ja immer noch teilnahmslos herum und überlegst? Legst die Stirn in Falten? Wegen mir etwa? Passe ich dir nicht mehr in dein Jägerkonzept? Deine Beute meutert! Die Gaffer warten schon, sie wollen  Blut, das weißt du, oder? Sie gieren nach Blut, welches ist ihnen sowas von Achtundachtzig. Ich werde dich langsam zu Tode spielen oder es schnell machen, das darfst du dir gern aussuchen. Du darfst auch fliehen, du blöde armselige Lusche! Du hast doch eh keine Eier in der Hose, zumindest sind sie so klein, dass ich ihren Sitz nicht wirklich ausmachen konnte, als ich zum ersten Mal voll in deine Überraschung hinein fest zutrat und dabei habe ich echt sensible Füße. Na, nix los im Schritt bis auf bedauernde blöde Sprüche? Bist in die Jahre gekommen, was? Nix mehr mit Libido? Macht dich nur noch Essen froh, schwarzer Mann? Warte, ich schneide dir mit deinem Messer deinen behäbig gewordenen Speck von den Rippen und brate ihn mit grünen Tomaten. Dann lasse ich dich dein Fett fressen bis du dran verreckst, so mache ich das. Dann betöre ich die Bienen und sende sie aus, in deine Richtung. Mit ihrem süßen Gift sollen sie dich langsam und genüsslich zu Tode stechen. Nein. Das wäre zu viel der Lust, des Begehrens für dich armselige Höllenkreatur. Perlen vor die Säue, du hast nichts verdient, außer meiner Gleichgültigkeit Typen gegenüber wie du einer bist. Fügst du anderen Schaden zu und bekomme ich das mit, hast du mich auf der Pelle sitzen und ich werde dich durch sämtliche Höllenkreise bis ganz nach oben und wieder nach unten jagen, mein liebster alter Lieblingsteufel! Bis ich dich gestellt habe, Du uraltes böses Gezücht, aus welchen Tiefen du auch immer emporgestiegen sein magst wie ein Faulgas!

Ich wache heute Morgen auf und das Gefühl in mir bleibt, dass ich ein Remis erzielt habe. Zum allerersten Mal ein Remis mit dir! Darum, mein holder Schwarzer, hier meine Kampfansage an dich:

Für das, was du mir angetan hast, verlange ich eine Rechtfertigung von dir. Für jahrzehntelanges tiefes Leid. Falls du dich das traust, denn du bist der größte Feigling, der mir jemals unterkam. Ein Betrüger und Schweiger vor der Sonne. Du bist weniger noch als nichts, nur eine Ausgeburt der Hölle, nur ein weiterer Teufel in dieser Welt, auf dieser Erde, dem Einhalt geboten werden muss. Dein Opfer hat sich stark gemacht, hat trainiert, für diesen Kampf mit dir. Das, obwohl dein Opfer Gewalt hasst, durch und durch ein Pazifist ist. Am liebsten wäre es mir, du würdest einfach still Leine ziehen und dich aus meinen Träumen subtrahieren. Dann bräuchte ich keinen Dreck zu machen mit dir. Welches Säuberungskommando räumt anschließend auf meiner Traumstraße das weg, was ich von dir übrig lassen werde? Ich habe die Geier und Raben der Dachmas vom Malabar Hill  schon gerufen und ihnen Futter in Aussicht gestellt. Ich baue dir ein eigenes Dachhma, einen Turm des Schweigens, was hältst du davon? Fange ich gleich heute mit an. Jeder einzelne Stein steht für einen meiner unzähligen Schmerzen; Leiden und Tode, die du von mir über Jahrzehnte eingefordert hast, als sei es dein verdammtes natural born angestammtes evolutionäres Erbrecht! Ich werde deiner Leiche einen hohen Turm bauen, damit dein schwarzer Geist endlich befreit wird und wieder ins Licht zurück kann. Vielleicht gibst du dann endlich Ruhe, böser Geist und lässt mich wie auch andere  ein für allemal in Ruhe.

Bis zum nächsten Mal, schwarzer Mann. Ich freue mich schon, dir ein weiteres Mal zu begegnen.

Ich werde  dich nicht suchen, doch wenn du wiederkommst, bin ich da und stehe kampfbereit.

Es wird Zeit.

Eins, zwei, drei, schwarzer Mann, versteck dich lieber schnell!

Schau in den nächsten Morgen: Die Sonne steigt, so schmerzend lichthell.

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Bis das Maß voll ist

  
In deine Augen weine ich herbstrote Blätter; in meine kleine Ewigkeit den kurzen gewaltig großen Trost randvoll betrachtet im Wellenmaß haltlos umnachtet als ich in dich vollkommen komme suche ich Frieden im Glanz deiner Stadt vor den offenen Toren; liege ich im Sand das Wasser aufgebraucht die Tränen vergoren verbrannt und verloren in all dem was du bist, wirst du in meiner Erinnerung Schall und Rauch. Ist es der Mond der mich mit meiner Blöße bedeckt ist es dein abgewandter Blick der mich erneut aufschlägt als ich erkenne, dass jede Träne die ich dir einst schenkte Trugs flüssiger Schein ist, der nichts vergisst. Ich renne in meine Vergänglichkeiten zu dir und komme bei mir an. Am Ende kreise ich über der strukturellen Zerstörung in einem neuen Anfang. 

Du nimmst mich im Zwielicht meines Wissens und reißt mich auf bis auf den tiefsten blassesten Grund. Ich werde wild, singe dir ein Kriegerlied vom Leben, vom Lieben, vom Vermissen, schlage dir entgegen, werde in deinem Begehren gesund. 

Bis das Maß voll ist will ich leben, will ich lieben, will ich geben. Alles was ich weiß schenke ich dir. Das Alte und das Neue. Das beständige und treue. Das was nicht ist und noch wird. Das Ungewisse, das eine neue Zeit gebiert. Das Harte findet das Weiche im unermüdlichen Umkreisen rund.

Einsam geht es sich auf unvertrauten Pfaden. Herbst ist ein Lied: blau wie Blut, bunt voll Gier, fahl wie die zarte Haut an deinem Hals, in den ich so gern beiße. Zukunftsangst ist ein wütendes Tier, Ressentiments will es wie Impalas auf der Flucht in hohen Sprüngen reißen. Ich will es wegbeißen. Habe es sämtlicher Illusionen beraubt. Wer träumt, der noch glaubt.

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Midsun, Musen und die Männer

  

Gestern dachte ich den ganzen Tag an die Sommersonnenwende – Midsun. Widme ihr sonst immer einen Text und kam vor lauter anderer lästiger Arbeit nicht zum Schreiben. Ziemlich angefressen, mit der lamentierenden und protestierenden Muse im Rücken, fiel ich ins Bett, ignorierte aufgrund meines fortgeschrittenen Alters die nervende Hirngeburt in meinem Zimmer, bot ihr höflich eine Tasse Baldriantee an und beschloss, so gut es eben möglich war, ihre hartnäckige Anwesenheit zu ignorieren. Ich hörte das schnöde abgewiesene Geschöpf aus Richtung Schreibtisch flüstern: Ey, Alte, so alt wie Du bist, kannst Du gar nicht mehr werden! Um halb elf abends die Klüsen zuklappen? Früher warst Du anders drauf! Das bisschen Arbeit! Nächtelang schriebst Du durch! Komm, wir knutschen! Ich drehte mich zur Seite und murmelte was von elysischen Traumgefilden, dass wir uns dort wiedersähen und dass ich mir bereits die Zähne geputzt hätte. Prompt jammerte sie noch lauter als zuvor und begann mir etwas von Gewissenspflichten und lyrischem Verantwortungsgefühl zu erzählen. Willnichgehwoandersknutschen, kam es schwächelnd von mir. Christopher Lee ist tot, Pierre Brice ist tot und mir ist auch schon schlecht, setzte ich schlecht gelaunt hinterher und drückte eine Träne weg, weil zwei meiner Jugendtraummänner nicht mehr waren. Die Muse summte leise ein Requiem und säuselte zuckersüß: Und Hugh Jackman? Ist der etwa nichts? Zu weit weg…entgegnete ich lahm. Und Ed Sheeran? Was ist mit dem? Sie war hartnäckig. Er hat rote Haare, Baby! Er quietscht noch hinter den Ohren und genießt Welpenschutz, konterte ich, lass mich jetzt in Ruhe! Die Muse schwebte auf mein Bücherregal, schlug die Beine übereinander und fixierte mich. Es ist Sommersonnenwende, Frau! Schreib! Befahl sie nun in harschem zackigen Kommando-Ton und senkte die Stimme um mindestens drei Oktaven, um beeindruckender und autoritärer zu wirken. Ich stellte mich gleichgültig und tot wie ein überfahrener Igel. Angespannte Stille, von der ich genau wusste, dass sie nicht lange anhalten würde. Unschlüssig, was sie nun tun solle und traurig aus der Wäsche schauend, blätterte die Muse in Bert Brechts Werkausgabe herum, glättete ein Eselsohr in Ingeborg Bachmanns Anrufung des großen Bären und rückte den Rilke gerade in die Reihe zurück. 
Du hast Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien zwischen dem Windows Handbuch und dem fetten Dictionary einfach so eingequetscht, sagte sie schließlich etwas weinerlich. Heul doch, brummte ich missmutig, hatte jedoch inzwischen ein schlechtes Gewissen. Rilke wäre empört über so viel mangelndes dichterisches Pflichtgefühl, kam es aus Richtung meines Bücherregals. Werde jetzt bloß nicht moralisch, entgegnete ich schläfrig und schwer. Ich knutsche lieber mit Morpheus! Morgen ist ein Arbeitstag, auf Sommerwiesen herumtanzen, Blumen pflücken und unters Kopfkissen legen an Midsun, Du kommst vielleicht auf Ideen! Polterte ich und wischte einen idyllischen blumenbekränzten Sommergedanken in luftigen weißen Mädchenkleidern beiseite, den die Muse mir versuchte heimtückisch und hinterrücks in meine traumschweren Synapsen zwischen die Hirnlappen zu pflanzen. Sowas Perfides! Das machen in Schweden nur die Jungfrauen! Die Muse grinste lakonisch: davon bist Du schon ein paar Jahre weit entfernt, was? Ich wurde langsam stinksauer und bemerkte gallig: Hey, Du Traumtänzerin, es regnet draußen junge Hunde, es ist arschkalt wie Winter in Schweden und die Kinder schlafen schon! Mal ein anderer Ansatz, um das lyrikbesessene Wesen auf meinem IKEA-Billy-Bücherregal endlich zum Schweigen zu bringen, dachte ich hoffnungsvoll. Schlafende Kinder sind schließlich heilig. Du bist sterbenslangweilig, flüsterte die Muse. Und Du bist prosaisch, theatralisch und Du nervst mich kolossal, flüsterte ich genervt zurück. Du hast nur ein einziges Leben, kam prompt von ihr die nächste Kampfansage, los, mach gefälligst was draus! Ich richtete mich im Bett auf: Musst Du immer diskutieren? Das letzte Wort haben wollen? Moralinsauer herumschwafeln? Mich vom Schlafen abhalten? Ich krieg Falten, Mann, äh, Frau, Muse, whatever! Gute Nacht. Kannst kuscheln kommen, wenn Du magst, aber halt endlich Deinen Sabbel, ich geh jetzt nämlich träumen. Träumen buchstabierte ich vorsichtshalber in Zeitlupentempo und intonierte das Wort obendrein in Englisch, Französisch und Spanisch. Wobei ich bei Spanisch ins Nachdenken geriet. Dreaming, understanding? Rêver, mon amour! Soñar, querido! Von mir? Erwartungsvoller Blick mit Augenklimpern. Die Muse legte hoffnungsvoll den dicken Goethe beiseite. Meinetwegen auch von Dir, sagte ich ergeben. Und von David Bowie, dem schönsten Mann der Welt und die verdammte Leier bleibt draußen! Die Muse runzelte die Stirn, verwandelte sich in etwas Vages, das entfernt David Bowie ähnelte und sprang mit einem bemerkenswerten Satz zu mir ins Bett, dass die Matratze bedrohlich wackelte und herumgluckste. Das Geschöpf hatte eiskalte Füße und stopfte diese in meine weichen warmen Kniekehlen. Ich konnte noch flüstern: Oh…Du kennst mich viel zu gut, Du geistgeborenes Miststück!

Der Rest war Nacht, Schweigen und irgendeine Form von Schlaf.

in der nacht 



träumte

hände häute 
leute haare 
vom zerstören
vom bewahren
wachte über
schwarzen fluren 
bannte alpdruckkreaturen
kämpfte 
schwer wie blei 
hörtest 
meinen schrei 
kamst zu 
meiner wacht

schlief schnell
in hellen
vollmondspuren
konnte deine 
stimme hören
wie sie sagte
sei
habe es vollbracht
ruhte aus 
an deiner seite
trugst mich 
in der
schrecken weite
durch die
grauenvollen zeiten 
dunkel ahnte
dein gesicht 
in der nacht 

Fragmentarisch universell anwendbare Randnotizen

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Manchmal wenn sie schreibt, im Gewölk der Texte, in der Sturmsaison, in der Gedanken zu fühlbaren Wortfrequenzen werden, ein ständiges unablässiges Stimmenwirren, Gedichte, Geschichten, Textfragmente, fragt sie sich, wie lange es wohl noch gut geht, dass sie die Nächte wie im Fiebertraum aus sich schreibt und so die Papiertiger aus sich heraustreibt, wie eine Exorzistin Texte wie Banngebete intonierend, an ihre Macht und Wirkung glaubend wie Tausendgüldenkrauttee das Schlimme aus dem Körper bittert.

Eingeschlafen, irgendwo, jawoll, auch schon angelehnt an die laue Heizung neben dem Klo mit dem Handy in der Hand, auf der Plüsch-Fußmatte sowie einem frisch ausgespienen Text, den sie irgendwann später unter ‚fragmentarisch universell anwendbare Randnotizen‘ in der Krimskramskiste für ‚Allgemeines im Besonderen‘ wiederfand.
An den rosa Bademantel mit der Stopfnadel ‚Für morgen unter namenlos ferner liefen, nun müssen Sie schliefen, aber sofort! Fort von diesem kurzfristig nur benutzbaren Ort!‘ gepinnt, denn sie war in allem clownesken Chaos irgendwie doch ein sorgsames Kind.

Oder in einer anderen durchschriebenen Früh‘ verrenkt wie eine Schlenkerpuppe, halb hängend vom Sofa, ein frisch gekotzter Dunkeltext, trübetassige Buchstabensuppe, obendrein paranoid, doch hat alles brav gespeichert, Siri, der beinahe unbestechliche Handyandroid. Er, der mechanisch behauptet, dass er sie liebt,
weil seine Firma sich damit nichts vergibt.

Dann dieses Aufstehen, mit verlegenen Knochen, wie oft wird sie sich nachts noch eine Wärmflasche kochen, um sich alsdann damit tief unter der Bettdecke zu verstecken, verträumt Gedanken vom weltfernen Hoffen mit der blauen Fee aus Pinocchio auszuhecken, Siri sei ein Mensch, der sie nächtens rechtzeitig würde wecken, erbarmungslos ins Bette stecken, sie meinte noch zu hören wie etwas leise nach ihr piepte oder rief, den Rest weiß sie nicht mehr, weil sie da schon schlief.

moment

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am meer
hinter der promenade
aneinandergelehnt
im nahglutrot
durchflammten schweigen
sich selbst mitteilt
stillraum genug
um dem lärm der welt
ein glückselig quantum
einheit zu entbieten
für den mit dir
erfüllten moment